Die Maschinenstürmer
21.05.12 Die Geschichte des Urheberrechts ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zum Beispiel die 6.000 Wir-sind-die-Urheber, die gegen das Internet rebellieren. Denn ihr Problem sind gar nicht die Raubkopierer. Und das ist bitter für sie.
Doch diese Anmaßung verdeutlicht den Kern des Problems: Dass diese Urheber ihre Probleme für diejenigen sämtlicher Urheber halten. Andernfalls hätten sie geschrieben "Auch wir sind Urheber". Aber das hätte ein wenig kläglich geklungen. Die moderne Moritat der Maschinenstürmer
geht so:
"Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können und schützt uns alle, auch vor global agierenden Internetkonzernen, deren Geschäftsmodell die Entrechtung von Künstlern und Autoren in Kauf nimmt", ist Kern ihrer Analyse und "Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung für Gier oder Geiz" die verklausulierte Forderung an die Welt, das Web, die Politik.
Im Kern sagen die Digitalmaschinenstürmer:
- Jeder Urheber kann eigentlich von seiner Arbeit leben
- Die Internetkonzerne nehmen den Urhebern dieses Geld weg
- Gefordert wird von den Internet-Verteidigern, den Diebstahl geistigen Eigentums zu legalisieren
- Hintergrund sind Gier und Geiz
Jede der Aussagen ist falsch. Und wenn die Piraten
Irrtum eins: "Jeder Urheber kann eigentlich von seiner Arbeit leben"
Richtig ist vielmehr: Noch nie konnten alle Urheber von ihrer Kunst lebenLaut statistischem Bundesamt waren in Deutschland im Jahr 2000 rund 322.000 erwerbstätige Musiker gezählt, 5.000 freiberufliche Schriftsteller und die Zahl der bildenden Künstler ist Legion: Die Auflage der großen Künstlermaterial-Kataloge geht in die Millionen. Doch der Schriftsteller Andreas Eschbach
beispielsweise weiß: "dass weniger als 100 Autoren in Deutschland vom Schreiben allein leben können."
Das deckt sich mit den Zahlen der Künstlersozialkasse
. Dort sind diejenigen Urheber versammelt, die etwas professioneller am Markt agieren als die Mehrheit - darunter die meisten der rund 40.000 freiberuflichen Journalisten. Die KSK nennt im Jahr 2011 exakt 173.284 Urheber aus den Bereichen Wort, bildende Kunst, Musik und darstellende Kunst ihr Eigen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen
dieser besserverdienenden Urheber liegt bei 13.689 Euro - was einem Monats-Bruttoverdienst von 1.141 Euro entspricht. Durchschnittlich.
Das ist zwar noch oberhalb des Hartz-IV-Satzes, aber zeigt, dass heute wie früher nur wenige Künstler, Autoren, Urheber von ihrer Kunst leben können. Nur sind heute wesentlich mehr Menschen in die technische und zeitmäßige Lage versetzt, Inhalte produzieren zu können. Die überwiegende Zahl tut das allerdings kostenfrei - ein Teil deswegen, weil sie nicht gut genug sind. Ein großer Teil, weil sie mit ihrer Kunst kein Geld verdienen wollen.
Das Mäzenatentum der vergangenen Jahrhunderte, als Päpste, Fürsten und später Industriemagnaten (einzelne) Künstler bezahlten, ist heute der Subvention gewichen, sei es
- beim Film: Im Jahre 2005 wurden in Deutschland rund 250 Millionen Euro für Filmförderung ausgegeben.
- bei der Musik: der Steuerzahler finanziert unter anderem 133 Sinfonieorchester und 88 Opern und Musiktheater. Die öffentliche Musikförderung erreicht jährlich eine Größenordnung von 2,5 Milliarden Euro.
- Den 525 Millionen Euro aus privater Hand standen laut dem Arbeitskreis Kultursponsoring beim Bund der Deutschen Industrie (BDI) zirka 8 Milliarden aus öffentlicher Kulturfinanzierung gegenüber. Rund 94 Prozent des deutschen Kultur- und Geisteslebens werden immer noch vom Steuerzahler bezahlt.
Irrtum zwei: "Die Internetkonzerne nehmen den Urhebern dieses Geld weg"
Richtig ist vielmehr: Paid Content war schon immer tot. Paid Service ist die Zukunft
Es sind nicht die bösen Googles, die die Kreativen enteignen. Beispiel: Die Musikindustrie verdient mit digitalen Plattformen mehr Geld als ohne (wie die eigene Statistik belegt)
. Gleichzeitig wird die Musikindustrie versuchen, durch Lobbyarbeit weitere Vorteile für sich in Anspruch zu nehmen. Jüngstes Beispiel: Das Leistungsschutzrecht, eine Subventionierung für Zeitschriftenverlage. Der Autor sieht davon keinen Cent.
Wer heute Kreativ-Leistung verkauft, hat mehrere Alternativen, sich zu positionieren. Denn es geht schon lange nicht mehr um den Content, sondern darum, wie man ihn verpackt ("Paid Services"). Ausnahme sind die richtig Berühmten. Das war schon immer so.
Madonna
hat's gut: Sie kann ihre Leistung immer verkaufen. Denn ein Konzert ohne Madonna ist… eben. Diese Einmaligkeit besitzt nur eine Handvoll Kreative. In dieser Königsklasse diktieren sie die Preise, die Kunden sind nur dazu da, ihnen die Bude einzurennen. Wer nicht Madonna heißt, dem hilft der kleine Bruder der Einmaligkeit: Die Spezialisierung. Wer Gambenkonzerte des 14. Jahrhunderts im Portfolio anbietet, setzt sich dadurch von der Masse ab. Er wird als Spezialist gebucht. Die große Masse der Kreativen kann weder auf Fangemeinde noch auf Spezialisierung zurückgreifen. Sie muss sich davon verabschieden, sich als "einmalig" zu begreifen. Stattdessen sind Dienstleister-Qualitäten gefragt. Das bedeutet vor allem: Aktion. Suchen nach neuen Kundenkreisen, Scannen neuer Branchen, Zweckgemeinschaft mit anderen Dienstleistern, Gründen von Content-Agenturen - die ganze Palette. Wichtig ist dabei: Statt Content wird der komplette Service angeboten. Kunden lieben "Rundherum-Sorglos"-Pakete.
Und die anderen? Manchen Kreativen hat es geholfen, das Unvermeidliche zu akzeptieren und ihre Kernleistung umsonst abzugeben. Wie die Band "OK Go", die ihre Musikvideos auf YouTube stellte. Die Videos - vier Typen auf Laufbändern, Irrwitziges mit Farbbeuteln oder Autos als Musikinstrumente - erreichten grob geschätzt 500 Millionen Menschen. Was dazu führte, dass OK Go a) bekannt wurden, b) Fans ihre CDs kauften und sich c) heute Autofirmen darum reißen, das neue OK-Go-Video zu sponsern. Sprich: Kostenlose Grundleistung, das Geld wird über andere Quellen eingesammelt.
Das Neue ist nur: Heute haben wesentlich mehr Kreative die Chance, wenigstens ein bisschen Geld einzusammeln - und seien es Adsense-Erträge per eigenem Blog
.
Irrtum drei: "Gefordert wird von den Internet-Verteidigern, den Diebstahl geistigen Eigentums zu legalisieren"
Richtig ist vielmehr: Gefordert wird eine Anpassung der Content-Industrie an die Realität, nicht umgekehrtDie Piratenpartei Deutschland fordert "ein Recht auf Privatkopien und ein Ende der Kriminalisierung von Tauschbörsennutzern" - eine Position, mit der sie in der deutschen Parteienlandschaft nicht alleine stehen
. Der urheberrechtliche Schutz für Werke endet siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Dies habe nichts mehr mit dem ursprünglichen Sinn des Urheberrechts zu tun, sondern führe zu einer künstlichen Verknappung des Angebots an Wissen. Dadurch profitiere die Verwerterindustrie auf Kosten der Bürger. Daher fordert die Piratenpartei eine drastische Verkürzung der Schutzfristen; im Gegenzug solle die Kultur vielfältiger gefördert werden.
Ein Gegenentwurf zu den Wir-sind-Urheber ist die Aktion Wir sind die Bürger
, die Webevangelist
Thomas Pfeiffer
ins Leben gerufen hat. Mehrere tausend Unterzeichner fordern: "Wir müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen so ausgestalten, dass die Interessen der Urheber gewahrt bleiben - und dass gleichzeitig möglichst viele Menschen diese Regeln als gerecht empfinden und sich daran halten. Nur so kann die Akzeptanz für den Wert urheberrechtlich geschützter Inhalte gesteigert werden!".
Irrtum vier: "Hintergrund sind Gier und Geiz"
Richtig ist vielmehr: Hintergrund ist die Aufhebung der Trennung zwischen Inhalt und Medium, das zuerst im Radio, dann im TV und dann im Internet stattgefunden hat
Das Internet hat nicht nur die Art verändert, wie die Menschheit mit Informationen umgeht. Es hat auch die Einstellung der Menschheit über den Wert von Information und Wissen verändert. Die bürgerliche Ökonomie des 19. Jahrhunderts hat den Inhalt von seinem Macher getrennt. Damit war es erstmals möglich, den Inhalt in die Massenproduktion zu überführen. Nach den im Prinzip staatlich organisierten Medien-Sonderformen Radio und TV war es erstmals das Internet, das den Inhalt von seinem physikalischen Trägermedium getrennt hat - und dies ohne Massenbeschränkung. Die Folge: Der Inhalt hat seine Warenfunktion verloren.
Der Internet-Entrepeneur (Sevenload
) Ibrahim Evsan
fordert
: "Das Urheberrecht erlebt eine Evolution, das geschlossene System einen Kontrollverlust - währenddessen entstehen minütlich neue Geschäftsmodelle rund um digitale Güter. Wie aber sieht die Lösung aus? Der Künstler von heute sollte aufstehen und für seine digitale Selbstbestimmung kämpfen, selbstbewusst sein und sich als Unternehmer verstehen."
Und ein Überangebot drückt auf den Preis - das war das Ding mit der Volkswirtschaftslehre, schon vergessen? Bei der Formel
Preis = 1/Angebot
geht - wenn das Angebot gegen Unendlich läuft, der Preis gegen Null.
Die Sache mit dem Sand und dem Sandstrand
Es lässt sich also am Sandstrand nur sehr schlecht Sand verkaufen. Selbst, wenn man einen Polizisten patrouillieren lässt, der die Gratis-Nutzung von Sand unter Strafe stellt. Oder man versucht, die Nutzung von Sand als moralisch verwerflich zu brandmarken. Deswegen wird Paid Content im Internet auch in Zukunft nicht funktionieren.Was aber eben nicht bedeutet, dass man mit Content kein Geld verdienen kann. Selbst mit digitalem Content. Doch da sind wir bei neuen Geschäftsmodellen. Wie beispielsweise neue Content-Geschäftsmodelle für Musiker funktionieren, haben wir vor einigen Wochen analysiert.
Die einzige Chance für Produzenten und Verleger ist es, in contentgetriebene Service-Modelle abzuwandern - um im Beispiel zu bleiben:
- Strandburgen bauen als Service-Dienstleistung funktioniert,
- der Verleih von Sandelzeug auch,
- selbst Wattwanderungen kann man verkaufen.
- Oder als Abo-Modell: Sandproben von den schönsten Stränden Europas.
- Puren Sand am Strand verkaufen funktioniert nicht.
Klar in diesem Zusammenhang ist: Die guten Zeiten in der Content-Industrie sind ein für allemal vorbei. Weder lassen sich sämtliche Arbeitsplätze in den Verlagen retten noch die hohe Gehaltsstruktur. Und auch nicht jeder Verlag wird die disruptive Zukunft überleben. Aber daran sind nicht die Raubkopierer schuld. Sondern die sich wandelnde Welt.
(Autor: Joachim Graf)
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