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Karriere-Killer Kind: Wie Interaktive den Spagat schaffen
07.07.10 Wer Beruf und Familie unter einen Hut bringen muss, muss nicht nur an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gehen, sondern in der Regel auch einen Karriereknick in Kauf nehmen. Das gilt vor allem für Frauen in der Interaktiv-Branche.
Die Uhr tickt. In spätestens vier Minuten muss ich los rennen, um die Kinder noch pünktlich von der Kita abzuholen. Aber gerade jetzt hat sich der Interviewpartner warm geplaudert und kommt zum interessantesten Teil des Gesprächs. Es hilft nichts: Ich muss meinen Gesprächspartner abwürgen und komme mit hängender Zunge in letzter Minute an der Kita an mit schlechtem Gewissen im Schlepptau: gegenüber meinen Kindern, meinem Gesprächspartner und meinen Kollegen.Manchmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Aber ich tue es, so wie laut Statistischem Bundesamt sechs von zehn Frauen mit Kindern unter 15 Jahren in Deutschland. Betrachtet man den Anteil arbeitender Mütter über verschiedene Branchen und Berufssparten hinweg, tun sich Abgründe auf. Fast die Hälfte der berufstätigen Frauen sind als Verwaltungsassistentinnen, Verkäuferinnen oder als angelernte bzw. ungelernte Arbeiterinnen tätig. Viele Frauen üben gering bezahlte Beschäftigungen aus, beispielsweise im Reinigungs- und Pflegebereich.
Nur vier von zehn Akademikerinnen haben ein Kind. Frauen haben zwar einen Anteil von 55 Prozent bei den Universitätsstudenten, sind aber in Bereichen wie Mathematik, IT und Ingenieurswesen in der Minderheit, hat die Europäische Kommission
ermittelt. Einen Universitätsabschluss in mathematischen, wissenschaftlichen und technischen Fächern besitzen nur 8,4 von 1.000 Frauen im Alter von 20 bis 29 Jahren, aber 17,6 Männer. In Management- und Führungspositionen beträgt der Frauenanteil EU-weit nur 32 Prozent im Management, zehn Prozent in den Vorständen der größten Unternehmen und 29 Prozent bei Wissenschaftlern und Ingenieuren.
(Bild: SinnerSchrader)
Damit ist Jutta Bögemann
in doppelter Hinsicht eine Exotin. Sie ist Bereichsleiterin in der Technik bei SinnerSchrader
in Hamburg, hat zwei Kinder und arbeitet Teilzeit (80 Prozent): vier Tage in der Woche, davon zwei Tage Vollzeit und zwei Tage bis 15.30 Uhr. Zu den restlichen Zeiten ist sie per E-Mail und telefonisch erreichbar. Außerdem erledigt sie einen Teil ihrer Arbeit abends, wenn die Kinder schlafen. Teilzeit ist also relativ.
Für Teilzeitarbeit ist ein komplexes Beziehungsgeflecht nötig. Hier müssen viele Menschen an einem Strang ziehen, schildert Bögemann: der Ehemann/Partner, Betreuungspersonen nach Schule und Kindergarten, Vorgesetzte und Kollegen. Und dieses Teamwork wird auch in Zukunft gefordert sein, denn weitere Entlastung von staatlicher Seite ist vorerst wohl nicht zu erwarten. Das Anfang 2007 eingeführte Elterngeld wird gekürzt. Und das Versprechen der Bundesregierung, bis 2013 mindestens jedem dritten Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz anbieten zu können, wird wohl dem Sparkurs zum Opfer fallen. Die Hauptlast, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, muss also von den Arbeitnehmern und Firmen geschultert werden.
Kleinteiliges Tagesgeschäft braucht Vollzeitbetreuung
In den zehn Jahren, die Jutta Bögemann für SinnerSchrader arbeitet, hat sie eine der Grundvoraussetzungen für ihr Arbeitsmodell als Führungskraft in Teilzeit geschaffen: "Vertrauen von SinnerSchrader in mich, dass ich die Aufgaben, die zu meiner Verantwortung gehören, erfülle und Zusagen einhalte. Vertrauen von mir in meine Kollegen, dass sie mir meine Abwesenheit nicht übel nehmen oder mich deshalb übergehen", erzählt mir Bögemann.
An ihre Grenzen stoßen alle Beteiligten, wenn es um das Account Management und den direkten Kundenkontakt geht, darin sind sich alle befragten Interaktiv-Dienstleister einig. "Im Kundengeschäft ist ein hohes Maß an Flexibilität notwendig, was in Teilzeit nur sehr schwer zu bewältigen ist", hat Katharina Seydewitz
, Personalleiterin bei DMC
, beobachtet. Vorstellbar wäre hier ein Teilzeitmodell am ehesten in einem größeren Team, in dem die Aufgaben verteilt werden können.
Eine Halbtagsstelle lasse sich am ehesten mit internen Aufgaben vereinbaren, beispielsweise in der Verwaltung und im Finanz- oder Personalbereich. "Familienfreundliche Arbeitszeiten sind aber auch im HR-Bereich nicht immer umsetzbar", räumt die Personalerin ein. Denn Bewerbungsgespräche mit Berufstätigen finden in der Regel abends statt.
Auf der Führungsebene funktionieren Teilzeitmodelle nur teilweise. Für einen Geschäftsführer mit intensiver Reisetätigkeit reicht eine 20-Stunden-Woche nicht aus, für einen Bereichleiter schon eher, wie SinnerSchrader-Managerin Jutta Bögemann beweist.
Vanessa Boysen
, HR-Managerin bei den Hamburger Interaktiven, hat dafür folgende Erklärung: "Da Führungskräfte übergreifende Aufgaben haben, können sie diese unter Umständen leichter von zu Hause aus erledigen als beispielsweise ein Projektmanager im kleinteiligen Tagesgeschäft." Führungsaufgaben im Rahmen einer Halbtagesstelle zu stemmen, sieht auch Katharina Seydewitz mit Skepsis. Immerhin finden bei den Stuttgartern Meetings mit Führungskräften morgens statt und nicht abends, auch mit Rücksicht auf die zahlreichen Väter in der Agentur.
"Gutsherren-Denke"
In den 14-Stunden-Tag der ersten und einzigen Frau im Vorstand einer deutschen Top-Werbeagentur, Karen Heumann
(Bild: connexx.av)
Das von Heumann gezeichnete Bild familienfeindlicher Agenturarbeit ist nach Einschätzung von Ertunc Eren
realistisch. Der Projektmanager bei connexx.av
berät Medienschaffende und ärgert sich über die weit verbreitete "Gutsherren-Denke" in der Medienbranche: "Viele Arbeitgeber wollen eher profitieren als sich zu arrangieren. Trotz aller Beteuerungen der Unternehmen, den Müttern nach der Rückkehr aus der Elternzeit die Türen offen zu halten, ist dies in der Realität schwierig. Oft erweisen sich Arbeitgeber bei den Arbeitszeiten als wenig flexibel."
Zeit ist die knappste Ressource einer arbeitenden Mutter. Und wer nicht das Glück hat, vitale und engagierte Großeltern in der Nähe zu haben, überlegt gut, wie die zweitknappste Ressource, das Nettogehalt aus der Teilzeitarbeit, über die Betreuungskräfte hinweg verteilt werden kann. In Deutschland bekommen laut EU-Kommission Frauen durchschnittlich 23 Prozent weniger Gehalt als Männer. In Teilzeit bleibt nochmal weniger. Da die Kosten für die Kinderbetreuung einen erheblichen Teil des Gehalt fressen, fragt sich manche Mutter, ob sie wirklich arbeiten will, um zu arbeiten.
Hinzu kommt: Jedes Jahr Auszeit, dass sich Berufstätige nehmen, kann sich laut DGB bei hoch qualifizierten Eltern in einer dauerhaften Einkommenseinbuße von bis zu drei Prozent für jedes unterbrochene Berufsjahr niederschlagen, Rentenansprüche sinken rapide durch Eltern- und Teilzeit. "Familie zu haben, ist ein finanzielles Risiko", resümiert Almut Büttner-Warga
lakonisch. Wenn die Münchner Ver.di-Gewerschaftssekretärin für den Bereich Bildung, Wissenschaft und Forschung über die Scheinheiligkeit spricht, mit der Unternehmen und Politiker immer wieder die Wichtigkeit von Familie und Kinder für die Gesellschaft und Wirtschaft betonen, gerät sie richtig in Rage.
Genüsslich zitiert sie dann einen Fall bei einem Arbeitsgericht, bei dem ein männlicher Mitarbeiter nicht befördert wurde, weil er zu wenig Zeit bei seiner Familie verbracht hat, was seine Vorgesetzten an seiner Sozialkompetenz zweifeln ließ. Eine schöne Anekdote, aber mehr wohl nicht.
Die jüngste Evaluation des Bundesfamilienministeriums zum Elterngeld ist ernüchternd: Waren vor der Geburt immerhin 35 Prozent der befragten Frauen 35 Stunden oder mehr die Woche berufstätig, arbeiteten ein Jahr nach der Geburt nur fünf Prozent Vollzeit. Zwei Jahre nach der Geburt waren es acht Prozent. 56 Monate (vier Jahre und acht Monate) bleiben deutsche Frauen im Durchschnitt wegen der Familie zu Hause.
Für die schnelllebige Internet- und Medienbranche zu lange, um den Anschluss zu halten. Und deshalb kehren Frauen in diesen Berufen deutlich schneller in den Job zurück. Die veränderten Arbeitsbedingungen machen es auch in anspruchsvollen Bereichen und Führungspositionen möglich, schildert SinnerSchrader-Managerin Jutta Bögemann: "Inzwischen ist physische Anwesenheit nicht mehr den ganzen Tag erforderlich, weil viele Informationen digital sind. Ich kann Unterlagen ebenso gut zuhause wie im Büro lesen. Durch das iPhone, E-Mail und Twitter bin ich auch zu Zeiten erreichbar, in denen ich nicht in der Agentur bin. Manchmal sogar besser, weil ich nicht von Termin zu Termin hüpfe."
In einer mitarbeiterfreundlichen Unternehmenskultur ist das regelmäßige persönliche Gespräch jedoch durch nichts zu ersetzen. "Die Anwesenheit des Mitarbeiters erfüllt eine wesentliche Funktion", betont Vanessa Boysen. Das betrifft nicht nur die Ansprechbarkeit für den Kunden, sondern auch für die Kollegen und die Vorgesetzten. "Nicht jede Kommunikation funktioniert über knappe E-Mails. Nur im direkten Kontakt finde ich heraus, wie es dem Mitarbeiter in seiner aktuellen Aufgabe geht", erklärt die Hamburger HR-Managerin.
Krabbelgruppe auch für kleine Agenturen
Optionen zur Telearbeit/Homeoffice-Nutzung, flexible Arbeitszeiten und familienfreundliche Sitzungstermine sind in allen befragten Agenturen Realität. Im Detail werden die Arbeitsbedingungen in Abhängigkeit zur persönlichen Situation und Aufgabe des Mitarbeiters individuell abgestimmt. Was Gewerkschafter bei den Agenturen jedoch vermissen, sind Kitaplätze oder Krabbelgruppen, wie sie beispielsweise in Baden-Württemberg Unternehmen verschiedener Branchen für ihre Mitarbeiter schon anbietenDas Argument, dass die meisten Agenturen für eigene Betreuungsangebote zu klein sind, lässt Ertunc Eren nicht gelten. Im Gegenteil: "Gerade für kleine Agenturen könnten solche Angebote die Zufriedenheit der Mitarbeiter und ihre Bindung ans Unternehmen stärken." Darüber hinaus vermisst der Gewerkschafter in Agenturen einen Ansprechpartner zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, verschiedene Arbeitsmodelle und Projektgruppen für Eltern in den Betrieben.
Immerhin: Die Notwendigkeit, familienfreundliche Voraussetzungen zu schaffen, sehen die Agenturen. "Wir wollen und können in keinem Fall auf gute und qualifizierte Frauen verzichten. Alles andere ist unserer Meinung nach einfach nicht mehr zeitgemäß", bekräftigt Franziska von Lewinski
, CEO von Interone
und seit acht Monaten selbst Mutter.
"Wer als Arbeitgeber attraktive Arbeitsbedingungen für Beschäftigte mit Familienpflichten bietet, erhöht seine Chancen im Wettbewerb um Fachkräfte", konstatieren auch das Familienministerium
und das Institut der deutschen Wirtschaft
in ihrem Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2010
. Denn diese Faktoren werden auch für Nachwuchskräfte immer wichtiger.
Arbeitslosigkeit, befristete Stellen, sinkende Sozialstandards: Die neue Generation der Berufsanfänger hat angesichts veränderter Arbeitsmarktbedingungen andere Ansprüche als Generationen zuvor. Sie sucht nach Werten, nicht vorrangig nach Aufstiegsmöglichkeiten: Die Arbeit soll mir Spaß machen. Ich will einen Sinn darin sehen. "Wenn es für mich keine Sicherheit im Job mehr gibt, suche ich Sicherheiten in stabilen sozialen Beziehungen", stellt Vanessa Boysen fest und formuliert im Agenturblog zehn Thesen
, wie die Arbeitswelt für diese Generation aussehen soll.
Auch für immer mehr Jugendliche bietet die eigene Familie Aussicht auf soziale Stabilität. Auf berufliche Selbstverwirklichung und damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit wollen sie dabei nicht verzichten. Für Unternehmen heißt das, sich stärker an den Bedürfnissen von Familien auszurichten. Denn immer mehr qualifizierte Kräfte werden in Zukunft den Balanceakt zwischen Beruf und Familie wagen (müssen).
"Ich empfinde diesen Spagat als Bereicherung, habe meistens das Beste aus beiden Welten", formuliert es Jutta Bögemann. Denn Kinder relativieren die Herausforderungen der Arbeit und haben ganz andere Bedürfnisse. "Ich weiß aber ganz genau, dass ich die Zeit mit meinen Kindern ohne meine Arbeit nicht so genießen könnte." (cr)
In diesem Beitrag genannt:
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Von: Bärbel Reimann, ZGF |
Zu: Karriere-Killer Kind: Wie Interaktive den Spagat schaffen | 07.07.10 |
Warum geht es in dem Artikel eigentlich nur um Frauen? Und so viel um die 20-Stunden-Woche? Die Vereinbarkeit stellt sich doch für Väter genauso! Flexible Arbeitszeitmodelle sind auch für sie rar, und aus eigener Erfahrung (Unser Modell: Beide arbeiten ca. 75 Prozent) kann ich sagen: Es ist für Männer noch viel schwieriger als für Frauen, ihre Unternehmen und Vorgesetzten von so einem Modell zu überzeugen. | ||
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