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Das Pegida-Paradoxon: Warum wir glauben, dass Nazis unsere Timeline dominieren

von Joachim Graf

07.12.2015 Für manche von uns ist die Timeline in Social Networks gegenwärtig schwer zu ertragen: Fremdenfeindlichkeit, Ausländerhass und Verschwörungstheorien überschwemmen die Feeds. Sind die Deutschen verrückt geworden? Nein. Aber die Algorithmen.

Ausländerfeinde und Nazis füllen die Kommentarspalten. Ein schwacher Trost: Der braune Social-Media-Footprint ist größer als der reale. (Bild: Kalispera Dell)
Bild: Kalispera Dell
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Ausländerfeinde und Nazis füllen die Kommentarspalten. Ein schwacher Trost: Der braune Social-Media-Footprint ist größer als der reale.

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Sich nicht ins Bockshorm jagen lassen und kommunikativ dagegen halten
Geht es Ihnen auch so? In Ihrer Timeline auf Facebook, Google Plus oder Twitter häufen sich die fremdenfeindlichen Beiträge? Ausländerfeinde, Reichsbürger zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser , Nazis fluten Ihren Stream? Neben Katzenvideos und Sinnsprüchen tauchen zunehmend faschistisches Gedankengut, Chemtrail zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser -Befürworter und andere Verschwörungstheoretiker auf - ebenso wie dubioses rechtes Gedankengut, angefangen von dem (vom Verfassungsschutz beobachteten) Kopp-Verlag zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser über Pegida zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser und AfD zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser bis hin zur Kreml-Propaganda von RT Deutsch zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser ? (1)

Wenn gefühlt die Hälfte des eigenen Streams auf einmal aus der rechten Ecke stammt - ist dann die gesamte deutsche Bevölkerung auf einmal nach rechts gerutscht? Oder nur meine Facebook-Freunde?

Ein Blick auf reale Zahlen zeigt, dass die Welt nicht so braun ist, wie sie in Social Media scheint:
Einen ersten Eindruck, dass die braun gefluteten Streams ein Social-Media-Phänomen sind, zeigt sich, wenn man die kleinste Münze von Social-Media-Analytics zusammenzählt: Die Likes der Facebook-Pages der politischen Parteien:
Facebook-Likes der Parteien (Bundesorganisation)
Partei/OrganisationLikes
Pegida 181.774
AfD 174.984
NPD 143.621
Die Linke 124.153
CDU 97.919
SPD 91.197
Bündnis90/Die Grünen 76.381
FDP 38.019

Offensichtlich gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen realer Relevanz einer Organisation und ihrem Social-Media-Footprint. Schließlich sind Likes vor allem Ausdruck von Slacktivism - also von Social-Media-Engagement anstelle von realem politischem Engagement. Man erinnere sich beispielsweise an die 545.000 Likes, die die Facebook-Seite Wir wollen Guttenberg zurück zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser 2011 einsammeln konnte - und an die 300 Demonstranten, die am Ende dem Aufruf besagter Seite in Realitas in München Folge geleistet hatten. Eine Studie des DIVSI zu Bereichen und Formen der Beteiligung im Internet zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser hat herausgefunden: " Manche Formen des Engagements scheinen gar nicht zum traditionellen Begriff der Beteiligung zu passen: Im politischen Umfeld z. B. der 'Clicktivism', bei dem sich Beteiligung auf ein 'Like' auf Facebook für eine Protestbewegung reduziert."

Dem gegenüber gibt es eine Reihe von Faktoren, die den Social-Media-Druck von politisch rechten und rechtsradikalen Gruppen befeuert:
  • Die Akzeptanz von Social Media steigt quer durch die Bevölkerungsgruppen.
  • Social Media ist in Deutschland eher eine Sache der Ungebildeten, wie eine Studie der OECD zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser besagt. In den meisten untersuchten OECD-Ländern tendieren gebildete Schichten eher dazu soziale Netzwerke zu nutzen, als weniger gebildete Teile der Bevölkerung. Anders in Deutschland: Hier sind nur 39 Prozent der gut Gebildeten aktiv, aber 52 Prozent der weniger gut Gebildeten.
  • Mangelnde Sanktionen gegenüber Volksverhetzung für zu mehr "Mut", seine sozial geächteten antisozialen Meinungen zu äußern. Auch das Entdecken, dass Andere genauso empfinden und sich äußern, führt zu einer Steigerung von ausländerfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Äußerungen.

Ein wesentlicher Teil des Pegida-Paradoxons entsteht jedoch aus der Logik der Social-Media-Algorithmen. Zur Verdeutlichung nehmen wir ein Sociales Netzwerk, das aus elf Personen besteht, von denen zwei Nazis sind. Jede Person taucht aufgrund seiner Aktivitäten und seiner Vernetzung bei drei anderen Personen auf:

Kommunikations-Empfinden in Social Media (identischer Vernetzungsgrad)

 (Bild: jg)
Bild: jg



Die Zahlen neben den Symbolen signalisieren nun die Zahl von normalen Posts und von braunen Posts, die jeweils eine Person erhält. Ergebnis: Sechs Menschen empfangen überhaupt braune Posts, fünf gar keine.

Nun sind allerdings zwei Faktoren, die dieses Verhältnis drastisch verschieben:
  1. Der Troll-Faktor: Nazis und Ausländerhetzer, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten sind in den Netzen übermäßig aktiv und teilen viele ähnliche Inhalte. Zudem gehört eine starke Vernetzung zur rechten Strategie
  2. Der Facebook-Faktor: Vor allem Facebook verwendet Algorithmen, die Posts verstärkt einblenden, wenn man selbst (oder seine Freunde) mit ihnen interagiert. Wer also einen ausländerfeindlichen Post eines Freundes kommentiert, erhält mit einer höheren Wahrscheinlichkeit mehr Posts von eben diesem Freund angezeigt.

Daraus entsteht dann folgende Konstellation eines asynchronen Vernetzungsgrads:

Kommunikations-Empfinden in Social Media (asynchroner Vernetzungsgrad)

 (Bild: jg)
Bild: jg


In diesem zweiten Schaubild tauchen die beiden braunen Freunde öfter in den Feeds der Gruppenmitglieder auf. Dieses höhere Vernetzungslevel führt dazu, dass alle Netzwerkmitglieder braune Posts zu sehen bekommen - die Mehrheit darüber hinaus mit einer erhöhten Frequenz.

Die gute Nachricht also ist: Es werden nicht mehr Braune - Social Media macht sie nur sichbarer. Es entstehen also Scheinriesen-Bewegungen, befeuert durch den Facebook-Algorithmus und die Weigerung des sozialen Netzwerks, menschenverachtende Posts und Seiten zu löschen.

Der von Lindt seit 10 Jahren hergestellte '1001 Nacht'-Adventskalender sorgte für einen Troll-Aufstand auf Facebook. Mit einer guten Antwort. (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot
Der von Lindt seit 10 Jahren hergestellte '1001 Nacht'-Adventskalender sorgte für einen Troll-Aufstand auf Facebook. Mit einer guten Antwort.

Scheinriesen und der braune Troll

Die scheinbare Anonymität des Internet dient schon seit Jahren als Deckmantel für Trolle, die im Schutz der Anonymität ihr anderes, düsteres Ich im Netz zeigen - in Deutschland eben seit einiger Zeit ihr braunes Ich. Der Psychologe John Suler 'John Suler' in Expertenprofilen nachschlagen von der Rider University zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser in New Jersey sprach schon 2004 in dem Beitrag "The Psychology of Cyberspace" zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser in diesem Zusammenhang von der "toxischen Enthemmung". Der Zustand der Anonymität ermutige Menschen zu Äußerungen, die sie in der realen Welt nie sagen würden.

Laut Suler fühlt sich der Mensch über den Computerbildschirm in einer Art Schutzzone. Hemmungen, wie unsichere Stimme oder die Physiognomie, die im realen menschlichen Umgang eine Rolle spielen, entfallen. Auch die gesellschaftliche Stellung hat keine Bedeutung. Hinzu kommt eine gehörige Portion Narzissmus, die den Troll antreibt. Lust an der öffentlichen Darstellung, die ihn für eine kurze Zeit in den Mittelpunkt hebt. Gepaart mit Sadismus, wie die Studie 'Trolls just want to have fun zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser belegt. Besonders, wenn es gegen Schwächere geht (wie beispielsweise Flüchtlinge), greife "der schwarze Tetraeder aus Narzissmus, Psychopathie, Machiavellianismus und Sadismus". Nur so sind beispielsweise Nutzerkommentare wie "schade, nur so wenige" unter geposteten Fotos von ertrunkenen Flüchtlingen zu erklären.

Ist die Anonymität des Netzes aufgehoben, verändert sich das Verhalten drastisch, wie Forscher der Universität Haifa zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser im Fachmagazin Computers in Human Behavior zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser über ein einschlägiges Experiment berichten zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser : Die Forscher ließen 142 Studenten paarweise via Internet-Messenger über ein kontroverses Thema diskutieren. Mal blieben die Versuchsteilnehmer anonym und unsichtbar, mal wurden sie einander mit Namen und persönlichen Daten vorgestellt. Das Ergebnis: Beim direkten Blickkontakt verringerte sich die Anzahl der respektlosen und polemischen Kommentare deutlich und verbesserte die Atmosphäre mehr als alle anderen Einflussfaktoren. Sulers Erklärung: "In verschiedenen Medien präsentieren Menschen verschiedene Seiten ihrer Identität".

Mehr noch: Laut einer Troll-Studie zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser der US-amerikanischen Northwestern University zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser , können sich Internetnutzer "an ihrer Anonymität im gleichen Maße berauschen, wie das etwa mit Alkohol oder durch Machtausübung geschehen kann". Die enthemmende Wirkung sei psychologisch und neurologisch durchaus vergleichbar, so die Psychologen Jacob B. Hirsh 'Jacob B. Hirsh' in Expertenprofilen nachschlagen und Adam Galinsky 'Adam Galinsky' in Expertenprofilen nachschlagen . In einem Gemengenlage mit Ethnophobie und persönlichem Unterlegenheitsgefühl, mit Solidarisierungswunsch gegen "die da oben" und die zentral gelenkte "Lügenpresse" entstehen Hass und Verschwörungstheorien und verbale Verletzungen der gesellschaftlichen Moral. Nur der harte Kern - der Pegida & Co. steuernde Nazi-Kader organisiert in diesem Umfeld dann auch brennende Flüchtlingsheime.

Allerdings wird diese Anonymität nicht in jedem Fall durch Klarnamenpflicht aufgehoben: Dumme oder üble Kommentare werden mittlerweile zu tausenden auch unter Klarnamen beispielsweise auf Facebook veröffentlicht - so wie beispielsweise die islamfeindlichen Kommentare unter dem Bild des 1001-Nacht-Adventskalenders von Lindt zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser belegen. Immerhin führt das mittlerweile zu den ersten Verurteilungen von Hassschreibern zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser wegen Volksverhetzung.

Was man gegen braune Trolle tun kann

  1. Inhaltlich Gegensteuern: Ihnen nicht das Feld überlassen, sondern sachlich Gegenposition beziehen. Quellen nennen, die die durch das braune Web geisternden Fehlinformationen geraderücken. Webseiten wie Mimikama.at zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser helfen dabei.
  2. Dont feed the Trolls: Dabei nützt es nichts, ausfallend zu werden. Überzeugt werden sollen ja nicht die überzeugten Nazis und Trolle - sondern die Nutzer, die Argumenten noch zugänglich sind.
  3. Juristisch Gegensteuern: Auf Webseiten und Blogs darauf dringen, dass Hasspostings gelöscht werden. Politisch kommt nun auch Bewegung rein: Die EU-Justizminister sagen Hasspostings im Internet den Kampf an. Facebook zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser , Twitter zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser und Google zur Homepage dieses Unternehmens Relation Browser seien nach der ECommerce-Richtlinie verpflichtet, strafbare Inhalte auf ihren Seiten zu löschen. Bis Jahresende 2015 will man mit den drei Riesen sprechen. Der luxemburgische Justizminister und EU-Ratsvorsitzende Felix Braz 'Felix Braz' in Expertenprofilen nachschlagen betonte, dass "Hassreden online inakzeptabel" seien.



(1) Man verzeihe mir, dass ich an dieser Stelle nur auf Sekundärquellen verlinke. Aber unser Redaktionssystem hat sich standhaft geweigert, auf rechtsradikale und -extremistische Quellen Links zu setzen.

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kein Bild hochgeladen Von: Ulf Froitzheim, UJF.biz Zu: Das Pegida-Paradoxon: Warum wir glauben, dass Nazis unsere Timeline dominieren 14.12.2015
Das nenne ich mal künstliche Intelligenz:

"unser Redaktionssystem hat sich standhaft geweigert, auf rechtsradikale und -extremistische Quellen Links zu setzen."

:-)
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