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Analyse 'Leistungsschutz-Seuche': Mehr Seiten verschwinden aus Suchmaschinen

18.09.2014 Das große Verschwinden verschärft sich: Seit etwas über einem Monat werfen die kleineren Suchmaschinen-Seiten aus den Ergebnissen, die das Leistungsschutzrecht unterstützen. Nun steckt die LSR-Seuche auch scheinbar unbeteiligte Seiten an - aber der zweite Blick enthüllt die Wahrheit. Eine Analyse:

Weil keiner mehr Zeitung liest, passiert das, was gerade passiert: Verlage haben mit einem erzwungenen Gesetz einen Selbstrettungsversuch unternommen, der nach hinten losgeht. (Bild: Dieter Beselt Aboutpixel.de)
Bild: Dieter Beselt Aboutpixel.de
Weil keiner mehr Zeitung liest, passiert das, was gerade passiert: Verlage haben mit einem erzwungenen Gesetz einen Selbstrettungsversuch unternommen, der nach hinten losgeht.
Was passiert ist:
T-Online   hatte zunächst Verlagsangebote von Angebote der Verlage Axel Springer  , Burda  , Madsack  , Funke   oder Dumont   entfernt - nun sind auch Ergebnisse auf Xing und Immonet verschwunden. Der Grund dafür: Die Suchmaschine geht auf Nummer sicher, denn diese Seiten sind Beteiligungen oder Töchter von LSR-Untertstüzern, berichtet der Blog von Suchmaschinenoptimierer Sistrix   .

Wieso das passiert:
Grund dafür ist das Leistungsschutzrecht, nach dem Verlage Geld für die Listung in den Suchergebnissen fordern dürfen. Um nicht zahlen zu müssen, haben einige Suchmaschinen schon Anfang August die Medien aus dem Index entfernt, berichtet Medienjournalist Stefan Niggemeier  .

Was nun als nächstes passieren wird:
Kleinere Suchmaschinen stehen nicht so sehr im Fokus der Verlage, mutmaßt Sistrix. Deswegen laufen sie kaum Gefahr, dass irgendwann die Verlage mit offener Hand auf der Schwelle stehen. Dennoch werden die meisten kein Risiko eingehen und alles aus dem Index werfen, was irgendwie mit einem LSR-unterstützenden Contentanbieter verbandelt ist.

Was langfristig passieren wird:
Die Verlage werden Muffensausen bekommen, weil sie merken, dass sie allmählich im Web unsichtbar werden. Denn bis Google die Verlagsangebote rauswirft ist es nur eine Frage der Zeit - das zeigt der Blick auf andere Länder, in denen ebenfalls Leistungsschutzrechte installiert wurden. In Deutschland erscheint es als denkbar und wahrscheinlich, dass die Verlagslobby einen Indizierungszwang auf den Gesetzesweg bringen wird: Die Verlage müssen in den Suchmaschinen abgebildet werden - das wird man mit Pressefreiheit, Demokratie oder irgendetwas anderem begründen. Von da ausgehend bieten sich vier Szenarien an, wie das Thema LSR in Deutschland final ausgeht.

Vier Szenarien wie es mit dem Leistungsschutzrecht weitergeht

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
30%
Best-Case-Szenario

Verteilungskampf

Google bezahlt - allerdings nur, weil es eine staatlich verordnete Abbildungspflicht für Verlagsinhalte gibt. Die Verlage in der VG Media kassieren und sehen sich bald mitten in einem Verteilungskrieg gefangen: Andere Zeitungen, Onlinedienste und Blogger wollen ebenfalls Geld haben. Der Betrag pro Verlag tendiert so immer mehr gegen Null. Die Tageszeitungen sterben. Es überleben spezialisierte Angebote sowie journalistische Medien, die eine Digitalstrategie entwickeln, die über simplen Paid Content hinausreicht.

Aktiv
20%
Worst-Case-Szenario

Der Europa-Fond

Da Google kein deutscher Konzern ist, muss eine europäische Lösung angestrebt werden. Am wahrscheinlichsten ist ein Fond, in den die Internetunternehmen um Google einzahlen, aus dem dann journalistische Aktivitäten bezahlt werden (das aus Frankreich bekannte Szenario). Das Geld geht jedoch zu einem großen Teil für Verwaltungskosten drauf. Die Tageszeitungen sterben. Es überleben spezialisierte Angebote sowie journalistische Medien, die eine Digitalstrategie entwickeln, die über simplen Paid Content hinausreicht.

Passiv
40%
Best-Case-Szenario

Juristischer Selbstmord

Das Monster LSR wendet sich gegen seine Schöpfer: Zunächst klagt Google erfolgreich gegen die juristisch unhaltbare Abbildungspflicht der Verlagsinhalte. Es deindiziert die meisten Verlage, die Einnahmen aus Leistungsschutzrecht UND aus Werbung auf den Verlagsangeboten brechen ein. Nächster Schritt: Autoren klagen erfolgreich ein, dass ihnen die verbliebenen Gelder aus dem LSR zukommen. Denn schließlich sind sie es, die die Leistung erbringen: Die Verlage müssen an die Autoren zahlen. Im Folgenden entsteht eine Verwertungsgesellschaft, die eine Art Internet-Arm der VG Wort ist. Größter Verdienst des Ganzen: Die Anerkennung journalistischen Publizierens wird - mit den falschen Mitteln, aber immerhin - forciert. Die Tageszeitungen sterben. Es überleben spezialisierte Angebote sowie journalistische Medien, die eine Digitalstrategie entwickeln, die über simplen Paid Content hinausreicht.

Passiv
10%
Worst-Case-Szenario

Verzögertes Sterben

Google muss zahlen und zahlt auch. Das Geld wird unter einigen wenigen Medien verteilt - davor, mit zu vielen Empfängern teilen zu müssen, schützt die Verleger schnell ein neues Gesetz. Nach und nach gehen die empfangsberechtigten Verlagsangebote unter, weil das Geld nicht reicht. Das Geld wird unter immer weniger Empfängern verteilt. Am Ende bleiben eine Handvoll Medien übrig, denen das LSR ein lukratives Zubrot ist. Die restlichen Tageszeitungen sterben. Es überleben spezialisierte Angebote sowie journalistische Medien, die eine Digitalstrategie entwickeln, die über simplen Paid Content hinausreicht. Bald wird auch das LSR wieder abgeschafft - als Anachronismus aus der analogen Publishingwelt.

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