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Öko-Footprint: Die nächste Hürde für Onlinehändler
22.10.2014 Onlinehandel verbraucht zu viel Strom, erzeugt Feinstaub und verschickt werden am Ende auch noch Waren von zweifelhafter Herkunft. Der E-Commerce der Zukunft ist grün, davon sind immer mehr Experten überzeugt. Wie Shops sich hier positionieren können und welche Chancen sich daraus ergeben.
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Verseuchte Lebensmittel, eingestürzte Textilfabriken in Bangladesch, Kinder, die 14 Stunden pro Tag für deutsche Firmen Billig-T-Shirts nähen und ausgebeutete Leiharbeiter bei Amazon: Die Liste der Nachhaltigkeits-Skandale im Internet ist lang und wird stetig länger.
Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit in Produktion und Handel erfolgt hierzulande dann schon reflexartig. Sind die Skandalberichte und Horrorbilder aus den Timelines und Schlagzeilen aber wieder verschwunden, wird auch das Thema Nachhaltigkeit auf der Prioritätenliste ganz schnell wieder nach hinten durchgereicht. Händler - online wie stationär - reagieren bislang nur zögerlich auf die häufiger werdenden Fragen der Verbraucher nach Herkunft und Verarbeitung der angebotenen Produkte. Nachhaltig ausgerichtete oder angepasste Sortimente sind selten.
Vor gut eineinhalb Jahren zählte das IFH Köln nur 29 Prozent der stationären Händler, die ihr Sortiment bereits nachhaltig modifiziert hatten. Bei den Onlinehändlern war es sogar nur jeder fünfte. An der Quote dürfte sich bis heute maßgeblich nichts verändert haben. "Das zögerliche Verhalten der Händler ist in gewisser Weise verständlich", deutete Bettina Seul , Nachhaltigkeitsexpertin des IFH Köln, die Ergebnisse. "Die konsequente Umsetzung von Nachhaltigkeit ist sehr komplex. Ab dem Moment der expliziten Kommunikation machen sich Händler auch überprüfbar, daher ist eine absolut umfassende Strategie gefordert."
Nachhaltigkeit als neuer USP
Umfassende Strategie bedeutet aber auch höheren Aufwand - für Kunden und Händler. Als Faustformel, wann Onlineshopping klimafreundlich ist, hat die Universität Newcastle berechnet, dass ein Online-Einkauf erst sinnvoll ist, wenn dadurch 3,5 herkömmliche Einkaufswege eingespart werden können, d.h. wenn der Verbraucher über 25 Produkte gleichzeitig einkauft oder man sich für den Einkauf eine Wegstrecke von über 50 Kilometer erspart.
Die Nürnberger bieten seit fast zwei Jahren ihre SaaS-Shoplösung mit Software, Betrieb und Support komplett klimaneutral an, d.h. sämtliche erzeugten Emissionen des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und der Serversysteme werden über Klimaschutzprojekte ausgeglichen.
Bislang nutzen nur die mittelfränkischen Onlineprinters die Schnittstelle, mit der Käufer ihre Produkte klimaneutral bestellen können. "Mittels unserer Betriebsdaten haben wir die anfallenden Emissionen im Druckprozess ermittelt und damit unseren CO2-Fußabdruck berechnet. Die durchschnittlichen Mehrkosten für klimaneutralen Druck betragen nur etwa 0,7 Prozent des Auftragswerts", beschreibt Onlineprinters-Geschäftsführer Walter Meyer . Für die Kompensation der CO2-Emissionen, die beim jeweiligen Druckauftrag anfallen, kann ein Kunde wählen, ob er mit den Mehrkosten ein Wasserkraftprojekt in Indonesien, ein Waldschutzprojekt in Mosambik oder ein Windenergieprojekt in der Türkei unterstützt.
SDD: Umweltschutz oder -schmutz?
Da der gesamte Onlinehandel gerade aber nach Sonderthemen sucht, mit denen man sich vom klassischen Markt unterscheiden kann, wird das Argument der Marketingwirkung in den kommenden Jahren stärker, reicht Wiethe dem Branchenkollegen Klinger zum Trost: "Ging es in den letzten zehn Jahren hauptsächlich darum, die Serviceleistungen im Distanzhandel zu optimieren, geht es jetzt darum, Themen zu finden, die dem Endverbraucher gut zu verkaufen sind und die nichts mit Preisreduzierungen zu tun haben, sondern auf Begehrlichkeit abzielen. Nachhaltigkeit wird da eines der großen Themen der kommenden Jahre und das in jedem Bereich des Konsums."
Das kann Franz-Joseph Miller , Geschäftsführer des SDD-Dienstleisters Time Matters , so natürlich nicht stehen lassen. "Same-Day-Delivery wird langfristig eher zu einer Reduzierung und Verlagerung des Innenstadtverkehrs führen", ist er überzeugt. Er sieht die Entwicklung dahingehend, dass Verbraucher anstatt mit dem Auto Lebensmittel, Drogerieartikel etc. einkaufen zu fahren, diese online bestellen und sich abends liefern lassen. "Zunehmende Akzeptanz von SDD und steigende Volumina werden dazu führen, dass Liefertouren gebündelt werden. Durch den Einsatz von smarten Algorithmen und neuen Technologien können Touren und Drops optimiert werden", skizziert Miller.
Öko-Vorschriften und digitaler Ablasshandel funktionieren nicht
Doch wer entscheidet, welche Umweltmaßnahmen der Onlinehandel braucht, wenn Händler und Kunden sich hier nicht in der Pflicht sehen? Die Politik? Abgesehen davon, dass kaum einer den Wunsch nach mehr Regulierung hegt, sei von Seiten der Politik gerade nicht viel zu erwarten, winken die Experten ab. Die kämpft selbst, die Energiewende und den Atomausstieg bis 2020 zu schaffen. Und auch das jüngst von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gestartete Bündnis gegen die Ausbeutung von Textilarbeitern im Ausland hat bislang nur schwache Resonanz in der Industrie erzeugt . Der Initiative, dessen Ziel es ist, soziale und ökologische Mindeststandards in der Lieferkette durchzusetzen, sind bislang mehr als die Hälfte der Firmen und Verbände, die Müller für seinen Pakt hatte gewinnen wollen, nicht beigetreten.Der Markt muss es richten. Und zwar nicht über Maßnahmen wie einen Button im Bestellprozess, mit dem der Kunde eine "Öko-Versand-Option" für einen Euro anklicken konnte. Der digitale Ablasshandel fürs gute Gewissen funktioniert nämlich nicht, warnt auch Nachhaltigkeitsexpertin Seul: "Sobald bei Verbrauchern der Eindruck entsteht, dass Händler sich ausschließlich aus Imagegründen engagieren oder gar sogenanntes 'Green Washing' betreiben, wird der Händler schnell abgestraft."
Umgekehrt wirke sich Engagement im Bereich Nachhaltigkeit "definitiv positiv" auf das Image von Handelsunternehmen aus, sagt Seul: "Dies können wir regelmäßig in unserem CSR-Tracker feststellen. Unternehmen, die nachhaltig agieren, erreichen insgesamt positivere Werte als Wettbewerber, die durch Verfehlungen in der Presse stehen oder einfach nicht zu diesem Thema kommunizieren. Wichtig dabei ist allerdings, dass das Engagement glaubwürdig und stringent verfolgt wird."
"Der Markt an Käufern, die nachhaltig produzierte Produkte kaufen werden, wird in den nächsten Jahren drastisch wachsen", glaubt auch Markus Wiethe. Ein Massenmarkt werde es aber nicht, solange diese Produkte deutlich teurer sind. Websale-Chef Klinger hofft auf einen Bewusstseinswandel bei den Händlern: "Wer sich für Umsatz und Kundenzufriedenheit interessiert, muss auch verstehen, dass man nicht nur mit 08/15-Verkauf sondern mit Mehrwerten wie klimaneutralen Produkten ein Differenzierungsmerkmal hat. Denn ich spreche eine spürbare Anzahl an Kunden an. Nicht nur die wenigen, die bereit sind, für Nachhaltigkeit mehr auszugeben, sondern auch die, die sich dafür interessieren, aber noch nichts extra ausgeben möchten." Der Kostenaufwand sei dabei weniger hoch als die Hürde für viele Händler, neben dem ganzen Tagesgeschäft noch etwas mehr tun zu müssen.
Vier Szenarien zur Nachhaltigkeit im E-Commerce
Händler entdecken Öko-Footprint als Differenzierungsmerkmal
Nachhaltigkeit ist die nächste Stellschraube: Wer seinen Onlineshop in Sachen Usability, Sortiment, Preispolitik, Omnichannel-Vernetzung etc. im Griff hat, arbeitet an seinem Öko-Footprint, dem nächsten Differenzierungsmerkmal. Das sind in erster Linie größere Händler, die es sich leisten können und aus Imagegründen leisten müssen und kleinere, per se affine Händler, die sich über ein entsprechendes Sortiment/Nachhaltigkeitskonzept positionieren.
Nachhaltigkeit nur im Sinne von "Green Washing"
Da Erkenntnisse fehlen, wie sich Engagement in Sachen Nachhaltigkeit konkret auf den Umsatz auswirkt. Bündnisse wie die des Entwicklungshilfeministers bieten noch zu diffuse Rahmenbedingungen hinsichtlich Teilnahmekriterien und Entscheidungsstrukturen. Deshalb entscheiden sich die meisten Unternehmen bewusst dagegen. Nachhaltigkeitsmaßnahmen werden nur als zusätzliches Goodie angeboten, um das eigene Image aufzupolieren.
Moralischer Druck im Öko-Land Deutschland wächst
Soziale und ökologische Verantwortung kommt auch in der Onlinebranche an. Treiber sind dabei einige wenige Händler, die Nachhaltigkeit als Differenzierungsmerkmal im härter werdenden Wettbewerb für sich definieren sowie kritische und nachhaltig orientierte Verbraucher, die das einfordern. Die Mehrheit der Händler wird abwarten, wie sich solche Initiativen auswirken und entsprechend ihre Lehren daraus ziehen.
Nachhaltigkeit bleibt Nischenphänomen
Umweltbewusstsein und soziales Gewissen bleiben als Thema bei Händlern, die sich es per se auf die Fahnen geschrieben haben: Der lokale Öko-Weinhändler, der Anbieter von Öko-Textilien, der Händler für fair gehandelten Kaffee. Das Gros der Händler versteht unter Umweltbewusstsein, für den Versand recycelte Kartons zu verwenden.
