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Logistik-Trends 2018: Was Distanzhändler jetzt wissen müssen

21.03.2018 Lange kannte die ECommerce- und Logistik-Branche nur eine Richtung: Steil nach oben. Doch auf kühne Zukunftspläne folgt nun die Ernüchterung. Fahrverbote scheinen plötzlich realistischer als Drohnenflüge. Weihnachtszuschläge drohen das ECommerce-Wachstum abzuwürgen.

Leere Einkaufkörbe? Die Logistik stößt an ihre Grenzen und könnte zur Bremse im Onlinehandel werden. Denn es scheint jetzt schon sicher, dass in Zukunft die Paktpreise steigen werden. (Bild: Alexas_Fotos / Pixabay.com)
Bild: Alexas_Fotos / Pixabay.com
Leere Einkaufkörbe? Die Logistik stößt an ihre Grenzen und könnte zur Bremse im Onlinehandel werden. Denn es scheint jetzt schon sicher, dass in Zukunft die Paktpreise steigen werden.

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
iBusiness analysiert, welchen Herausforderungen sich Logistiker kurz- und mittelfristig stellen müssen
Nach wie vor ist der E-Commerce der wichtigste Wachstumstreiber für Lieferdienste, insbesondere für die im Paketsektor tätigen Anbieter. So ist in den vergangenen Jahren vor allem das B2C-Aufkommen - Sendungen an Privathaushalte - stark gewachsen. Doch mittlerweile mischen sich auch kritische Töne in die mediale Berichterstattung: Deren Spektrum reicht von grundsätzlichen, allen voran ökologischen Bedenken, über Beeinträchtigungen der Verkehrssituation bis hin zu sozialpolitischen Themen - Stichworte: Scheinselbstständigkeit und Externalisierung. Im vergangenen Weihnachtsgeschäft klagten erstmals auch die großen Paketzusteller, das wachsende Sendungsvolumen sei zu den bisherigen Konditionen nicht mehr zu bewältigen - und inzwischen sind Innenstadt-Fahrverbote für Diesel-PKW zu einer realistischen Bedrohung geworden, die insbesondere auch Lieferdienste hart treffen würden.

So hat sich der Logistikmarkt innerhalb weniger Jahre von der fantastischen Paketrobotor-Lieferdrohnen-Boombranche zu einem echten Sorgenkind der Branche entwickelt. Fast wirkt es, als würde die Logistik zum Flaschenhals für den E-Commerce werden und könnte mit ihren steigenden Kosten in diesem Jahr das ECommerce-Wachstum erstmals abwürgen. iBusiness hat den zehn wichtigsten Logistik-Trends nachgespürt.

Trend 1: Immer mehr Pakete durch den E-Commerce

Es bleibt viel zu tun: Das Sendungsaufkommen wird auch in den kommenden Monaten steigen. (Bild: Hermes)
Bild: Hermes
Es bleibt viel zu tun: Das Sendungsaufkommen wird auch in den kommenden Monaten steigen.

Nahezu alle Experten gehen davon aus, dass das Sendungsvolumen in den kommenden Monaten und Jahren weiter wachsen wird. Marktstudien im Auftrag der Bundesnetzagentur  , die auch für die Regulierung in der KEP-Branche (Kurier, Express, Paket) zuständig ist, erwarteten für die Jahre 2016 und 2017 ein jährliches Umsatzwachstum im B2C-Bereich in Höhe von zwei bis drei Prozent. Ähnlich wird das Wachstum auch 2018 ausfallen, meint der Logistikexperte Steffen Wagner , der bei der Unternehmensberatung KPMG   die globalen Entwicklungen im Bereich Logistik beobachtet. "Die Sendungsmengen werden den Prognosen zufolge sogar noch stärker, um etwa drei Prozent jährlich wachsen. Ein Durchbruch im Lebensmittel-ECommerce könnte darüber hinaus sogar zu einem noch stärkeren Wachstum führen." erklärt er.

Bei den einzelnen Logistikanbietern sind die Erwartungen noch optimistischer. Der Paketdienst GLS   erwartet etwa zusätzliche Impulse aus dem grenzüberschreitenden Handel, DPD   möchte an sein Wachstum der vergangenen Jahre anknüpfen und erwartet eine Zunahme des Sendungsaufkommens von 9 bis 10 Prozent. Und auch Branchenriese DHL   erwartet, dass der Paketmarkt in den kommenden Jahren um fünf bis sieben Prozent zulegt.

Sendungsvolumen wächst weiter
Der B2C-Onlinehandel - und damit auch das Sendungsvolumen - wird in den kommenden Monaten weiter wachsen. Online-Bestellungen gehören bei Konsumenten zum gelernten Verhalten. Für Logistiker ergeben sich allerdings nur geringe betriebswirtschaftliche und organisatorische Skaleneffekte. Das Wachstum muss deswegen teuer erarbeitet werden.


Trend 2: Neue Sortiment stellen neue Anforderungen

Vom Paketdienst zum Möbelpacker: Neue E-Commerce-Sortimente sorgen für weitere Herausforderungen - und Wachstum. (Bild: Hermes)
Bild: Hermes
Vom Paketdienst zum Möbelpacker: Neue E-Commerce-Sortimente sorgen für weitere Herausforderungen - und Wachstum.

Zum steigenden Sendungsvolumen aus den bestehenden Kanälen addieren sich neue Sortimente, die auf den Markt drängen. Diese stellen zugleich neue Anforderungen an die Logistiker. Der Lebensmittelhandel steht schon seit Jahren kontinuierlich "kurz vor dem Durchbruch", Drogerie- und Arzneimittelversand zählten in den vergangenen Monaten zu den größten Gewinnern im Onlinehandel und auch die Möbelbranche hat den Versandhandel inzwischen erfolgreich erobert. All dies hinterlässt Spuren in der Logistik. "Zum Teil verlangen diese Sortimente von den Dienstleistern, die sie zustellen wollen, eine Umstellung der Prozesse, manchmal auch der Ausstattung. Zum anderen werden für manche davon bestimmte Zertifizierungen benötigt", erklärt Anne Putz , Head of Communication & Marketing der GLS. Beispiele sind etwa die Good Distribution Practices (GDP) oder die Hazard analysis and critical control points (HACCP) für die Zustellung von Lebens- oder Arzneimitteln.

Auch andere Logistiker haben sich mit Produkten wie DPD-Food oder dem DHL 2-Mann-Handling für Elektrogroßgeräte und Möbel oder eine Same-Day-Delivery-Abteilung längst auf die neuen Branchenanforderungen eingestellt. ECommerce-Anbieter wie Amazon   oder der gerade erst gestartete Online-Supermarkt Picnic   entwickeln zudem eigene Logistiklösungen, die genau zu ihrem Sortiment passen.

Logistikprozesse erlauben großes Wachstum
Rein prozesstechnisch betrachtet stellen die wenigsten Sortimente die Logistiker vor unlösbare Herausforderungen. Im Gegenteil: Unter diesem Aspekt ist großes Wachstum zu erwarten.


Trend 3: Disruptive Geschäftsmodelle, Ridesharing- oder Crowd-Logistik

Gute Disruption, schlechte Disruption: Neue Geschäftsmodelle steigern die Effizenz in der Logistik - oder lagern einfach nur die Kosten aus. (Bild: Amazon.de)
Bild: Amazon.de
Gute Disruption, schlechte Disruption: Neue Geschäftsmodelle steigern die Effizenz in der Logistik - oder lagern einfach nur die Kosten aus.

Unterstützt wird diese Entwicklung noch durch disruptive Anbieter wie Ridesharing- oder Crowd-Logistik-Anbieter. Sie sind im Prinzip längst erprobt und können dem Markt neue Impulse geben "Auf der Langstrecke sind solche Angebote etabliert - Spot-Raten sind letztlich nichts anderes," meint etwa Marktbeobachter Wagner. "Auch auf der letzten Meile wird Effizienz immer wichtiger - damit rücken solche Lösungen in die Diskussion."

Bislang geben sich die großen Logistikanbieter ob dieser Konkurrenz allerdings betont gelassen. "Diese Angebote betrachtet GLS als Nischenlösungen für sehr spezielle Versendergruppen", meint Marketing-Chefin Putz. Bei der DPD-Group hält man die "hochmodernen Infrastrukturen und Transportnetze der Paketdienste auch in Zukunft unverzichtbar, auch wenn die Geschäftsmodelle neuer Anbieter "stets auch Inspiration und Herausforderung" seien.

Anne Putz, GLS: 'Nischenlösungen für sehr spezielle Versendergruppen.'

Der größte deutsche Versender DHL ergänzt, dass "auch die rechtlichen Rahmenbedingungen - Stichwort Scheinselbstständigkeit - einem großflächigen Angebot im Wege stehen." Letzteres dürfte auch der Grund sein, weshalb DHL seinen neuen Dienst DHL Parcel Metro   vorerst nur in den USA startet (iBusiness berichtete). Bei dem neuen Angebot handelt es sich um ein reinrassiges Crowdsourcing-Angebot, bei dem DHL lediglich die Steuerungsfunktion übernimmt - deutschen Arbeitnehmervertretern dürften sich die Haare aufstellen.

Das Beispiel zeigt: Die vermeintlichen Nischenlösungen können durchaus auch in der Breite funktionieren. Merke: Auch Same-Day-Delivery wurde einst von disruptiven Start-ups vorgemacht. Und nicht umsonst partnern Größen wie Hermes gerne mit Start-ups wie Liefery  .

Disruption hat begrenztes Potenzial
Das Zauberwort der Logistik lautet Effizienz - nur darüber lassen sich Skaleneffekte erzielen. Viele Disruptionsmodelle entpuppen sich jedoch bei genauer Betrachtung als Konzepte zur Selbstausbeutung und Externalisierung. Genau wie Uber und AirB'n'B. Sie finden regulatorische Schranken.


Trend 4: Der Hightech-Hype ist vorbei

Pragmatismus schlägt Hightech: Viele publicityträchtige Projekte taugen bei näherer Betrachtung kaum im Praxiseinsatz. (Bild: DHL)
Bild: DHL
Pragmatismus schlägt Hightech: Viele publicityträchtige Projekte taugen bei näherer Betrachtung kaum im Praxiseinsatz.

Nur wenige Branchen haben die Phantasie zuletzt so angeregt wie die Logistik: Selbstfahrende Lieferfahrzeuge, Roboter, Drohnen, Kofferraumzustellung, Smart Locks ... der Phantasie schienen (und scheinen) keine Grenzen gesetzt. Inzwischen backen die meisten Anbieter aber kleinere Brötchen: "Es werden sich die Lösungen durchsetzen, die zum einen für den Empfänger komfortabel, zum anderen praktikabel und wirtschaftlich sind," schränkt etwa GLS-Sprecherin Putz ein. "Speziallösungen wie Drohnen sind im flächendeckenden Einsatz in Deutschland schwer vorstellbar."

Paketzustellungen per Roboter und Drohne seien allenfalls "im Einzelfall sinnvoll" heißt es auch bei DPD. Und selbst "Paketkopter"-Erfinder DHL schränkt ein, dass es sich dabei um Angebote handelt, die nicht für den breiten, flächendeckenden Einsatz gedacht sind."

Aufgrund des demografischen Wandels räumt Branchenexperte Wagner Lieferrobotern oder anderweitig AI-basierten Technologien (autonomes Fahren) sowie der tendenziell steigenden Personalkosten mittelfristig Potenzial ein - bei hohen Hürden:

  • Bei Robotern besteht ein Größenproblem: Der Roboter muss groß genug sein, ausreichende Frachtmengen transportieren zu können.
  • Bei Drohnen besteht ein zu hohes regulatorisches Risiko und im Vergleich zu konventioneller Technik zu hohe Kosten.
  • Smart Locks dürften ebenfalls an Kosten und zu geringer Verbreitung bei den Kunden scheitern.
  • Kofferraumzustellung ist aus praktischen Erwägungen ebenfalls kaum im großen Maßstab nutzbar.

Die meisten Hightech-Lösungen bleiben Science-Fiction
Zumindest auf der letzten Meile bleiben Roboter und Drohne die Ausnahme. Hinter den Kulissen werden Predictive Delivery, Augmented Reality und Robotik ihren Auftritt haben, wenn es um die Automatisierung von Hubs und Lagern geht. Hier lassen sich aufwändige High-Tech-Lösungen wirtschaftlich einsetzen.


Trend 5: Komfort schlägt Geschwindigkeit

Extrem kurze Lieferfristen sind den meisten Kunden nicht so wichtig - lieber wäre es ihnen, die Pakete kämen zuverlässig an. (Bild: obs/pakadoo)
Bild: obs/pakadoo
Extrem kurze Lieferfristen sind den meisten Kunden nicht so wichtig - lieber wäre es ihnen, die Pakete kämen zuverlässig an.

Die meisten Service-Verbesserungen drehen sich in der B2C-Logistik um Liefergeschwindigkeit (Same-Day-Delivery) und Abholbequemlichkeit (Zuverlässigkeit, Zustellzeitfenster). Nach dem kurzen aber heftigen Hype um Hightech- und Same-Day-Delivery-Lösungen hat sich bei fast allen Anbietern inzwischen die durch zahlreiche Studien belegte Erkenntnis durchgesetzt: Beim Großteil aller Sendungen ist die Bequemlichkeit und Zuverlässigkeit der Paketzustellung für den Empfänger grundsätzlich der eher relevantere Aspekt. Wenn es um Liefergeschwindigkeit geht, sind späte Cut-off-Zeiten (der Zeitpunkt, zu dem ein Paket noch entgegengenommen werden kann, um eine Lieferung am nächsten Tag sicherzustellen) von Interesse.

Größer ist das Potenzial beim Komfort. Immerhin 81 Prozent der Verbraucher wünschen sich eine unkomplizierte Heim-Zustellung. Nur bei 61 Prozent gelingt diese. Das ärgert nicht nur den Kunden: "Eine höhere Zuverlässigkeit würde auch den Zulieferern zugute kommen, die auf die teuren zweiten und dritten Zustellversuche verzichten können", merkt Wagner an.

Am meisten nervt die vergebliche Zustellung
Der Paketzettel im Briefkasten ist für den Logistiker ebenso ärgerlich wie für den Verbraucher. Die Optimierung von Zustellzeitfenstern, eine präzise Sendungsverfolgung, alternative Abholorte und Locker-Boxen sowie bequem erreichbare Shops werden daher in Zukunft deutlich ausgebaut.


Trend 6: Umwelt- und Verkehrsbelastung rückt in den Fokus

Verkehrsinfarkt und Zustellchaos werden die Regulierer auf den Plan rufen. Allerdings ist das Optimierungspotential auch noch groß. (Bild: ahundt / pixabay.com)
Bild: ahundt / Pixabay
Verkehrsinfarkt und Zustellchaos werden die Regulierer auf den Plan rufen. Allerdings ist das Optimierungspotential auch noch groß.

In Ballungsräumen gerät der Lieferverkehr aufgrund der Verkehrs- und Parkflächenbelastung immer häufiger in die Kritik. Zusätzlich ist mit innerstädtischen Fahrverboten für Diesel-Kfz zu rechnen. Davon dürfte insbesondere der innerstädtische Lieferverkehr betroffen sein. Ein lösbares Problem, meint die Branche.

"Mittelfristig ist ein Umstieg auf Fahrzeuge mit alternativen Antrieben wie Lastenfahrräder, autonome Bots, E-Fahrzeuge ebenso eine Lösung wie gegebenenfalls Diesel-Nachrüstungen", sagt Unternehmensberater Wagner. Aber auch radikalere Ansätze sind im Gespräch: White Label auf der letzten Meile, Mikro-Depots, die Nutzung bestehender Verkehrsmittel - zum Beispiel zu "Paketwagen" umgerüstete Straßenbahnen - oder gar ein kompletter Paradigmenwechsel in der Auslieferkultur. "In Zukunft könnte es heißen: 'Der Kunde kommt zum Paket' statt umgekehrt", meint der Branchenbeobachter.

Von so radikalen Vorschlägen wollen die Branchenvertreter selbst nichts wissen. Sie experimentieren allesamt mit E-Konzepten - und beklagen die mangelnde Unterstützung der Industrie. "Aktuell fehlen aber noch passende Angebote der Fahrzeughersteller, insbesondere in unserer wichtigsten Fahrzeugklasse bis 3,5 Tonnen," heißt es etwa in einer Stellungnahme von DPD. Das Unternehmen testet etwa einige vollständig elektrisch angetriebene VW e-Crafter. Dabei handelt es sich allerdings noch um Vorserienmodelle. Geeignete Serienfahrzeuge in vergleichbarer Größe sind aktuell noch nicht verfügbar.

DHL hat aus der Not bekanntlich bereits eine Tugend gemacht und mit dem Streetscooter   ein eigenes Elektrofahrzeug entwickelt. Darüber hinaus weist das Unternehmen darauf hin, dass in Deutschland "die ganz überwiegende Zahl unserer konventionellen Fahrzeuge den Euro-Normen 5 und 6" entsprechen und deshalb vom drohenden Fahrverbot voraussichtlich nicht betroffen wären. Zudem wäre das Unternehmen in der Lage, die Einsatzgebiete der Zustellfahrzeuge innerhalb Deutschlands flexibel anzupassen.

Fahrverbote sind kaum bedrohlich
Auch wenn die gefühlte Belästigung durch innerstädtischen Lieferverkehr sehr hoch sein mag, werden Fahrverbote und Umweltaspekte die Logistiker kaum ernsthaft behindern. Eher werden sie - ebenso wie dies unter Handwerkern der Fall sein dürfte - für eine steigende E-Mobilitäts-Nachfrage sorgen und der Technik zum Durchbruch verhelfen. Kostenmäßig könnten Lieferdienste dadurch allerdings belastet werden.


Trend 7: Gemeinsame Infrastrukturen bleiben Projektarbeit

An einem Strang: In Nürnburg probten GLS und DPD schon einmal gemeinsame Infrastrukturen. (Bild: Kurt Fuchs / CNA)
Bild: Kurt Fuchs / CNA
An einem Strang: In Nürnburg probten GLS und DPD schon einmal gemeinsame Infrastrukturen.

Immer wieder werden gemeinsam genutzte Infrastrukturen zur Auslieferung auf der letzten Meile, zentrale (Micro-)Hubs und Paketstationen ins Gespräch gebracht, um den Lieferverkehr einzudämmen. Entsprechende Überlegungen stellte zuletzt etwa der DHL-Chef Frank Appel öffentlich an, als er zeitbegrenzte monopolistische Ausschreibung für die Letzte-Meile-Auslieferung forderte. Damit, so seine Begründung, ließe sich die Effizienz steigern und Verkehrs- und Umweltbelästigung senken.

In der Branche stoßen solche Überlegungen auf wenig Gegenliebe. "Die GLS-Fahrzeuge und Touren sind bereits optimal ausgelastet - und das dürfte bei den anderen Marktteilnehmern ebenso sein. Von daher bringt eine gemeinsame Zustellung für die Umwelt de facto keine Vorteile", meinte Marketingchefin Putz. "Für die Prozesse von GLS und für die Qualitätssicherung würde sie zudem eine enorme Herausforderung bedeuten." Fast wortgleich lautet die Absage, die der Wettbewerber DPD erteilt. Zudem merkt das Unternehmen an, dass Service-Differenzierungen verloren gingen - "zum Schaden des Verbrauchers".

Steffen Wagner, KPMG: 'Gemeinsame Infrastrukturen würden keine Wettbewerbsvorteile bringen.'

Anders sehen es DPD und GLS, wenn es um gemeinsam genutzte Infrastrukturen geht: Beide Unternehmen haben etwa beim Projekt "Nachhaltige Stadtlogistik durch KEP-Dienste mit dem Mikro-Depot-Konzept auf dem Gebiet der Stadt Nürnberg  " teilgenommen und dabei gute Erfahrungen gesammelt. Anbieterübergreifende Umschlagplätze (Mikro-Depots) in der City und Paketschließfächer halten sie für sinnvoll. DPD ist zum Beispiel am Gemeinschaftsunternehmen ParcelLock   beteiligt, das eine anbieterneutrale Technik für Paketkästen, Paketkastenanlagen und Paketstationen entwickelt hat.

Genau umgekehrt sieht DHL den Markt: In einem Pilotprojekt in der Region Köln/Bonn hat das Unternehmen die Sendungen aller Logistiker konsolidiert zugestellt und "gute Erfahrungen gemacht". "Die Verbraucher haben die Sendungen gebündelt erhalten und mussten sich nicht auf verschiedene Logistiker einstellen", nennt das Unternehmen die Vorteile.

Infrastrukturen - wie Packstationen - will das Unternehmen dagegen eher nicht teilen: "Der Paketmarkt lebt von den unterschiedlichen Angeboten. Eine Nivellierung der Leistungsunterschiede würde nach unserer Auffassung potenziell die starke Dynamik hinsichtlich der Kundenorientierung aller Marktteilnehmer dämpfen,." heißt es in einem Statement des Unternehmens. Gleichzeitig würde die für die gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen erforderliche technische Integration hohe Kosten verursachen, argumentiert DHL weiter.

Auch Marktbeobachter Wagner hält nichts von gemeinsamen Lieferungen: "Dies würde im derzeit intensiven Wettbewerb vermutlich keine Wettbewerbsvorteile bieten und die Umsätze für Logistikunternehmen weiter erodieren lassen."

Wettbewerb wichtiger als Kooperation
Die Argumente der Unternehmen orientieren sich an der jeweiligen Wettbewerbsposition. Partnerschaften zwischen einzelnen Teilnehmern sind wahrscheinlich, branchenübergreifende Lösungen dagegen nicht - außer der Regulierer würde sie erzwingen. Für Händler bedeutet das: Der Wettbewerb bleibt intensiv, diese Situation dürfte die Kosten dauerhaft drücken.


Trend 8: Smart City bezwingt Zustellchaos

Auf kommunale Unterstützung sollten Paketdienste eher nicht bauen - statt 'Smart City' gibt es Reglementierung. (Bild: obs/Robert Bosch GmbH)
Bild: obs/Robert Bosch GmbH
Auf kommunale Unterstützung sollten Paketdienste eher nicht bauen - statt 'Smart City' gibt es Reglementierung.

Sind Verbesserungen vorstellbar, die von Seiten der Städte oder Kommunen hinsichtlich der Infrastruktur (Verkehrsraum, Parkplätze, Regulierung, Vernetzung, Smart City) bereitgestellt werden?

Klar, die Wunschliste der Logistiker ist lang: Dies beginnt damit, dass sie gerne als Erbringer einer infrastrukturellen Dienstleistung - und nicht als Verkehrsbelästigung - wahrgenommen werden wollen. Weniger Restriktionen (wie Zugangsbeschränkungen oder Lieferzeitfenster in der Fußgängerzone) und Ausnahmen von Fahrverboten stehen ganz oben auf der Wunschliste. Aber auch die Bereitstellung von speziell gekennzeichneten Parkplätzen, Ladestationen oder Lagerflächen im Innenstadtbereich würden die Dienstleister begrüßen. Spezielle Fahrspuren oder Lieferzonen folgen ebenso sowie eine unbefristete, europaweite Ausweitung der Führerscheinklasse B auf Elektrofahrzeuge bis 4,25 Tonnen, um die Umstellung auf den elektrobetriebenen Liefer- und Personennahverkehr zu erleichtern.

Allerdings sollten sich die Paketdienste nicht allzu viele Hoffnungen darauf machen, dass sich ihre Wünsche erfüllen, meint Branchenexperte Wagner. "Punktuelle Verbesserungen und Pilotprojekte sind sicherlich denkbar. Umfangreiche Maßnahmen werden viele Kommunen aber aufgrund der finanziellen Situation, den hohen Schulden und der Abwälzung staatlicher Leistungen im Sozialbereich an Kommunen kaum tragen können."

Dazu kommt die Gefahr, dass "durch die Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Klimavertrags und nationale Klimaschutzziele im Verkehrsbereich eher die Regulierung verschärft wird. Etwa in Form von höheren Parkgebühren, Fahrverboten, CO2-Bepreisung von Kraftstoffen oder Blauen Plaketten."

Smart City nach Kassenlage
Es wird viel von der Smart City geredet, in Zeiten chronisch klammer Kassen ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass hohe Investitionen getätigt werden, die vorrangig einer relativ kleinen Branche zugute kommen. Eher sind strengere Regulierungen zu erwarten. White-Lable-Lösungen auf der letzten Meile und Mikro-Depots könnten erzwungen werden.

Trend 9: Personalengpass hält an

Wirkt kurz- wie langfristig: Die Personalsituation wird zum entscheidenden Faktor in der Branche. (Bild: Hermes)
Bild: Hermes
Wirkt kurz- wie langfristig: Die Personalsituation wird zum entscheidenden Faktor in der Branche.

Am schwierigsten ist die derzeitige Personalsituation zu steuern. "Der Markt hat sich hier von einem Arbeitgeber-Markt zu einem Arbeitnehmer-Markt entwickelt", klagt GLS-Sprecherin Putz. Sowohl GLS als auch die Transportpartner leiden unter dem immer knapperen Angebot an geeigneten Mitarbeitern - vor allem in den Ballungsräumen. "Ein Hauptgrund dafür ist die geringe Arbeitslosenquote. Hinzu kommt der Wettbewerb um die 'gleichen' Fachleute" erklärt Putz.

Die glänzende Konjunktur führt zur einer guten Arbeitsmarktlage - und einem Teufelskreis: Während die gute Konsumlaune die Zahl der ECommerce-Sendungen wachsen lässt und dadurch die Nachfrage nach Zustellern steigt, sinkt zugleich das Angebot. Noch schwerer wiegen allerdings anhaltende Effekte: Die demografische Entwicklung sowie ein steigendes Bildungsniveau werden auch langfristig dafür sorgen, dass körperlich fordernde Arbeit für immer weniger Menschen eine berufliche Option sein wird.

Abseits der Personalprobleme, die die Vollbeschäftigung mit sich bringt, müssen Paketzusteller daher langfristig an ihrer Effizienz arbeiten. Das beginnt bei der Vermeidung mehrerer Zustellversuche durch genauere Planung, geht über die Entlastung der Zusteller von einzelnen Arbeitsschritten über immer bessere technische Hilfsmittel und reicht bis zu Alternativen zur besonders aufwändigen Haustürzustellung - etwa indem in Paketshops geliefert wird.

Daneben ist aber auch ein fairer Lohn Grundvoraussetzung dafür, geeignete Zusteller zu finden.

Personalnot ist Schlüsselherausforderung
Die angespannte Personalsituation ist - sowohl akut, als auch langfristig - die größte Herausforderung der Branche. Preissteigerungen bei den Frachtraten dürften unvermeidbar sein. Langfristig wird auch das Serviceangebot seine Grenze in der Personalknappheit finden.

Trend 10: Die Preise werden steigen

Mehr hilft mehr: Händler dürften in Zukunft größere Briefmarken kleben. (Bild: jackmac34 / Pixabay)
Bild: jackmac34 / Pixabay
Mehr hilft mehr: Händler dürften in Zukunft größere Briefmarken kleben.

In Deutschland ist kaum jemand bereit, für Zustellextras zu bezahlen. Diese Erfahrung mussten schon zahlreiche Anbieter machen, die für einen Express-, Premium- oder gar Same-Day-Versand Extrazuschläge erheben wollten. Steffen Wagner ist sich daher sicher: "Zuschläge werden nur durchsetzbar sein, wenn sie branchenweit eingeführt werden. Anderenfalls wechseln die Versender zu den günstigeren Konkurrenten oder bauen eigene Logistikdienstleister auf, um die Preise niedrig zu halten."

Andererseits sind durch den intensiven Wettbewerb der vergangenen Jahre die Margen bereits geschrumpft. Steigende Mindestlöhne, Investitionen in umweltfreundliche Flotten und steigende Mineralölpreise werden ihr übriges tun, um die nächste Preisrunde einzuläuten. Einen ersten Schritt hat Hermes bereits vorgenommen und angekündigt, im kommenden Weihnachtsgeschäft die Preise anzuheben. Auch DPD kündigt schon einmal eine Preiserhöhung an. "Die Marktbedingungen im Paketmarkt haben sich in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich verschärft." Gründe seien steigende Lohn- und Transportkosten sowie immer stärkere Volumenschübe in der Weihnachtszeit und wachsende Herausforderungen in der Verkehrsbewältigung und beim Schutz vor Cyberkriminalität. "Es ist daher unumgänglich, gestiegene Aufwände an unsere Kunden weiterzugeben", schließt das Unternehmen.

Auch bei GLS möchte man Preiserhöhungen nicht ausschließen: "Ein marktgerechtes Preis-Leistungs-Verhältnis ist unverzichtbar, damit Paketdienstleister den aktuellen Herausforderungen wie der Personalsituation, der Zustellung an Privatempfänger und in Ballungsräumen zu begegnen", erklärt Unternehmenssprecherin Putz auf iBusiness-Nachfrage

Die nächste Preisrunde ist schon eingeläutet
Die nächste Preisrunde steht bevor. Noch in diesem Weihnachtsgeschäft wird Logistik spürbar teurer. Langfristig wird allerdings im Wettbewerb der Zusteller die beste Effizienz siegen. Und: Statt Hightech-Lieferdrohnen werden wir in Zukunft vermutlich mehr und bessere Paketstationen, Lockerboxen und Abholstationen sehen..
Thema: Logistik-Trends 2018: Was Distanzhändler jetzt wissen müssen

Kommentar von Dominik Grollmann

Pragmatische Zustell-Lösungen sind gefragt

Die Logistikbranche war schon immer für Hightech-Träume gut: Mit Lieferdrohnen, Smart-Locks und Paketrobotern sorgen die Logistiker gerne für Aufsehen. Doch am Ende bleibt kaum mehr als etwas Publicity. Die wahren Herausforderungen der Branche liegen woanders.

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Dominik Grollmann, iBusiness-Analyst (Dominik Grollmann)
Bild: Dominik Grollmann
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