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Wieso Technik keine Probleme löst: Die sieben Fehler des Silicon Valley
29.03.2016 Das Silicon Valley porträtiert sich selbst der wahre Hort des Fortschritts der Menschheit. Diese Ideologie wird jedoch von immer mehr Insidern kritisiert: denn es hat aber noch kein wirkliches Problem der Welt gelöst. Sieben Fehler der Ideologie lassen immer nur die reichen Intellektuellen profitieren.
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Sieben Baufehler im Technik-Traum zeigen wieso.
Die Silicon-Valley-DNA: Die elitäre Technokratie
Die Unternehmer und Firmen des Silicon Valley sehen sich selbst gerne als ein ideologiebefreites Labor, in dem mit den Mitteln der Technik eine bessere Zukunft zusammengebraut wird. Wenn sie überhaupt eine Ideologie besitzen, dann ist es Optimismus: Sie speist der Glaube daran, dass Technik alles und sie selbst noch mehr vermögen und dass der Markt alle dabei auftretenden Konflikte selbst reguliert. Das hat eine gewisse Logik: In einer Welt, in der Unternehmen absolut gut und Produkte grenzenlos perfekt sind, werden Angebot und Nachfrage zu Agenten der Gerechtigkeit.| Zitate über das und aus dem Silicon Valley |
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"Im Kern des Silicon Valley wohnt die Leidenschaft dafür, 'Ja' zu sagen" - Steven Levy, Tech-Journalist"Eine offene, ehrliche Umgebung bringt das beste in Menschen hervor" - Pierre Omidyar - Gründer von Ebay "Ich bin einfach der Überzeugung, dass Menschen aus dem Silicon Valley alles schaffen." - Elon Musk, Investor"Silicon Valley ist eine Denkweise, kein Ort" - Reid Hoffman, Mitbegründer von LinkedIn "Das größte Risiko liegt darin, keines einzugehen." - Facebook-Gründer Mark Zuckerberg |
- Die 'Datenkrake' Facebook sieht sich wirklich als den großen Verbinder von Menschen. Wenn Facebook Internet in entlegene Regionen der Welt bringt, dann ist natürlich auch die Vergrößerung des Nutzerstamms Antrieb - doch vor allem sieht das Netzwerk Kommunikation und Vernetzung als Geschenk an die Menschheit und fasst es daher als moralischen Imperativ auf, seine Services jedem Menschen zur Verfügung zu stellen.
- Google will nicht einfach Geld verdienen. Geld ist eine Ressource, um tolle Dinge zu tun: Den Ozean zu kartografieren, die Welt zu vermessen oder alle Museen der Welt virtuell besuchbar zu machen. Die Durchsuchbarkeit des Universums ist nicht das finstere Ansinnen eines weiteren Datenkraken, sondern Googles Weg, die Demokratisierung der Information zu betreiben.
- Apple - ein spinnerter Sektiererverein? So kann man es sehen, aber auch so, dass Kontrolle die DNA von Apple ausmacht. Über Design und Usability, über Hardware und Software. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was das Internet im Kern ausmacht. Dem chaotischen, schmutzigen Web setzt Apple seine saubere, klare Welt entgegen - die Regeln sind streng, doch wer mitmacht erhält Struktur und Stabilität. Das ist nicht nur Kontrollwahn - es ist das Ansinnen klare Kommunikationsstrukturen mit bestmöglichem Nutzerkomfort zu schaffen. Endgeräte sollen 'awesome' sein.
1. Fehler: Den Menschen ignorieren
Was Silicon Valley stark und ausmacht, ist zugleich sein großes Manko: Grenzenloser Technik-Optimismus funktioniert nicht für jeden. Die Durchsuchbarkeit der Welt, von den Gipfeln des Mount Everest bis zum Grunde des Ozeans ist für viele Menschen auch eine Horrorvision und eine solche erzeugt Widerstände.
2. Fehler: Elitäres Selbstverständnis
Dass die Welt nicht mit der eigenen Fortschrittlichkeit Schritt hält, erzeugt bei der Avantgarde einen natürlichen Trotz-Effekt: Die Welt versteht nur nicht, also muss die Welt belehrt oder übersteuert werden. Daraus erwächst ein elitäres Sendungsbewusstsein einer Techno-Kaste meist junger, neureicher, männlicher Unternehmer, die sich selbst geeigneter zur Herrschaft erachten als den Rest der Welt.
Daraus ergibt sich auch, dass Teile der Menschheit überflüssig werden, was ihren wirtschaftlichen Nutzen angeht. So ist es nicht mal böse gemeint, wenn Sam Altman, Präsident des Gründerzentrums Y-Combinator , sagt, dass "eine immer kleinere Zahl von Menschen eine immer größere Masse an Reichtum erwirtschaftet. Wir brauchen neue Konzepte für die Menschen, die eben nicht diesen Löwenanteil an Reichtum schaffen. Schließlich werden die meisten Niedriglohn-Jobs eh bald wegautomatisiert." Dieser unproduktiven Klasse muss also "die Regierung Geld geben." In diesem Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens für die Menschen ohne Aufgabe reichen sich fehlgeleitetes Samaritertum und eine an Menschenverachtung grenzende Weltfremdheit die Hände.
Es zeigt, dass Silicon Valley keine Lösung für alle, sondern nur für die reiche, intellektuelle Elite bietet:
- Fahrdienst Uber will eine Flotte selbstfahrender Fahrzeuge auf die Straße bringen (iBusiness berichtete), um das 'Arschloch namens Taxi' auszurotten - und so ein ganzes Niedrigverdienersegment für Geringqualifizierte zu eliminieren.
- Ebenso die Pizzakette Domino's , die plant, Pizzalieferungen von Robotern erledigen zu lassen (iBusiness-Bericht). Das muss nicht zwingend Erfolg haben, doch der technikverliebte Plan, willkürlich Menschen durch Maschinen auszutauschen, löst nicht existente Probleme einer Gutverdiener-Klientel und schafft für Geringverdiener neue.
3. Fehler: Ignoranz gegenüber der Dystopie
Technik erschafft im Silicon Valley immer nur positive Zukunfts-Prospekte. Doch die Realität illustriert immer wieder auf schlagende Weise, wie schnell Menschen vermögen, diese Utopien in negative Szenarien zu verkehren: Jede Technologie-Utopie hat ihr distopisches Real-Pendant: Statt Googles universeller Durchsuchbarkeit gibt es die totale Überwachung eines NSA , Facebooks totale Vernetzung wird zunehmend zu einem Konstrukt totaler Manipulation durch Social Bots und ausuferndem Hass, aus dem Traum einer Shareconomy wird der Sozialversicherungs-Kahlschlag Externalisierung.
4. Fehler: Der Glaube, die Menschheit habe Technik-Probleme
Kein Silicon-Valley-Produkt löst die essenziellen Probleme der Menschheit: Krieg, Hunger oder fehlenden Zugriff auf sauberes Trinkwasser. Und selbst wenn morgen Facebook beginnt, flächendeckend Trinkwasserleitungen in Afrika zu installieren, so wäre dies nicht im Geschäftsmodell verankerter Benefiz - Willkür unter dem positiven Vorzeichen des Spendens. Es ändert nichts an der Tatsache, dass Technik-Produkte die globale, soziale Ungerechtigkeit intakt lassen, statt Hungernde in die Lage zu versetzen, sich selbst zu ernähren.
5. Fehler: Übersehen der analogen Alternativen
Manchmal sind analoge und altmodische Alternativen der Technik vorzuziehen - ein Gedanke, der einem kalifornischen Internet-Unternehmer nicht so schnell kommen mag. Dennoch hat Daimler zuletzt beschlossen, seine Fertigungsroboter im größten Werk zu feuern und wieder auf Menschen zu setzen. Billiger und kompetenter, wenn es um die aufwändige Individualisierung von Modellen geht (iBusiness berichtete).
6. Fehler: Unkenntnis der Grenzen der grenzenlosen Skalierbarkeit
Plattformen, wie etwa Uber , AirBnB oder Bookatiger haben die Märkte, in denen sie sich breit machten, ordentlich durcheinandergewirbelt. Aber mit dem Erfolg kam die Erkenntnis über die Grenzen der Skalierbarkeit: Ein Plattform-Start-up kann nicht grenzenlos Marktanteile erobern, ohne starre Strukturen und bilanzdrückenden Ballast (auch: menschliche Arbeitskraft genannt) aufzubauen. Nur mit Freelancern, die unzuverlässiger, weniger planbar und nicht weisungsgebunden sind, lässt sich irgendwann der Markt nicht weiter erobern. Ohne eigene Assets (wie etwa Fahrzeuge) lässt sich eine steigende Nachfrage nicht dauerhaft stabil decken (siehe die iBusiness-Analyse zur Plattform-Dämmerung).
7. Fehler: Die unterschätzte Souveränität
Evangelisten des technischen Fortschritts ignorieren oft menschliche Widerstände - die ergeben sich daraus, dass Nutzer ihre Souveränität höher schätzen als eine grenzenlose Heilung von den Übeln des Alltags durch Technologie. Auf vier Ebenen wollen Menschen (und Gesellschaften) Souveränität.
- Bedienungssouveränität: Erlernen von Neuem führt bei Kunden oft zu einer sensiblen Phase der Unsicherheit, die überwunden werden muss. Der Nutzer will daher bewusst steuern können, wie er ein Gerät oder eine Anwendung benutzt.
- Zeitsouveränität: Nutzung von Technik führt bei Konsumenten oft zum Gefühl, von der Technik vereinnahmt zu werden und zwangsweise viel Zeit damit verbringen zu müssen. Er will aktiv entscheiden, in welchem zeitlichen Maß er Gerät oder Anwendung nutzt.
- Plattformsouveränität: Wesentliche Quelle von Souveränitäts-Empfinden ist die Kontrolle über die Auswahl der Elemente der eigenen Ausstattung. Weil kein Hersteller in allen Bereichen top sein kann, wollen Nutzer selbst entscheiden, welche Geräte oder Anwendungen ihre technische Ausstattung umfasst.
- Entwicklungssouveränität: Kunden möchten zwar den Anschluss an die technische Evolution der Alltagskultur nicht verlieren, aber gleichzeitig bestimmen, inwieweit sie neue Geräte oder Anwendungen nutzen.

