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Interaktiv-Trends 2019/2020 (2): Wie Paketdienste die Logistikwende schaffen
12.12.2018 Lange kannte die Logistik-Branche nur eine Richtung: Im Gefolge des ECommerce-Booms ging es steil bergauf. Doch inzwischen sind die Paketdienste zur Bedrohung für den Onlinehandel geworden, der das gesamte ECommerce-Wachstum abwürgen könnte. In den kommenden Monaten muss die Branche die Trendwende schaffen.
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Trotzdem profitiert die Paketbranche nicht von dieser Situation. Im Gegenteil: Die Händler geraten durch sinkende Warenkörbe und One-Product-Orders wirtschaftlich unter Druck und geben diesen an ihre Dienstleister weiter. Die Verbraucher fordern weiterhin hohe Liefergeschwindigkeit, -komfort und -zuverlässigkeit. Und für die Logistik-Dienstleister ergeben sich bei steigendem Sendungsaufkommen nur geringe betriebswirtschaftliche Skaleneffekte. Im Gegenteil: Der wachsende Bedarf führt in Zeiten allgemeinen Arbeitskräftemangels noch zu steigenden Lohnkosten.
Auf kurzfristige Entspannung darf die Branche nicht hoffen. Zwar könnte eine nachlassende Konjunktur den Arbeitsmarkt entlasten. Aber genauso drohen umgekehrte Effekte. Etwa Belastungen aufgrund steigender Umweltstandards und dadurch notwendige Investitionen in die Fahrzeugflotte.
- Eine Abkühlung im Onlinehandel ist nicht in Sicht. Nicht nur, weil es sich inzwischen um gelerntes Alltagsverhalten handelt. Sondern vor allem, weil E-Commerce das Ergebnis integrierter und vernetzter Dienstleistungsprozesse ist. E-Commerce ist Teil eines übergreifenden, extrem mächtigen Megatrends. Und keine Mode.
- Weiterer Fortschritt führt dazu, dass kurz- und mittelfristig weitere Sortimente für den E-Commerce erschlossen werden: Lebensmittel, Drogerie- und Arzneimittel, Möbel- und Großgeräte.
- Dadurch wird nicht nur das Sendungsvolumen steigen, die Logistiker stehen auch vor neuen Herausforderungen. Stichworte: 2-Mann-Handling, Same-Day-Delivery, zertifizierte Kühlketten.
Rein prozesstechnisch betrachtet stellen die wenigsten Sortimente die Logistiker vor prinzipielle Herausforderungen. Im Alltagsgeschäft sind sie allerdings bislang noch schwierig integrierbar. Daher wird der Druck auf Dienstleister wachsen, flexible Lösungen zu erarbeiten. Sie müssen nicht nur eine Lösung für die bestehenden Probleme finden, sondern auch an zukünftigen Herausforderungen arbeiten.
Disruptive Geschäftsmodelle ...
Dieser Druck wird unter anderem durch sogenannte disruptive Anbieter (etwa: Ridesharing- oder Crowd-Logistik) aufrechterhalten. Eine wirkliche Disruption ist allerdings nicht absehbar, keiner der Anbieter konnte bislang Spielregeln neu erfinden. Die entscheidende lautet: In der Logistik bieten sich nur wenige Skaleneffekte. Die Kosten pro Sendung sinken nicht etwa mit dem Sendungsaufkommen. Sie bleiben eher gleich oder steigen sogar. Deswegen bleibt der größte Hebel eine Effizienzsteigerung im Einzelhandling.Das zeigt sich bei den "disruptiven" Anbietern. Ride-Sharing ist beispielsweise letztlich nichts anderes als die Idee, Spot-Raten (die auf der Langstrecke längst bewährt sind) auch auf die letzte Meile zu übertragen. Viele Disruptionsmodelle entpuppen sich bei genauer Betrachtung als Konzepte zur Selbstausbeutung und Externalisierung - genau wie Uber und AirB'n'B. Ein Teil davon wird eine sehr spezielle Nische finden und kann dort eigenständig bestehen. Der größere Teil wird Inspiration und Herausforderung für gängige Logistiker sein. Ein weiterer Teil wird schließlich regulatorische Schranken finden. Insgesamt werden "disruptive" Geschäftsmodelle den Markt beeinflussen, aber nicht umkrempeln. Sie finden keinen Ansatzpunkt für echte Disruption.
... und Hightech-Träume ...
Nur wenige Branchen haben die Phantasie zuletzt so angeregt wie die Logistik: Selbstfahrende Lieferfahrzeuge, Roboter, Drohnen, Kofferraumzustellung, Smart Locks ... der Phantasie schienen (und scheinen) kaum Grenzen gesetzt. Inzwischen backen die meisten Anbieter aber kleinere Brötchen. Gesucht werden Lösungen, die für den Empfänger komfortabel und für den Anbieter praktikabel und wirtschaftlich sind. Paketzustellungen per Roboter und Drohne gehören nicht dazu. Sie sind weder komfortabel noch praktikabel.Wenn es um die Automatisierung von Hubs und Lagern geht, werden Predictive Delivery, Augmented Reality und Robotik ihre Berechtigung haben. Bei der Zustellung werden Tragehilfen und Systeme zur präzisen Tourenplanung (letztlich ein Mittel zur Reduzierung vergeblicher Zustellversuche) eingesetzt. Aber bereits bei Smart Locks oder Kofferraumzustellung wird der Technologie-Einsatz voraussichtlich enden.
... weichen pragmatischen Lösungen.
Die wichtigsten Anforderungen der Logistik drehen sich ganz konkret um drei Problemfelder:- Steigendes Sendungsaufkommen: Die weiter wachsende Paketflut lässt sich mit herkömmlichen Strategien nicht mehr bewältigen.
- Effizienz: Nur Effizienzsteigerung auf der letzten Meile erlaubt weiteres Mengenwachstum.
- Zuverlässigkeit: Die Zuverlässigkeit hat aus Verbrauchersicht nicht mit dem Stellwert mitgehalten, den E-Commerce inzwischen im Alltag einnimmt. Im Gegenteil: Die Zahl der Beschwerden ist auf Rekordniveau. Gemessen daran hat die gefühlte Zuverlässigkeit sogar nachgelassen.
Bereits im ersten Halbjahr 2018 zählt die Bundesnetzagentur mit 6.000 Beschwerden fast so viele, wie im gesamten Vorjahr (6.100) - dabei ist das gewichtige Weihnachtsgeschäft noch gar nicht angelaufen. Die Quote zeigt: Die Branche arbeitet einerseits bereits am Limit. Zugleich reagieren die Verbraucher umso genervter, desto alltäglicher Online-Bestellungen werden.
Dabei ist es insbesondere die letzte Meile, die für Probleme sorgt: Die überwiegende Mehrheit der Beschwerden betreffen die Anlieferung beim Empfänger (siehe Chart). Zu lange Lieferfristen, beschädigte Verpackungen, Falschzustellungen oder verschwundene Pakete fallen dagegen viel weniger ins Gewicht. Zahlreiche Studien haben diese Erkenntnis inzwischen belegt. Zuverlässigkeit und Planbarkeit der Paketzustellung hat für den Empfänger die höchste Priorität. Wenn es um Liefergeschwindigkeit geht, sind späte Cut-off-Zeiten (der Zeitpunkt, zu dem ein Paket noch entgegengenommen werden kann) kostengünstiger und beinahe genauso effektiv wie aufwändige Same-Day-Services.
Kaum anders sieht es beim Paketdienstleister selbst aus. Die Zusteller leiden unter dem hohen Aufwand der vielen Lieferstops, gesteigert noch durch mehrfache Anfahrten. "Faktisch sind die letzten 50 Meter bis zur Haustür der teuerste Teil unserer Dienstleistung", erklärt Post-Chef Frank Appel . "Genau dort lässt sich aber die Effizienz kaum mehr steigern."
Insbesondere der Paketzettel im Briefkasten ist für den Logistiker ebenso ärgerlich wie für den Verbraucher. Die Optimierung von Zustellzeitfenstern, eine präzise Sendungsverfolgung, alternative Abholorte und - vor allem - Locker-Boxen sowie bequem erreichbare Shops werden daher in Zukunft deutlich ausgebaut.
Lockerboxen und Packstationen
Gerade in Ballungsgebieten werden daher Paketshops und Packstationen an Bedeutung gewinnen. Zugleich wird die Benachrichtigung der Empfänger verbessert: Bis kurz vor der Auslieferung lassen sich Pakete umdisponieren, minutengenau geht die Benachrichtigung ein. Die Haustürlieferung wird sich dagegen in die Richtung zubuchbarer Premiumservices entwickeln - Zustellzeitfenster und Verfolgung des Anfahrtsweges inklusive. Letzteres eignet sich zur Vermarktung als Premium-Service, dient aber zugleich der Kostensenkung. Mehrfache Zustellversuche müssen dagegen (kostenpflichtig) neu beauftragt werden.- Für die meisten Verbraucher dürfte der Deal kaum eine Verschlechterung darstellen. Im Gegenteil: Packshops mit lebensnahen Öffnungszeiten und automatisierte 24h-Paketboxen sind für den Kunden häufig sogar komfortabler als eine gescheiterte Haustürzustellung.
- Einzelhändler oder gar Einzelhandelszentren begreifen Paketshops zunehmend als Mittel, um die Besucherfrequenz zu steigern.
- Paketdienstleister erhalten - insbesondere mit automatisierten Boxen - ein Mittel, mit dem sich auch auf der letzten Meile die dringend benötigten Skaleneffekte erzielen lassen.
