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Coworking: Zukunft der Arbeit für die digitale Boheme
17.08.2010 Coworking ist weit mehr als eine Bürogemeinschaft: Es ist ein viel versprechendes Arbeitsmodell für Net Citizens und Wissensarbeiter. Und eine Arbeitsform der Zukunft - denn sie stellt Telearbeit-Konzepte vom Kopf auf die Füße. Aus einem Grund.
Im ursprünglichen Wortsinn bezeichnet das aus den USA stammende Coworking eigentlich nichts anderes als das, was man unter Bürogemeinschaft schon lange kennt: Mehrere, meist Freiberufler, mieten aus Kostengründen gemeinsam ein Büro und teilen sich die dazugehörige Infrastruktur, wie Internetzugang, Telefon, Drucker, Fax und Kaffeemaschine. Doch was sich zunehmend auch hierzulande unter diesem Begriff etabliert, hat mit dem bloßen Teilen von Büromiete und -mobiliar der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr viel zu tun.
Noch haftet dem Konzept der Coworking-Spaces das Klischee von der digitalen Boheme an, die mit Laptop und Handy den halben Tag in einem Café zubringt. Doch diese Kaffeehauskultur beginnt sich zu professionalisieren. Inzwischen gibt es deutschlandweit über 30 Coworking-Spaces , die sich Mitte September erstmals im Rahmen einer Coworking Week einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen wollen. Denn sie repräsentieren ein Arbeitsmodell, das immer mehr Zuspruch findet. Einer Studie des Instituts für Freie Berufe zufolge arbeiten in Deutschland eine Million Menschen freiberuflich - Tendenz steigend. Für die reichen meist als Arbeitsmittel ein leistungsfähiges Notebook, Mobiltelefon und Internetanschluss völlig aus. Ideale Voraussetzungen für einen Coworker. "Ein Coworking-Space ist deutlich günstiger als das eigene Büro und flexibler als die Bürogemeinschaft", argumentiert Doris Schuppe , freischaffende Kommunikationsexpertin und überzeugte Coworkerin. So kann man in Coworking Spaces monats-, tage- oder auch nur stundenweise Arbeitsplätze mieten.
"Beim Wissenstransfer liegt noch viel Potenzial brach"
Die logistischen Vorteile dieser Arbeits-WGs sind inzwischen fast nur noch angenehme Rahmenbedingungen für eine sich deutlich verändernde Arbeitswelt. Denn in den Mittelpunkt rückt immer mehr die Vernetzung mobiler und flexibler Arbeitskräfte. Doris Schuppe sieht darin das größte Potenzial dieses Arbeitsmodells: "Während des Arbeitens werden neue Anregungen, Impulse und sogar weiterbildende Informationen erworben. Ich empfinde Coworking als gelebtes Social Media/Web 2.0 mit Vernetzung, Erfahrungsaustausch, gegenseitiger Hilfestellung und dem Entdecken interessanter Kooperationspartner."
Dass Deutschland einmal mehr Vorreiterländern wie Großbritannien und den USA hinterherhinkt, ist auch eine Folge einer hier weit verbreiteten Misstrauenskultur. Denn während amerikanische und britische Coworker von den Vorteilen schwärmen, kommt hierzulande beim Thema Coworking recht schnell die Frage auf, ob ein Coworking Space als Ideenpool nicht auch schwarzen Schafen die Gelegenheit bietet, andere "auszuspionieren".
Coworkerin Schuppe winkt ab: "Sicher kann es passieren, dass ein schwarzes Schaf Informationen entsprechend nutzt. Aber dafür funktioniert hier die Interaktion und die Mundpropaganda perfekt, sodass sich das sehr schnell herumsprechen würde."
Mehr noch: Mit Coworking könnte hierzulande endlich viel brach liegendes Potenzial geborgen werden, ist sich Eric Eitel sicher. Eitel leitet das Berliner Büro der PR-Agentur Frische Fische und hat früher selbst Bürogemeinschaften organisiert. In Deutschland findet noch viel zu wenig Wissenstransfer statt, hat er im Gespräch mit britischen und amerikanischen Branchenkollegen festgestellt. Dabei ließen sich durch regelmäßigen Knowhow-Austausch schon in Frühphasen von Projekten kostspielige Fehler vermeiden.
Unternehmen können sich weiter öffnen und frühzeitig Impulse aus der Zielgruppe ihrer Lösungen aufnehmen, wenn diese in Coworking Spaces anzutreffen ist, ergänzt Doris Schuppe: "Statt erst im Produkttest zu sehen, dass die Bedürfnislage nicht ganz getroffen wurde, könnten aufwandsärmer Anregungen und Feedbacks in frühen Phasen der Entwicklung aufgenommen werden. Zum Beispiel, weil man im Gespräch an der Kaffeemaschine zufällig auf eine Anforderung aufmerksam wurde."
Hartnäckigen Skeptikern gibt Schuppe klare Spielregeln an die Hand: "Wenn ein Unternehmen eine Projektgruppe oder Mitarbeiter in einem Coworking Space (oder auch zuhause) arbeiten lässt, müssen die jeweiligen Rahmenbedingungen - ähnlich wie Social Media Guidelines - zur Orientierung festgelegt werden. Quasi eine praktische Handlungsanleitung, damit alle Aspekte von Datenschutz, Datensicherheit, Urheberrecht und Vertraulichkeit, wie sie im Arbeitsvertrag unterschrieben wurden, beachtet werden."
Geburtsstätte für virtuelle Unternehmen
Aber letztlich ist eine richtig gute Idee so leicht nicht zu klauen, ist sich Florian Bergmann sicher. Er betreibt mit Flobbymedia eine strategische Kommunikationsberatung und bastelt derzeit an einem Coworking-Modell für Start-ups: ein "Best of Coworking", wie er es nennt. Das Konzept sieht vor, via Business Angel Teams zu finden, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes (etwa sechs Monate) Projekte initiieren, um Innovationen zu schaffen und damit quasi virtuelle Unternehmen aus der Taufe zu heben. Inspiriert hat ihn dabei Google . Denn beim Suchmaschinengiganten dürfen Mitarbeiter ein Fünftel ihrer Arbeitszeit nutzen, um zu machen, was sie wollen: "Dabei kommen wirklich coole Sachen raus", schwärmt Bergmann. Anfang des Jahres war der Jungunternehmer bereits mit einem eigenen Coworking Space gestartet und hat daraus seine Lehren gezogen: "Man braucht eine kritische Masse, damit das Konzept effektiv ist", resümiert er. Deshalb will er noch in diesem Jahr einen neuen Anlauf nehmen, diesmal mit 40 bis 50 Mitgliedern, die eine Art "Silicon-Valley-Gefühl" zu viel versprechenden Ideen beflügeln soll.
Der Zeitpunkt für sein Projekt ist günstig: Die Wirtschaft ist im Auf- und herkömmliche Arbeitsmodelle im Umschwung. Die Generation, die derzeit auf den Arbeitsmarkt drängt, hat immer weniger Lust auf den klassischen Acht-Stunden-Bürojob. Sie ist flexibel und mobil. Die Arbeit soll eher Spaß machen und Befriedigung bieten als ein hohes Gehalt. Die Selbstverwirklichung mittels einer eigenen Firma liegt heute deutlich näher als noch vor wenigen Jahren. Das (mobile) Internet macht es möglich. Und Coworking pusht diese Tendenz: Denn lässt sich eine Büroinfrastruktur für Existenzgründer unkompliziert, schnell und verhältnismäßig günstig bewerkstelligen, steigt auch der Mut, sich selbstständig zu machen. Wo sonst kann man für 170 bis 350 Euro Miete pro Monat seinen Traum von der Selbstständigkeit so leicht umsetzen, Kontakte und fachlicher Austausch inklusive?
"Der Social-Networking-Gedanke wird von vielen Menschen immer mehr als wichtig erachtet, der sich im Einzelbüro nicht live erleben lässt", so die Erfahrung von Coworkerin Schuppe. Eric Eitel entwickelt den Gedanken noch weiter. So könnte es künftig noch mehr Schnittstellen geben zwischen den bislang noch recht verschiedenen Modellen, die bundesweit von einem basisdemokratischen Verein bis zu einer quasi reinen Platzvermietung reichen. Als Antwort auf die Anforderungen einer flexibilisierten Arbeitswelt könnte "am Ende eine bundesweite Coworking-Card stehen, mit der man von Space zu Space hüpfen könnte. Langfristig vielleicht sogar international", skizziert er. Denn hierin liegt der wesentliche Unterschied zu herkömmlichen Bürogemeinschaften und ein erhebliches Gründungspotenzial: in der Offenheit dieser Arbeitsplattform.
Am: 17.08.2010
Zu: Coworking: Zukunft der Arbeit für die digitale Boheme
Die Angst vor "Spionen" ist aus meiner Sicht unnötig. Und wenn schon, wenn interessierts, Leute die kopieren sind sowieso nutzlos.
Am: 17.08.2010
