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Copycats: Fünf Aspekte, warum in Deutschland lieber kopiert als erfunden wird
08.11.2011 Statt innovativer Neugründungen fußen neu gegründete Start-ups nicht selten auf Ideen, die zumeist als US-Vorbild existieren. Die Copycat-Flut in Deutschland sorgte zuletzt für Unruhe in der Start-up-Branche. Doch die meisten finden Klonfabriken eigentlich ganz gut.
Aktuell haben die Samwer-Brüder mit ihrer VC-Firma Rocket Internet gemeinsam mit der schwedischen Beteiligungsgesellschaft Kinnevik 90 Millionen US-Dollar in das Couchsurfing-Projekt Wimdu gesteckt. Das Modell ist erfolgreich und expandiert.
Bei der Frage was besser ist: Originalidee oder Klon? gibt sich Lukasz Gadowski von Team Europe pragmatisch: "Da beide existieren, sind offenbar beide gut für den Markt." Betrachte man das deutsche Internet, dann seien bislang Imitationen vermutlich besser für den Markt, weil hier "mehr Wert geschaffen" wurde, so Gadowski. "Eine einzige Riesen-Innovation, die sitzt, könnte die Gleichung aber schon wieder ändern."
Für Florian Kamps vom soeben liquidierten Start-up Pactas und mit dem Recruiting-Portal Entexis bereits wieder unternehmerisch aktiv, geht es einfach darum, "für ein identifiziertes Problem eine Lösung zu finden" - unabhängig davon, ob dies zuvor schon andere versucht haben und es als Modell bereits existiert. Für Kamps ist das Thema Copycats daher weit "weniger kritisch". Für ihn ist es eine "unternehmerische Herausforderung, ein identifiziertes Problem zu lösen."
In Deutschland existiert mit der Samwer-Fabrik eine funktionierende Klon-Produktionsstätte. Die so erfolgreich ist, dass in der US-amerikanischen Wagniskapitalbranche das Bonmot umhergeht, "man sei erst wirklich erfolgreich, wenn die Deutschen einen klonen".
Gibt es überhaupt Start-ups in Deutschland, die keine Klone sind? Ist Xing ein Klon von LinkedIn , ist Wooga ein Klon von Zynga ? "Das sind alles keine 1:1-Kopien", sagt Alexander Hüsing von Deutsche Startups . Es gebe immer eine Grundidee, die gleich ist. "Die Umsetzung ist dann entscheidend. Ansonsten wäre jedes Auto, das nach dem Benz produziert wurde, eine Copycat", stellt Hüsing klar, der im gleichen Atemzug das deutsche Erento als erfolgreichen Miet-Marktplatz ohne Vorbild nennt. Der Betreiber des - immerhin mit Samwer-Geld gegründeten - Portals kennt genug deutsche Nichtklone. Darunter Mymuesli , das komplett in Deutschland entstanden ist und mittlerweile auch in den USA kopiert wird. Das Beispiel zeige, "dass es auch anders herum geht", sagt Hüsing. Fünf Aspekte, die das Phänomen Copycat näher beleuchten:
1. Vom Nutzen der Copycats für die Start-up-Landschaft
In der Erschließung eines regionalen Markts liegt auch eine "gewisse Form der unternehmerischen Leistung", ist sich Business Angel Axel Schmiegelow von DW-Capital sicher. Dort, wo gleichzeitig eine "Anpassung an lokale Markterfordernisse stattfindet, kann man sicher von fairem Wettbewerb sprechen", so wie OLX in Lateinamerika, Yandex in Russland oder Alibaba in China.
In Deutschland hat sich nach Schmiegelows Sicht durch die "fast industrielle Serienfertigung" von mehr oder minder exakten Kopien zumeist amerikanischer Vorbilder, mit dem Ziel, das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit an das Vorbild zu veräußern, "eine besonders extreme Form massenhaft herausgebildet." Dieses Modell gelte aus mehreren Gründen zuweilen als "weniger unternehmerisch" und trage das negative Klon-Etikett zu Recht:
- Es gehört zum System, keinerlei Innovationsrisiko einzugehen und sehr fokussiert das zu kopieren, was beim Vorbild den Erfolg ausmacht.
- Die Glaubwürdigkeit der Unternehmen bezieht sich mehr aus der seriellen Kompetenz der hierauf spezialisierten Investoren (wie Rocket Internet) als aus der Kompetenz des Teams selbst.
- Die Gründerteams sind meist unerfahren und nicht wirklich unternehmerisch beteiligt, sondern betrachten ihre Erfahrung beim Klon-Start-up als Einstieg in eine Start-up-Laufbahn.
- Der Verkauf findet häufig statt oder wird eingeleitet, bevor ein wirklich nachhaltiger Marktbeweis erfolgt, und zunehmend unter dem Druck massiver Finanzierungsrunden, die dem potenziellen Käufer die Aussichtslosigkeit einer eigenen Erschließung des deutschen oder mehrerer europäischer Märkte vor Augen führen sollen (wie zuletzt bei Wimdu).
| Wie Copycats den Markt negativ beeinflussen können: |
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Lukasz Gadowski bringt dennoch die Legitimität der Copycats auf den Punkt: "Sie bauen das Ökosystem, bilden Leute aus und führen Investoren an das Thema heran." Mehr noch: Erfolgreiche Klone beflügeln nach Gadowskis Ansicht das Ökosystem und damit auch "Investitionen in kleine unbewiesene Start-ups."
Unbestritten ist, "dass echte Innovationen immer nur durch echte Ideen entstehen werden", sagt Tilman Au von New Identity . Copycats sind jedoch nicht nur als reine Imitatoren zu verstehen, "denn sie entwickeln Innovationen weiter und eröffnen häufig auch ganz neue Perspektiven".
Copycat-Konzepte bieten Start-ups ein "besonderes Maß an Sicherheit, Erfahrung und Förderung", ist sich Tilman Au sicher. Denn Ideen, die sich vorab schon im Markt behauptet haben, können weiterentwickelt und gezielt angegangen werden. Letztlich führe natürlich immer nur ein sehr gutes Konzept zum Erfolg, weiß der Mann von New Identity.
Eine ganze Generation von Studenten hat gelernt, "dass der Weg in die Selbstständigkeit über den Einstieg in ein Klon-Start-up beginnen kann, womit dieser Weg in die Selbstständigkeit vielen überhaupt möglich oder realistisch erscheint", sagt Axel Schmiegelow. Zudem habe die Anzahl an Exits zugenommen und diese finden auch andere Käufer als die Medienhäuser, so Schmiegelow,der glaubt, dass es auch für Angestellte "normaler" wird, bei einem Start-up beschäftigt zu sein.
2. Warum Copycats über bessere finanzielle Mittel verfügen
Bislang seien Copycats finanziell besser ausgestattet, "weil sich die Top-Unternehmer in dem Feld in Deutschland dazu
entschieden haben, eher Copycats zu machen", sagt Gadowski. Diese Top-Unternehmer hätten am besten bewiesen, "dass sie viel Geld aufnehmen und erfolgreich vermehren können. Deswegen wird ihnen weiter vertraut."
Durch die Kapitalausstattung seien diese Start-ups dazu in der Lage, Themen "extrem aggressiv" umzusetzen. Es werde "nicht der Misserfolg vermieden, sondern auf den Erfolg hingearbeitet." Wenn ein Thema so groß ist, dass es nach wenigen Jahren ein paar hundert Millionen wert ist, komme es nicht darauf an, "ob im Anfangsstadium fünf Millionen mehr investiert wurden", resümiert Gadowski.
Auch der Mann von New Identity stimmt zu: "Copycats sind im Allgemeinen finanziell besser ausgestattet." Der Businesscase sei bereits in der Praxis erprobt und erwiesen. "Entwicklungsschritte lassen sich am fremden Vorbild nachvollziehen und Actionsteps sind durch Konkurrenten vorgegeben," skizziert Au.
Bei einer Copycat hat man einen "Proove", sagt auch Florian Kamps. Investoren suchen ein "Derisking". "Wenn ein 'Product-market fit' besteht, dann fällt schon mal eine Unbekannte weg", so die gängige Denkweise bei deutschen Investoren.
Deutsche Investoren finanzieren gerne Konzepte, die woanders schon funktionieren, weiß Alexander Hüsing. Das Wort Risikokapital werde hierzulande zu wenig beim Namen genommen. Es falle leichter, etwas zu finanzieren, bei dem abzusehen ist, wie es sich entwickeln wird, so Hüsing. Es sei eben ein Risiko, in komplett neue Ideen zu investieren. "Allerdings steckt immer eine Herausforderung dahinter, eine Copycat in den Markt zu drücken", glaubt Hüsing. Es gebe Dinge, die funktionieren als US-Gründung, aber nicht als deutsche Kopie: "Wo sind denn die zwölf Twitter-Klone aus Deutschland, die es mal gab?" fragt er provokativ. "Die sind alle gescheitert." liefert er gleich die Antwort mit.
3. Welche Rolle die Business Angels spielen
Business Angels hingegen legen den Fokus oft auf die innovativeren Modelle, "weil sie bei den Budgets für die Klonfabriken gar nicht mithalten können", meint Lukasz Gadowski.
Die Angel-Szene, auf die es im Moment noch ankommt, habe sich in losen Verbünden über die Jahre formiert, "die stark von diesem Klon-Modell profitiert haben", meint hingegen Axel Schmiegelow. Das habe dazu geführt, dass einige sehr prominente Start-ups entstanden und finanziert wurden. Positiv sei auch, "dass ein guter Teil des mit dem Klon-Modell verdienten Geldes wieder in den Start-up-Markt geflossen ist", so Schmiegelow, der bei einigen Angels zugleich einen "Wandel in ihren Investitionsschwerpunkten" feststellt. Es habe sich auch eine zweite Generation von deutschen Angels entwickelt, die nicht so stark dem Klon-Modell verschrieben sind. "Diese Angels investieren in wachsendem Maße auch in innovative Start-ups", so die Sicht Schmiegelows.
Für eine wichtige und interessante Entwicklung hält es der Mann von DW-Capital, "dass die Anerkennung des deutschen Markts durch US-Investoren, Unternehmen und Käufer auch durch die Klon-Debatte paradoxerweise gestiegen ist." Zuletzt sei dies deutlich geworden durch das Investment eines US-VC bei 9Flats und den Hype rund um Berlin. Für das Start-up-Ökosystem sei dies ein Vorteil, "weil die teilweise nicht sehr professionellen deutschen VCs dadurch Wettbewerb bekommen, was wiederum den Start-ups gut tut," bestätigt Axel Schmiegelow.
4. Das Märchen von der Anti-Copycat-Bewegung
Einen ganz anderen Ansatz sich mit dem Thema Copycats zu beschäftigen, verfolgen die 6Wunderkinder . In ihrer Blogpost mit dem Titel "'Founders STAND UP! The anti-copycat revolution starts now'" zeichnen sie ein Feindbild der Copycats. Dies löste wiederum einen Gegenaufruf aus, sich für Innovation und nicht gegen Copycats auszusprechen. "Denn die in der Szene verbreitete Meinung von Copycats als deutsches Übel ist ein Bild, das gleichermaßen schief und auch populistisch ist", schreibt Joel Kaczmarek von Gründerszene .
Kaczmarek differenziert zwischen "guten und schlechten Copycats". Entscheidend sei die Art der Umsetzung. So sei etwa Spreadshirt an dem US-Vorbild Cafépress orientiert, "doch die Umsetzung von Spreadshirt krempelte den gesamten deutschen Markt um und schuf einen Mass-Customization-Trend", aus dem wiederum neue innovative Unternehmen wie etwa MyMuesli entstanden, argumentiert der Mann von Gründerszene, der ein Umdenken anregt, wenn es um Copycats geht: "Dass jemand ein Modell kopiert, heißt nicht, dass er deswegen keine Innovationen bereitet", betont Kaczmarek.
Auf die Anfrage von iBusiness, sich näher zu den Hintergründen der Anti-Copycat-Aufrufs zu äußern, blieben die 6Wunderkinder eine Antwort jedoch schuldig.
Die Debatte an sich sei nützlich, geschürter Hass sei allerdings übertrieben, meint Axel Schmiegelow. "Am Ende muss jeder Gründer entscheiden, welches Maß an unternehmerischem Mut er sich zutraut", so sein Credo. Auch die Entwicklung von Rocket Internet sei zwar aus Sicht eines stark auf Innovation fokussierten seriellen Unternehmers "nicht durchgehend sympathisch", verdiene aber aufgrund ihres "schieren finanziellen Erfolgs auch eine Form von Respekt". Anerkennung hätten ihre Macher auch für die positiven Effekte für das Start-up-Bewusstsein als solches verdient, auch dafür, "dass eine starke Portion ihrer Gewinne tatsächlich reinvestiert wurde."
Für Lukasz Gadowski gibt es keine Anti-Copycat-Bewegung. "Es gab lediglich eine kleine PR-Welle". Denn: Die Leute dahinter seien "kluge Köpfe" und wüssten, dass sie damit nur kurzfristig punkten könnten. Vergleichsweise abgeklärt betrachtet auch Tilman Au die Diskussion: Die Beweggründe der Anti-Copy-Bewegung sind verständlich, meint er, auch wenn derartige Kampagnen fraglich seien, fährt er fort. Denn: "Bellende Hunde beißen nicht! Letztlich entscheidet immer noch der Markt."
5. Wie es mit den Klonen weitergeht
"Am besten noch mehr erfolgreiche Start-ups bauen", meint Lukasz Gadowski. Das schaffe einen Nährboden für erfolgreiche Großunternehmen im Internetsektor aus Europa. "Wir alle suchen noch nach dem Internet-SAP aus Europa."
Copycats sollten nicht "verteufelt werden", ist sich Tilman Au in seiner Bewertung sicher. "Wenn gute Ideen weiterentwickelt werden, wird es immer Copycats geben." Auch die Erfindung des Buchdrucks sei nur die Adaption einer bestehenden Idee gewesen.
Von "destruktiven Debatten" hält Axel Schmiegelow gar nichts. Ein gestiegenes Selbstbewusstsein innovativer Start-ups, wie etwa der European Pirate Summit in Köln zuletzt demonstriert hat, ist für ihn hingegen sehr begrüßenswert. Die Energie sollte sich allerdings nicht darin verlieren, "andere Start-ups, egal welcher Couleur, anzugreifen", folgert Schmiegelow. Viel sinnvoller sei es, das gestiegene Selbstbewusstsein dazu zu nutzen, "Investoren zu einer größeren Professionalisierung und faireren Bedingungen zu drängen", so Schmiegelow.
Denn es komme immer noch vor, "dass selbst etablierte VCs mit Klauseln, gesonderten Antiverwässerungs- und sonstigen Wandlungsrechten, absurden Garantiekatalogen und ähnlich kruden Vorstellungen die Folgefinanzierung, teilweise den Exit der Start-ups gefährden" Oder die Konditionen für Gründer werden sehr unfair, wie bei fast jedem selbst der prominenteren Exits der letzten Zeit geschehen. Das sei kurzfristig für die beteiligten Investoren vielleicht lukrativer, für den Markt jedoch sehr schädlich.
Auch Florian Kamps sieht in Start-up-Foren wie dem Pirate Summit ein Aufbruchsignal. Deutschland könne den Ruf als Copycat-Land langsam abstreifen. Es zeige sich, dass die Gründerszene in Deutschland und speziell in Berlin pulsiert. Die Anti-Copycat-Debatte verdeutliche nur, so Kamps, dass die Szene nun ihre kreativ-innovative Seite hervorhebt, denn das war lange Zeit nicht so.
Ein Aspekt des in Deutschland dominierenden Klonings muss allerdings auch die gründergetriebene Start-up-Szene noch ablegen: Die Fixierung auf den frühen Ausstieg hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass so gut wie jedes erfolgreiche deutsche Internetunternehmen früher oder später an den Marktführer - zumeist in den USA - verkauft wurde. Damit jedoch ein deutsches Internet-SAP entsteht, müssen Gründer wie Investoren stark sein gegenüber den Verlockungen des schnellen Geldes. Wie es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vorgemacht hat. Er hat trotz Milliarden-Angeboten sein Unternehmen nicht verkauft. Manchmal sollten deutsche Gründer tatsächlich kopieren.
Am: 08.11.2011
Zu: Copycats: Fünf Aspekte, warum in Deutschland lieber kopiert als erfunden wird
Am: 08.11.2011
