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Verlegerklage: Was Experten von den Manipulationsvorwürfen gegen Google halten
26.01.2010 Mit harten Vorwürfen im Gepäck sind Deutschlands Verleger zum Kartellamt gereist: Google manipuliere Suchergebnisse zum eigenen Vorteil. Wir unterbrechen diese wunderschöne öffentlichkeitswirksame Aktion durch ein paar Hinweise aus der Realität.
Zusammen mit dem VDZ hat auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) das Bundeskartellamt "informiert", dass Google seine Marktmacht so missbrauche und gefordert, dass der Konzern seine Suchstrategie offenlege.
Experten halten Vorwurf für "äußerst unwahrscheinlich"
Den Vorwurf der Manipulation halten SEO-Experten für
- "nicht belegbar" (Markus Hoevener , Bloofusion Germany GmbH ),
- "äußerst unwahrscheinlich" (Heiko Haller , Internet-mit-IQ GmbH ),
- "sicherlich aus der Luft gegriffen" (Hanns Kronenberg , SEO-Strategie.de ),
- "an den Haaren herbeigezogen" (Steven Broschart , Cyberpromote GmbH ) oder
- "völligen Unsinn" (Andreas Hoffmann , SearchLab GmbH ).
Diese Fraktion der von iBusiness befragten Experten argumentiert vor allem mit zwei Begründungen: Sollten tatsächlich einmal derartige Manipulationen belegbar sein, "dann war es das mit der Marktführerschaft. Ein solches Risiko geht das Unternehmen mit Sicherheit nicht ein", so Steven Broschart. Dass Inhalte und Produkte von Google häufiger in den Ergebnissen vorkommen, hält etwa Andreas Hoffmann keineswegs für ein Ergebnis sinistrer Beeinflussung, sondern liegt seiner Ansicht nach in der Natur der Sache - bei Diensten wie Google Maps habe der Konzern eben direkten Zugriff auf die entsprechenden Daten. Darüber hinaus erinnert etwa Ralf Scharnhorst , Inhaber der Scharnhorst Media daran, dass das Ranking auch die Popularität einer Seite einbezieht. Angesichts dessen sei "es ganz natürlich, dass Google selbst und seine eigenen Produkte dort auf den besten Plätzen landen - und die engsten Google-Partner direkt danach."
Völliges Unverständnis gegenüber Suchmaschinen-Technik
Dass sich das komplexe System der Suchmaschine nicht immer so verhält, wie von Verlegern gewünscht, könnte nach Ansicht der Fachleute an einem anderen Umstand liegen: Dem "völligen Unverständnis der Technologie" gegenüber, die dahinter steckt, wie es Andreas Hoffmann formuliert. Er erinnert daran, dass bei jedem größeren Google-Update "die einschlägigen SEO-Foren voll von enttäuschten und frustrierten Hobby-SEOs bzw. Webmastern" seien, die sich im Zuge des jeweiligen Updates verschlechtert hatten. Und mit feiner Ironie beschreibt Hoffmann die jeweiligen Folgen: "Dank mangelnder Bereitschaft, die Probleme bei sich selbst bzw. den eigenen Produkten zu suchen, ist die mit Abstand beliebteste Verschwörungstheorie, dass ausgerechnet sie von Google verbannt wurden, damit die Ergebnisse bei Google schlechter werden und Google mehr über AdWords verdienen könne."
Hanns Kronenberg weist im übrigen darauf hin, dass auch Verlage die Ergebnisse - sogar bei Google News - durch gezielte SEO-Maßnahmen beeinflussen könnten. "Manchen News-Anbietern gelingt dies besser als anderen", so der Experte.
Andererseits zeigen manche Verlage auf dem Gebiet der Manipulation durchaus Kernkompetenz. So ließ sich die Süddeutsche Zeitung jüngst bei dem Versuch erwischen, positive Blog-Bewertungen über ihre App schlicht gegen Geld zu befördern (iBusiness berichtete). Anschließend verlautbarte das Blatt, es habe sich um einen bedauerlichen Fehler und Missverständnisse gehandelt.
Es gibt sogar Experten, die den Vorwurf der Manipulation von Verlegerseite selbst für manipulativ halten. Hier solle "der Öffentlichkeit ein Verdacht untergejubelt werden", mutmaßt Andreas Hoffmann und unterstellt seinerseits den Verlegern dabei unlautere Absichten: "Dies ist in meinen Augen nichts weiter als der Versuch, die öffentliche Meinung zu Gunsten unsinniger und einseitiger Maßnahmen wie einer Senkung der Mehrwertsteuer für Zeitungsverleger zu beeinflussen."
"Fair share, fair trade und unfair robbery"
Altmedien trauen dem US-amerikanischen Suchmaschinenkonzern Google in ihren Veröffentlichungen ohnehin allerhand zu - in Deutschland vor allem Schlechtes. Ob Spiegel-Titel oder lange Artikel in Zeit und Süddeutscher Zeitung : Die Tonart wechselt zwischen 'finale furioso' und Untergang des Abendlands.
Die nahe Zukunft malen die Autoren gern in düsteren Farben. Das Unternehmen wird dabei als digitale Big-Brother-Krake gezeichnet, die demnächst die Weltherrschaft an sich reißen wird. So machen die Verlage Stimmung für ein kritisches Publikum zu ihren Gunsten.
Vollends zum vielstimmigen Orchester gegen den Quasi-Monopolisten komplettieren die anderen Initiativen der Verleger das Bild: Gegenüber Google fordern die Verbände unter dem Motto 'fair share' und 'fair search' Beteiligungen an den Erlösen. Mit der gleichen Argumentation "könnte jeder, der im Google Index enthalten ist, Anteile von Google verlangen und nicht nur unsere deutschen 'Qualitätsjournalisten'", hält Andreas Hoffmann diesem Begehren entgegen. In der Politik werben die Verleger wiederum für ein neues Leistungsschutzrecht speziell für sie. Es soll Urheber geben, die darin eine 'unfair robbery' sehen, von der sie gar nichts haben: Während Autoren und Fotografen mittels 'total buy-out' in der Regel nur einmal eine Vergütung erhalten, wollen Verleger gleich mehrfach kassieren.
Schließlich gibt es noch den Gesetzesentwurf aus dem Haus des frischgebackenen FDP-Bundeswirtschaftsministers Rainer Brüderle zu einer Kartellrechtsreform. Laut Referentenentwurf soll danach künftig folgende Verschärfung in Kraft treten: "Sind hoch konzentrierte, gesamtwirtschaftlich bedeutsame Märkte betroffen, muss ein Missbrauch der Marktbeherrschung nicht nachgewiesen werden." Bislang wurde meist spekuliert, dass diese Regelung vor allem auf die Entflechtung großer Energieversorger abziele. Ginge der Entwurf so durch, ließen sich aber auch andere Konzerne in Deutschland 'entflechten' - eben ohne einen Missbrauch nachweisen zu müssen, wie bislang. Ein solcher Konzern könnte dann auch Google heißen - zur Freude der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage. So gestand etwa der oberste Öffentlichkeitsarbeiter des Axel Springer Verlages , Christoph Keese , bei einer Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung freimütig, dass derzeit das Kartellrecht gegenüber dem geforderten Leistungsschutzrecht sicherlich "die schärfere Waffe" sei, um Google beizukommen.
Andere Verbände sehen das kritisch. So hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) , ansonsten intimer Gegnerschaft zur schwarz-gelben Regierung eher unverdächtig, kürzlich harte Worte für diese Gesetzespläne gefunden: "Die Regelung widerspricht unserer Wettbewerbsordnung und ist wegen des eklatanten Eingriffs in die unternehmerische Freiheit verfassungsrechtlich bedenklich", rüffelte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf das Vorhaben. Allein die Größe eines Unternehmens könne kein Maßstab dafür sein, dass es sich um "sozialschädliches Eigentum" handle. Jeder Eingriff in Unternehmenssubstanz und unternehmerische Selbstbestimmung bedürfe einer besonderen Rechtfertigung, stellte Schnappauf klar.
