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DLD: Burdas Digital-Theater, Schurke inklusive

28.01.2010 Anfang Januar blocken Medienmanager drei Tage für den DLD im Kalender. Um zu erfahren, was "Digital, Life, Design" umtreibt, treffen sich in München Künstler, Geeks, Medienbosse, Designer und sogar Nobelpreisträger. Doch eigentlich ist der Zukunftskongress was ganz anderes. Eine Bestandsaufnahme.

 (Bild: obs/Bregenzer Festspiele GmbH)
Bild: obs/Bregenzer Festspiele GmbH
 (Bild: obs/Bregenzer Festspiele GmbH)
Bild: obs/Bregenzer Festspiele GmbH
Wohin entwickelt sich das Netz? Welche Neuerungen, Trends und Chancen bietet es? Welche Auswirkungen haben Technologien auf unser Leben? Diese Fragen werden jährlich auf dem DLD   in München erörtert. Als Mischung aus Konferenz, Think-Tank, Branchentreff und Promotionveranstaltung angelegt, geht die Burda-Veranstaltung inzwischen ins sechste Jahr. Die Organisatoren versuchen, mit namhaften Referenten in drei Tagen Vorträge über globale Trends, digitale Neuerungen und neue Business-Modelle   in die lauschende Öffentlichkeit zu bringen.

Veranstaltet wird der DLD von Verleger Dr. Hubert Burda ("Bunte", "Focus" et al.) und Internet-Investor Joseph "Yossi" Vardi . Insgesamt 800 Personen kamen dieses Jahr von Sonntag bis Dienstag, die meisten auf Einladung. Zum ersten Mal wurden auch Tickets zum Preis von 2500 Euro verkauft.

Zumindest der veröffentlichte Hype ist groß, weswegen sich die Frage stellt: Lohnt sich der Geld- und der Zeitaufwand für Interaktiv-Profis, um an dieser Konferenz teilzunehmen?

Erster Akt: Der Kongress


Traditionell beginnt der DLD im Museum. Exzellente Führungen durch Münchens Museen sollen den Kopf frei machen für neue Ideen und Zusammenhänge. Das ist auch notwendig, denn die Themendichte, die auf den Besucher einprasselt, ist beachtlich. 40 Vorträge wurden 2010 gehalten; die Bandbreite reichte von China über Oper, von Solartechnik über globales Kapital, von digitaler Identität zur Dekade der Frauen. Die Panels, von denen meist zwei parallel stattfinden, sind hochkarätig besetzt.

Ein Ausschnitt aus der Teilnehmerliste 2010:
  • Nobelpreisträger Martti Ahtisaari,
  • Bestsellerautor Frank Schätzing,
  • Wikipedia-Gründer Jimmy Wales,
  • Mozilla-Managerin Mitchell Baker,
  • Skype-Gründer Nils Zennström,
  • FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher,
  • Filmemacher Alexander Kluge,
  • Regisseur Christopher Schlingensief.

Vor allem Künstler, deren Sensoren feiner geeicht sind (oder die durch andere Burda-Medien den Veranstaltern bekannt sind), sind auf dem DLD zahlreich vertreten. Sie bieten einen guten Kontrapart zu der wirtschaftlichen Sicht, die auf solchen Veranstaltungen sonst dominiert.

Was dem DLD jedoch fehlt, ist die Streitbarkeit. Gerade in den ersten Jahren hatte der Zuhörer das Gefühl, mehr Konsens als Diskurs zu hören. Nur sofern die Zeit es zulässt, finden Publikumsdiskussion statt. Außerdem braucht man nicht zu erwarten, wirklich heiße Neuerungen mitzubekommen. Die meisten Ideen, die hier präsentiert werden, sind bereits marktreif.

DLD auf einen Blick
Konzept: dreitägige Konferenz mit zirka 40 Beiträgen zum Thema Zukunft, Trends und Digitales.
Stärken: Hochkarätige Panels.
Schwächen: Viele ausgerufene Trends sind bereits Mainstream.
Teilnehmer: etwa 800.
Preis: Bisher auf Einladung, für Interessierte 2500 Euro.
Das liegt aber an der Absicht der Veranstalter: Es soll ein Wohlfühl-Event für die Branche werden, eine digitale Bambi-Verleihung. Kein Diskurs, keine Branchenveranstaltung. Wo Gegenpositionen gesetzt werden, da sind sie geplant und dienen dem Hausherrn: Google gegen die Verlage wurde 2010 schon in der zweiten Auflage gegeben - letztes Jahr dominierte Burdas Satz der lousy pennys die Veranstaltung.

Am Ende gab's folgerichtig eine versöhnliche Geste von Big Evil: Google   verschenkte hunderte Nexus-One-Handys an die DLD-Teilnehmer.

Zweiter Akt: Die Kontaktbörse


München ist für sein "Sehen und gesehen werden" bekannt - auf den DLD trifft das voll zu. Eine der großen Stärken der Konferenz ist das kleine Atrium des HVB-Forums. Hier treffen sich in den Pausen zwanglos Zuschauer, Referenten, Journalisten und andere Teilnehmer, um miteinander zu reden oder Geschäfte vorzubereiten. Gerade die lockere Atmosphäre macht es einfach, unproblematisch Business-Kontakte zu knüpfen. Auch die jährlich stattfindende "DLD Starnight" in der Münchner Edel-Diskothek P1 mit rund eintausend Gästen gehört zu den Highlights.

Hier unterscheidet sich der DLD allerdings nicht von anderen Branchentreffs - entscheidend ist lediglich, wer dorthin kommt und wie man ihn kennenlernt. Von der schlichten Größe ist die Veranstaltung im oberen Viertel der Branchenveranstaltungen.

 (Bild: Anatol Locker)
Bild: Anatol Locker

Dritter Akt: Die Öffentlichkeit

Burda bespielt die Kommunikationskanäle professionell, um dem eigentlichen Zweck der Veranstaltung gerecht zu werden: In der Webgemeinde positive PR zu erhalten. So hat man bei Sevenload einen Channel eingekauft  , erstmals wurden 2010 auch Live-Blogs, Twitter   (Hashtag #DLD10), Facebook-Gruppen und Tinker zum schnellen Austausch von Informationen und Klatsch betrieben.

Tatsächlich ist zumindest in Twitter die kommunikative Nachhaltigkeit überschaubar. Die Twitter-Statistik zeigt, dass über die Veranstaltung fast ausschließlich während der Veranstaltung kommuniziert wurde:

Im Web ist die Veranstaltung natürlich mit zeitlicher Verzögerung präsent. Vergleicht man sie allerdings mit einer (noch nicht virulenten) Veranstaltung wie die CeBIT, dann zeigt sich, dass das Online-Medienecho eher verhalten ist. Zudem gibt Google Insight für Search an, dass die Suchanfragen zum DLD fast ausschließlich aus Bayern stammen, während nach "CeBIT" neben Bayern auch Hessen, Rheinland-Pfälzer, Niedersachsen und NRW-Bürger suchen. Spricht für einen eher regionalen Bezug der Veranstaltung:

 (Bild: Anatol Locker)
Bild: Anatol Locker

Der DLD diffundiert natürlich auch in die klassischen Medien, wobei vor allem der Aspekt "die armen Verlage gegen das böse Google" im Vordergrund steht - ganz im PR-Sinn von Dr. Hubert Burda.

Der Netzökonom der FAZ   beispielsweise transportierte einmal mehr die Forderung der Verleger, Google möge doch bitteschön mehr Transparenz walten lassen und jubelte den peinlichen Auftritt von Paul-Bernhard Kallen, zum "Highlight der Veranstaltung" hoch.

Dieser hatte die AGBs von Google vorgelesen, die seiner Ansaicht nach klar machen würden, "dass Google nicht klar machen will, nach welchen Kriterien andere Unternehmen in welcher Höhe an Werbeerlösen beteiligt werden". Und die Neue Zürcher Zeitung   kam in einem Kommentar zu Ergebnis, der DLD zeige überhaupt "die Entzauberung der digitalen Welt".

Vierter Akt: Die vier Trends des DLD 2010


  1. Ge-fähr-lich
    "Gefahr", "Tsunami", "Zerstörung", "Krise": Ganz oft ging es bei der Veranstaltung mehr um die Gefahren als um die Chancen. Ein ziemlich deutscher Event, eben. Mit ziemlich vielen ziemlich deutschen Medien-Managern. Schließlich ist Jammern die Sprache der Deutschen Verleger.

  2. Social Gaming
    Die Stars der Gaming-Branche heißen nicht mehr Nintendo   und Electronic Arts  , sondern Playfish   und Zynga  . Die verhältnismäßig kleinen Firmen rekrutieren ihre Kunden aus sozialen Netzen. Mit Erfolg: So zog Zyngas Facebook-Game Farmville innerhalb eines Jahres 74 Millionen User vor den Bildschirm. Auf dem DLD stellte u.a. der Konkurrent Playfish ("Restaurant City") neue Strategien für Social Games vor.

  3. Big Evil Google und der Tsunami Internet
    Seit Jahren verschärft sich die Anzeigensituation deutscher Verleger. Der Trend macht auch vor dem Burda-Verlag nicht halt. "Die Geschäfte macht Google, und wir machen ein langes Gesicht", wiederholte der künftige Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen die Kritik seines Vorgängers vom Vorjahr. Die Intransparenz von Google wurde auf mehreren Panels thematisiert - im Beisein des kalifornischen Konzerns. Neben dem allgegenwärtigen Lamenti vom "Tsunami Internet".

    Disruptiv, zerstörerisch, würden die Unternehmen von Jimmy Wales (Wikipedia), Mitchell Baker (Firefox) und Niklas Zennström (Skype) agieren, kritisierte DLD-Mitbegründer Yossi Vardi beim Eröffnungspanel. Enzyklopädien, Microsoft und Telekommunikationskonzerne seien durch Wikipedia, Firefox und Skype in Bedrängnis gekommen.

  4. Mobil-Sektor expandiert
    Die Öffnung der Betriebssysteme und die Möglichkeit, eigene Software dafür zu entwickeln, hat dem Handy einen unglaublichen Schub gegeben. Parallel wird die Hardware immer besser: Bewegungssensoren und GPS-Module erlauben heute völlig neue Anwendungen. In Location-Based-Services wie Gowalla   und Foursquare   hinterlassen Nutzer freiwillig GPS-Koordinaten, damit Freunde wissen, wo sie sich aufhalten. Die Firmen wiederum werten die Daten aus und platzieren Werbekampagnen örtlicher Geschäfte oder Restaurants - eine von unzähligen Mobil-Anwendungen, über die auf dem DLD gesprochen wurden.

iBusiness-Autor Anatol Locker ist freier Journalist in München.

Thema: DLD: Burdas Digital-Theater, Schurke inklusive

Kommentar von Joachim Graf

Digital-Bambi, weichgespült

Es ist kein Wunder, dass über Promis und Gemenschel mehr berichtet wird als über die Inhalte des "Digital Life Design" (DLD). Denn das Konferenz-Konzept ist "People", nicht "Diskurs". Selbst, wenn einer den Schurken geben muss. Eine sinnvolle Funktion erfüllt die Veranstaltung jedoch auf alle Fälle.

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 (Michael Poganiatz)
Bild: Michael Poganiatz
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