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Agenturen müssen sich selbst und die Demokratie retten
01.08.2025 Sam Altman warnt mal wieder vor KI. Ein Marketingmanöver. Vielleicht sollten wir ihn beim Wort nehmen: Soziale Netze sind schon ruiniert. Vielleicht können wir die Demokratie noch retten.
Verbringt man nur mal ein paar Minuten auf Instagram (was zunehmend aus sich heraus zum Fehler wird), dann sieht man im Falle des Verfassers:
- Ein alternatives Ende zum Film "Titanic", in welchem der Held Jack überlebt, nur um von der Heldin Rose geohrfeigt zu werden, weil er sie nach dem überstandenen Eisberg-Crash direkt mit einer anderen betrügt
- Das notorische Video von Präsident Obama, der im Weißen Haus verhaftet wird (verbreitet vom mächtigsten Mann der Welt)
- Diverse Posts, die allesamt kleinere oder größere Lügen verbreiten, vom Hochhaus in Spanien, bei dem angeblich der Lift vergessen wurde bis zu ekelhaftesten Lügen der unaussprechlichen Partei in Deutschland, deren Name nicht genannt werden soll
- Und, die neueste Epidemie: Gefakte Straßeninterviews aus der Maschine, in denen Reporter Menschen interviewen, die absurde Antworten geben oder während des Interviews von einem Unfall heimgesucht werden (hahaha!)
Dabei gibt es ein leicht anzuhakendes Dialogfeld in vielen Sozialen Medien, mit denen man seine Posts als KI-Inhalte kennzeichnen kann - den nutzt, absichtlich oder willentlich, nur niemand. Meta, die Mutter alle Lügennetze, könnte dagegen vorgehen. Tut sie aber nicht.
Wieso auch: Dann müssten ja die Optiker, Tourismusverbände und Sportartikelhersteller, die in Social Media künstlich generierte Models und Anzeigenmotive posten, auch die Hosen herunterlassen und die gängige Praxis offenlegen, ihre Kampagnen mit AI-Bildern zu illustrieren. Kommt halt nicht so gut, wenn klar ist: Wir haben keine echten Menschen gefunden, die sich mit unserer Brille oder unserem Turnschuh fotografieren lassen wollen. Wahrheit und Authentizität sind Luxusgüter geworden, in die immer weniger Marken investieren, Tendenz steigend. Von den NutzerInnen wollen wir gar nicht reden, die haben wir schon lange verloren.
GenAI ist der E-Roller des Internets: Wo man früher wenigstens minimale Anforderungen wie den Besitz eines Mofaführerscheins erfüllen musste, darf heute jeder Depp mit verbotenem Sozius im Rücken über den Gehweg heizen und Omas erschrecken. Die abgestellten Roller blockieren danach den Bürgersteig und machen ihn unbenutzbar - so wie es die Fakeposts mit dem sozialen Web tun. Es ist als Quelle der Information nicht mehr begehbar.
Kann man dagegen etwas tun? Wenn man wollte, könnte man. Und es sind die Agenturen, die hier besondere Verantwortung haben. Sie könnten ihren KundInnen ausreden, weiterhin Werbegelder an einen Mann namens Zuckerberg zu überweisen, dessen erklärtes Ziel es ohnehin ist, die Agenturen abzuschaffen, oder wie er es formulierte: ""We're going to get to a point where you're a business, you come to us, you tell us what your objective is, you connect to your bank account, you don't need any creative, you don't need any targeting, you don't need any measurement, except to be able to read the results that we spit out." Auf Deutsch: Gebt mir all euer Geld, Marken, dann mache ich den Rest.
Agenturen sollten alles dafür tun, ihren Marken die Teilhabe an diesem kranken, verrotteten System auszureden. Sie schaffen sich selbst ab. Und unsere Demokratie. Denn niemand nutzt KI so fleißig wie die Feinde der freiheitlichen Ordnung, die wir aufgebaut haben, während die Werbenden dafür sorgen, dass die bösartigen Accounts via programmatisch eingeblendeter Werbung refinanziert werden. Thomas Koch, deutscher Mediapapst und Branchenkenner mit fünf Jahrzehnten Erfahrung auf dem Buckel, formulierte es in einer Rede vor Verlegern und Journalisten so: "Am unabhängigen Journalismus richten wir einen nicht wiedergutzumachenden Schaden an. Werbungtreibende und Mediaagenturen zerstören nach und nach die Medienvielfalt, auf die sie für ihre Arbeit angewiesen sind. In nur wenigen Jahren besitzen wir für unsere Werbung nur noch eine Handvoll Online-Plattformen zur Auswahl. Das Geschrei ist groß. Aber der Schaden angerichtet und kann nicht einfach wieder gutgemacht werden."
Und er formulierte eine klare Ansage an die Marken und Dienstleister: "Werbungtreibende müssen ernsthaft überlegen, ob sie weiterhin auf X , Facebook , Instagram und TikTok - erwiesenermaßen schädlich für die Gesundheit unserer Kinder - werben wollen. Was ist wichtiger? Ein paar Klicks, die man auch woanders kaufen kann oder Brand Safety - und der Erhalt unserer Demokratie und unseres gesellschaftlichen Systems?" Leider scheint das nicht wirklich eine rhetorische Frage zu sein, sondern eine, über die viele in der Branche ernsthaft nachdenken müssen. Bestenfalls. Den meisten scheint es einfach scheißegal.
Sam Altman hat indes bekundet, wie dolle er Angst vor dem nächsten Update seines Content-Frankensteins ChatGPT habe, das immer effektiver gestohlene Inhalte aus dem Web zu Inhaltsmonstern zusammensetzt. Das tut der Kerl dauernd: Angstmarketing nach dem Motto, das eigene Produkt sei so gut, dass man selbst davor erschrecke.
Vielleicht sollten wir Altman mal blöd gucken lassen und ihn nicht nur emotional beim Wort nehmen, sondern Taten folgen lassen: Eine politische Regulierung von GenAI muss her. Für einen Schutz der Urheber, deren Inhalte für das Training gestohlen werden, für den Schutz der diskriminierten Opfer, für den Schutz unserer Demokratie.
