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Digital Natives: Warum es sie in Wahrheit gar nicht gibt
03.11.2010 Es gibt keine 'Digital Natives'. Zumindest nicht so, wie sie sich die 'Digital Immigrants' vorstellen. Denn die Diskussionen um die Webkompetenzen der Jugendlichen spiegeln weit mehr die Erwartungen der Älteren wider, als dass sie ein reales Bild der jungen Generation zeichnen. Die Wirklichkeit der interaktiven Medien sieht anders aus.
Sie geistert schon seit dem Jahr 2001 durch die Medien, als der US-amerikanische ELearning-Experte Professor Marc Prensky den Begriff "Digital Natives" erfand und mit ihm die jüngere Generation den Jahrgängen gegenüberstellte, die vor dem Siegeszug des Computers geboren sind ("Digital Immigrants"). Und sie befeuert Kulturpessimisten in ihrer Klage, wie wenig Ahnung die digitalen Eingeborenen auch ein knappes Jahrzehnt seit ihrer Entdeckung vom Internet haben.
In der ganzen Diskussion um die Digital Natives wird oft vergessen, was es eigentlich heißt, wenn sich ein Medium in einer Gesellschaft durchsetzt, kritisiert der Kultursoziologe Prof. Dr. Armin Nassehi . "Früher hat man ferngesehen um des Fernsehens willen. Da hat man schon drei Tage im Voraus darüber gesprochen, dass man fernsehen wird. Heute ist das Fernsehen ein unsichtbares Medium geworden. Man merkt nicht, dass man fernsieht, weil es selbstverständlich ist", erinnert Nassehi. Und so sei es inzwischen auch mit dem Internet.
Die Option, an Informationen zu kommen, sei heute so selbstverständlich, dass man das selber gar nicht merke. E-Mail, SMS und Internet gehören zum Leben dazu wie Freunde, Sport etc. "All das wird flankiert durch ein Medium, das man gar nicht mehr als Medium wahrnimmt. Aus dieser Perspektive sind die Jugendlichen Digital Natives", definiert der Soziologe. Ein Leben ohne Handy und Web ist für sie nicht vorstellbar, während für Generationen vor ihnen mehr Aufmerksamkeit für digitale Medien erzeugt werden muss, da für sie diese Dinge neu sind.
"Die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt ist falsch"
Und sie sind es auch, die regelmäßig hinter den Mediennutzungsgewohnheiten der Jugendlichen den Untergang des christlichen Abendlandes vermuten. Computerspiele machten aggressiv und führten zu sozialer Isolation, das stundenlange Surfen und Chatten beeinträchtige die Kids im Aufbau und der Pflege "realer" sozialer Kontakte, postulieren sie . Armin Nassehi sieht hierin gleich zwei Denkfehler: "Die Diskussion um Digital Natives geht oft in die Richtung, dass Freunde nur noch ein Button bei Facebook sind: Das stimmt ja empirisch gar nicht. Sie treffen ihre Freunde sowohl hier als auch dort. Sie brauchen die Medien, um ihre Freunde außerhalb des Webs tatsächlich treffen zu können." Zudem machen ältere Beobachter des neuen Medienverhaltens den Fehler, zwischen realen und virtuellen Welten zu unterscheiden. "Das ist totaler Blödsinn", winkt Nassehi ab. "Das hat es auch im 17. und 18. Jahrhundert gegeben, als über Bücher diskutiert wurde: Es ist real, Geschichten in Büchern zu lesen. Das war auch eine virtuelle Welt."
Die Herausforderung im Umgang mit jüngeren Generationen liegt in einem ganz anderen Bereich. "Unternehmen machen sich teilweise falsche Vorstellungen davon, was es bedeutet, wenn jüngere Arbeitnehmer ganz selbstverständlich ihre Alltagsorganisation und Kommunikation über das Internet abwickeln", hat Nassehi beobachtet. Dieses Phänomen setzt sich wie in allen anderen Medien dadurch durch, dass Generationen heranwachsen, die ganz selbstverständlich damit umgehen. Statt über den Niedergang von Kultur zu diskutieren, sollte man sich die Frage stellen, wie diese sehr gut vernetzte Generation die Arbeitswelt verändern wird .
Die Unter-25-Jährigen kämpfen mit ganz anderen Problemen: Die permanente Erreichbarkeit und Kommunikation in Echtzeit führt dazu, dass bestimmte Dinge nicht mehr funktionieren. Es ändert sich die Fähigkeit, mal nicht mit der Welt zu kommunizieren, und das ist für Jugendliche dramatisch. "Aber das ist bei Medien immer so", wiegelt der Soziologe ab. "Man nutzt sie erstmal, findet sie unglaublich spannend und muss dann Formen finden, sie einzuschränken."
"Sie sind kaum in der Lage, mal nicht zu kommunizieren"
Ein Phänomen gibt es aber dann doch, über das sich das Web von allen anderen Medien unterscheidet und das Eltern und Erzieher alarmiert: "Die Einschränkung ist gerade bei den Echtzeitmedien vergleichsweise schwierig: Ich bin selten zehn Minuten ohne Wissen darüber, welche E-Mail ich bekommen habe", räumt selbst Digital Immigrant Nassehi ein. "Das taktet das Leben anders als es sein sollte, und dafür muss man Formen finden." Für Jüngere ist es so attraktiv, permanent in Echtzeit zu kommunizieren, dass für vieles andere dann keine Zeit ist. Das Alltagsbild des Jugendlichen, der ununterbrochen auf sein Handy starrt und tippt und sich dabei von der Außenwelt isoliert, stimmt aber nur teilweise. Denn sie isolieren sich nicht oder vereinsamen gar, eher im Gegenteil: Sie sind kaum in der Lage, mal nicht zu kommunizieren.Ansonsten ist ihr Medienverhalten nur rezeptiv und passiv, bemängeln ältere Medienbeobachter. Spiegel-Autor Manfred Dworschak fasst es unter der Überschrift "Null Blog" zusammen und beruft sich auf eine Studie des Hans-Bredow-Instituts zur Nutzung des Web 2.0 : "Ganze drei Prozent der jungen Leute schreiben selbst ein Blog. Und nicht mehr als zwei Prozent beteiligen sich regelmäßig an der Wikipedia oder sonst einem vergleichbaren Freiwilligenprojekt. Nicht minder konsequent ignoriert die Null-Blog-Generation kollektive Linksammlungen wie Delicious oder Foto-Gemeinschaftsportale wie Flickr und Picasa . Das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbürgern der Zukunft offenbar völlig egal."
Soziologe Nassehi widerspricht: "Es ist ein aktives Medienverhalten in einer Echtzeit, die wenig Aufschub ermöglicht." Die Debatte über die Passivität (Jugendliche bloggen nicht etc.) offenbart vor allem eins: Dass sie aus Journalistenperspektive geführt wird, noch dazu mit der naiven Erwartung, dass die im Internetzeitalter Geborenen zwangsläufig dazu berufen sind, hochwertige Sachen über Blogs zu veröffentlichen und den Journalismus neu zu erfinden. "Aktiv heißt lediglich, dass man mit den Medien Leute ansprechen kann: Man muss selber etwas tun. Aktiv heißt nicht, dass neue Öffentlichkeiten entstehen", rückt Nassehi das Bild gerade.
Digital Immigrants in der Pflicht
Carta-Autor Matthias Schwenk nimmt die im Spiegel-Artikel zitierten Kritiker ihrerseits in die Pflicht: "Der schön gewählte Titel des Spiegel-Textes, "Null Blog", trifft so gesehen in seinem Kern gar nicht die heutige Schüler-Generation, sondern fällt auf deren Eltern, Lehrer und die Politik zurück. Denn diese Generation ist es, die keinen Bock auf eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Internet hat und die nicht sehen will, dass Deutschland in diesem so wichtigen Zukunftsbereich kaum ein Bein auf den Boden bekommt (außer vielleicht in Fragen der Regulierung des Netzes)."
Zweifellos sind viele Jugendliche und junge Erwachsene im Umgang mit sensiblen Daten im Netz zu arglos und gehen mitunter völlig unkritisch mit Inhalten im Web um. Aber auch dieser Zustand lässt sich auf einen Vorwurf zurückführen, den sich jeder in seiner Jugend schon einmal anhören musste: Die Jugend kann und weiß zu wenig. In der Pflicht, an diesem Zustand etwas zu ändern, sehen sich dagegen die wenigsten Digital Immigrants.
Dass Jugendliche nicht googeln können , ist für Nassehi völlig normal: "Man muss bei jeder Neuerung Kompetenzen erst erwerben." Diese Aufgabe obliegt auch der Schule, die zwar den "sinnvollen Umgang mit neuen Medien" in den Lehrplan mitaufgenommen , ihn aber nicht standardisiert oder fächerübergreifend vernetzt hat. Das bedeutet, wie gut der Umgang mit neuen Medien vermittelt und trainiert wird, hängt von der Kompetenz und dem Engagement des einzelnen Lehrers ab.
Neue Kompetenzen für neue Lebensformen
Der Nachholbedarf in Sachen Web-Kompetenz hört auch an den Universitäten nicht auf. "Es herrscht wenig kritisches Bewusstsein dafür, was man aus dem Netz holt. Man geht mit Wikipedia wie mit einem Lexikon um", erklärt Nassehi. Die Schlussfolgerung, dass da, wo jeder etwas rausholt, auch jeder etwas einstellen kann, hat für die Studierenden keine Konsequenzen. Im Gegenteil: Erstaunlicherweise stellt man fest, dass Wikipedia kaum schlechter ist als die teuer gekauften Lexika. Nur bietet das Web oft andere Texte als gedruckte Inhalte, die durch eine Redaktion gegangen sind.Man braucht im digitalen Zeitalter also neue Kompetenzen. Das bedeutet auch, neue Formen des Lesens und Schreibens zu finden. Denn Studien belegen: Die Lesekompetenz schwindet . Auch an Universitäten greift dieses Phänomen um sich, hat der Münchner Professor Nassehi beobachtet: "Meine Studenten sind gewohnt, Dinge in einer Form zu bekommen, wie sie auch auf einer Website steht. Ich kann denen heute nicht 150 Seiten in der Woche zum Lesen aufgeben. Die Frage ist, wie man mit einem Hypertext ähnlich intelligente Dinge machen kann, wie mit einem Fließtext. Das muss sich kulturell entwickeln und hier gibt es noch erheblichen Nachholbedarf."
Menschen, die mit den digitalen Alternativen aufgewachsen sind, lernen, arbeiten, schreiben und interagieren anders als noch die Generationen zuvor. Diesen Grundsatz hat aber nicht das Internet erfunden, er gilt für alle Medien, skizziert der Soziologe: "Es enstehen neue Lebensformen durch die Medien. Nationalstaaten hätte es ohne die Zeitung nie gegeben, unsere Popkultur würde es ohne das Fernsehen nicht geben." Nach seiner Einschätzung könnten aber digitale Medien stärker verändern als Medien zuvor, weil das Neue die totale Echtzeit ist: Man kann permanent an Netzwerke angekoppelt sein, wenn man will. Das macht die Welt schneller und komplexer.
