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Internetagenturen: Eine Branche im Höhenflug
12.04.2013 Die Wachstumsdelle der vergangenen 24 Monate ist ausgebügelt: Die Frühjahrsumfrage zum interaktiven Wirtschaftsklima spiegelt eine so gute Branchenstimmung wider wie seit Jahren nicht mehr. Aber nicht jedes Agentur-Segment wächst gleichermaßen gut.
Im Vergleich zu den vergangenen Umfragen haben sich das Stimmungsniveau zum allgemeinen Wirtschaftsklima und die Einschätzung der eigenen Umsätze, der härteren Währung, verbessert. Die befragten Geschäftsführer schätzen ihre eigenen Umsätze außerordentlich optimistisch ein. Sie erreichen den zweithöchsten Wert (nach Winter 2010) seit dem Jahre 2000. Auf einer Skala zwischen minus fünf und plus fünf liegt dieser Wert bei sehr guten 1,07 (Winter 2010: 1,19).
Besonders erfreulich dabei ist, dass die Einschätzung zum allgemeinen Wirtschaftsklima mit einem Indexwert 1,04 nur marginal niedriger ist. Die beiden Indexwerte liegen damit allmählich auf einem gleichen soliden Niveau. Und das bedeutet, dass die gute allgemeine Grundstimmung auch tatsächlich mit guten Umsätzen untermauert wird. Eine sehr reale Branchen-Einschätzung. Denn in der Vergangenheit waren die allgemeinen Erwartungen an das Interaktivgeschäft häufig deutlich höher als die tatsächlichen Umsätze hergegeben haben.
Ein Vergleich mit dem (an die Ordinate angepassten) IFO-Geschäftsklimaindex zeigt, dass das interaktive und das allgemeine Geschäftsklima nach wie vor weitgehend parallel laufen. Das Internetgeschäft liegt auf höherem Niveau. Es weist zudem geringere Schwankungen auf. Jetzt im Frühjahr ziehen beide wieder ordentlich an. Zweimal im Jahr ermittelt die iBusiness-Redaktion das interaktive Wirtschaftsklima. Hierbei werden die Multimedia-, ECommerce- und Internet-Dienstleister und -Agenturen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer Online-Umfrage zur Entwicklung und der Auftragslage ihres Unternehmens und zum generellen Wirtschaftsklima befragt.
Für den drastischen Aufwärtstrend bei der Einschätzung der eigenen Umsätze seit einem Jahr sind maßgeblich zwei Teilsegmente der Interaktivwirtschaft verantwortlich: das Mobile- und das Social-Media-Segment. Das belegt die aktuelle Auswertung des Wirtschaftsklimas erneut.
Der Rubel rollt: Mobile und Social Media sind keine Hypes mehr - sondern reales Geschäft
War das Segment Mobile in der Vergangenheit über Jahre ein außerordentliches Hype-Thema, ist es inzwischen einer der wichtigen umsatztreibenden Bereiche in der Interaktivwirtschaft. Bisher schätzten die Umfrageteilnehmer zwar die allgemeine Wirtschaftsstimmung bei Mobile-Projekten immer als sehr hoch ein - relativ mies fielen jedoch die Werte bei den eigenen Umsätzen aus. Nun ist der überbordende Optimismus einer realen positiven Einschätzung gewichen: Sowohl die allgemeine Stimmung als auch die realen Umsätze nähern sich an - und zwar auf sehr, sehr hohem Niveau. Die eigenen Umsätze aus dem Marktsegment Mobil erreichen sogar den höchsten Indexwert in der gesamten Auswertung. Auch die allgemeinen Erwartungen sind in diesem Bereich am höchsten. Das heißt, die Interaktivbranche rechnet mit sehr hohen Chancen in dem Segment Mobil, die mittlerweile auch mit realen Umsätzen gestützt werden.
Das Thema 'Mobil' wird also für Agenturen zu einem viel versprechenden Standbein. Mobile hat den Markt endgültig durchdrungen und ist im Mainstream angekommen - Netzinfrastruktur und die Technik stehen bereit. Und eines zeigt sich dabei immer deutlicher: Mobile läutet eine neue Ära im Umgang mit dem Internet und der Technik ein. Für Agenturen ergibt sich eine Vielzahl verschiedener neuer Projekt-Chancen, die von Unternehmen auch in Auftrag gegeben werden. Bisher fehlten schlicht die Projekte. Das Ergebnis der Wirtschaftsklima-Erhebung zeigt: Inzwischen produzieren die Interaktiven wohl wirklich im Kundenauftrag Apps und mobile Websites, kümmern sich um Mobilwerbung und passen Softwarelösungen einer zunehmend mobilen Nutzung an.
Allerdings zeigt sich auch, dass in diesem mobilen Bereich künftig noch sehr viel Luft nach oben ist. Denn nach wie vor wird noch viel experimentiert, weil nicht richtig klar ist, was die Nutzer wollen und wie sich die Projekte monetarisieren lassen. Vor allem die Content-Anbieter hoffen weiterhin auf Erfolg versprechende Monetarisierungsmodelle - die sich allerdings bisher nur für die wenigsten realisieren lassen.
Unter dem Strich sorgen neue mobile Betriebssysteme wie der erfolgreiche Start bei Blackberry, Windows-8-Start und die wachsende Mobildurchdringung auch in der klassischen IT und bei relativ internetfernen Unternehmen für Mobil-Bedarf. App-Entwicklung und Mobilintegration sind darüber hinaus auch Felder, in denen die klassischen Konkurrenten der Interaktiven - die Werbe- und PR-Agenturen - nicht mithalten können oder wollen. Neu-Etats landen eher im interaktiven Feld.
Ähnlich verhalten sich die Entwicklungen im Bereich Social Media. Die aktuellen Einschätzungen sind fast identisch mit denen im Herbst 2012. Die Umsätze der Interaktivprofis decken sich nahezu mit den Erwartungen der Branche - ebenfalls auf hohem Niveau. So etablieren sich Projekte rund um Social Media zunehmend als konstante und vor allem rentable Umsatzquelle für einen Großteil der Branche. Die Unternehmen erkennen, wie wichtig das Thema ist und nehmen es ernst. Auch wenn sie Social Media teilweise ins eigene Tagesgeschäft aufgenommen haben, entsteht zusätzlicher Bedarf, der zuvor nicht erkennbar war: Seien es Themen wie die Installation von Social CRM oder Social-Media-Analysetools, sei es die Ausweitung der Social-Media-Aktivitäten von Unternehmensabteilungen, die bislang abseits standen und nun Blut geleckt haben.
Brot- und Buttergeschäft: Online- und ECommerce-Projekte stabil auf hohem Niveau
Deutlich stabiler und ausgewogener zeigen sich seit Jahren die klassischen Segmente E-Commerce und Online. Sie sind beziehungsweise bleiben ein rentables Geschäft und sorgen für volle Auftragsbücher. Vor allem im Bereich Online liegen die allgemeinen Einschätzungen (2,88) und die eigenen Umsätze (2,56) nahezu auf einem gleichen, sehr hohen Niveau - eine realistische Einschätzung. Im Vergleich zur Herbstauswertung haben die beiden Einschätzungen sogar einen Satz nach oben gemacht und angezogen. Schlussfolgern lässt sich daraus, dass der Markt für klassische Onlineprojekte sowie Onlineshops noch lange nicht gesättigt ist. Die Nachfrage von Bestandskunden und Neukunden nach entsprechenden Projekten ist ungebrochen hoch.
Mit ECommerce-Projekten verdienen die Interaktivdienstleister ebenfalls gutes Geld. Hier bleibt offensichtlich die Nachfrage zur Realisierung und Pflege im E-Commerce bestehen. Das macht sich in der Einschätzung der Multimedia-Geschäftsführer zu ihren eigenen Umsätzen fest. Sie liegt hier bei einem Indexwert von 2,36. Ebenfalls eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum Herbstwert (1,46). Die Einschätzung des allgemeinen Klimas in diesem Segment liegt mit einem Indexwert von 2,38 auf dem gleichen ausgezeichnet hohen Niveau.
Seit Jahren wird in diesem Markt sehr gutes Geld gemacht, obwohl mit einem Boom nicht mehr zu rechnen ist. Da die meisten Unternehmen mittlerweile ihren eigenen Onlineshop haben, verdienen Multimedia-Agenturen in diesem Marktsegment vor allem an Kleinprojekten. Ganz nach dem Motto: Der Shop ist da, jetzt fehlt der Feinschliff. Onlineshopbetreiber investieren vor allem in Customer Relationship Management: EMail-Marketing, Marktforschung, Produktinszenierung und Geld fließt eher in Agenturen als in automatisierte Tools. Viele Kleinprojekte füllen daher die Auftragsbücher der Agenturen.
Für Überraschung sorgt immer wieder der Bereich Intranet. Auch wenn dieses Segment nur sehr selten im Fokus der Öffentlichkeit steht, gehört es kontinuierlich zu den wichtigsten Umsatzbringern der Internetbranche. Seit vielen Jahren werden hier stabile Umsätze generiert. Sie haben sich auf einem recht hohen Niveau eingependelt. Der Auswertung zufolge liegen die allgemeinen Markteinschätzungen (Index 1,00) etwas über denen der eigenen, realen Umsätze (Index: 0,92), was ebenfalls eine solide Markteinschätzung widerspiegelt.
Allerdings: Begeisterungsstürme sehen in Statistiken auch anders aus. Lange Projektakquisezeiten, extrem hohe Kundenbindung und vor allem der doch harte Wettbewerb der Interaktivagenturen mit den IT-Systemhäusern und IT-Beratern lassen hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Nischenmärkte haben es schwer - abgesehen von E-Learning
Recht solide zeigt sich die Entwicklung in dem Projekt-Nischenmarkt E-Learning. Hier hat der Index für die eigenen Umsätze von 0,33 auf 0,42 leicht angezogen. Die allgemeinen Erwartungen in diesem Segment fallen mit einem Indexwert von 0,86 höher aus. Das zeigt, dass die Interaktivbranche erwartet, dass im Bildungs- und Weiterbildungsmarkt künftig stärker als bisher in neue Lernformen investiert wird.
Schwerer hingegen hat es der Markt für Terminals und Digital Signage. Nur wenige Interaktivdienstleister sehen derzeit offensichtlich ein lohnendes Geschäftsfeld in der digitalen Außenwebung. Das belegt auch die Veränderung des Stimmungsindexes zum Herbst 2012. Zwar liegt die Einschätzung zur allgemeinen Wirtschaftslage hier im positiven Bereich, aber die eigenen Umsätze rangieren im Minus. In diesem Bereich könnten politische und wirtschaftliche Unsicherheiten eine Rolle spielen, denn gerade digitale Außenwerbung ist mit enorm hohen Investitionen verbunden, die sich derzeit wohl nur wenige leisten können.
Extrem eingebrochen sind in den vergangenen Jahren die Projekte mit optischen Daten-, Ton- und Bildträgern. Sowohl die Branchenstimmung als auch die Einschätzung der eigenen Umsätze liegen deutlich im negativen Bereich. Mit einem Umsatzwachstum rechnet die Branche in diesem Segment schon lange nicht mehr. Hier findet ein Verdrängungswettbewerb zugunsten von Download-/Streaming-Services und Cloud-Diensten statt.
