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Nach Wave und vor Google Me: Google ohne Konzept für Social Media

09.08.2010 Im Kerngeschäft von Google läuft es weiter gut: Suche und Werbevermarktung bescheren schöne Gewinne. Mit Versuchen im Bereich Social Media dagegen scheiterte der Konzern, zuletzt wurde das Aus für ein eigenständiges Wave verkündet. Die Gründe liegen im Unternehmen.

 (Bild: Screenshot Google)
Bild: Screenshot Google
 (Bild: Google.com)
Bild: Google.com
Es scheint ein Fluch auf allen Bestrebungen von Google   zu liegen, wenn es darum geht, das Kerngeschäft zu verlassen und im Bereich Social Media ein Bein auf den Boden gegen Facebook   zu bekommen. An Versuchen dazu hat es nicht gefehlt:

  1. Buzz sollte dem Microblogging-Dienst Twitter   das Leben schwer machen. Das ging daneben: Twitter erfreut sich steigender Beliebtheit, während Buzz über einen Kreis von Nerds nie hinauskam.
  2. iGoogle wollte dem Hang vieler Nutzer zur Personalisierung ihres Auftritts Rechnung tragen. Doch Personalisierung wird beinahe überall angeboten. Die meisten Nutzer konnten auf iGoogle verzichten.
  3. Wave wurde erst vor wenigen Tagen als eigenständiges Produkt beerdigt. Leider hätten sich nicht genügend Tester für das Produkt begeistern lassen, gestand Senior Vice President Urs Hölzle im Blogeintrag   zerknirscht. Nun soll das Kollaborationstool in andere Produkte integriert werden.
  4. Google Latitude gehört in der Gruppe der Social-Media-Dienste zur Unterabteilung 'Location Based Services': Das Prinzip heißt, finde Freunde in deiner Umgebung. Wurde nicht im gleichen Maß angenommen wie etwa Foursquare  , das über die reine Funktion der Lokalisierung von Freunden hinaus Empfehlungen von Bars, Kneipen und Restaurants zuließ. Für Ortsfremde eine gute Orientierung. Zudem enthält Foursquare weitere Anreize: Wer sich immer wieder am selben Ort einloggt, kann dort zum virtuellen 'Major' (Bürgermeister) aufsteigen und eventuell in seiner Lieblingskneipe mit einem Freigetränk belohnt werden.
  5. Orkut ist bislang das einzige reine soziale Netzwerk aus dem Hause Google. Erfährt starken Zuspruch in Lateinamerika, sonst nur Eingeweihten ein Begriff.


Wave war zu komplex für eine breite Massenanwendung


An der Technik der einzelnen Werkzeuge liegt es nicht, dass der angestrebte Siegeszug im Sande verlief. Eher schon waren Tools wie Wave so komplex, dass Otto Normalnutzer davon abgeschreckt wurde. Leider konnte sich Wave auch in Unternehmen oder Behörden nicht zur Kollaboration durchsetzen.

Elemente von Wave sollen nach Googles eigener Aussage Eingang in andere Produkte finden. Es liegt auf der Hand, dass damit auch ein neues soziales Netzwerk unter dem Banner 'Google Me' (siehe dazu den iBusiness-Artikel über Google Me) gemeint sein könnte. So richtig es ist, wenn sich Google weitere Geschäftsfelder abseits der bisherigen Kernfelder erschließt - es bleibt die Frage, ob Google überhaupt Social Media kann.

Die einzelnen Produkte haben durchaus ihren Charme, zielen aber offensichtlich am Massengeschmack vorbei. Ob das Unternehmen daraus die richtigen Lehren gezogen hat? Während der Erfolg bei Facebook   sich ausweitet über Social Gaming oder seit neuestem durch die virtuelle Währung "Facebook Credits", kommt Google bei seinen Versuchen in Sachen Social Media kaum aus dem Startblock heraus.

Googles Unternehmensphilosophie passt nicht zu Social Media


Bereits während der ersten Gerüchte um Google Me wurde im Silicon Valley darüber spekuliert, dass Google schlicht die richtige Philosophie fehle, um ein erfolgreiches soziales Netzwerk zu etablieren. Gemeint war damit: Google verfüge zwar über Expertise und das richtige Personal, um ein Produkt zu konzipieren und zur Marktreife zu entwickeln. Doch in Sachen Social Media müsse sich das Denken verändern, das Produkt zunächst vom Kunden her gedacht und konzipiert werden, bevor es umgesetzt werden könne. Genau dieses Denken aber wird Google abgesprochen.

Das erklärt sich vielleicht auch aus der Geschichte des Suchmaschinen-Giganten: Mit der Suchmaschinen-Technik fing es an, dann kam das auf Werbung basierende Geschäftsmodell hinzu. Seitdem wurde und wird immer wieder an der Technik geschraubt, verbessert, um dieses Kerngeschäft auch gegen eventuelle Mitbewerber zu schützen, die mit den Entwicklungsschüben in hoher Geschwindigkeit von Google nicht mithalten konnten und bis jetzt können.

Während also Googles Kerngeschäft von Technik getrieben wird, lebt ein soziales Netzwerk von der Begeisterung und Emotion seiner Nutzer. Begeisterung vermochte Google aber nicht zu wecken, und die Emotionen gegenüber dem Suchmaschinen-Konzern kippten zuletzt immer wieder ins Negative (Stichwort Datenschutz, Street View, Schutz der Privatsphäre).

Google betritt den Markt von Social Media zu spät


Der späte Einstieg Googles in den Bereich Social Media wird noch von einem weiteren Faktor behindert: Die anderen sind schon da. Was heißen soll, dass Facebook und Twitter bereits so viele Nutzerzahlen auf sich vereinigen können, dass es für einen weiteren Anbieter schwer wird. Denn wer das soziale Netzwerk wechselt, müsste alle 'Freunde' oder 'Follower' mitnehmen können. Die Vernetzung an sich ist ja eine der Hauptmotive für die Nutzung. Wer sich aber ein entsprechendes Netzwerk erarbeitet hat, steht unter einem weichen Lock-in-Faktor: Wechsel bedeutet dann zunächst immer Verlust. Verlust an Netzwerk, an Freunden und Followern. Wenn Netzwerk eines der Assets für ein soziales Netzwerk ist (was schon die Wortähnlichkeit verrät), dann müssen erst sehr gewichtige und starke Argumente her, bevor ein Wechsel für die meisten Nutzer Sinn macht.

 (Bild: China.org.cn)
Bild: China.org.cn

Einen Vorschlag dazu hat der ehemalige Google-Produktmanager Bindu Reddy auf TechCrunch   formuliert: Google solle zum Start eines sozialen Netzwerks eine Reihe beliebter Celebrities engagieren, die sich als Testimonials zur Anwesenheit auf Google Me begeistert bekennen. Seine Liste umfasst die derzeit üblichen Verdächtigen von Lady Gaga, Justin Bieber und Megan Fox für die jüngeren Zielgruppen bis hin zu Bruce Willis , Jason Statham und Jet Li für die Nutzer fortgeschrittenen Alters.

Ob solche Marketingmaßnahmen alleine reichen, um einem neuen Netzwerk nennenswerten Zuspruch zu bescheren, bleibt zweifelhaft. Schließlich sind auch die Motive der Nutzer, sich in einem sozialen Netzwerk zu engagieren, durchaus verschieden: Ob private Nutzer alte Schulfreunde suchen oder mit neuen Austauschstudenten in Kontakt bleiben wollen, ob Firmenangehörige sich beruflich vernetzen wollen oder für ihre privaten Hobbys - Berühmtheiten sind da jeweils weit weg von den persönlichen Gründen. In den bestehenden Netzwerken sind sie eher ein Löffel Sahne auf dem Kaffee: Ich folge nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch dem Dalai Lama oder Obamas Wahlkampfteam. Für den täglichen Umgang mit den sozialen Netzwerken dürfte derlei aber nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Thema: Nach Wave und vor Google Me: Google ohne Konzept für Social Media

Kommentar von Frederik Birghan

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