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Interaktiv-Trends 2024/2025: ChatGPT und Co. werden das neue Spotify
12.01.2024 Algorithmen werden sich nicht mehr an urheberrechtlich geschütztem Material vergreifen dürfen. Das wird die auf Datenklau gebaute KI-Ökonomie verändern.
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Der erhält als Dank für die Daten, die er den Konzernen in den Rachen schmeißt, meist nicht mehr als Gegenleistung vor lauter nachladender Ads kaum noch konsumierbare Seiten. Diese Datenausbeute hat durch diverse EU-Regulierungen, allen voran die DSGVO, eine minimale Einschränkung erfahren, um die seitdem mit Consent-Bannern herumgeschifft wird. Der Aufschrei der Werbenden war trotzdem enorm. Aktuell entsteht eine neue Ausbeuterindustrie, die als Fundament der aufsehenerregenden Fortschritte Künstlicher Intelligenz dient: Der unverhohlene Diebstahl von Kunstwerken wie etwa Texten und Bildern zu Trainingszwecken für generative KI.
Das Monster frisst seine eigenen Ernährer
Es ist das Amazon-Prinzip: Man macht einen Marktplatz für Shops, auf denen ein brutaler Preiskampf entsteht, saugt die dabei entstehenden Daten ab und verkauft diese dann den Shops zurück: Entweder direkt Markt-Insights oder auf Umwegen, als mit den Daten trainierte Tools und Services.Bei KI ist das große Problem, dass sich die KI-Anbieter selbst damit ins Fleisch schneiden: Amazon kann es egal sein, wenn ein paar Shops pleite gehen, doch wenn die KI menschliche Kunstschaffende im großen Stil arbeitslos macht, gibt es ein Nachschubproblem: Wo sollen dauerhaft hochwertige Daten herkommen, wenn wirklich mehr und mehr 'kreative' Jobs von KI übernommen werden? Irgendwann wird die KI zwangsläufig auf ihre eigenen Produkte zugreifen müssen.
Zumal Kreative sich zunehmend dagegen auflehnen, dass ihre Arbeit benutzt wird, um generative KIs zu trainieren. So bereiten etwa die Schriftsteller Paul Tremblay und Mona Awad Klagen gegen OpenAI vor. Sie glauben nachweisen zu können, dass die Firma ihre Bücher ohne Genehmigung zum Training von ChatGPT herangezogen hat, berichtet The Guardian .
KI wird zu einer neuen Urheberrechtspolitik führen - und einem neuen Wettrüsten
Zudem gibt es nun auch HTML-Befehle, mit denen man Chatbots von der eigenen Seite aussperren kann. So lässt sich verhindern, dass teure und aufwändige Inhalte ins Training der Algorithmen einfließen.Auch die EU und andere regulierende Instanzen werden verstärkt mitreden. Eine Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte ist bereits beschlossen. Vielleicht auch ein OptOut für Kreative, so dass sie standardisiert ihre Inhalte aus Trainingsdatensätzen heraushalten können. Und weitere Urheberrechtsklagen werden nach wegweisenden Urteilen klare Grenzen aufzeigen. Hinzu kommen technische Tools: "Data-Poisoning"-Werkzeuge wie Glaze oder Nightshade wurden dazu geschaffen, urheberrechtlich geschützte Daten entweder vor dem Zugriff von KI zu schützen oder sie so zu manipulieren, dass sie Sand ins Getriebe der lernenden Algorithmen streuen. So schafft es Nightshade schon mit wenigen vergifteten Datensätzen, einen Bildgenerator Katzenbilder auswerfen zu lassen, wenn die NutzerInnen aber Hunde wollten. Es gibt auch digitale Wasserzeichen zur Kennzeichnung 'echter' Bilder und Texte vor KI-Zugriff. Kurioserweise werden die mittlerweile auch unter verdrehtem Vorzeichen verwendet: Man bringt KI-Wasserzeichen in menschengemachten Inhalten unter und behauptet, die echten Bilder seien Fakes. Ein ständig eskalierendes Verwirrspiel und technisches Wettrüsten zwischen Schutz-, Aufspür- und Fälschungssoftwares zeichnet sich ab.
Bald wird wieder gebrüllt werden, dass man die KI zu Tode reguliert, oh weh, oh je. Doch KI benötigt keine Regulierung, um sich totzulaufen. Dass kriegt sie von ganz alleine hin, wenn man sie machen lässt - dann gehen zuerst die guten Daten aus (laut Forschern schon 2026) und dann alle verwertbaren Daten.
Regulation und eine Kanalisierung dieses ungebremsten Hypes werden nicht nur Kreative vor der KI schützen, sondern vor sich selbst.
Die Dämmerung einer neuen Abmahn-Industrie
Wer sich die Mühe gemacht hat, mal das Kleingedruckte von KI-Chatbots zu lesen, entdeckt, dass das Urheberrecht der generierten Texte in der Regel bei der Herstellerfirma liegt. Wer also einen solchen Text auf seiner Homepage veröffentlicht, müsste Tantiemen an einen Hersteller wie beispielsweise OpenAI zahlen. "Hoho, das kann natürlich mir nicht passieren, denn ich schreibe den Text um!" wird da die gängige Antwort lauten, doch ein Bot, der es schafft, sämtliche existierenden Texte nach Mustern zu durchforsten, wird es auch hinbekommen, ein Wasserzeichen in generierten Texten unterzubringen, das man selbst nach x Korrekturschleifen noch nicht beseitigt hat.Das können zum Beispiel mathematische Hinweise in verwendeten Worten und deren Länge, Häufigkeit oder Verteilung sein, die so komplex sind, dass man sie weder bemerken noch entfernen kann. "Will man wissen, was nach Chat GPT kommt, muss man sich fragen, womit sich Geld verdienen lässt", sagt Professor Doktor Julius Schöning, Hochschule Osnabrück , Fakultät Ingenieurwissenschaften und Informatik. "Vor diesem Hintergrund könnte die nächste relevante KI-Technologie eine sein, die Bot-Texte erkennt, sogar redigierte und dann identifiziert, ob ein Text auf einer Homepage von ChatGPT stammt. Und dann machen entweder die Abmahnanwälte oder Firmen mit offener Hand die Runde und kassieren Abmahngebühren ab."
Die andere Seite: KI-Inhalte als urheberrechtlich geschützte Werke
Urheberrecht kann also auch von gegenüber kommen, nicht nur von Seiten der bestohlenen Künstler, sondern der KI-Seite: Hat beispielsweise nicht nur der Tool-Anbieter, sondern auch jemand, der ein KI-Bild oder einen KI-Text promptet, ein Anrecht auf den Urheberstatus? Heise berichtet von dem spannenden Fall des Pekinger Internetgerichts.Das hat dem 'Schöpfer' eines KI-generierten Bildes einen Urheberschutz zugesprochen: Der Kläger teilte ein KI-generiertes Bild in Social Media, ein anderer Nutzer teilte es ohne Erlaubnis, der Kläger klagte und gewann: Der 'Dieb' muss Schadenersatz und Gerichtskosten blechen und im Zuge einer öffentlichen Entschuldigung das Büßergewand überstreifen. Eigentlicher Knackpunkt des Urteils aber ist, dass die chinesischen Richter eine Schöpfungshöhe sahen, also einen ausreichenden Beitrag des Klägers zu dem Kunstwerk, so dass Urheberrecht angewendet werden kann. Das Gericht sprach laut Heise von einem gewissen "Maß an intellektueller Investition" in die Auswahl des Prompts, die Einstellung der Parameter und die Gestaltung des Bildes.
Dieses Urteil ist ein möglicher Präzedenzfall für KI-generierte Inhalte in einem zwar weit entfernten, aber ja nicht gerade kleinen Markt. Zumal chinesische Unternehmen davon profitieren könnten.
In den USA sieht es dagegen anders aus, das US-Copyright Office erkennt nicht KI-generierte Bilder oder Texte selbst nicht als urheberrechtlich geschützt an, sondern nur Kunstwerke, in denen KI-Inhalte eingebaut wurden. Die Werke müssen aber eine vom Menschen eingebrachte Schöpfungshöhe besitzen, die über die Prompts der enthaltenen KI hinausgeht.
China und Staaten wie Russland sind weder als Rechtsstaaten noch als Länder bekannt, in denen der Einzelne viel zählt (eine Voraussetzung für die Anerkennung des Künstlers als Individuum). Hier werden wir vielleicht Sonderwege erleben, in denen die KI ein Primat vor dem Menschen erhält, weil KI ganz im Sinne dieser Staaten agiert: Maschinell, unkritisch, willenlos und mit brutalem Fleiß und unmenschlicher Produktivität. So was gefällt Despoten.
Die Spotifyisierung der KI-Ökonomie
Im ebenso rechtsstaatlichen wie kapitalistischen Okzident, also vor allem EU und USA, werden wir wahrscheinlich rund um KI eine ähnliche Ökonomie entstehen sehen, wie bei Spotify: Der Musikstreaming-Dienst klaut ja auch nicht einfach Lieder und bietet sie zahlenden Nutzerinnen und Nutzern zum Hören an. Spotify macht es viel geschickter: Für die Masse der Lieder zahlt es derart kleine Beträge, die zwar Diebstahl nahekommen, es de jure aber nicht sind. Der plumpe Diebstahl wird durch brutale Ausbeutung versetzt. Bei Spotify verdient eine kleine Elite an Stars, die Taylor Swifts der Musikindustrie, Millionenbeträge, während sich all die Künstler der zweiten und dritten und vierten Reihe um Bruchteile von Pfennigbeträgen balgen müssen.Dieser Fortschritt wird auch die KI ereilen.
