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Kurz beleuchtet - Peanuts, Prediger und Phantasien

von JanaJ

29.09.1995 (iBusiness)Von Joachim Graf
Wir haben dieses Mal relativ lang auf unserer Redaktionssitzung über die Titelgeschichte diskutiert.

"Pleiten" -- ist das überhaupt ein Thema? Wo uns doch wöchentlich die Marktforscher zu neuen Höhenflügen ansetzen, die CD-ROM-Titelflut anschwillt, die Internet-Euphorie ungebrochen ist und kaum ein Gespräch mit einem Dienstleister vergeht, ohne dass die Sprache auf dessen übervolle Auftragsbücher kommt. Außerdem: "Pleite" -- das klingt nach "Tod", "Fäulnis", "Verwesung". Wie Sie sehen können, wir haben uns für dieses Thema entschieden. Denn die nächste Wirtschaftskrise kommt sicher. Und mit ihr die Kürzung der Projektetats. Das Absacken der CD-ROM-Verkaufszahlen. Das Steigen der Zinsen. Das Einfrieren der Kreditlimits. Und dann wird die Multimedia-Branche vor der gleichen Situation stehen wie 1993, wenn sie bis dahin nicht aus der letzen Krise gelernt hat. zwei Hauptusachen haben wir bei unserer Untersuchung für die letztjährigen Multimedia-Pleiten ausgemacht. Managementfehler und Kapitalmangel. Managementfehler im Multimedia-Markt sind vor allem religiös bedingt: Blinder Glaube in Marktwachstum und blinder Glaube in (eigene oder fremde) Technologie. Mehr als ein Geschäftsführer musste in den letzten zwölf Monaten den Gang zum Konkursrichter antreten, weil er blind auf ein Marktwachstum vertraut hat, das dann nicht so, nicht so schnell oder nicht genau an der Stelle kam, wie geglaubt. Und ebenso ging mehr als ein Unternehmen bankrott, weil sechsstellige Beträge in die Entwicklung des eigenen Autorensystems gesteckt wurde und sich niemand die Frage gestellt hat, ob das Produkt vom Markt gewünscht wird und über welche Vertriebskanäle es abgesetzt werden soll. Und wer in den letzten Jahren den Philips-Versprechungen von exorbitanten CDI-Verkäufen im Konsumermarkt vertraut hat und der -- strategisch ebenso kurzsichtigen wie den Entwicklern gegenüber unverantwortlichen -- Entwicklermelk-Philosophie von Philips folgend in die CDI-Entwicklungssysteme investiert hat, bekam Probleme. Ich halte es für keinen Zufall, dass in der Vergangenheit CDI-Systemhäuser ein überproportionales Konkursrisiko hatten. Ein kleiner, proprietärer Markt und hohe Startup-Kosten in einer traditionell unterkapitalisierten Branche geht eben selten gut. Auch wenn Managementfehler vermieden werden: Zuwenig Eigenkapital, das belegt unsere Untersuchung, bleibt die Achillesferse der deutschen Multimedia-Branche. Wer hier auf externe Kapitalgeber hofft, bleibt verlassen. Wir haben uns in den vergangenen Monaten mit den rund zwei dutzend in Deutschland aktiven Risikokapitalgesellschaften in Verbindung gesetzt. Mit kläglichem Ergebnis: gerade mal einer bekundete Interesse an Multimedia-Investitionen. Mit vollwaschbarem Klopapier hat man mehr Chancen als mit Multimedia. Das gilt auch für die Großbanken, mit denen wir gesprochen haben. Erstens sind die Beträge im einstelligen Millionenbereich sowieso uninteressant. Und zum zweiten fehlt dort jedes Interesse daran, so etwas wie Marktwachstums-Phantasien zu entwickeln: "Wir investieren lieber in Medienkonzerne, die kaufen, als in Firmen, die aufzukaufen sind", so die einhellige Aussage aus den zuständigen Medienfachabteilungen. Für alle diejenigen, die weder ein Bügeleisen im Logo haben noch im Tangoschritt 70 Millionen in den Sand setzen können, bleibt deshalb nur eins: In wirtschaftlich guten Zeiten (sprich: den nächsten zwölf bis 18 Monaten) Rücklagen bilden, um auch in der kommenden Rezession mit dem Markt mitwachsen können.
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