Jetzt zum Webinar anmelden
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Angriff der KI-Videos: Schon wieder ein Gamechanger
13.03.2024 Nun leistet Sora für Videos, was ChatGPT für Texte und Midjourney für Bilder getan hat: Es bedroht Existenzen. Ist irgendwer sicher? Ja: Alle, die Potenzial und Grenzen des neuen Tools erkennen.
HANDLUNGSRELEVANZ
|
|
Operativ |
Strategisch |
Visionär |
|
Technik |
|
|
|
|
Medien |
|
|
|
|
Wirtschaft |
|
|
|
|
|
heute |
morgen |
übermorgen |
Vor ChatGPT gab es etwa ein ELIZA und vor Sora kam HeyGen.ai , ein Tool, mit dem man extrem realistische Avatare Erklär-, Marketing oder Verkaufsvideos erzählen lassen kann, das Ganze mit GenAI-basierten Skripten. In beiden Fällen blieb der Hype aus ähnlichen Gründen aus, ELIZA war noch nicht soweit, HeyGen.ai dagegen ist von exzellenter Qualität, aber doch eher spitz und business-orientiert.
OpenAI dagegen hat mit beiden seiner berühmten Tools einen Riecher für den richtigen Zeitpunkt und die richtige Anwender-Zielgruppe bewiesen: Beide kamen erst raus, als die Ergebnisse hochklassig und die Einstiegshürde für die Verwendung unfassbar niedrig waren: Nicht nur konnte jeder glauben, dass diese Inhalte 'echt' sind - auch jeder konnte (besser oder schlechter) welche prompten.
Interessant ist, wie wenig die Branche offenbar imstande ist, Hyperesistenz aufzubauen: Wurden wir damals schon alle arbeitslos angeblich wegen ChatGPT und zeichnet sich nun zwar ab, dass der Arbeitslosenbescheid nicht ganz so heiß zugestellt wie ausgedruckt wird. Aber nun ist es soweit, dieses Mal wird alles anders, denn jetzt kommt Sora und alles wird sich ändern. Was ist dran? Ist dieses Mal wirklich alles anders, also: krasser, schlimmer/besser - je nachdem, wie man es sieht?
ABC
ChatGPT hat nicht die Redaktionen leergefegt und auch nicht den Fachkräftemangel beendet: Es ist ein Tool, das richtig angewendet den guten Leuten enorme Hilfestellungen leisten kann. Oder wie es die Shelly Palmer Group in einer Auslassung formulierte: "Generative KI ist ein Kompetenzverstärker, kein Kompetenzdemokratisator." ("GenAI is a Skills Amplifier, Not a Skills Democratizer".)Mittelmaß bleibt Mittelmaß und gänzlich talentbefreite KollegInnen bleiben auch in Zukunft nutzlos. Gute Leute können de facto produktiver und saubere Prozesse effizienter machen. Und das wahrscheinliche Szenario für Sora lautet: Hier wird es genau so sein.
Der Münchener SEO Severin Luckssieht in Sora enormes Potenzial, um Video-Erstellung mit KI zu vereinfachen. Der Geschäftsführer der Onlinemarketing-Beratung und SEO-Agentur Delucks GmbH bezweifelt aber noch einen kurzfristigen Nutzen für den professionellen Einsatz, da sich Motive und Inhalte vermutlich anfangs nicht standardisieren lassen. "Sobald man aber eigene Assets wie Renderings importieren und standardisierte Anforderungen definieren kann, ähnlich wie eine Custom GPT, kann die Produktion von Videos revolutioniert werden."
Es ist ja eine gern getätigte Behauptung, dass alle denkbaren Fehler bei KI nur eine Kinderkrankheit seien, die das nächste Update kurieren werde. De facto ist die Qualität einiger Anwendungen aber stagniert oder gesunken. Lucks ist hier präziser, wenn er darauf verweist, dass die Video-Revolution nicht auf eine Verbesserung wartet, sondern lediglich auf Schnittstellen zur Personalisierung. Das sieht auch KI-Experte Christian Bennefeld ähnlich: "Man kann noch keinen genauen Einfluss auf Bildsequenzen nehmen oder darauf, in welchem Design die Bilder dargestellt werden. Aber man wird bald schon seine Produkte filmen und in KI-Clips einfügen können", glaubt der Hamburger, der sich auch als Datenschutzaktivist engagiert. "Heute nimmt man Stockvideos und schneidet die Produktdarstellung dazwischen, bald wird das Basis-Video von KI kommen und druch Dateien mit der Produktdarstellung ergänzt werden. Nicht bei Film und Fernsehen, aber bei den kurzen Clips, also vor allem im Werbemarkt wird es massive Verwerfungen geben."
Eine verschwindende Ökonomie: Dienstleistungen der Mitte wandern in die Tools ab
Auch Christian Hoffmeister, der CEO des DCI Institute , geht weniger von flächendeckenden als von regionalen Verwerfungen in der Video-Content-Landschaft aus: "Damit Inhalte bei den AI-Bildgeneratoren gut aussehen, muss man manchmal schon richtig Arbeit investieren", sagt der Hamburger Strategieberater. "Ich nutze solche KI, engagiere für das Prompting aber oft Profis, die Erfahrung und Vorlagen-Datenbanken besitzen. Und Filme sind komplexer als Bilder - wir sind noch weit davon entfernt, dass nun alle Videos generieren können." Der eigentliche Hype bestehe weniger darin, dass wir nun Filmemacher sind, als vielmehr darin, dass alle es glauben, denkt Hoffmeister. Doch für Profiumgebungen werde Sora ein essentielles Thema.Die Mitte werde nicht standhalten können, zitiert Hoffmeister den Hollywood-Drehbuchautor Robert McKee: "Es wird kleine, aber erfolgreiche Influencer geben, die mittels solcher Tools besser und Filmfirmen, die richtig Geld in die Hand nehmen, um zur Spitze zu gehören", glaubt Hoffmeister: "Die mittleren Unternehmen werden zusehen müssen, wie ihre Dienstleistungen in die Anwendungen abwandern"
Der Praktiker: "KI macht alles einfacher - und keiner ersetzt Filme"
Je kürzer die Clips, die eine Agentur herstellt, desto größer die Gefahr einer Abschaffung durch KI, glaubt Christian Bennefeld und sieht hier besonders kleine, agile und schnell bewegliche Dienstleister als Gefahren für die großen Schlachtschiffe: "Schnelle und kleine Agenturen werden für sie ein Gefahrenfaktor sein: Sie schauen sich die Tools an, adaptieren es in der Praxis und versuchen Kunden zu überzeugen."Okan Atabay von der Imagefilm Agentur Köln sollte eigentlich zu den Menschen gehören, die nachts kein Auge wegen Sora mehr zubekommen, doch der Videoproduzent sieht in KI eher einen Helfer als eine Konkurrenz: Die kleinen, austauschbaren Filme kämen schon lange von den Shutterstocks und, für Besserverdiener, von Adobe Stock , sagt er. "Dank KI kann man sich in der Vorproduktion richtig austoben: Man erstellt kleine Demos, zeigt dem Kunden wie eine Szene aussehen könnte." Er nutzt KI bereits als ein solches 'Prävisualisierungstool' für Pitches oder verwendet es als Inspiration in Brainstormings, für Produkte wie Unternehmens- oder Recruitingvideos "Filme sind zu persönlich, die kann eine KI nicht ersetzen.".
Die Zukunft
Bis dahin allerdings, wird das unpersönlich, hektisch runtergerechnete Video boomen, glaubt SEO Severin Lucks: "Ich halte Videos für absolut essenziell im heutigen Marketing-Mix mit großem SEO-Potenzial. Wenn die Video-Produktion einfacher wird, werden wir, zum Beispiel bei Blogbeiträgen und Bildern, eine Inflation schlechter bis mittelmäßiger Inhalte erleben." Wer sich aber konstruktiv damit beschäftige, bekomme durch Sora & Co. "mehr Zeit, um exzellente Inhalte mithilfe von KI zu generieren." Der Tod der Mitte wird offenbar einen kleinen Umweg nehmen, über ein Auflodern des Mittelmaßes.Spannend wird es nochmal, wenn man die verschiedenen Tools kombiniere, die heute noch nebeneinander stehen, sagt Christian Bennefeld: Eine hochwertige Videoproduktion koste ab 5.000 Euro aufwärts: "Und dafür hat man noch keine Musik, keinen Sprecher, kein Skript. Aber das lässt sich heute bereits und künftig noch besser mit KI generieren." Aktuell sei das Problem mit guten Tools wie mit Stable Video Diffusion noch, dass die KI über den Look und die Details eines Films entscheidet. Den Prozess kann man bislang nur mit Tricks lenken.
Videoproduktion via KI hat also heute schon das Potenzial, Agenturumsätze von unten her anzuknabbern, ernstzunehmenden Markteinfluss wird sie also voraussichtlich bekommen, wenn
- kleine Agenturen sich spezialisieren und die größeren als Fachdienstleister angreifen,
- verschiedene Tools entlang der Video-Content-Wertschöpfungskette integriert werden (Musik, Drehbuch, Vertonung),
- die Interfaces eine größere Kontrolle über den Prozess der Generierung zulassen. Dieser Prozess ist allerdings erheblich komplexer und umfangreicher als bei den schon kompliziert zu beeinflussenden Bild-Generatoren.
So sieht Christian Bennefeld in VideoGenAI nicht nur eine Gefahr für manche Agenturen, sondern auch für die Glaubwürdigkeit von Bewegtbild, die sich bislang noch halbwegs behauptet hatte. Wie aber eine KI "minutenlange Videos mit einer eigenen Dramaturgie kreiern soll", da sei er bis auf weiteres noch sehr gespannt.
