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KI

Die Teflon-Technologie: Wie alle Misserfolge an KI abprallen

29.06.2026 Noch immer sind messbare KI-Success-Stories selten. Was sich gut messen lässt, sind jedoch verursachte Schäden, Lügen der Hersteller und Ablehnung der Technologie. Vielleicht messen wir das Falsche?

 (Bild: ChatGPT/Sebastian Halm)
Bild: ChatGPT/Sebastian Halm
Eine Zeit lang hat man in Social Media und Foren die Qualität von KI-Videogeneratoren ja doch tatsächlich mit AI-Animationen des Schauspielers Will Smith   getestet, der Spaghetti isst. Das ist insofern ganz interessant und passend, als dass nur Will Smith es geschafft hat, die eigene Popularität schneller zu ruinieren als es KI gelungen ist.

Bei Smith reichte ein öffentlicher (die Liveübertragung der Oscarverleihung bezeichnen wir einfach mal als öffentlich) Angriff auf den Komiker Chris Rock. KI brauchte länger und hat ein komplexeres Image. Doch der Imageverfall ist aufsehenerregend. Er ist so groß und läuft so rasant ab, dass ihn selbst Branchenkenner manchmal gar nicht erfassen können.

In den USA waren hochrangige Größen der Wirtschaft wie Gloria Caulfield, Eric Schmidt und Scott Borchetta nicht in der Lage zu begreifen, warum sie ausgebuht wurden, als sie vor Universitätsabsolventen positiv über KI sprachen. Hier spricht eine Machthaber-Elite aus meist weißen, absurd reichen, gut vernetzten und überwiegend männlichen KI-Profiteuren vor den jungen Menschen, deren Zukunft von KI existenziell bedroht wird. So was erkennt man halt nicht, wenn man niemals existenzielle Nöte kannte und zudem so tief in der eigenen Technikhöhle steckt, dass man nicht mehr mitbekommt, was draußen abgeht. Und draußen geht vor allem eines ab: Die Jugend hasst, hasst, hasst KI, Bro! Real Talk! Und wer sie heute noch nicht hasst, tut es wahrscheinlich kommendes Jahr.

Weggleiten der jungen Generation


Junge Menschen reagieren zunehmend mit Wut und Frustration auf KI:
  • Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2026 unter 1.500 Mitgliedern der Gen Z ist die Begeisterung für die Technologie im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken: Der Anteil der begeisterten NutzerInnen schrumpfte von 36 auf 22 Prozent, während gleichzeitig die Wut auf KI von 22 auf 31 Prozent anstieg.
  • Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov   in Großbritannien offenbart eine erhebliche Skepsis der Bevölkerung gegenüber generativer künstlicher Intelligenz. Demnach würden 42 Prozent der erwachsenen Briten generative KI komplett wieder abschaffen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Weitere 22 Prozent der Befragten zeigen sich unentschieden darüber, ob sie die Technologie befürworten oder ablehnen.
  • Die Barmer-Sinus-Jugendstudie für Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren misst eine wachsende Skepsis von Jugendlichen gegenüber der Technik im Vergleich zu den Vorjahren: Die Chancen werden dabei praktisch gleich häufig als groß eingeschätzt (31 Prozent) wie die Risiken (32 Prozent). 2024 dominierten noch die jungen Menschen, die in KI Chancen erkannten (41 Prozent), gegenüber denjenigen, die die Risiken fokussierten (32 Prozent). Binnen eines Jahres haben die beiden Werte nun gleichgezogen (31 beziehungsweise 32 Prozent).

So was ist insofern wichtig, als dass die Jugend ja immer als argumentatives Pfund in die Waagschale geschmissen wird, wann immer eine Hypetechnologie nicht angenommen wird: "Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt dies schon groß raus, die Jugend adaptiert so was ja ganz selbstverständlich."

Die KI-Konzerne bemühen sich also stattdessen, eine Illusion der Unaufhaltsamkeit der generativen KI zu erschaffen, und leider stehen ihnen manche Journalisten und nahezu komplett LinkedIn    geschlossen bei Fuß: Die Floskel von der unvermeidlichen KI wird heute noch durchgereicht, doch diese reine Amateurmeinung wird als Pendant zu einer evidenzbasierten, peer-reviewten Doppelblindstudie dargestellt. De facto benötigt die Industrie diesen Unvermeidlichkeitsmythos, um ihrer Erfindung jenen Drall zu verleihen, der mangels Success Stories und messbarer Erfolge ausbleibt. Siehe die Fabel, die uns Anthropic   neulich verkaufen wollte.

Der Entwickler des Chatbots Claude forderte am 5. Juni einen weltweiten Stopp bei der Entwicklung von Hochleistungs-KI. Laut dem Unternehmen sollte diese Pause so lange andauern, bis Gesellschaft, Gesetzgebung und Forschung Zeit haben, sich an die neue Technologie anzupassen und Sicherheitsmechanismen zu etablieren. Wer da meint, ein Déjà-vu zu erleben, sollte sich nicht wundern. Das ist schon längst passiert: Elon Musk und andere KI-Stakeholder forderten ein solches KI-Moratorium. Daran, wer diese Pause gerade fordert, kann man stets ablesen, welche Firma bei der KI-Entwicklung hinterherhängt und von so einer Hydration Break profitieren würde.

Neben einem markttechnischen Manöver ist dies natürlich auch Marketingmasche: Die KI-Entwickler, die fordern, man möge die Menschheit vor der zerstörerischen Brillanz ihrer Erfindung retten, sind nur eine Variation des "Medikamentes, das Ärzte hassen" in Moll.

Jeder Handstaubsauger hat mehr Usability als KI

Doch es hat noch einen Grund, wieso KI-Firmen vorgeben, gestoppt werden zu wollen, wie der US-Serienmörder William Heirens, der an eine Tatortwand schrieb: "Haltet mich auf, bevor ich noch mehr umbringe". Es ist schlicht ein verlogenes Ablenkungsmanöver. Verlogen, weil Anthropic   schon vier Tage später ein neues Modell vorstellte. Und Ablenkung, weil es die Diskussion wegschiebt von einer der dringendsten Handlungen, vor der sich KI-Hersteller drücken: über ihre Produkte zu reden.

Inmitten der Hypespirale hat keiner der KI-Konzerne es für nötig befunden, a) Beispiele zu liefern, wer eigentlich die Kernzielgruppe von KI ist. Stattdessen stilisierte man die GenAI zum universellen Problemlösungstool für jedermann und jedes Business hoch. Ebensowenig haben b) OpenAI  , Google   oder Meta   detailliert erklärt, was ihre KIs genau können und was nicht. Wofür darf man sie als Betrieb sorglos einsetzen, welche Risiken gibt es und wie genau kommen Limitationen bei der Zuverlässigkeit zustande? Jeder Handstaubsauger wird den KundInnen mit einer genaueren Beschreibung geliefert als ein LLM.

Und schließlich haben die KI-Konzerne c) nie genau dargelegt, wie KI funktioniert. Vielen NutzerInnen, auch im Businesskontext, dürfte immer noch nicht klar sein, dass LLMs lediglich Wortwahrscheinlichkeitsgeneratoren sind, die einfach Wortketten anhand statistischer Parameter bilden. Auch andere KIs funktionieren nach nichts anderem als mathematischen Prinzipien; die Grenzen der Mathematik sind die Grenzen von KI. Die hirnrissige Diskussion, ob wir bereits KI haben, die ein Bewusstsein entwickelt hat, wird vor diesem Hintergrund vollkommen unverständlich.

Die Dämmerung der vom Menschen gesäuberten Mittelmaßindustrie

Doch unaufgeklärten Leuten kann man halt mehr erzählen. Und tatsächlich hat es die KI-Industrie so geschafft, nicht nur kritischen Nachfragen auszuweichen, sondern auch jeden minimalen Anspruch an Kunst auszuhebeln. Gestandene Kritiker und Journalisten feiern daher Mediokres. Werke, die von Menschenhand gemacht, allenfalls bei der Schulnote 3+ landen würden, sahnen Preise ab. Es gibt Wettbewerbe für seelenlos Synthetisches, wie etwa "AI Music Contests". Mediokres wird gefeiert, wenn es aus der Maschine kommt: So etwa der gut gemeinte Kurzfilm A Face Only A Mother Could Love   von Robert Gaudette, in dem ein Mann mit entstelltem Gesicht von seinen Mitmenschen wie Sondermüll behandelt wird, bevor er schließlich einer Frau begegnet, der sein Aussehen egal ist und die ihm den Lebenstraum einer Tanzaufforderung beschert.

Der in Paris angesiedelte Film ist genau das, was sich Amateure unter Kunst vorstellen - er hat Herzschmerz, Pathos und keine Scheu, handwerkliche Fehler zu begehen, etwa ein irritierend falsches Stadtbild der französischen Hauptstadt abzubilden. Macher Robert Gaudette war nach eigener Aussage nie in Paris und konnte niemanden finden, der ihm einen Kurzfilm finanzieren wollte. Ersteres sieht man, Zweiteres ist zumindest verständlich, weil die "Kunst" des Mannes einfach kein über das Mittelmaß hinausgehendes Talent abbildet.

Klar kommt auch aus dem manuell betriebenen Kunstbetrieb mehrheitlich Mittelmaß und nur ab und zu ein Meisterwerk. Doch so funktioniert menschliches Schaffen halt. Bei KI kann man indes sicher sein, dass sie ausschließlich Mittelmaß produziert und niemals ein Meisterwerk.

Dreht man das Ganze zurück auf Handel, Marken und Agenturgeschäft, so entsteht damit eine Mittelmäßigkeitsindustrie, die erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Maschinen ersetzt. Knapp 20 Prozent der Unternehmen, die bereits Künstliche Intelligenz anwenden, halten es für leicht oder sehr leicht, mit ihrer Hilfe Arbeitskräfte mit Fach- oder Hochschulabschluss ersetzen zu können, so das ifo Institut  . Und das Ganze, um Produkte herzustellen, die immer mehr und vor allem junge Menschen hassen und deren genauer strategischer, messbarer Zweck unklar ist. Der Preis dafür ist viel unmittelbarer zu spüren als zunehmende kognitive Inkompetenz, die Förderung des Klimawandels oder soziale Ungerechtigkeit durch diskriminierende Algorithmen. Dass KI eine Technologie ist, die förmlich designt wurde, um den Herrschaftsanspruch einer protofaschistischen Technoelite und die Erosion der Demokratie zu fördern, ist nochmal eine ganz andere und lange Geschichte. Im Grunde sollten in der Wirtschaft schon alle Warnglocken durchbrennen, führt man sich nur vor Augen, wie KI bestehende Firmen beschädigt und in die Abhängigkeit ihrer Hersteller treibt.

KI liefert verlässlich solide Arbeit. Und verlässlich nie gute.

Im vergangenen Jahr hob ein Bericht von Forrester Research   hervor, dass 55 Prozent der Arbeitgeber ihre Entscheidung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgrund Künstlicher Intelligenz zu entlassen, bereuten. Und eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Prognose von Gartner   besagt, dass etwa genau so viele Unternehmen, die MitarbeiterInnen im Kundenservice oder im operativen Bereich durch KI ersetzt haben, bis zum nächsten Jahr gezwungen sein werden, diese Stellen unter anderen Bezeichnungen neu zu besetzen. Bei IBM  , Meta  , Klarna    und Salesforce   ist es bereits genau dazu oder zu vergleichbaren Szenarien gekommen.

Jede Firma produziert Schrott, so wie er genau so gut auch mit einer KI gemacht werden kann und manchmal sogar deutlich billiger. Aber die Industrie braucht keinen automatisierten Schrott, sondern Umgebungen, in denen menschliches Talent erblühen kann. Und vor allem ist es an der Zeit, dass mehr als nur vereinzelte Techblogger hier oder ein pensionierter Branchenkenner da die Wahrheiten über die KI-Industrie aussprechen.

Die größte Lüge eben jener Konzerne lautet, KI sei gekommen, um zu bleiben. Diese halbgare Anlehnung an ein englisches Sprichwort und den Wir-sind-Helden-Song ist schlicht nicht wahr. Technologie und ihre Anwendung werden designt, und bei mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung sind sie schnell wieder weg. Die Unvermeidlichkeitsillusion, die die Altmans dieser Welt indes aufgebaut haben, das muss man zugeben, ist ein Marketing-Geniestreich - der erste, den die KI-Industrie zustande gebracht hat. Gemacht von cleveren Menschen mit Erfahrung im Business und darin, wie man auf der Klaviatur menschlicher Manipulation spielt.
Thema: Die Teflon-Technologie: Wie alle Misserfolge an KI abprallen

Kommentar von Sebastian Halm

Einfach gibt's einfach nicht

KI besitzt sinnvolle Anwendungsgebiete. Sie sind halt nie einfach und schnell gemacht.

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Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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