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Innenleben: Warum die Ausbeutung der Gig Economy funktioniert
22.08.2019 Am Beispiel des E-Scooter-Anbieters Lime lässt sich studieren, wie ein Unternehmen vom Arbeitgeber zum digital organisierten Ökosystem für Mitarbeiter wird - mit allen Nachteilen.
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In der Praxis sieht der Job etwas nüchterner aus: Juicer sehen in der App, welche Gefährte ans Ladegerät (oder zur Reparatur ins Depot) müssen, können diese freischalten, einsammeln und zuhause aufladen. Zu einem vorgegebenen Zeitpunkt müssen die Roller dann wieder auf der Straße stehen. Eine Preisangabe neben dem Rollersymbol verrät, wie viel Geld der Juicer für die Erledigung der Aufgabe erhält. Macht der Juicer alles richtig, sind das zwischen 3 und 5 Euro.
Größten Wert hat das Unternehmen dabei auf eine schlanke Organisation und radikal digitalisierte Prozesse gelegt: Recruiting, Mitarbeiterführung und Organisation werden vollständig App-basiert abgewickelt. Aus Sicht der Juicer besteht das Unternehmen quasi nur aus Software:
- Die Bewerbung erfolgt über ein einfaches Online-Formular .
- Nach kurzer Prüfung werden die Kandidaten zu einer 45-Minuten-Schulung eingeladen, die in einem Online-Kalender gebucht wird.
- Anschließend erhalten die Teilnehmer einen Vertrag via Weblink, der direkt auf dem Smartphone unterzeichnet wird.
- Es folgt die Freischaltung der App für den Juicer, der zudem ein Starter-Set an Ladegeräten erhält.
Die Voraussetzungen für den Job sind übersichtlich: Geeignete Kandidaten müssen mindestens 20 Jahre alt sein sowie einen Führerschein, ein Bankkonto - und besonders wichtig! - einen Gewerbeschein besitzen. Ohne letzteren geht es nicht, denn der Juicer ist eigenständiger Unternehmer. Nur so haben die restlichen 32 eng bedruckten Seiten des Vertrages Bestand, die sich im Wesentlichen so zusammenfassen lassen:
Lime haftet für nichts - der Juicer für alles.
Betriebshaftpflicht-, Brandschutz-, Kfz-Haftpflicht- und Hausratsversicherung werden dem Dokument zufolge vom Juicer bereitgestellt und sind abgegolten. Dasselbe gilt für Steuern, Krankenversicherung, Altersvorsorge, Urlaub oder Krankheit und selbstverständlich für alle Ausgaben, die direkt für das Kfz, den Strom, die Arbeitsbekleidung oder das Smartphone anfallen.
Selbst den Firmenchefs bei Lime ist irgendwie klar, dass diese Rechnung nicht ganz aufgehen kann, denn das Unternehmen empfiehlt den Job ausdrücklich nur als Nebentätigkeit. Im Klartext: Krankenversicherung, Altersvorsorge oder andere Sozialabgaben sollte der Juicer schon irgendwie selbst mitbringen. Die Lime-Kalkulation lässt für solche Extras keinen Platz.
Gamifikation statt Lob & Tadel
So simpel das Geschäftsmodell, so digital die Mitarbeiterführung: Vorgesetzte gibt es nicht, einen echten Lime-Angestellten dürften Juicer nur selten zu Gesicht bekommen. Stattdessen gibt es virtuelle Belobigungen und digitalen Ansporn:- Die App schickt regelmäßig Push-Nachrichten, um die Juicer bei Laune zu halten oder auf gutes Wetter (und ein damit einhergehendes Überangebot ladewilliger Scooter) hinzuweisen.
- Prominent wird der Gesamt-"verdienst" während der App-Nutzungsdauer angezeigt (eigentlich handelt es sich um den Umsatz, aber hier wird er Verdienst genannt).
- Wie in einem Spiel, kann der Nutzer verschiedene "Level" bestehen. Die erste Aufgabe lautet: "Sei an 5 Tagen aktiv, sammele 25 Roller ein und liefere sie zu 100 Prozent perfekt aus".
- Erfolg wird sofort honoriert: Auszahlungen erfolgen immer am selben Tag, der Nutzer erfährt umgehend von seinem Glück. Schon am nächsten Werktag ist das Geld in der Regel auf dem hinterlegten Konto gutgeschrieben.
- Auch erfolgreich absolvierte Meilensteine ("Level") werden belohnt: Wer eine Aufgabe gelöst hat, darf etwa mehr Ladegeräte (Stückpreis 15 Euro) erwerben und mehr Roller zeitgleich aufladen.
Um die Mitarbeiter besser zu lenken, hat sich das Unternehmen außerdem eine weitere Spielregel einfallen lassen: Sobald es die Zahl an Juicern zulässt, gibt es dynamische Preise. Das bedeutet: Für einen Scooter, der seit Tagen nicht geladen wurde (weil er vielleicht an einer schlecht zugänglichen Stelle steht), gibt es mehr Geld, als für einen verkehrsgünstig abgestellten Scooter mit halbvollem Akku.
Auf diese Weise wirtschaften Juicer immer im Sinne des Unternehmens, ohne jemals eine Direktive zu erhalten. Anreiz statt Anweisung lautet die Losung. Letzteres wäre wohl auch juristisch fragwürdig, schließlich handelt es sich - zumindest formal - um unabhängige Unternehmer. Trotzdem behält das Unternehmen die Kontrolle.
Die digital gesteuerte Arbeitswelt der App-Economy lässt sich so zusammenfassen:
- Community-Gefühl ersetzt die Unternehmensidentität.
Juicen ist mehr als ein schlecht bezahlter Nebenjob. Das Lime-Credo lautet: "Sei Teil der Micromobilitätsrevolution". Die richtige Dosis an Push-Nachrichten - seien es Erinnerungen, Erfolgsmeldungen oder Neuigkeiten - sorgt für ein sympathisches Grundgefühl, auch wenn es letztlich automatisierte Kommunikation ist.
- Gameflow ersetzt Arbeitsanweisungen.
Das durchdachte System aus spielerischen Anreizen, einfachen Regeln und schnellen Erfolgen sorgt dafür, dass sich die Mitarbeiter wie vorgesehen verhalten - ganz ohne Ermahnungen oder Verbote. Die Mitarbeiter haben Spaß daran, sich erfolgreich (und damit regelkonform) im System zu bewegen.
- Level ersetzen die Karriere.
Erfolg wird belohnt - nicht nur durch Bezahlung, sondern auch durch besondere "Fähigkeiten". Genau wie in Games durch den Spielfortschritt neue Skills erworben werden können, fördert das App-basierte Unternehmen fleißige Mitarbeiter mit neuen "Fähigkeiten": Sie dürfen beispielsweise mehr Roller zur Abholung reservieren, mehr Ladegeräte erwerben oder ganz neue Aufgaben erledigen.
Prekäre Jobs statt schnell verdientes Geld
Auf diese Weise gleicht das Juicer-Business einer Art Pokémon Go mit echtem Geld. Wer morgen mehr Spaß im Club haben will, geht heute noch mal Scooter jagen. 30 Euro sind schnell gemacht - zumindest wenn die Kosten außer Acht gelassen werden.Für mehr taugt das Geschäftsmodell allerdings kaum. Unterm Strich lässt sich nur wenig Geld verdienen. Grundvoraussetzung für rationelles Arbeiten ist ein Lieferwagen und Zugang zu einem ortsnahen ebenerdigen, abgeschlossenen Stellplatz mit Stromanschluss. Wer zu Fuß juiced oder die Roller in eine Etagenwohnung schaffen will, scheitert an Aufwand und Wegezeiten. Allerdings sind diese Voraussetzungen gerade im innerstädtischen Bereich - wo die meisten Roller warten - schwer zu erfüllen. Daher entstehen beim Juicen fast immer weitere Wegestrecken, die zurückgelegt werden müssen.
Betriebswirtschaftlich steigt die Effizienz des Juicens mit der Zahl der pro Tour eingesammelten Roller. Begrenzt wird diese allerdings durch die Kapazität des Transportfahrzeuges und des Stromanschlusses. Herkömmliche Haushalte sind mit 16 Ampere abgesichert, die sich alle Geräte an diesem Stromkreislauf teilen. Die verwendeten Ladegeräte nehmen in der Spitze zwei Ampere auf. Acht parallel betriebene Geräte stellen daher die Obergrenze dar, praxistauglicher dürfte der Parallelbetrieb von sechs Geräten sein, damit ein Puffer verbleibt.
Im Selbstversuch ließen sich unter optimalen Bedingungen sechs Roller in rund 60 Minuten einsammeln und zu einer nahegelegenen Lademöglichkeit transportieren. Die Auslieferung erforderte 45 Minuten. Bei optimaler Organisation an der Ladestation entsteht dort nur wenig Handling-Aufwand, so dass diese Zeiten vernachlässigt werden können.
Insgesamt wurden für die Aufgabe 28 km Wegstrecke zurückgelegt und im Schnitt 0,4 kw/h Strom pro Roller verbraucht. Bei realistisch angesetzten Fahrtkosten in Höhe von 30 Cent je Kilometer und Energiekosten von 29 Cent je Kw/h entstehen für eine Tour mit sechs Rollern direkte Kosten von 9,10 Euro.
Pro geladenen Roller werden (solange keine dynamischen Preise eingeführt sind) 4 Euro vergütet. Für sechs Roller also 24 Euro. Abzüglich der Kosten verbleiben genau 14,90 Euro für 1,75 Stunden Arbeit - brutto und ohne Sozialabgaben.
Aber nicht jeden Tag herrschen optimale Bedingungen. Wenn es den ganzen Tag geregnet hat, gibt es weniger leergefahrene Roller. Der Juicer muss eine weitere Strecke zurücklegen, um sechs Roller einzusammeln. Jeder Zusatzkilometer kostet bares Geld und erhöht den Zeitaufwand. Kosten für den Stellplatz, die Arbeitskleidung oder die Gewerbeanmeldung sind in der Rechnung ebenso wenig berücksichtigt, wie der zusätzliche Zeitaufwand durch Steuererklärung oder Fahrtenbuch. Die (eigentlich obligatorischen) Versicherungen, Strafzettel oder ein Parkrempler? Undenkbar! Genauso wie Urlaub oder Krankheit.
Externalisierung als Ergebnis
Die Rechnung zeigt, dass das Juicer-Business komplett auf Externalisierung setzt. Die wahren Kosten der Juicer werden in Form von Alters-, Armuts- und Gesundheitsabsicherung auf die Allgemeinheit abgewälzt.Zweifellos bietet das Geschäftsmodell auch Vorzüge: Kaum ein anderer Nebenjob bietet mehr Ungebundenheit, Flexibilität und Spontanität. Das mag Menschen sehr ansprechen, die sich nicht festlegen wollen oder können. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Unternehmensorganisation eine Besonderheit:
- Eine (durchaus komplexe) Dienstleistung wird so granular ausgeschrieben, dass sie durch eine Vielzahl von Menschen erfüllt werden kann.
- Zugleich wird die Unternehmensorganisation durch ein sich selbst organisierendes Ökosystem abgelöst, um der Komplexitätsfalle zu entgehen.
Im Ergebnis führt dieses System jedoch vorerst lediglich dazu, dass die günstigsten Arbeitskräfte abgeschöpft werden, indem eine sehr breite Zielgruppe potenzieller Kandidaten angesprochen wird. Schon rein mathematisch steigen so die Chancen, dass irgendjemand darunter ist, der den Job - aus welchen Gründen auch immer - auch zu prekären Bedingungen erfüllt.
