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Neue Zahlen: So frauenfeindlich ist die Interaktivbranche immer noch
26.07.2018 Frauenquote in DAX-Unternehmen? Düster. Frauenquote in der digitalen Wirtschaft? Düsterer geht's nimmer! Egal ob bei Interaktivagenturen, bei SEOs oder deutschen Onlineshops: Mit der Gleichstellung geht es nur in Tippelschritten voran. Die iBusiness-Studie zeigt, wo die Branche 2018 steht - und wohin sie sich bewegen müsste.
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Im vergangenen Jahr hat sich an der schlechten Situation erneut wenig verändert, der Frauenanteil im Management ist sogar leicht zurückgegangen. Unter den Geschäftsführern der Top 50 Internetagenturen (iBusiness Internetagentur-Ranking) sind heute nur noch 4,5 Prozent Frauen. Im vergangenen Jahr waren es noch 5 Prozent. Unterm Strich kann man eher von einer Stagnation sprechen.
Immerhin lässt sich im langfristigen Trend noch eine Steigerung ausmachen - allerdings auf höchst homöopathischem Niveau. 2013 gab es 2,4 Prozent Chefinnen, 2014 waren es 2,8 Prozent, 2015 kam die Branche auf 4,1 Prozent und 2017 waren es 5,0 Prozent. Enttäuschend bleibt allerdings das Tempo. Würde der Frauenanteil mit dieser Geschwindigkeit weiterwachsen, würde es bis in das Jahr 2106 dauern, bis ein paritätischer Frauenanteil von 49 Prozent in den Geschäftsführungen anzutreffen wäre.
Ähnlich wie in der Interaktiv- sieht es in der SEO-Branche aus: Hier ist der Frauenanteil in den Geschäftsführungen von 5,4 Prozent im Jahr 2017 auf 6 Prozent 2018 gestiegen. Viel bewegt hat sich nicht. Bei insgesamt 149 Geschäftsführern, die die 100 Unternehmen repräsentieren, macht genau eine Frau den Unterschied aus. Reiner Zufall.
Ähnlich schwach sieht das Wachstum in anderen Wirtschaftsbereichen aus: Bei den 50 größten Onlineshops (gerankt vom EHI Institut ) ist der Anteil weiblicher Chefs um 1,5 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent gewachsen. Gründerinnen von Start-ups konnten laut Deutscher Startup Monitor um 0,7 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent zulegen. Der Anteil weiblicher Speaker auf den großen Interaktivkonferenzen (CeBit , Dmexco , Online Marketing Rockstars , Neocom und SOM kletterte um 2,5 Prozentpunkte auf 22,4 Prozent und in Interaktivagenturen konnte iBusiness zuletzt einen Frauenanteil von 43 Prozent zählen (Plus drei Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr).
Rückständige Rollenbilder in der Digitalbranche
Wie rückständig die Digitalbranche ist, zeigt insbesondere ein Vergleich mit den allgemeinen Wirtschaftsdaten: Unter den Vorständen aller börsennotierten deutschen Unternehmen sind immerhin 7,3 Prozent weibliche Vorstände (auch wenn sie nur 3,4 Prozent der Vorsitzenden stellen.) Dort zeigt sich insbesondere, welche Kraft gesetzliche Rahmenbedingungen entfalten können. Seit zwei Jahren sind dort gut hundert Unternehmen verpflichtet, frei werdende Aufsichtsratsposten so lange mit Frauen zu besetzen, bis 30 Prozent des Gremiums weiblich sind. Betroffen sind börsennotierte und zugleich voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen. Ergebnis: Während der Frauenanteil in den Vorstandsetagen der größten deutschen Unternehmen nahezu stagnierte (Plus einen Prozentpunkt auf 12,1 Prozent), erreicht der Anteil unter den Aufsichtsratsmitgliedern inzwischen 31,2 Prozent - im Vorjahr waren es erst 23 Prozent.Das Beispiel zeigt: Wer allein auf Freiwilligkeit und die Kräfte des freien Marktes vertraut, braucht einen langen Atem. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - und auch gesetzgeberischer Druck - sind entscheidend, um für mehr Gleichberechtigung zu sorgen.
An dem Argument mag einiges sein - allerdings steckt dahinter auch ein gesellschaftliches Phänomen. Forscher der Zeppelin Universität Friedrichshafen werteten kürzlich etwa den Anteil weiblicher Führungskräfte in 1.529 kommunalen Betrieben aus 69 Städten aus. Insgesamt offenbarte sich ein deutliches Ost-West-Gefälle. Die östlichen Bundesländer (ohne Berlin) kommen zusammengerechnet auf einen Frauenanteil von 22,5 Prozent im Vorstand, der Geschäftsleitung oder Geschäftsführung kommunaler Unternehmen. In den westlichen Bundesländern (ohne die Stadtstaaten Hamburg und Bremen) sind es 13,5 Prozent. Entscheidend für dieses Ungleichgewicht, so die Forscher in ihrer Auswertung, seien die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Erwerbsbiografien und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Stimmen die Voraussetzungen, gibt es auch mehr weibliches Führungspersonal.
Alte weiße Männer schlagen zurück
Doch gerade diese wichtige Entwicklung droht derzeit ins Stocken zu geraten. Zwar ist im vierten Kabinett Merkel die Frauenquote hoch wie nie (44 Prozent) - doch besonders kräftig wächst der gegenteilige gesellschaftliche Trend: Seit die AfD-Fraktion mit ihrer sensationell niedrigen Frauenquote von 10 Prozent in den Bundestag eingezogen ist, ist der Anteil weiblicher Abgeordneter signifikant gesunken. Von 37,1 auf 30,7 Prozent - der niedrigste Stand seit 1998. Gemeinsam mit Merkel-Widersacher und Innenminister Horst Seehofer (CSU) - der das Kunststück fertig brachte, alle Führungspositionen seines Ministeriums männlich zu besetzen -, markiert dies wohl den Versuch alter weißer Männer, die Zeit zurückzudrehen.Umso mehr könnte sich die fortschrittliche Digitalbranche - ohnehin vom Fachkräftemangel gebeutelt - als Innovationsmotor verstehen. Was Frauen den beruflichen Aufstieg erschwert, haben Experten längst ausgemacht. Unternehmenskultur und Karrieremodelle, 'Gläserne Decken', Stereotypenbilder, fehlende Vorbilder sowie Karrierekiller wie Doppelbelastung, familiär bedingte berufliche Auszeiten und Teilzeittätigkeit sind häufig anzutreffende strukturelle Probleme.
Bei vielen dieser Aspekte helfen Gleichstellungsbeauftragte, Ansprechpartner und passende Arbeitszeit- und Karrieremodelle. Allerdings stehen gerade Interaktivunternehmen bei diesen wichtigen Maßnahmen oft schlechter da als zum Beispiel große Konzerne. Das liegt zum einen daran, dass viele recht jung sind und daher noch nicht viel Erfahrung mit Gleichstellungsmaßnahmen haben. Zum anderen sind viele Internetunternehmen klein und tun sich daher besonders schwer mit der Umsetzung von Gleichstellungsmaßnahmen.

