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Das Ende des digitalen Versprechens
25.01.2024 Verkaufen wir Dystopien statt Fortschritt? Die Digitalwirtschaft hat seit jeher ein zentrales Produkt: Technologischen Fortschritt. Und eine zentrale Erzählung: "Technik macht die Welt besser". Doch dieser Markenkern erodiert, die Botschaft verfängt in westlichen Gesellschaften nicht länger, nötig ist eine neue Erzählung.
Zukunft ist etwas, in der es jedem Einzelnen besser geht - sei es durch technologischen Fortschritt, sei es durch gesellschaftlichen Aufstieg. Doch beide zentralen gesellschaftlichen Versprechen sind ins Wanken geraten. So zeigen etwa Umfragen, dass in westlichen Gesellschaften eine Mehrheit nicht mehr glaubt, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden.
Vielmehr erwarten die Menschen mittlerweile mehrheitlich eine Verschlechterung ihres individuellen Lebensstandards. Das führt auf der einen Seite dazu, dass in Wellen Proteste sozialer Gruppen hochkochen, die sich als Verlierer einer gesellschaftlichen Entwicklung empfinden - den Bewohnern des "Rust Belt" in den USA, Vorstadtbewohner in Frankreich, Ostdeutsche, UK-Bewohner außerhalb Londons. Die Folge: Trump, Le Pen, AfD, Brexit. Doch es sind nicht nur die Verlierenden einer Entwicklung, sondern alle: Zu sehen beispielsweise in den Linkedin-Feeds, in denen die wirtschaftliche und technische Elite des Landes sich lauthals über den "deutschen Abstieg" mokiert.
Der Soziologe-Professor Andreas Reckwitz nennt die Entwicklung eine "Verlust-Eskalation". Der (technische wie gesellschaftliche) Modernisierungsprozess hat schon in der Vergangenheit massive Verlusterfahrungen mit sich gebracht, die jedoch durch die Hoffnung auf die langfristige Verbesserung ausgeglichen wurden. Arbeitsplatzverluste beispielsweise konnten durch das Aufkommen von Computern und Internet, durch Weiterbildung und Produktivitätsfortschritt individuell aufgefangen werden.
Doch die Glaubwürdigkeit des Versprechens schwindet in der westlichen Spätmoderne: Beim Heilsbringer technischer Fortschritt werden die Schattenseiten deutlicher - Datenschutzprobleme, Klimawandel, Big Brother. Gleichzeitig wächst die ökonomische Ungleichheit, was das "Eliten"-Narrativ der Populisten befeuert. Die Antwort auf die Frage: "Was nützen mir die schönen neuen Roboter, die tolle KI und der Flug zum Mars?" wird von immer mehr Menschen mit der Überzeugung beantwortet: "Davon profitieren doch nur die Tech-Milliardäre in ihren Steuerparadiesen".
Entweder schafft es die digitale Wirtschaft, eine neue Fortschrittserzählung zu entwickeln, oder wir befeuern eine Systemkrise der modernen Demokratien, bei der die reaktionäre Hoffnung auf die vermeintlich gute alte Zeit gewinnt - ohne Klimakrise, KI, Emanzipation und Demokratie. Eine neue digitale Fortschrittserzählung muss sich offensiv auseinandersetzen mit den Verlusterfahrungen. Sie muss zudem stets klar machen, welchen persönlichen Vorteil eine bestimmte technische Entwicklung für jeden Einzelnen mit sich bringt. Die Trickle-down-Argumentaion "was neu ist, das nützt automatisch auch Dir" ist am Ende.
Ihr
Joachim Graf
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