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Vier Gründe, warum durch Pubsubhubbub das Web noch einmal neu erfunden wird
17.03.2010 Mit einer noch ganz jungen Technologie namens Pubsubhubbub (PuSH) will Google seine Suche komplett echtzeitfähig machen. Aber die möglichen Auswirkungen von PuSH reichen viel weiter und könnten das Web als Ganzes massiv umkrempeln.
1. Das Pull-Prinzip: Es wird eine Anfrage an einen Server gestellt, der im Gegenzug dann den Content an den Client ausliefert.
2. Das 1:N-Prinzip: Ein Server bedient viele Clients.
Diese Prinzipien gelten nicht nur für die Millionen von Surfern, die Webseiten aufrufen oder Feeds abonnieren, sondern auch für große Suchmaschinen wie Google: Sie schicken von einem zentralen Punkt aus ihre Spider ins Web, um dort den Content zu crawlen und per Pull in den eigenen Index zu holen.
Diese Grundarchitektur hat sich als sehr robust erwiesen, stößt aber mittlerweile an ihre Grenzen, zum Beispiel bei der Suche: So werden zwar große Webseiten wie zum Beispiel Spiegel.de mehrmals täglich von Suchmaschinen-Crawlern besucht - bei kleinen Webauftritten mit wenig Traffic kann es aber Tage oder sogar Wochen dauern, bis der Crawler wieder einmal vorbeikommt und den neuen Content indiziert.
Auftritt Pubsubhubbub
Pubsubhubbub soll diese Prinzipien künftig auf den Kopf stellen: Pull wird abgelöst durch Push, 1:N wird ersetzt durch N:N. Das geschieht, indem es eine zusätzliche Abstraktionsebene zwischen dem Content-Produzenten (PUBlisher) und dem Konsumenten (SUBscriber) einfügt: den HUB, der als Informationsbroker zwischen den beiden Parteien fungiert.
Statt wie bisher in regelmäßigen Abstanden beim Publisher nachzufragen "Gibt es was Neues?"
, wird bei PuSH der Subscriber vom Hub informiert: "Es gibt jetzt etwas Neues beim Publisher und hier ist es auch schon!"
.
Damit entsteht das, was Anil Dash
, Chef des Technologie-Think Tanks Expert Labs das Pushbutton-Web nennt: "Jede Site oder Anwendung kann in Echtzeit Botschaften an ein Publikum im Web übermitteln, ohne auf eine Plattform wie Twitter oder Facebook angewiesen zu sein."
Daraus ergeben sich vier Anwendungsszenarien:
1. Das ganze Web wird in Echtzeit durchsuchbar
Google hat längst damit begonnen, seine Suche in Richtung Echtzeit zu verändern, bislang betrifft das aber nur Content aus Social Networks wie Twitter oder Facebook, der von den Networks direkt zu Google übermittelt und dort indiziert wird. Social Media macht trotz seines enormen Wachstums aber nach wie vor nur einen kleinen Bruchteil des im Web vorhandenen Contents aus.
Vor kurzem hat Google nun angekündigt, dass es ein System auf Basis von PuSH entwickelt, über das jede Webseite, unabhängig von ihrer Ausrichtung oder Größe, ihren Content für eine Echtzeit-Indexierung an Google übermitteln kann. Senior Product Manager Dylan Casey
sagte dazu auf der Search Marketing Expo in Santa Clara: "Wir werden in Kürze einen Standard dafür vorschlagen."
Der Analyst Danny Sullivan
hält dieses System für "das nächste große Kapitel"
in der Geschichte von Google. Die Auswirkungen wären aber nicht auf Google beschränkt, denn PuSH ist ein offenes Protokoll. Google-Softwareentwickler Brett Slatkin, einer der Pubsubhubbub-Entwickler, sagt: "Wir wollen sogar unsere Konkurrenten für dieses System gewinnen."
Auf die entsprechenden Feeds könnten also auch alle anderen Suchmaschinen, von Microsoft Bing bis Ask.com zugreifen. Damit wären etwa eine Preisveränderung in einem Online-Shop oder ein neu eingestellter Artikel auf der Webseite einer Zeitung innerhalb von Sekunden über Suchmaschinen auffindbar.
Kritiker sehen allerdings die Gefahr, dass dadurch die Suchergebnisse manipuliert werden könnten, indem zum Beispiel Content minimal verändert und dann als neuer Inhalt dem Index gemeldet wird, um so ein höheres Ranking in den Suchergebnissen zu erzielen. Der Suchmaschinenexperte Johannes Beus
, Geschäftsführer von Sistrix , rät in dieser Hinsicht aber zu Gelassenheit: "Ich glaube nicht dass Google per se aktuelle Inhalte bevorzugt oder bevorzugen wird."
2. Das soziale Netz für jeden einzelnen
Pubsubhubbub bringt aber auch unabhängig vom Thema Suche das Grundprinzip der sozialen Netzwerke in die ganze Breite des Web, nämlich die Möglichkeit, prinzipiell Alle mit Allen (N:N) zu vernetzen. Dafür waren bislang aber dedizierte Plattformen wie Facebook oder Twitter notwendig, mit jeweils ganz eigener Ausrichtung und Funktionsumfang, Stärken und Schwächen.
Push bricht diese Plattform-Orientierung auf: Ein schönes Beispiel dafür liefert Posterous . Der persönliche Blog auf Posterous kann auf den verschiedensten Wegen bestückt werden, zum Beispiel auch über eine simple Mail. Der Dienst aggregiert den Input, macht daraus ein Blog und aus dem Blog einen Echtzeit-Feed mit PuSH-Unterstützung. Über diesen Feed lassen sich dann die Inhalte auf Twitter, Facebook und und viele andere Plattformen verteilen.
Im Prinzip können mit PuSH und künftigen Feedreadern sogar persönliche Social Networks ganz ohne Plattform generiert werden, einfach durch die Kombination verschiedener echtzeitfähiger Feeds von Freunden, die - mit eigenen Inhalten angereichert - wiederum von anderen abonniert werden können."Mittels Feed lässt sich prinzipiell jede Kommunikationsaufgabe lösen. Alles, was Twitter ausmacht, wäre beispielsweise auch in dezentralisierter Form feedbasiert denkbar. Auf diese Weise könnte sich Social Networking und Microblogging zur neuen E-Mail entwickeln. Eine Kommunikationsform, die nicht auf einzelne Player angewiesen ist und/oder von diesen kontrolliert werden kann,"
so der Social Media Experte und Unternehmensberater Dieter Petereit.
3. Ein neuer Weg für die Mediennutzung
Waren textbasierte Nachrichten für den Endkunden früher nur im Paket - einer Zeitung oder Zeitschrift - erhältlich, hat die Digitalisierung zu einer Fragmentierung geführt: Nachrichten werden im Web über viele verschiedene Kanäle verbreitet: Webseiten, Blogs, RSS-Feeds, Microblogging-Dienste und Social Networks. Für Googles Vice President Marissa Mayer liegt die Zukunft der Nachrichten folgerichtig in einem 'Hyperpersonal News Stream', der Informationen aus vielen verschiedenen Quellen nach individuellen Interessen aggregiert. Was bisher gefehlt hat, war die technische Grundlage dafür. PuSH kann auch hier der Game Changer sein.
Für die Verlage bietet sich dadurch die Chance zu einem echten - und effizienten - write once, publish multiple. Für die Mediennutzer ergibt sich die Möglichkeit, News aus verschiedensten Quellen einfach und elegant zu kombinieren, ohne zwischen den Plattformen hin und her springen zu müssen.
"Das Verfahren wird es vor allem erlauben, zu bestimmten Themen Echtzeit-Informationen zu erhalten: Wie interessant das für Journalismus und Unternehmenskommunikation ist, liegt auf der Hand,"
so Heinz Wittenbrink
, der Online-Journalismus in Graz unterrichtet, mit Blick auf Pubsubhubbub.
4. Intelligenter Filter für Umgebungsintellingez
Für Julien Genestoux
, den Chef des Echtzeit-Feed-spezialisten Superfeedr ist das Web ein Ozean, aus dem nichts verdunstet, aber über dem es ständig regnet. Eine Studie des Netzwerkers Cisco sieht allein bei den mobilen Daten zwischen 2009 und 2014 fast eine Vervierzigfachung der Menge. Und bald droht über diesem Ozean auch noch ein gewaltiger Wolkenbruch nieder zu gehen, in Form von Umgebungsintelligenz-Daten, gespeist auf Sensor-Netzwerken.
Solche Informationen können schon aufgrund ihrer schieren Menge nicht mehr in der gleichen Form genutzt werden wie das klassische Web. IDC-Analyst John Gantz
spricht im Zusammenhang mit diesen Informationen schon von der "dunklen Materie des digitalen Universums"
- vorhanden, aber nicht sichtbar und auch nicht nützlich.
Brett Slatkin sieht in den Sensordaten ein ideales Betätigungsfeld für Pubsubhubbub: Statt diese Sensordaten zu durchforsten wird vom Endanwender einfach ein Sensor-Netzwerk (das etwa den Verkehr auf der Autobahn A94 erfasst) abonniert und eine Bedingung definiert, zum Beispiel: "Sag mir sofort Bescheid, wenn sich ein Stau auf der A94 bildet!". Durch die Kombination mehrerer solcher ereignisgetriebener Feeds lassen sich auch komplexe Informationsbedürfnisse abbilden.
Auch Sistrix-Chef Beus erkennt einen Trend, der in diese Richtung weisen könnte: "Google zeigt in den letzten Monaten ein erhöhtes Interesse an strukturierten Daten. So werden Microformat-Auszeichnungen gefordert, und auch innerhalb von PuSH würde Google sowas sicherlich gerne sehen."
Das Web als Social Network
Kurz gesagt wird durch Pubsubhubbub die Grundidee eines Social Networks - die Echtzeitkommunikation zwischen Menschen (und künftig auch Sensoren) - einfach auf das gesamte Web ausgedehnt. Dadurch werden sich voraussichtlich völlig neue Geschäftsmodelle ergeben, die auf der Rekombinationen von Echtzeit-Feeds basieren werden.
Am: 17.03.2010
Zu: Vier Gründe, warum durch Pubsubhubbub das Web noch einmal neu erfunden wird
