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Trustpid: Das rechtswidrige Advertising-Projekt der Telkos durchleuchtet

28.06.2022 Telkos wollen ihren Datenverkehr monetarisieren: KundInnen erhalten Kennungen, die Advertiser für gezielte Werbung kaufen können. Rechtswidrig, fehlkonstruiert - sagt der iBusiness-Kommentator.

Transparent und fair gegenüber den KundInnen ist TrustPid nicht. (Bild: geralt/Pixabay)
Bild: geralt/Pixabay
Transparent und fair gegenüber den KundInnen ist TrustPid nicht.

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TL;DR
TrustPid erscheint eher als Übergangsnotlösung, von der Marken vielleicht aber doch ganz die Finger lassen und stattdessen eigene Ökosysteme aufbauen sollten, in denen sie um 0- und 1st-Party-Daten werben.
Die Online-Werbeindustrie zittert. Natürlich nicht vor der DSGVO, sondern vor Google  . Hat der Werbegigant doch das Aus von Third-Party Cookies in Chrome   angekündigt. Website-übergreifende Profilbildung mit Cookies wird so bald der Garaus gemacht. Vorreiter wie Safari   und Firefox   haben es Chrome lange vorgemacht - doch das interessierte die Industrie bisher wenig. Schließlich dominiert Chrome weltweit den Browsermarkt mit rund 70 Prozent Marktanteil. Ein schlauer Schachzug von Google, um seine Marktmacht weiter zu festigen und unliebsame Wettbewerber leicht aus dem Markt zu drängen. Schlau auch, weil Google sich so als weißer Ritter zum Schutze der Privatsphäre aufspielt. Ein groteskes Propaganda-Narrativ, das bei der Masse der Unbedarften leicht verfängt und von Datenschutz-Profis als blanker Hohn verstanden wird.

TrustPid statt Cookies

Als Rettung für alle Werbetreibenden, denen ihre fortschreitende Google-Abhängigkeit ein Dorn im Auge ist, kommt nun ein neuer Dienst daher: TrustPid. Werbetreibende erhalten damit eine eindeutige, TrustPid genannte Nutzer-ID, die sie zur Website-übergreifenden Nutzer-Profilbildung verwenden können. Dies funktioniert immer dann, wenn der Nutzer bzw. die Nutzerin einen Mobilfunkvertrag bei einem der angeschlossenen Telkos hat. Neben der englischen TrustPid-Betriebsgesellschaft "Vodafone Sales and Services Limited" arbeiten die Vodafone Group   und die Deutsche Telekom    offenbar bereits mit dem Dienst. So können rund 60 Prozent der bundesdeutschen Mobilfunk-KundInnen ab sofort zielgerichtet ausspioniert und allumfassend profiliert werden. Toll!

Vertrauen gleich verspielt

Auch wenn der Namensbestandteil "Trust" Vertrauen signalisieren soll, gibt sich Vodafone keinerlei Mühe, Vertrauen bei NutzerInnen aufzubauen. Stattdessen wirbt TrustPid mantraartig mit der wohlbekannten Lüge, man trage "dazu bei, dass Inhalte im Internet kostenlos bleiben". Bekanntlich grober Unsinn, denn die Monetarisierung von Werbung funktioniert auch gänzlich ohne Nutzerdaten. Aber es wird noch schlimmer, denn TrustPids Ignoranz gegenüber dem deutschen Rechtssystem und den Datenschutzvorgaben ist offensichtlich. Impressumspflicht gemäß Telemediengesetz? Fehlanzeige bei TrustPid und ein klarer Rechtsverstoß. Offenbar ist Vodafone auch entgangen, dass Google Analytics in der EU aktuell keine Rechtsgrundlage besitzt und damit die Verwendung schlicht illegal ist.

Hintergrund TrustPid

Die Mobilfunkanbieter Telekom    und Vodafone   wollen ihren Datenverkehr monetarisieren: NutzerInnen, die mit einem der beiden Provider ins Web gehen, sollen eine individuelle Kennung zugewiesen bekommen, die zahlende Advertiser dann abrufen können. Diese TrustPid wäre fest mit der Mobilfunknummer der Nutzerin oder des Nutzers verknüpft, ohne diese preiszugeben. Das Schöne daran für die werbetreibende Bevölkerung: Anders als ein Cookie würde die TrustPid bei einem Cookies-blockenden Browser nicht ausgesperrt, sondern würde weiter personalisierte Werbung erlauben. Die Argumentation der Mobilfunkanbieter ist hier, dass nur mit personalisierter Werbung auch nach dem Cookie-Aus ein kostenloses Internet erhalten werden könne. Dem könnte allerdings Apple gegenwirken, denn der Konzern plant, den Datenverkehr der NutzerInnen zu verschlüsseln und über eigene Server umzuleiten, in diesem wirkungsvollen Privacy-Mixer würden dann auch die TrustPids zu Brei werden. Die Lobbyisten von Telekom und Vodafon haben daher bereits Beschwerde bei der EU eingelegt, laut einem Spiegel-Bericht soll die zuständige EU-Kommissarin Margrethe Vestager durchaus offen für die Pläne der Mobilfunkkonzerne sein. Dagegen haben Datenschutzbehörden aus NRW bereits eine Prüfung der TrustPid angekündigt, berichtet Spiegel Online  . Die Pläne zeigen, dass die Telkos offenkundig die Nase voll von ihrem Dasein als reine Leitungsanbieter haben und in das Geschäft mit Datenökosystemen einsteigen wollen. Damit dürften sie strategisch nicht nur mit Apple   aneinandergeraten, das einen Ruf als Privacy-Primus zu verlieren hat. Auch Google   beispielsweise, das mit der Sandbox seinen eigenen Kosmos aus Datenausbeutung und Datenschutz baut, dürfte nur bedingt damit einverstanden sein, wenn ihm die Provider der technischen Infrastruktur nun das Wasser abgraben möchten.


Trotzdem setzt trustpid.com   Google Analytics und den Google Tag Manager ein - beides übrigens ganz ohne die notwendigen Risikohinweise im Cookie-Banner und der Datenschutzerklärung. Frei nach dem Motto: Wenn schon gegen Vorgaben verstoßen, dann auch konsequent auf ganzer Linie. Offenbar wähnt sich Vodafone im rechtsfreien Raum oder besitzt nicht mal juristische Basiskenntnisse, die heute sogar jeder private Website-Betreiber verinnerlicht hat. "Sechs setzen, Vodafone" kann ich da nur rufen. Vertrauen durch Transparenz und Rechtskonformität? Nicht bei TrustPid!

Intransparente Datenverarbeitung

Wer jetzt noch nicht abgeschreckt ist und sich fragt, wie das System funktioniert und welche Daten Vodafone selbst vom Nutzer oder der Nutzerin verarbeitet, wird mit weiterem Blendwerk belohnt. So wird die Erstellung der TrustPid erklärt mit: "Ihre Mobilfunknummer und IP-Adresse werden (...) verwendet, um eine pseudonyme Kennung zu generieren, auf deren Grundlage wir Ihre eindeutige Netzwerkkennung ("TrustPid") als Pseudonym erstellen". Und zur Datenverwendung durch Vodafone heißt es: "Wir sammeln anonyme, pseudonyme oder zusammengefasste Informationen, um den von uns angebotenen Service für alle zu verbessern." Na dann ist jetzt ja alles klar, oder?

Fragwürdige Rechtsgrundlage

Klar ist auch, dass die ID-Weitergabe durch Vodafone wohl auf Basis einer Einwilligung basieren soll, die man "Werbetreibenden und Herausgebern auf deren Websites" erteilt. Vermutlich sind damit die rechtlich meist unwirksamen Cookie-Einwilligungen gemeint, die mangels Ablehnen-Möglichkeit von der Masse der NutzerInnen ungelesen bestätigt werden.

Ob teilnahmewillige Nutzerinnen und Nutzer das Verfahren erst per "Opt-in" bei TrustPid freischalten müssen, ist leider völlig unklar. Auf trustpid.com existiert nur ein "Jetzt verifizieren"-Button, der "den Zugriff auf den Abschnitt "Einwilligung verwalten" des Datenschutzportals ermöglichen soll. Was dort genau passiert, blieb mir verschlossen, denn der "Jetzt verifizieren"-Button hat in meinem Test keine Reaktion gezeigt.

Illegale Zweckänderung?

Eine generelle Datenweitergabe für alle Telko-KundInnen alleine auf Basis einer auf dritten Seiten im Consent-Banner abgegebenen "Einwilligung" wäre in jedem Fall gesetzeswidrig. Denn eine derart hinterlistige Weitergabe von personenbeziehbaren IDs durch den Mobilfunkanbieter verstößt klar gegen den DSGVO-Grundsatz von Treu und Glauben. Gleichzeitig wäre es zudem eine illegale Zweckänderung, denn schließlich darf ein Telko personenbezogene Daten nur zu Vertragszwecken verwenden und nicht einfach beliebig in der Welt verteilen.

Opt-out? Aber nur für kurze Zeit!

Aber es wird noch unglaublicher. Will man als Vodafone- oder Telekom-Kunde bzw. -Kundin der Weitergabe von TrustPids dauerhaft widersprechen, soll man wohl alle 90 Tage sein Opt-out erklären müssen. Heißt es doch auf der TrustPid Website: "Auf dem Datenschutzportal können Sie den TrustPid-Dienst vollständig aussetzen, indem Sie auf "Dienst beenden" klicken. Das bedeutet, dass in den darauffolgenden 90 Tagen kein TrustPid für Sie generiert wird." Aha! Soweit, so unklar - aber klar gesetzeswidrig. Denn ein Einwilligungswiderruf darf natürlich nicht einseitig befristet werden. Unfassbar, wie respektlos sich Vodafone gegenüber seinen KundInnen und dem Rechtsstaat zeigt und dabei großzügig mit Nebelkerzen um sich wirft.

Kurz und knapp: TrustPid und seine Probleme

1. Grundlüge: TrustPid trägt "dazu bei, dass Inhalte im Internet kostenlos bleiben". 2. Rechtskonformität fehlt: Beginnt beim Impressum, geht weiter über die Verwendung von Google Analytics und reicht bis zur juristischen Frage nach der Vertragsbrüchigkeit gegenüber den Telko-KundInnen, wenn man deren Identität weiterreicht. 3. AdBlocker schalten die Funktionalität von TrustPid bereits teilweise oder ganz aus. 4. Image: Kein Ausweg aus dem bestehenden Werbefrust der NutzerInnen, die Inhalte (etwa Videos) wegen Werbung im Web schon oft gar nicht mehr ansehen  .

Technik leicht ausgehebelt

Für alle Technik-Interessierten hat Twitter-Nutzer @Flüpke   die Datenkommunikation von TrustPid analysiert: Auf Seiten der Werbetreibenden, wie bild.de  , wird über den Browser des Nutzers oder der Nutzerin ein Request an service.trustpid.com gesendet, der anschließend mit der TrustPid ID antwortet. Es findet mithin eine ID-Übertragung über den Browser statt, die technisch durch Blocken der Domain service.trustpid.com unterbunden werden kann. Die gute Nachricht für alle AdBlocker-Anwender und Privatsphäre-Sensiblen: Browser-Plugins wie uBlock   oder AdBlock  , welche die EasyPrivacy-Blockierliste   inkludieren, blocken die Domain bereits seit Anfang Juni standardmäßig.

Der kleine Haken dabei: Wirklich vollständig unterbinden kann man TrustPid mit einem Plugin nicht, denn auf dem Handy installierte Apps ignorieren bekanntlich Filter-Plugins. Nur mit einem Privacy-Filter auf Netzwerkebene, der auch die mobile Kommunikation schützt, wie beispielsweise der kostenlose open-source eBlocker  , wird TrustPid vollständig ausgeschaltet. Eine clevere Lösung für alle, die sich dauerhaft gegen den dreisten Vodafone-Übergriff wehren wollen.

Rohrkrepierer auf ganzer Linie

Bekanntlich sind die Internet-NutzerInnen es lange leid, von der Werbeindustrie übervorteilt und ausspioniert zu werden. Dies zeigen Tracking-Einwilligungsraten von unter 20% sehr deutlich. Verlorenes Vertrauen kann die Industrie nur durch klare Transparenz, volle Rechtskonformität und Respekt vor der Privatsphäre der NutzerInnen erreichen. Warum Vodafone derart respektlos ist, sich wie im Wilden Westen verhält und versucht, die Nutzer und Nutzerinnen mit Nebelkerzen über den Tisch zu ziehen, ist für mich ein Rätsel. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis erste Klagen dem bunten Treiben ein Ende bereiten. Blöd für alle, die heute auf TrustPid setzen wollen, denn die Idee ist ein Rohrkrepierer mit Ansage. Ohne signifikante Änderungen ist TrustPid zum Scheitern verurteilt - Shitstorm und weiterer Vertrauensverlust für Vodafone und seine TrustPid-Partner inkludiert. Es scheint, Vodafone hat so gar nichts aus der Vergangenheit gelernt. Schade!

Christian Bennefeld (Bild: eBlocker)
Bild: eBlocker
Christian Bennefeld

Christian Bennefeld, Datenschutz-Aktivist und Seriengründer (unter anderem des oben erwähnten Datenschutzdienstes eBlocker)

Vier Szenarien für die Weiterentwicklung von TrustPid

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
10%
Best-Case-Szenario

Der substanzielle Pfad

Marken, darunter auch Telkos wie die hinter TrustPid, bauen eigene Ökosysteme auf, in denen sie Daten sauber sammeln können, statt auf Tricks zu setzen - wie blendendes Wortgetöse, zweifelhafte Impressen und rechtswidrige Analytics-Lösungen.

Aktiv
20%
Worst-Case-Szenario

Der begradigte Pfad

Die Telkos bessern bei TrustPid nach und bieten klare, transparente Regeln für die NutzerInnen an, sammeln saubere OptIns und verzichten auf dubiose Analytics-Dienste. Es gibt auch Mehrwerte für KundInnen, die Daten abgeben (Rabatte auf die Rechnung, höhere Datenvolumen).

Passiv
30%
Best-Case-Szenario

Der falsche Pfad

KundInnen verlassen die Nutzerkennungen weitereichenden Telkos und laufen zu Konkurrenzanbietern über, die sich bewusst als Datenschutz-Marken positionieren. Apple lässt grüßen.

Passiv
40%
Worst-Case-Szenario

Die Sackgasse

Während Google in seinen clever aufgesetzten Ökosystemen (mehr oder weniger) saubere 1st-Party-Nutzerdaten sammelt, fahren die Telkos voll in eine Sackgasse, an deren Ende nur eine zornige DSGVO wartet.

Thema: Trustpid: Das rechtswidrige Advertising-Projekt der Telkos durchleuchtet

Kommentar von Sebastian Halm

Auf Treibsand gebaut

TrustPid, das kann nichts werden.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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kein Bild hochgeladen
Von: Thomas Bügel ,  T3CONCEPT
Am: 28.06.2022

Zu: Trustpid: Das rechtswidrige Advertising-Projekt der Telkos durchleuchtet

Was ich an diesem sehr aufgeregten Artikel nicht verstehe ist der ständige Ausruf, dass sehr vieles, was da von den Telkos (Vodanfone & Co) gemacht werde, rechtswidrig sei, doch auf die Idee, dass gegen Rechtsverletzungen geklagt werden kann, dem Autor anscheinend nicht in den Sinn kommt.
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