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'Google Me': Was Google gegen Facebook in Stellung bringt

06.07.2010 Damit aus dem Social Network 'Google Me' tatsächlich ein Facebook-Killer wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Nicht alle hat Google selbst in der Hand, wenn es auf dem Feld der sozialen Netzwerke Erfolg haben will.

 (Bild: Sergej23/pixelio.de)
Bild: Sergej23/PIXELIO
 (Bild: Sergej23/pixelio.de)
Bild: Sergej23/PIXELIO
Es passt zum Thema, dass die Quelle ihre Nachricht via Twitter   verbreitete: Kevin Rose von Digg   hinterließ dort den Tweet, er habe aus einer "sehr vertrauenswürdigen Quelle" erfahren, dass Google   an einem eigenen sozialen Netzwerk namens "Google Me" arbeite. Der Tweet ist inzwischen entfernt, doch die Nachricht verbreitete sich in Windeseile über den Globus. Eine Bestätigung von Google gab es - selbstverständlich - bislang nicht.

Die Faszination eines möglichen sozialen Netzwerk von Google   hat viel mit dem weltweit erfolgreichsten sozialen Netzwerk zu tun: Facebook  . Eine halbe Milliarde Nutzer sind dort inzwischen angemeldet. Wenn der Begriff Social Media fällt, dann nicht Twitter, sondern eben vor allem Facebook genannt - und dann kommt lange nichts. Für professionelle Netzwerker im Geschäftsleben gehören noch Xing   und LinkedIn    auf die Liste. Auf deutscher Ebene spielen die Netzwerke der VZ-Gruppe   noch eine gewisse Rolle. Aber Facebook ist weltweit das Synonym für soziale Netzwerke.

Das rasante Wachstum zeigt sich auch in der Zahl der Server, die Facebook inzwischen betreibt: Über 60.000   sollen es bereits sein.

Bislang war auch kein ernsthafter Konkurrent in Sicht, der Facebook seine Führungsrolle hätte ernsthaft streitig machen können. Genau das aber könnte sich mit dem Eintritt von Google in dieses Feld ändern.

Googles Geschäftsmodell stößt an seine Grenzen

Google hat in der Tat gute Gründe, sich gegen Facebook in Stellung zu bringen. Zumal Facebook inzwischen beginnt, in Googles angestammtem Terrain zu wildern: Seit neuestem gibt es eine Suchfunktion, die zumindest die von Facebook-Nutzern ge-like-ten Seiten außerhalb des Netzwerks findet. Menschlicher Faktor wird gegen Algorithmen gesetzt. Zudem präsentiert sich das soziale Netzwerk als Plattform für Entwickler, die via Facebook neue Nutzer finden wollen. Auch für Unternehmen und ihre Werbung zeigt sich das soziale Netzwerk offen.

Google seinerseits stößt mit seinem Geschäftsmodell langsam an die Wachstumsgrenze. Will der Suchmaschinen-Gigant weiterhin so wachsen wie bisher, müssen neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Zumal Google mit Anwendungen wie Buzz   oder Wave   bereits Schritte in dieser Richtung unternommen hat, allerdings nicht mit durchschlagendem Erfolg. Ihr Netzwerk Orkut   hat vor allem in Lateinamerika Nutzer gefunden, sonst blieb es nur Eingeweihten ein Begriff. Auf seinem angestammten Terrain, der Werbung, tauchen plötzlich zusätzliche Konkurrenten auf: Apple schickt sich gerade an, den Erfolg seines iPhones in einen Vorsprung bei mobiler Werbung umzuwandeln: Seit vergangener Woche ist iAd scharf geschaltet.

Auf Nutzerseite wiederum ist ein Bedarf nach einer Alternative zu Facebook durchaus vorhanden: Als das soziale Netzwerk zuletzt wegen seiner Datenschutzbestimmungen schwer unter Kritikerbeschuss geriet (so zählte die New York Times   die Wörter auf der Facebook-Seite ihrer Geschäftsbedingungen und kam auf mehr als in der amerikanischen Verfassung), regten vier Studenten die Gründung   eines Alternativ-Netzwerks unter dem Namen Diaspora an. Innerhalb weniger Tage fanden sich über 4.700 Personen, die insgesamt 170.000 US-Dollar spendeten. Den Initiatoren von Diaspora, Daniel Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und Ilya Zhitomirskiy, hätten schon 10.000 US-Dollar gereicht. In den nächsten Semesterferien wollen sie loslegen.

Googles umfangreiches Instrumentarium an Tools für das Web


 (Bild: HighText Verlag)
Bild: HighText Verlag

Google dagegen müsste für ein solches Projekt nicht bei Null anfangen: Die einzelnen Instrumente für ein neues und besseres soziales Netzwerk mit großem Potenzial sind bereits vorhanden.

  1. iGoogle: Tool zur Individualisierung der Startseite; dergleichen finden auch Nutzer von sozialen Netzwerken gut. Auch Apple lebt von seinen Individualisierungsvarianten an der Oberfläche recht gut.
  2. Buzz: Ist bereits ein soziales Netzwerk zum Austausch von Nachrichten, Fotos, Webseiten unter den Teilnehmern. Es weist Ähnlichkeiten mit Twitter auf, kam aber nie auf einen nennenswerten Teilnehmerkreis außerhalb der Google-Welt (ähnliches Problem bei Apple: Ein Netzwerk nur für Mac-User ließe sich zwar leicht errichten, macht aber keinen Sinn).
  3. Wave: Kollaborations-Tool, wie es für gemeinsame Projekte von Freelancern ebenso gut funktioniert wie für Unternehmen, die interne Projekte vernetzen wollen. Für den Business-Bereich will Lotus aus seinem 'Project Vulcan' heraus auch ein solches Tool anbieten - im kommenden Jahr.
  4. Reader: Fasst Nachrichten und Blogs aus verschiedenen Quellen für den Nutzer zusammen. Als Konkurrenz etwa zu ähnlichen Service-Angeboten wie von Friendfeed zu sehen.
  5. Picasa: Picasa ist einerseits eine kostenlose Software zur Fotobearbeitung und andererseits ein Portal, um Fotos hochzuladen und mit anderen zu "teilen". Als Konkurrenz zu Flickr zu sehen.
  6. Google Sites: Software, mit deren Hilfe Nutzer wie aus einem Baukasten Elemente nutzen, um damit einfach eine eigene Website zu erstellen. Widgets helfen beim Einfügen von Datenbankabfragen und ihrer Darstellung. Als Konkurrenz-Produkt zu Angeboten wie von Wordpress ernst zu nehmen.
  7. Google Latitude: Location-based Tool, um "Freunde in Deiner Umgebung zu finden". Konkurrenz zu Angeboten wie Foursquare  .
  8. Google Mail: Umfassendes Webmail-Angebot und immer noch kostenlos. Konkurrenten sind in diesem Segment etwa Yahoo! oder in Deutschland GMX.de.
  9. Chrome OS: Mit seinem Betriebssystem (erste Geräte mit einer BSD-Lizenz sollen nach Zeitplan in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen) verfügt Google über eine gewichtige Waffe im Kampf mit der Konkurrenz. Denn dadurch wären sie auch in der Lage, grundlegende Funktionen direkt in diesem OS zu implementieren. Konkurrenz will Chrome OS erst werden und zwar für Microsoft (Windows, Office).
  10. YouTube: Fünf Milliarden Abrufe täglich von rund 350 Millionen Besuchern verzeichnet YouTube fünf Jahre nach Gründung. In Sachen Bewegtbild darf die Google-Tochter als Marktführer weltweit betrachtet werden. Das heißt in erster Linie: Attraktiver Content sonder Zahl, denn Bewegtbild boomt allgemein im Netz dank verbesserter Netzanbindung und HD-Qualität.


Welche Alleinstellungsmerkmale Google Me braucht


Nicht zuletzt ist Google auf seinem Kerngeschäft stark: Suche und Analyse. Derartige Funktionen in Gestalt von Filtern etwa könnten für ein soziales Netzwerk durchaus reizvoll sein.

Weitere Alleinstellungsmerkmale gegenüber Facebook könnten sein: Die Einbindung von Video-Inhalten sowie das Anzeigen der Postings in Echtzeit, bis hin zur Verfolgung des Schreibvorgangs in Real-Time wie bei Wave.

Solche Alleinstellungsmerkmale braucht Google gegenüber Facebook. Denn der Lock-in-Faktor für Facebook-Nutzer ist nicht zu unterschätzen. Der einzelne Nutzer mag leicht wechseln können, aber alle Kontakte oder 'Freunde' mitzunehmen ist mindestens mit Aufwand verbunden. Und vielleicht wollen nicht alle wechseln. Das ist nur ein Hemmnis für den Giganten.

Mehrere Stimmen   aus dem Silicon Valley äußerten Zweifel, ob Google ein soziales Netzwerk als Produkt erfolgreich in den Markt bringen kann. Wiederkehrendes Argument: Google müsse sich erst von der Vorstellung lösen, ein gewinnbringendes Produkt zu entwerfen. Vielmehr ginge es in diesem Fall darum, ein Produkt vom Nutzer ausgehend zu 'denken'. Dies aber könne ein so großes, börsennotiertes Unternehmen gar nicht. Nicht zuletzt werde ein schlichter Facebook-Klon zum Scheitern verurteilt sein.

Denkbare Szenarien für ein Google-Me-Netzwerk


  1. Google Me vereint die Merkmale von Facebook mit zusätzlichen weiteren Features wie Einbindung von Videos, individualisierte Filter, intelligente Suche, mit der sich Themen aggregieren lassen sowie Anzeigen in Echtzeit. Die Usability in Sachen Datenschutz ist von vornherein einfach und deutlich zu handhaben. Wegen des oben beschriebenen Lock-in-Faktors dürfte es die neue Konkurrenz von Facebook dennoch schwer haben, kurzfristig eine größere Reichweite im Netz zu erhalten.
  2. Google Me konzentriert sich bei dem sozialen Netzwerk vor allem auf den Faktor Produktivität. Damit wird nicht Facebook der Konkurrent sein, sondern Business-Netzwerke wie LinkedIn und Xing. Als kostenloses Tool könnte Google Me tatsächlich den Markt neu aufrollen.
  3. Google Me erscheint zunächst mit Funktionen, wie sie von Facebook bekannt sind - nur unwesentlich ergänzt um Features, deren Sinn sich nicht gleich erschließt. Damit bleibt Google Me das gleiche Schicksal beschieden, wie den anderen Tools von Google: Buzz, Wave bis hin zu Orkut.
Thema: 'Google Me': Was Google gegen Facebook in Stellung bringt

Kommentar von Frederik Birghan

Technik ist nicht alles

Was auch immer Google anfasst, ist technisch durchaus auf der Höhe der Zeit. Dass damit nicht unbedingt automatisch schon ein Erfolg garantiert ist, sollte der Konzern schon gelernt haben.

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