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KI und Politk - Wie Software in Zukunft Politik bestimmt
11.10.2021 Künstliche Intelligenz und Politik - das scheint zunächst schlecht zusammenzupassen. Gesellschaft ist schließlich menschgemacht. Doch derzeit läuft sich eine Softwaregattung warm, die den komplexen Politikbetrieb in Zukunft auf den Kopf stellen könnte.
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Bislang ist Social Media der eindeutig bevorzugte Kanal für die politische Kommunikation. Herausragendes Merkmal ist der direkte, ungefilterte Zugang zur Bevölkerung, der sich hervorragend für emotional aufgeladene Botschaften eignet und sie mittels Targeting zielgenau streuen lässt. Vielfache Wiederholung und automatisierte Bot-Armeen lassen die Illusion von Mehrheiten oder Meinungseliten entstehen. Verbreitung und Wirkung der Botschaften können zudem genau gemessen und die Aussteuerung weiter optimiert werden.
Diese Art der Kommunikation hat sich als überaus erfolgreich erwiesen, kann aber auch sehr schnell die Grenze zur Manipulation überschreiten, als die sie häufig zu Recht kritisiert wird.
KI kann mehr als Bot-Armeen steuern
Aber Computer können natürlich mehr zur politischen Willensbildung beitragen, als nur Kommunikationstiraden zu transportieren. Mittels semantischer Analysen und künstlicher Intelligenz ist es inzwischen möglich, Computern ein Textverständnis anzutrainieren. Neben den einzelnen Wörtern und deren grammatikalischen Strukturen können sie auch Zusammenhänge verstehen. Besonders gut funktioniert dies naturgemäß in stark formalisierten Texten - weshalb in vielen Unternehmen Juristen inzwischen auf Softwareunterstützung setzen, wenn sie die oft mehrere hundert Seiten starken Verträge analysieren, verwalten und bewerten müssen.Das semantische Textverständnis ist inzwischen aber deutlich weiter fortgeschritten und kann - etwa durch Analyse von Satzbau sowie der verwendeten Adjektive und Adverben - auch die Stimmungen und Intentionen eines Textes interpretieren. Auf diese Weise lassen sich selbst unterschiedliche - oder im Laufe der Zeit wandelnde - Konnotationen bestimmter Begriffe berücksichtigen.
Semantisches Textverständnis bedeutet einen entscheidenden Fortschritt in der Verarbeitung von Daten: Informationen müssen nicht mehr strukturiert aufbereitet werden, damit ein Computer sie verarbeiten kann. Ein Computer kann selbstständig aus einem Gesetzestext oder einem Wahlprogramm die entscheidenden Informationen herauslesen und verarbeiten. Mehr noch: Inzwischen können entsprechende Programme selbst politische Kommentare, öffentliche Reden oder Zeitungsartikel interpretieren und bewerten.
Die KI läuft sich bereits warm
Wie das funktioniert, hat kürzlich das Karlsruher Startup thingsthinking vorgeführt, indem es die Programme der Verhandlungspartner von SPD, Grüne und FDP mit einer Software analysierte und auf Gemeinsamkeiten hin untersuchte (den Vergleich finden Sie hier ).Das Unternehmen ist auf semantische Texterkennung spezialisiert. Ursprünglich, um insbesondere Wirtschaftsprüfer und Juristen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Dazu hat das Unternehmen die Software Semantha entwickelt, die in komplexen Texten gleiche oder ähnliche Bedeutungsebenen erkennen kann, ohne auf Wortgleichheit angewiesen zu sein. Innerhalb von Sekunden scannt Semantha Dokumente mit hunderten von Seiten ein und durchforstet sie nach Bedeutungsähnlichkeiten zu vorgegebenen Kriterien. 800 Seiten Text sind in unter 30 Sekunden verarbeitet. Das funktioniert nicht nur bei Vertragstexten, sondern eben auch, wenn für Koalitionsverhandlungen die Wahlprogramme verglichen werden sollen.
In eine ähnliche Richtung arbeiten Wissenschaftler der TU Dresden und der Universität Paderborn . Sie haben für das Projekt Polit-X einen umfangreichen Korpus an politischen Dokumenten entwickelt, der täglich aktualisiert und analysiert wird. Die täglich aktualisierte Datenmenge übersteigt dabei bei weitem die Textmenge, die sich lesend zur Kenntnis nehmen ließe. Die Forscher sprechen von einem Äquivalent von 50 Romanen - jeden Tag. Dabei speist sich der Korpus aus einem breitgefächerten Dokumentenangebot aus Plenarprotokollen, Kleinen Anfragen, Pressemitteilungen, Ausschreibungen, Beschlussempfehlungen und vielem mehr.
Das Besondere gegenüber anderen Projekten und Monitoringdiensten ist nicht nur die reine Menge der erfassten Dokumente, sondern auch die Tagesaktualität der Datenbasis und die Möglichkeit zur dynamischen Auswertung: Die Daten sind sofort für weitere Analyseschritte und Visualisierungen verfügbar, die als Basis für statistisch abgesicherte Interpretationen dienen können. Die Daten entstehen zudem in der täglichen politischen Arbeit und berücksichtigen Dokumente, die oft in der Öffentlichkeit unbemerkt bleiben. Im Gegensatz zu den sorgfältig redigierten und formulierten Wahlprogrammen der Parteien zeichnet sich so ein Bild, das von der tatsächlichen politischen Alltagsarbeit gezeichnet ist.
KI macht komplexe Zusammenhänge übersichtlich
Abseits aller Social-Media-Propaganda entsteht auf diese Art eine Softwaregattung, die Millionen von schwer bis gar nicht zugänglichen Textdokumenten auf einfache Art und Weise erfasst und Aussagen, Meinungen und Strömungen in kondensierter Form aufbereitet. Faktenbasiert statt emotional.Auf diese Art lassen sich weitreichende Analysen durchführen:
- Ähnlich dem bekannten Wahl-O-Mat (der in manueller Arbeit entsteht) können Meinungen und Stimmungen zu bestimmten politischen Themen abgefragt werden.
- Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat ist die Anwenderin oder der Anwender dabei nicht auf eine vorselektierte Anzahl von Gruppierungen beschränkt. Politische Parteien, Interessen- und Lobbygruppen oder Verbände lassen sich abfragen.
- Die Datengrundlage ist deutlich breiter gefasst, so dass sich nicht nur Willensbekundungen, sondern auch die tägliche Arbeit beobachten und auswerten lassen.
- Die thematische Auswahl ist nicht eingeschränkt. Nahezu alle gesellschaftlichen Komplexe können als Selektionskriterium dienen. Interessenüberschneidungen unterschiedlicher Gruppierungen lassen sich identifizieren und nutzen.
- Umgekehrt lassen sich Entscheidungsprozesse analysieren und Einflussnahmen aufspüren, indem etwa der Niederschlag bestimmter Standpunkte, Veröffentlichungen und Eingaben nachverfolgt wird.
- Gesellschaftliche Trends lassen sich in ihrem Zeitverlauf betrachten. Umdeutungen von Begriffen lassen sich so ebenso betrachten wie Zusammenhänge mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Auswirkungen von KI und Politik in der Praxis
Transparenz und Kontrolle
Politische Entscheidungsprozesse lassen sich leicht und verständlich durchleuchten. Es wird für den Einzelnen einfacher, komplexe Zusammenhänge aufzeigen.
Macht und Missbrauch
Politische Teilhabe wird durch Analysetools komplizierter und bleibt einem kleineren Kreis von Personen vorbehalten. Diese setzen die Tools für ihre Zwecke ein.
Ohne Story keine Relevanz
Ähnlich wie bei Finanz-Dataleaks bleiben die Verflechtungen für viele Menschen undurchsichtig. Medien sind notwendig, um mit den Daten eine "Story" zu erzählen.
Emotionen bleiben stärker
Faktenbasierte Argumentation bleibt emotionaler unterlegen. Daran ändert sich nichts, wenn Zusammenhänge durch KI-Werkzeuge offensichtlich werden.
Zugleich besteht die Herausforderung, diese neu entstehenden Werkzeuge nicht nur einer Elite, sondern - über den Umweg über Wissenschaft und Medien - einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Anderenfalls würde eher ein Ungleichgewicht verstärkt, das bestimmte gesellschaftliche Schichten von der politischen Teilhabe eher aus- als einschließt.
