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Wer den Start-up-Standort Deutschland retten kann
05.04.2013 "Wagnis" ist eben kein wirklich deutsches Wort: Während Berlin als Nabel der europäischen Start-up-Welt gilt, schrumpft das finanzielle Investment bei Internetgründern in Deutschland. Wer den Gründer-Standort Deutschland international im Rennen halten kann.
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Hierzu sollten Rahmenbedingungen verbessert und finanzielle Fördermittel bereitgestellt werden, um so die "Industrie 4.0", wie Rösler die Verbindung aus Industrie und IT nennt, auf den Weg zu bringen. Doch es ist Wahlkampf, da muss man mit Politiker-Versprechungen noch vorsichtiger sein als sonst.
"Wir registrieren die Bemühungen des Wirtschaftsministers", sagt Reinhard Hoffmann , Vorstand des deutschen Wagniskapitalisten TowerVenture eG . "Wenn das dazu führt, endlich den 'Neuen Markt 2.0' zu realisieren, spielt Deutschland wieder in der ersten VC-Liga", hofft er.
Deutsches Wagniskapital nach britischem Vorbild
Im Bundeshaushalt sollen für den Investitionszuschuss Wagniskapital für die Jahre 2013 bis 2016 insgesamt 150 Millionen Euro bereitgestellt werden (30 Millionen Euro in 2013; 40 Millionen Euro pro Jahr 2014 bis 2016). Durch die Maßnahme sollen die Finanzierungsbedingungen von jungen, innovativen Unternehmen durch die Mobilisierung von privatem Wagniskapital verbessert werden, kommuniziert das FDP-geführte Wirtschaftsministerium - auch wenn das Geld großteils erst nach der Bundestagswahl fließen soll.Es sei vorgesehen, Beteiligungen natürlicher Personen (Privatinvestoren) an solchen Unternehmen zu bezuschussen. Geplant ist, dass der Investor 20 Prozent der Investitionssumme zurückerstattet bekommt. Als Vorbild für die Konzeption des Investitionszuschusses dient das seit 1994 existierende britische "Enterprise Investment Scheme" (EIS), das erfolgreich privates Wagniskapital mobilisiert hat.
Wie auch immer Wagniskapital aus Töpfen des Bundes fließen wird, so steht weiter fest, dass die Gründungen in der Interaktiv-Branche stärkere finanzielle Unterstützung dringend nötig haben. Ohne Beteiligungskapital bliebe wohl so manch pfiffige Geschäftsidee auf der Strecke. Gefragt sind daher verstärkt Wagniskapitalisten, Business Angels und Inkubatoren.
VC-Beteiligungen an Start-ups gehen zurück
Doch gerade hier stehen die Zeichen in Deutschland auf Rückgang statt auf Zuwachs. Junge Unternehmen aus der IT- und Internetbranche haben 2012 Venture Capital in Höhe von 240,8 Millionen Euro erhalten, 252 Start-ups wurden auf diese Weise finanziert. Im Vergleich zum Vorjahr fast 15 Millionen Euro weniger und damit ein Minus von 5,8 Prozent. So teilen der Bitkom und der Bvkap mit.| Venture-Capital-Investitionen in der ITK-Branche |
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Ohnehin fallen VC-Fördermittel hierzulande kaum ins Gewicht. Einer Studie des Bitkom zufolge machen Bankkredite, Beteiligungskapital und öffentliche Zuschüsse innerhalb der ersten vier Jahre nach Gründung gerade einmal je zwei Prozent der Finanzierung von Start-ups aus. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit gerade mal einen Platz im hinteren Mittelfeld, wie eine Erhebung von European Private Equity and Venture Capital Association (EVCA) belegt.
Damit nicht genug: Die jüngst eingeführte Steuerpflicht auf Streubesitzdividenden lässt zudem negative Folgen für die Investitionen von Business Angels befürchten. In Teilen der Politik würden Investoren immer noch als Feind betrachtet, kritisiert daher folgerichtig auch der Bitkom.
Und ausländisches Kapital für Start-ups? Das wird nach Erkenntnissen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) nicht statistisch erfasst. Einen Hinweis auf den Einsatz von ausländischem Kapital in Start-ups vermittle jedoch ein Blick auf die Anschlussfinanzierungen des von BMWi initiierten High-Tech Gründerfonds. "Hier wird inzwischen in etwa genauso viel Kapital von ausländischen VCs bereitgestellt wie von inländischen VCs", so das Ministerium auf iBusiness-Nachfrage. Start-ups würden allerdings in der Regel nicht von Beginn an von ausländischen Investoren finanziert. Diese investierten bisher in der Regel erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn bereits inländische Investoren investiert haben.
Berlin gilt als Start-up-Mekka und Euro-Cluster
Nichtsdestotrotz knistert es im Gründerwald. Eine besonders dynamische Entwicklung bei den IKT-Gründungen ist in Berlin zu beobachten. Seit 2008 entstehen in Berlin jährlich mehr als 2.000 Unternehmen in diesem Bereich (vor allem IKT, auch Medizintechnik und Biotechnologie), so der ZEW-Gründungsreport . Allein die in Berlin verzeichneten Neugründungen in 2012 (2.109 Unternehmen) schufen geschätzte 3.300 Arbeitsplätze, wie eine Studie des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller und der Investitionsbank Berlin belegt.Besonders in der deutschen Hauptstadt entwickle sich ein europäischer Cluster, der weltweit bedeutsam werden kann, glaubt gar Christian Nagel vom Venture Capital Investor Earlybird gegenüber Impulse . Es seien die Erfahrungen, die deutsche Unternehmer in den vergangenen Jahren durch das Kopieren ausländischer Geschäftsideen gemacht hätten, und inzwischen zu einem gewissen Reifegrad geführt hätten.
"Jetzt fangen sie an, etwas Eigenes zu kreieren, Originale zu schaffen", glaubt Nagel gegenüber dem Unternehmermagazin. Gute Geschäftsmodelle mit Potenzial, die auf einem gesunden Finanzfundament stehen und deren Produkte begehrt sind, könnten gar im Ausland Nachahmer finden, so die hoffnungsvolle Prognose des Earlybird-Mitbegründers. Aber dazu muss die Finanzierung gesichert sein.
Und was findet außerhalb Berlins statt? Aus Sicht von Reinhard Hoffmann von der Jenaer TowerVenture ist das VC-Umfeld besonders außerhalb der Millionenstädte schwierig. "Beteiligungskapital ist in ausreichenden Mengen vorhanden. Es geht nur nicht nach Deutschland, sondern dorthin, wo es die besten Exit- und Rahmenbedingungen hat, etwa für Steuern", so Hoffmann.
Wann ein Inkubator investiert und in welcher Höhe
"Die Investorenlandschaft", sagt Bernhard Fiedler vom German Venture Club "muss sich im Interesse der Start-up-Landschaft deutlich verbreitern." Gerade in der Seed-Phase gebe es zu wenige, große VC Investoren, die Start-ups direkt durchfinanzieren können, so Fiedler. Zwar existierten viele kleinere Investoren, "aber deren Beitrag reicht häufig nicht, um ein Start-up durchzufinanzieren", glaubt Fiedler. Crowdinvesting könne hier einen Ansatz bieten, diese Investoren zu bündeln. Dieses Konzept müsse sich aber erst noch beweisen, gerade wenn es bei den Start-ups anders laufe als geplant. Zudem sei nicht klar, ob dauerhaft Finanzierungen deutlich jenseits der 100.000-Euro-Grenze möglich sind bzw. von der Crowd getragen werden, verdeutlicht Fiedler.Der Stellenwert von Crowdfunding nimmt zu
Wie iBusiness berichtete gewinnt Crowdfunding hierzulande an Bedeutung: Für Start-ups eignen sich die Plattformen beispielsweise, um über Mikroinvestments ihren Markteintritt vorzubereiten, der Jungautor finanziert sein Erstlingswerk und der Filmemacher kommt auf diesem Wege zu seinem ersten Kinostreifen - alles freiwillig gefördert durch "den Schwarm".
Die Geldgeber im Crowdfunding-Prozess sind keine klassischen Investoren, weil sie keine Anteile an dem geplanten Projekt halten, sondern alternativ kompensiert werden. Die Gegenleistungen sind häufig immaterieller Natur oder erfolgen in Form von Sachleistungen. Die Studie der DBResearch (An alternative source of funding with potential) kommt zu dem Ergebnis, dass 2011 in Deutschland fünf Plattformen fast zwei Millionen Euro über die Crowd eingesammelt haben. Das Finanzierungsvolumen vervierfachte sich im Vergleich zum Jahr 2011 (plus 320 Prozent). Insgesamt konnten 2012 über 40 Prozent der insgesamt 1.150 Projekte erfolgreich über Crowdfunding finanziert werden (494).
Das Finanzierungsvolumen der Crowdfunding-Plattformen in Deutschland sei, so das Forschungsinstitut der Deutschen Bank, im Vergleich zu den Kreditvolumina klassischer Banken allerdings noch verschwindend gering.
| Kategorien von Investoren und wann sie zum Zuge kommen |
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Inkubatoren investieren auch mit Drittgeldern
In der Regel liegt die Investitionshöhe eines Inkubators zwischen 100.000 und einer Million Euro in der ersten Finanzierungsrunde, so bestätigt der Blog Für Gründer.de . Der Geschäftsanteil, den ein Gründer an den Inkubator abtreten muss, sei meist "höher als bei einer bloßen Venture-Capital-Beteiligung", so der Blog weiter, der auch darauf hinweist, dass die Erfolgsaussichten "durch die operative Unterstützung des Inkubators ebenfalls ungleich höher" seien.Zudem verhalte es sich mittlerweile so, "dass die meisten Inkubatoren nicht mehr nur in ihr eigenes Kapital investieren, sondern erfolgreich Drittgelder einsammeln", bestätigt der Gründer-Blog. So beteiligen sich klassische Venture-Capital-Unternehmen sowie vermögende Familienunternehmen an den einschlägigen Internet-Inkubatoren, sowohl als reine Geldgeber aber auch als Co-Investoren. Klassische Venture-Capital-Unternehmen können so ihr unternehmerisches Risiko deutlich verringern. Unterm Strich lässt sich sagen: Venture-Capital-Gesellschaften engagieren sich in der Frühphase deutlich weniger und lenken ihr Augenmerk stärker auf Firmenbeteiligungen in den Wachstumsphasen.
Seit Herbst 2008 ist die Otto Group im Venture-Capital-Business aktiv und ist inzwischen als Investor mehr als 100 Beteiligungen eingegangen. Für die Beteiligung an neuen Geschäftskonzepten hat die Otto Group über die Venture-Capital-Gesellschaft e.ventures und Project A bereits einen dreistelligen Millionenbetrag investiert. Weiter Investitionen sollen fließen.
"Inkubatorenflut" in Deutschland
Für viele Experten der hiesigen Gründerszene gibt es im Wesentlichen nur drei ernst zu nehmende Inkubatoren in Deutschland: Rocket Internet , Project A Ventures und Team Europe . Die Samwer-Brüder haben mal eben angekündigt, ebenfalls 150 Millionen in Start-ups investieren zu wollen - und zogen damit feixend mit dem Bundesetat gleich.Joel Kaczmarek von Gründerszene.de hat nach eigener Aussage inzwischen den Eindruck, dass es hierzulande mehr Inkubatoren als Gründungen gibt, was für den Wettbewerb zwar nicht schlecht sei, aber zur Folge hat, dass "auch einige schwarze Schafe und Hochmut wie Overselling recht weit verbreitet sind", wie er schreibt .
So kritisiert Kaczmarek vor allem die fehlende Professionalität der Inkubatoren. Er spricht etwa von um jedes Prozent feilschende Inkubatoren, von solchen, die sich nicht an ihre Versprechen halten, wenig fundierte Ideen in die Welt setzen oder kaum Geld investieren aber Kosten erheben. Nicht zuletzt fehle es ihnen oft an der nötigen Prozessarchitektur und geeignetem Mitarbeiter-Management. Oder es gebe jene Medienunternehmen, die durch Inkubatoren-Portfolios versuchen, ihre Reichweite zu monetarisieren.
| Beispiele für topaktuelle Inkubator-Gründungen |
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Trotz Kritik am professionellen Verhalten der Inkubatoren bleibt der Chefredakteur von Gründerszene versöhnlich. Er hält die Inkubatoren weder für ein Auslaufmodell, noch rät er von einer Kooperation mit ihnen ab. "Ich denke nur, dass sich das System als Ganzes weiter entwickelt hat", sagt Kaczmarek. Das werde auch an der "veränderten Vorgehensweise großer Inkubatoren" deutlich: "Während Rocket Internet sich darauf spezialisiert hat, fortan nicht mehr zahlreiche Modelle direkt nachzubauen, sondern wenige Modelle mit einer Systematik weltweit auszurollen, setzt etwa Project A auf einen kooperativen Ansatz, bei dem mit den fremdländischen Vorbildern kooperiert wird."
Für ratsam hält er es, anspruchsvoller zu sein. Denn Basics wie eine Finanzspritze, Räumlichkeiten und Grundlageninformation reichten heute nicht mehr aus, sondern: Es gehe um die Fähigkeit, "Unternehmen schneller, effektiver und gezielter zu gründen als andere", glaubt Kaczmarek. Auch damit das deutsche Gründertum international mithalten kann.
Wie sehr der Standort Deutschland international hinterherhinkt
Denn noch sprechen allein die Zahlen eine deutliche Sprache: In den USA beträgt die Venture-Capital-Beteiligung 100 US-Dollar pro Einwohner, in Europa hingegen nur zehn US-Dollar, weist Olaf Jacobi von Target Partners im Interview mit Gründerszene auf einen wichtigen Aspekt hin.Viel näher an die USA herangerückt sei man hierzulande, sieht Earlybird-Mann Nagel positive Entwicklungen: Er erwähnt etwa die Repeat-Entrepreneure, die Role-Models, das Cluster Berlin und die Seed-Finanzierungen. Der Wermutstropfen: Es gibt noch immer zu wenig Geld für die erste Runde.
Auf den Punkt gebracht lässt sich der Unterschied etwa zwischen den USA und Europa grob wie folgt beschreiben: Schneller Marktstart für innovative Unternehmen in den USA, während in Europa eher die langfristige Perspektive zählt. "Innovative Accelerator-Ansätze in den risikofreudigen USA, ausführungsbetonte Company-Builder-Mentalität in der Ingenieursheimat Deutschland", in diese Formel packt Gründerszene den Unterschied.
Vielleicht bewirken ja die Fördermittel des Bundesministers für Wirtschaft tatsächlich einen Schub, den die Interaktiv-Gründer brauchen könnten.
Eine Übersicht über die deutsche VC- und Start-up-Szene liefert das Poster 'Wagniskapital 2013 - Wer-gehört-wem im deutschen Internet', das im Sommer erscheinen wird. Die 2012er-Ausgabe des beliebten iBusiness-Posters ordnet 466 Start-ups ihren Branchensegmenten zu - und zeigt, welche der 42 deutschen Inkubatoren, Wagniskapital-Unternehmen und Investoren dort jeweils investiert haben.
Die Ausgabe 2013 kann jetzt kostenlos vorbestellt werden.
