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Wie sich deutsche Verlage ihre Zukunft erkaufen
26.07.2012 Auflagen und Print-Einnahmen sinken. Digitalen Content wiederum wollen Nutzer zwar lesen, aber nicht bezahlen. Wie müssen sich die großen deutschen Verlagshäuser also künftig digital ausrichten, damit sie auch ertragreich überleben können? Die Lösung steht bereits auf den Einkaufszetteln.
In die Fußstapfen ihrer amerikanischen Kollegen wollen die deutsche Medienkonzerne auf gar keinen Fall treten. Angekündigte Paid-Content-Pläne sind allerdings in aller Regel das Papier nicht wert, auf dem sie nicht gedruckt werden. Und vom Leistungsschutzrecht als Heilsbringer der Verlage träumen sowieso nur einzelne.
Meldungen über beides sind darum in letzter Zeit rar geworden. Andere Meldungen sind an ihre Stelle getreten. Übernahme-Meldungen. Meldungen wie die Übernahme der Fotocommunity durch die Weka Verlagsgruppe . Diese erhofft sich dadurch "das schnell wachsende Segment des Online-Fotosharings zu erschließen". Außerdem könnte Weka mit dem Fotoportal auch ganz gut sein ebenfalls neu erworbenes Nachrichten- und Informationsportal Foerderland.de von der Mannheimer Marktform bestücken.
Und auch der Burda Verlag kauft derzeit zur Stärkung seines bereits etablierten EBook-fremden Online-Angebotes ein: Zu seinem digitalen Reiseportal HolidayCheck gesellt sich nun das Hotel- und Reisebewertungsportal Zoover und die Wetterplattform MeteoVista . Geplant sei es, Zoover künftig eng an das Reiseportal Tjingo anzudocken. Es soll dann mit der Tomorrow-Focus-Tochter Holiday Check Content austauschen.
Wirft man also jetzt einen Blick in den Warenkorb der Verlagshäuser, so zeigt sich deren künftige Digital-Strategie deutlicher, als wenn man den Fensterreden ihrer Manager Glauben schenkt. Taten sind nun einmal mächtiger als Worte. Die Lösung ihrer Probleme erhoffen sich die Verlagskonzerne offenbar wahlweise
- in der Kombination digitaler Entertainment-Angebote mit etablierten Print-Marken,
- im Angebot spezialisierter (Content-) Dienstleistung im B2B-Bereich,
- im Zukauf von viel versprechenden Online-Unternehmen, die ihre Profitabilität theoretisch oder praktisch unter Beweis gestellt haben.
| Verlag | Vergangenheit: Wo kommen Sie her? | Gegenwart: Wie sieht derzeit ihr digitales Portfolio aus? | Zukunft: Wo wollen sie damit hin? | |
|---|---|---|---|---|
| Axel Springer ist nach eigenen Angaben heute Deutschlands größter Zeitungs- und drittgrößter Zeitschriftenverlag sowie eines der führenden europäischen Medienunternehmen. Das Print-Titel-Portfolio besteht vorwiegend aus einer Mischung großer Tageszeitungen wie Bild , Die Welt , Sonntagszeitungen ('BamS') und populären Special-Interest-Zeitschriften wie dem Rollingstone , Musikexpress und Metal-Hammer . Das Springer Portfolio beinhaltet:
Der Verlag ist in insgesamt 34 Ländern aktiv. | Springer setzt auf hyperlokalen Journalismus. So hat etwa die Axel Springer Akademie mit Zoom-Berlin eine einzige Straße, die Berliner Oranienstraße, in den Mittelpunkt eines journalistischen Angebots gestellt. Das Angebot steht unter dem Motto "Die Stadt. Eine Straße. Dein Leben." Dieser lokale Aspekt findet sich ebenfalls in den einzelnen Bild-Angeboten oder dem VC-Vehikel Kaufda wieder. Weitere für die künftige Ausrichtung Springers wichtige Start-up-Beteiligungen sind:
| Springer gruppiert seine Content-Initiativen rund um seine starken Marken, allen voran Bild : Digitaler, lokaler und umfassender sollen sie werden. Der Weg: hyperlokaler Journalismus, unter anderem hausgemacht, sowie lokal ausgerichtete Onlineportale mit lokalem Nutzen. | ||
| Umsatz 2011: | 3,2 Mrd. Euro und ein Ergebnis (EBITDA) von 593,4 Millionen Euro. | |||
| davon digital: | 30,9 Prozent | |||
Hauptbestandteile des Konzerns sind:
Die bekanntesten Zeitschriften-Titel stammen aus Anteilen an dem Spiegel Verlag (Der Spiegel ), Gruner + Jahr (Brigitte , Geo und Stern ) und der Motor Presse (Mens Health . | Anfang des Jahre verkündete der Bertelsmann-Konzern im Rahmen ihrer Bilzanzpressekonferenz, dass es sein vorrangiges Zel sei, das Unternehmen wachstumsstärker, digitaler und internationaler aufzustellen. Laut Bertelsmann soll dies vorrangig durch "vier strategische Stoßrichtungen" erreicht werden: 1.) über die weitere Konsolidierung und Stärkung des Portfolios, 2.) durch eine beschleunigte digitale Transformation der Kerngeschäfte, 3.) durch die Bildung neuer Wachstumsplattformen, 4.) durch die Expansion in neue geografische Wachstumsregionen. Bertelsmann setzt auf Internationalisierung (Bertelsmann), Verlängerung der Entertainment-Angebotskette (RTL interactive), eine einheitliche Bündelung des digitalen Contents (Gruner + Jahr) sowie integrierte Dienstleistungslösungen entlang der gesamten ECommerce-Wertschöpfungskette (Arvato). | Bei Bertelsmann wird die künftige Ausrichtung des Konzerns weniger durch den Zukauf kleinerer Online-Startups bestimmt. Viel wichtiger werden hier die Neuausrichtungen bereits bestehender Venture-Capital-Investments sein. So etwa die Bündelung des gesamten Online-Contents von Gruner + Jahr oder die Neuorientierung des ehemaligen Druckdienstleisters Arvato zu einem internationalen Outsourcing-Dienstleister. | ||
| Umsatz 2011: | 15,3 Mrd. Euro | |||
| davon digital: | 6,5 Prozent | |||
| Das Stammgeschäft des Medienkonzerns bilden Zeitschriften und Druckereien. Das Titel-Portfolio besteht aus einer Mischung aus hochwertigen Publikumszeitschriften wie TV Spielfilm , InStyle oder Playboy und Special-Interest-Titeln wie Wohnen & Garten , Lisa Kochen & Backen und Mein schönes Land . Seit dem Jahr 2000 bündelt Burda seine Internet-Unternehmen vorwiegend in der Tomorrow Focus AG . Zudem besitzt Burda Beteiligungen an Internetfirmen, wie etwa dem Elektronik-Händler Cyberport , der Videoplattform Sevenload und der Xing AG . | Die VC-Investitionsstrategie von Burda ist es, vielversprechende Einzelunternehmen zu sammeln, in der Hoffnung, einen neuen Wachstumskern dabei zu finden. Burda sammelt in seinem Online-Portfolio immer mehr Service-Portale an. Von CHIP Online , über Elitepartner oder HolidayCheck biete Burda deren interaktive Dienstleistungen in seinen Content-Portalen an. Zudem stärkt Burda sein Digital-Angebot durch Beteiligungen im Onlinehandel wie etwa Zooplus und Computeruniverse . | Künftig könnte es nicht nur Lesern der Burda-Zeitschrift Chip möglich sein, sich bei Chip-Online oder Cyberport mit entsprechender Soft- beziehungsweise Hardware zu versorgen. Auch die anderen Special-Interest-Titel könnten ihr eigenes Walled-Garden-Burda-Universum erhalten. Diesem wäre sicher auch die zentrale Digital-Content-Einheit Burda I-Lab nützlich. Und vermarkten kann sich das digitale Burda-Universum mit Tomorrow Fokus auch selber. | ||
| Umsatz 2011: | 2,2 Mrd. Euro | |||
| davon digital: | 43,1 Prozent | |||
| Die vier Säulen der Zukunft deutscher Verlagskonzerne | ||
|---|---|---|
| Portfolio | Ganzheitliches Angebot Die Verlage unterziehen sich und ihre Geschäftsmodelle einer Neudefinition, indem sie das Print-und Online-Portfolio ihrer Titel im Internet mit Portalen und Dienstleistungsangeboten fortsetzen und erweitern. Die Hoffnung ist die Rückeroberung von verlorenen Marktanteilen und der Gewinn von wertvollen Kundendaten. Und diese bilden im Idealfall sogar die komplette Customer Journey ab. Damit lassen sich entweder direkte Geschäfte machen (Handelsumsatz, Affiliate...) oder aber indirekte durch die Vermarktung der Daten an Werbekunden. | Venture-Capital-Vehikel Um ihr Portfolio durch Onlinedienstleister und -plattformen zu erweitern, arbeiten die großen Verlagskonzerne mit dem Einkauf von Start-ups und bereits etablierten Online-Unternehmen. Die Rolle dieser Venture-Capital-Vehikel innerhalb der Konzerne wird künftig noch bedeutend zunehmen. Denn ob sich der Konzern hierbei für eine breite Mischung potenzieller neuer Geschäftsfelder entscheidet oder auf eine Erweiterung der bereits bestehenden Produktpalette setzt: Beides kann später die komplette künftige Ausrichtung des Mutterkonzerns bestimmen. |
| Content | Einheitliche Bündelung Medienkonzerne bündeln ihre Inhalte mit Hilfe einheitlicher CMS-Lösungen, sodass diese dann gesammelt von einem zentralen Ort aus abrufbar sind. Von dem vereinheitlichen Content-Topf können dann auch die jeweiligen Dienstleistungs- und Plattform-Angebote der Verlage profitieren. Nicht zuletzt, weil die Verlage vermehrt Kooperationen mit digitalen Distributoren und Vermarktern eingehen. Und beide bestenfalls bereits besitzen. | Internationalisierung Durch die Bündelung des Contents fällt es Verlagskonzernen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene leichter, ihre Inhalte so oft wie möglich zu verwerten. Durch den Zukauf lokaler Titel oder Vergabe von Lizenzen wird hier die richtige Zielgruppenausrichtung gewahrt. |
