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Urteil: Oberlandesgericht legalisiert Website-Plagiate
08.10.2004 (iBusiness) Das Oberlandesgericht Hamm hat jetzt dem Diebstahl von Web-Design und Grafiken grünes Licht gegeben.
Obwohl die Gerichte in zwei Instanzen bestätigten, dass es sich bei der NTEK-Website um ein Plagiat handelt, wiesen Landgericht wie Oberlandesgericht die Klage ab. Die Begründung: Die Website habe in ihrer Gesamtheit trotz der investierten Kosten keine "erforderliche Schöpfungshöhe", um urheberrechtlich als Werk schützenswert zu sein. Das, was der Beklagte übernommen hätte, nämlich Grafiken und Farbkombination, "wäre nicht so originell, dass darauf Urheberrechtsschutz gegeben werden könne", so das Berufungsurteil. Außerdem habe der Beklagte die Webseite von 'ip & more' nicht komplett 1:1 übernommen, sondern zum Beispiel ein anderes Logo verwendet.
Die von 'ip & more' beauftragten Webdesigner und Grafiker wird diese Qualifikation ihrer Tätigkeit sicherlich "sehr erfreuen", bemerkt Dr. Daniel F. Berg, einer der Anwälte des Klägers, zynisch. "Dieses Urteil bedeutet für alle Grafiker und Webdesigner, dass ihre Produkte nichts wert sind. Denn nach diesem Urteil kann nun jeder Webseiten inklusive Quelltexten und Grafiken kopieren wie er lustig ist," schimpft Daniel Engländer, Geschäftsführer von IP & more.
Der zweite für Grafiker relevante und bedenkliche Beschluss des OLG Hamms sei der, dass dieses das Urheberrecht auf Photos sehr restriktiv ausgelegt hat, meint Eler von Bockelmann, ebenfalls Anwalt des Klägers. Denn das Oberlandesgericht Hamm hat in seiner Entscheidung zugelassen, dass NTEK unter anderem auch mehrere Grafiken mit Photocollagen einfach kopiert. Diese mit dem Computer bearbeiteten Photos sind nach Ansicht der Richter nicht wie Photos urheberrechtlich geschützt. Die Begründung: Als Lichtbild gelte ein Bild, das unter "Benutzung strahlender Energie" mit photografischer Technik erzeugt wird. Das sei bei dieser Art Computerbildern, digital nachbearbeitet, nicht der Fall. Lediglich schützenswert sei das Programm, das die "Grafiken selbstständig hervorbringt". Außerdem sei die Schöpfungshöhe auch hier nicht gegeben: Der Verfremdungseffekt verlange kein überdurchschnittliches handwerkliches Können.
Rechtsanwalt Dr. Berg befürchtet nun, dass künftig jede digitale Nachbearbeitung eines Photos zum Verlust des privilegierten Lichtbildschutzes führen. Daniel Engländer erwägt deshalb, mit der Klage an den Bundesgerichtshof weiterzugehen. Allerdings ist ihm bislang das Prozesskostenrisiko zu hoch, weswegen er auf der Suche nach Verbündeten ist, die mit ihm gemeinsam die Revision des Urteils vor dem Bundesgerichtshof angehen wollen.
Aufmerksam auf den Diebstahl wurde 'ip & more' durch den Hinweis eines ebenfalls durch den Plagiaten Geschädigten. Dieser hatte in der Impressums-Seite der NTEK in einem Textabschnitt die Firmenbezeichnung ip & more gefunden, die die NTEK vergessen hatte herauszulöschen. Nachdem der Multimedia-Dienstleister zwar nach der Abmahnung seine Seite aus dem Web entfernt hatte, sich jedoch weigerte, die übliche Unterlassungserklärung nicht unterzeichnen und die Kosten zu erstatten, klagte der Provider.
Grundlage der rechtlichen Schritte gegen NTEK war nicht die Übernahme üblicher Merkmale von Webseiten (wie Menüstrukturen und - führungen), sondern das buchstäbliche Kopieren eines designerisch und grafisch aufwendigen Webdesigns. Die Schutzfähigkeit der Webseite machte der Kläger, vertreten durch die Rechtsanwälte Eler von Bockelmann und Dr. Daniel F. Berg von der Münchner Wirtschaftskanzlei Dr. Koppe & Kollegen, am Kostenaufwand für die Website von etwa 15.000 Euro und dem in die Gestaltung investierten Zeitaufwand fest.
Urteil: Oberlandesgericht legalisiert Website-Plagiate
Dieses Urteil, über das iBusiness heute exklusiv berichtet, ist ein Skandal. Denn obwohl es entstanden ist durch eine Kombination aus ahnungslosen Richtern und optimierungsfähig geschickt argumentierenden Anwälten: Es kann die Branche verändern. Die Branchenverbände, obwohl von der iBusiness-Redaktion kontaktiert, haben bis heute dazu noch keine Stellung bezogen - geschweige denn, Maßnahmen ergriffen.
Sie werden es tun müssen.
Am: 08.10.2004
AW: Nur der falsche Klageweg...?
Hallo Herr Graf,
mir scheint, daß es einfach nur der falsche Klageweg war, denn nach UrhG habe ich noch nie von einer Website gehört, die die erforderliche Schöpfungshöhe im Detail erreicht hätte. Deshalb begründet man solches Verhalten wohl auch besser auf Basis des UWG? (Vgl. "LG Berlin, Urt. v. 06.05.86, 16 O 73/86 - Winterlandschaft", besonders Punkt 2 der Begründung: http://www.netlaw.de/urteile/lgb_20.htm)
Hingegen gibt's wohl Urteile die dem Unterlassungsanspruch zu "Look&Feel" einer Website gem. UWG selbst dann zugestehen, wenn eine branchenfremde oder private Website "verwechslungsfähig" gestaltet ist, da gem. richterlicher Entscheidung alle Web-Angebote letztlich Wettbewerber um Abrufe sind...? Ein Anspruch nach UWG wurde gem. des Berichtes aber nicht vorgetragen, oder?
Um das auf den Punkt zu bringen: Wenn jemand einen Ihrer Beiträge aus "Schnellimbizz" gekürzt an fremder Stelle veröffentlicht und seinen eigenen Namen darunter setzt, berufen Sie sich auf UrhG oder UWG? Im Zweifelsfall doch wohl beides und noch mehr, oder? UrhG bietet da wohl nur den Vorteil den Schaden fiktiv beziffern zu können, wenn ich das richtig sehe?
Da ich das Urteil online nicht gefunden habe, kenne ich natürlich nur Ihren Artikel. Die Folgen nach UrhG erscheinen mir persönlich entsprechend nicht überraschend, da man wohl nicht von einer "aus der Masse des Alltäglichen herausragenden Leistung" sprechen kann? - Plagiat?? Ja; aber Plagiate sind wohl durchaus erlaubt... da muß man sich nur 'mal ein durchschnittliches deutsches Einfamilienhaus anschauen: Außen weiß mit Fenstern und Dach, innen 4ZKDB und Gästeklo... ;-)
Wäre vielleicht nicht schlecht einmal einen publizistisch tätigen Fachmann zur rechtlichen Taktik zu interviewen, bevor sich auch andere an der Betonwand UrhG den Kopf einrennen und sicher günstiger als den BGH zu behelligen, oder? - Aber meinereiner ist allenfalls nur ein interessierter Laie... >;->
Viele Grüße
/me
