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Die neue Massenkrankheit Social-Media-Prokrastination

12.11.2012 Der wachsende Einfluss von Social Media auf den Alltag führt zu grassierender Aufschieberitis. Prokrastination droht, sich vom Studenten-Phänomen zur Volksseuche zu entwickeln. Auslöser ist die Permapräsenz. Vier Szenarien zur Zukunft ermitteln, ob ein Mittel gegen die Krankheit existiert.

 (Bild: Microsoft)
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Jeder kennt das - lieber noch mal in Foursquare   einchecken, den Newsstream sichten, ein Stichwort googeln, einen Tweet loswerden und gucken, was die Freunde bei Facebook   machen. Und dann erst geht's zurück an die Arbeit. Für die einen ist es ein kurzer Einschub ins Tageswerk, für die anderen eine dauerhafte Aufschiebementalität mit dem Ergebnis, dass die Arbeitsleistung, das tägliche Pensum gefährdet sind.

Arbeit ständig aufschieben kann krankhaft werden. Prokrastination lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für pathologisches Aufschiebeverhalten. Dabei handelt es sich um eine ernstzunehmende Arbeitsstörung und kann sowohl private Alltagsaktivitäten als auch schulische, akademische und berufliche Tätigkeiten betreffen. Betroffen waren bislang vor allem Studenten und Freiberufler. Aber mit der wachsenden Zahl von Mobile Workern und dem Siegeszug von sozialen Netzwerken auch im Arbeitsalltag steigt die Zahl der von krankhafter Aufschieberitis Bedrohten.

Prokrastination fördernde Faktoren
  • Probleme in der Prioritätensetzung
  • Mangelnde oder unrealistische Planung
  • Schwierigkeiten in der Abgrenzung gegen alternative Handlungstendenzen
  • Defizite im Zeitmanagement oder in der Konzentrationsfähigkeit
  • Abneigung gegen die Aufgabe
  • Angst vor Versagen oder Kritik
  • Fehleinschätzungen der Aufgabe oder der eigenen Anstrengungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit, so das Münsteraner Institut.


In der Prokrastinations-Ambulanz der Universität Münster   hat Diplom-Psychologin Julia Beumler mit ihren Kollegen seit sechs Jahren bereits rund 500 betroffene Patienten betreut. Sie sieht dabei Social-Media-Aktivitäten als einen Faktor unter vielen an, um sich abzulenken. Einen direkten Zusammenhang kann sie jedoch bisher nicht nachweisen. Gleichwohl kann sie sich durchaus eine Verbindung vorstellen. Eine Reihe einzelner Fälle sind Beumler bekannt. Manche helfen sich damit, indem sie einfach eine bestimmte Seite sperren, um nicht in Versuchung zu geraten.

Social Media bietet eine Fülle von Ablenkungen

Kaum denkbar ist es heute, im Büro nicht online zu sein oder gar Seiten zu sperren. Das Internet soll mit seinen Anwendungen und Einstellungen die Arbeitsleistung schneller machen und verbessern. Dazu gehört auch der Einsatz von Social Media. Die Kurve für den Einsatz sozialer Netzwerke in Unternehmen weist deutlich nach oben.

Klaus Eck


Allein 66 Prozent der kleineren Unternehmen verbringen mehr Zeit mit Social Meda als noch vor einem Jahr, wie Vertical Response   in seiner Erhebung belegt. Demnach widmen sich 43 Prozent der befragten kleineren Unternehmen mindestens sechs Stunden pro Woche sozialen Netzen - das entspricht etwa 1,2 Stunden pro Tag. Ein Viertel investiert bis zu zehn Stunden, elf Prozent bis zu 20 Stunden und sieben Prozent mindestens 21 Stunden. Die meiste Zeit beansprucht die Recherche und das Posten von Social-Media-Content, so die Erhebung.

Somit erweisen sich Online-Angebote im Büroalltag häufig als Zeitfresser. Nicht nur das: Die typische berufliche EMail-Kommunikation inklusive Mail-Flut, Nicht-Antworten vieler Beteiligter, hätten viele Nutzer "abgestumpft" und auch für Social-Media-Kommunikation ein Stück weit verdorben, klagt beispielsweise Berater Leander Wattig.

Für den Social-Media-Altvorderen Klaus Eck von Eck Kommunikation   ist die Prokrastination auch eine Folge der täglichen Informationsflut am Arbeitsplatz - intern wie extern, von den E-Mails bis hin zum Projektmanagement. Dass man auf diese Weise überfordert ist, sei überaus menschlich. Anti-Prokrastination ist für ihn ein Kompetenzzeichen: "Je besser der Mitarbeiter die anhaltende Infoflut bewältigt, umso erfolgreicher ist er im Projekt".

Konzentration auf das Wesentliche, nur wie?

Dabei sieht Eck die Unternehmenskultur in einer entscheidenden Rolle. Sie muss die Voraussetzung schaffen, damit die Mitarbeiter mit den vielfältigen Aufgaben fertig werden. In kleinen wie in großen Unternehmen steht "ewige Fortbildung" auf der Tagesordnung. Verschärft werde die Gemengelage noch dadurch, dass immer neue, äußerst spannende Tools hinzukommen, so Eck. Die menschliche Neugierde führe dazu, alles ausprobieren zu wollen - auf diese Weise werden die übergreifenden Ziele aus den Augen verloren. "Wir müssen lernen uns auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, dann werden wir auch kein Problem mit der Aufschieberitis haben", sagt Eck.

Jochen Mai

Doch wie ist dies möglich, wenn man zudem noch unter Prokrastination leidet? Jochen Mai , Social-Media-Manager, Gründer und Herausgeber der Karrierebibel   spricht sich dafür aus, Prokrastination richtig einzuordnen. Für ihn ist Prokrastination nicht die Ursache, sondern nur ein Symptom. Und dass Social Media die Prokrastination fördert, ist für Mai nicht zwingend der Fall. Denn früher wurde auch prokrastiniert, "nur geschieht dies jetzt ganz bequem vom Arbeitsplatz am Rechner", bringt Mai die Veränderung auf den Punkt.

"Warum schieben Mitarbeiter auf?", so lautet aus seiner Sicht die wichtige zu stellende Frage, auf die es für ihn zwei Antworten gibt:

  1. Die negative Antwort: "Der Mitarbeiter ist dem Job nicht gewachsen"

    Für diese Gruppe der Prokrastinierer ist der Job entweder zu langweilig oder die Herausforderungen sind zu hoch. Sie haben eine Aufgabe vor sich, der sie sich nicht gewachsen fühlen. Die Reaktion: Erstmal ausweichen. "Ein sogenanntes Prokrastinations-Paradoxon, auch bekannt als Depletion-Effekt", argumentiert Mai. Bei dem Versuch, eine Aufgabe leichter zu bewältigen, wird diese oft schwerer gerade durch das Ausweichen. Die Folge: Das Problem vergrößert sich, weil mehr Druck aufgebaut wird.

  2. Die positive Antwort: "Prokrastination als Mittel für neuen Konzentrationsschub":

    Erwiesen ist, dass der Mensch nur begrenzt aufnahme- und konzentrationsfähig ist. Er kann meist nur zwischen 70 und 90 Minuten konzentriert arbeiten, dann streikt das Gehirn. Wer sich an dieser Stelle ablenkt, ist danach besser und konzentrierter bei der Arbeit. Im Gegensatz zu demjenigen, der sich zwingt, weiterzumachen. Somit ist der Effekt von Prokrastination nicht zwangsläufig negativ. Er kann gar wichtig sein für die weitere Effizienz der Arbeit.


 (Bild: Vertical Response)
Bild: Vertical Response


Dass manche Zerstreuung für das menschliche Gehirn eher eine motivierende Funktion hat und danach die Aufmerksamkeit wieder verbessert, haben Alejandro Lleras und Atsunori Ariga von der Universität Illinois   in einer Studie   belegt. Sie ließen 84 Freiwillige 50 Minuten lang eine Aufgabe am Computer bearbeiten.

Das Ergebnis: Kurze Ablenkungen unterstützten die Konzentration auf die Sache. Die Wissenschaftler leiten daraus ab, dass Aufmerksamkeit keineswegs eine begrenzte Ressource ist, sie ist nur nicht immer vollständig auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet.

Aufschieberitis oder erfrischende Ablenkung

Ob Mitarbeiter süchtig prokrastinieren oder ihr Gehirn entspannen, gilt es jeweils zu hinterfragen. Gleichwohl bieten das Internet und Social Media am Arbeitsplatz eine Fülle von Angeboten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie reichen vom Lesen und Schmökern im Blog und auf Nachrichtenseiten, von amüsanten Videos auf Youtube oder chatten mit Freunden auf Facebook. Und sie alle sind eine willkommene Abwechslung, die entweder fatale Folgen haben oder gut tun.

Doch dass Prokrastination durch Social Media gar gefördert wird, "ist so nicht richtig", sagt Mai, weil es nicht klar nachweisbar ist. Er empfiehlt zunächst, nach dem Anlass der Ablenkung zu fragen, anstatt den Kanal zu sperren. Während ein Erregungsaufschieber den höchsten Druck benötigt, um eine Höchstleistung abzurufen. Mai: "Er ist so gepolt". Eine Änderung seines Verhaltens könne nur über das Setzen anderer Fristen erfolgen.

Für Mai zählt vor allem das Ergebnis: "Wenn das Ergebnis am Ende stimmt, ist es egal ob nur zwei statt sechs Stunden dafür benötigt wurden", so Mai. Auch beim Vermeidungsaufschieber hilft es nicht, den Social-Media-Kanal zu sperren. Denn diese haben immer Zeit totgeschlagen, am Kaffeeautomaten, bei Social Media oder eben woanders.

Wenn die Personenmarke immer stärker zur Unternehmensmarke wird

Reduzieren lässt sich die Prokrastination dadurch, indem man zumindest den unsinnigen Teil des Social-Media-Engagements einstellt. Zum Beispiel den Unterhalt eines privaten und eines beruflichen Social-Media-Kanals, die ja beide mit Material versorgt werden wollen.

Hier ist Klaus Ecks Position eindeutig: "Es gibt keine wirkliche private Nutzung, wenn es beruflich genutzt wird". Zwei Facebook-Accounts zu führen, ohne sich zu überfordern, das sei nicht drin. Auch verschiedene Twitter-Accounts setzen zu stark unter Druck.

"Absolute Grenzziehungen" zwischen beruflichem und privatem gibt es aus Sicht des Online-Kommunikationsexperten nicht. Jeder, der aktiv in sozialen Netzwerken für sein Unternehmen arbeitet, werde damit auch in der Freizeit assoziiert. "Man kann die Personenmarke immer weniger von der Unternehmensmarke trennen", macht Eck klar, der allerdings einräumt, dass es Übergänge ins Private gibt. Der jeweilige Grad hänge aber auch davon ab, wie intensiv man für das Unternehmen als Markenbotschafter auftritt.

Permapräsenz als Herausforderung der Moderne

Als eine "Herausforderug der Moderne" betrachtet Social-Media-Manager Mai die sogenannte Permapräsenz. Stets auf Abruf zu sein, immer dem unterschwelligen Druck auf alles reagieren zu müssen nachzukommen, führe zu einer starken Beanspruchung, bei der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend schwinden.

"Wir leben in einer Übergangsphase, in der wir lernen müssen, auch mal nicht zu reagieren", erklärt Mai, der hier eine Analogie zu den ersten Jahren der Handynutzung sieht. Jetzt hätten sich die Nutzer daran gewöhnt, auch mal den eingehenden Anruf wegzudrücken. Das sei mit Social Media genauso. Entscheidend sei der vernünftige Umgang - was ist wichtig, was nicht, wo liegen die Auszeiten.

In dieser Übergangsphase kann jedes Unternehmen seine Mitarbeiter durch die eigene Kultur unterstützen. So könnten etwa intern Best-Practice-Fälle vorgestellt werden, schägt Eck vor. Er betont: Niemand sollte mit der Überforderung und seinen Folgen allein gelassen werden.

Eck sieht das Problem der Prokrastination vor allem darin, "dass wir nicht gelernt haben, damit umzugehen - nicht in der Schule und nicht im Studium." Weil es keine allgemein gültige Methodik gibt, "muss jeder für sich eine Systematik entwickeln, um damit klar zu kommen und den Überblick zu behalten", empfiehlt Eck.

So läuft es darauf hinaus, sich selbst Oasen zu schaffen. Nicht nur Mai sieht hier das Management in der Verantwortung: Schließlich sind von Prokrastination und Permapräsenz alle Mitarbeiter betroffen.

Entscheidend für den künftigen Umgang mit den Aufschiebe-Versuchungen wird sein, inwieweit das eigene Zeitmanagement-System ein Quantum "Kleine Fluchten" verkraftet und wie sehr das Umfeld, also die Kultur des Unternehmens, zugleich mit Verständnis und Unterstützung die zu bewältigende Informationsflut hilft in den Griff zu bekommen. Denn sie ist Teil des Problems und veranlasst manche Mitarbeiter mit dem Aufschieben erst anzufangen.

Vier Szenarien: Wie sich Prokrastination und Permapräsenz entwickeln

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
40%
Best-Case-Szenario

HR-Aufgabe

Wie Mitarbeiter mit ihrer Arbeitszeit erfolgreich umgehen, gehört in Zukunft genauso zum unternehmensinternen Lernprogramm wie die Schulung von Excel und Powerpoint. Die Social-Media-Überforderung verschwindet durch die gesamtgesellschaftliche Erkenntnis, dass man auch mal die Klappe halten kann. Berufliche und private Nutzung verschmelzen.

Aktiv
30%
Worst-Case-Szenario

Automatisierung

Unternehmen können durch Social-Media-Maschinen den wachsenden Anteil von Social-Media-Kommunikation bewältigen. Individuen werden über Automaten Teile der Überforderungen abfedern. Ansonsten spezialisieren sich die Social Networks. Keiner ist mehr überall vertreten. Berufliche und private Nutzung trennen sich noch stärker.

Passiv
20 %
Best-Case-Szenario

Flutwehre

Trotz immer stärkerer Filterung verteilt sich die Aufmerksamkeit der Menschen auf immer mehr Endgeräte, Social-Media-Netzwerke und Kommunikationskanäle. Die generelle Aufmerksamkeit für soziale Botschaften sinkt.

Passiv
10%
Worst-Case-Szenario

Überschwemmung

Alles wird digital, interaktiv und sozial - von der Kaffeemaschine über den lokalen Bäckerladen bis hin zu LinkedIn und Facebook. Und damit wächst die Überforderung. Social-Burnout wird als Krankheitsbild von den Krankenkassen anerkannt.

Thema: Die neue Massenkrankheit Social-Media-Prokrastination

Kommentar von Markus Howest

Früher Kaffeeküche, heute Mausklick

Dass es die Aufschieberitis gibt ist unumstritten, doch nicht immer steckt Zeit totschlagen dahinter. Richtig einordnen tut not.

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Markus Howest, iBusiness (edelfedern.de)
Bild: edelfedern.de
Neuer Kommentar  Kommentare:
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Von: Hans-Rainer Mayer ,  nouvelles idées ,  Verbindungen
Am: 12.11.2012

Zu: Die neue Massenkrankheit Social-Media-Prokrastination

Ach du lieber Himmel ! Was hat die Online-Branche und deren Medien das letzte Jahrzehnt doch an Wortschöpfungen (Buzzwords - zum Verständnis für Neudeutsch-Sprecher) hervorgebracht. Für meine Empfinden ist dabei mehr Schein als Sein im Spiel. Ich glaube, auch Radio- und Fernsehmoderatoren fühlen
Sich tatsächlich elitär, wenn sie zwanghaft „dot“ und „slash“ vor sich hin plappern. Und gleich einem intellektullen Sahnhäubchen setzt der INTERNET WORLD-
Journalist das lateinische Wort
„Prokrastination“ oben drauf.

Wenn ich manchmal mit dem Fahrrad unterwegs bin und die ganzen Abfälle zwischen
Autospur und Radweg sehe, muss ich nur noch den Kopf Schütteln: all die leeren
Plastikflaschen, Zigarettenschachten und Fast Food-Verpackungen. Müll, achtlos
Weggeworfen, von einem „Homo sapiens“ (einsichtsfähiger Mensch !?), offenbar
Völlig ohne Respekt gegenüber der Natur,
„Konsum-Herrenrasse“, der auch keine Social-Media-Prokrastination mehr hilft,
wenn sie unseren Planeten vermüllt und verdreckt hat.

Zu: Die neue Massenkrankheit Social-Media-Prokrastination

Prokrastination, die: (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten oder Handlungsaufschub ist das Verhalten, als notwendig, aber auch als unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen.

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