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Xing und die Folgen: Garteln im Alleebaum-Grünstreifen
15.08.2022 Wenn man keinen eigenen Garten hat - warum also nicht einfach den Grünstreifen rund um den Straßenbaum bepflanzen? Was in vielen Kiezen seit Jahren funktioniert - in Social-Media-Gärten ist dies gefährlich für das eigene Geschäftsmodell. Das hat das Beispiel Xing wieder gezeigt.
Für zahlreiche Xing-Premium-Mitglieder ist der Wechsel des Geschäftsmodells - weg vom Business-Network, hin zur reinen Karriereplattform - der entscheidende Grund, endlich den Account zu kündigen. Business-Vernetzung in Deutschland erfolgt ohnehin seit geraumer Zeit über LinkedIn. Die Abstimmung mit den Füßen ist seit geraumer Zeit sichtbar. Auf immer mehr Xing-Profilen findet sich der Hinweis: "Wird nicht mehr aktualisiert, bin auf LinkedIn ".
Doch für Xing-Gruppenmoderatoren und Influencer ist die Nachricht ärgerlich. Schließlich haben sie zum Teil Jahrzehnte damit zugebracht, regionale und fachbezogene Communities auf der Xing-Plattform aufzubauen, die zum Teil zehntausende von Nutzenden umfassen - und die von ihnen auch zur Monetarisierung und Leadgenerierung verwendet werden. Das gilt auch für die Event-Funktion: So ist es aktuell möglich, die eigenen Webinare und Veranstaltungen auf Xing einzustellen und per E-Mail an seine Follower zu vermarkten - eine Funktion, bei der LinkedIn deutlich schwächer abschneidet. Auch wir bewerben unsere Webinare und Virtuellen Konferenzen noch über Xing. Ich muss gestehen: Das ist mittlerweile der Hauptgrund, weswegen wir noch auf der Burda-Plattform aktiv sind. Vielen anderen Veranstaltern geht es offenbar ähnlich, wenn man den Posts in den diversen sozialen Kanälen glaubt.
Auch wenn die Qualität der Foren abgenommen hat: Als Geschäftsgrundlage taugten sie wohl immer noch. Ein Moderator beschrieb es als ein "trübes Wasser, in dem man immer noch erfolgreich fischen konnte".
Einmal mehr scheint sich zu zeigen, dass es gefährlich ist, sein Geschäftsmodell auf eine Drittplattform zu bauen, die anders als ein Alleebaum-Grünstreifen eben keine Allmende ist, sondern Teil eines Geschäftsbetriebs. Ein Switch beim Geschäftsmodell des Plattformbetreibers - oder auch nur die Änderung des Algorithmus - kann gravierende Folgen haben.
So brachte erst vor wenigen Wochen Metas Änderung des Instagram-Algorithmus die dortigen Influencer auf die Palme, Reels statt der bis dahin üblichen Bilder im Feed zu bevorzugen. Erst nach einem heftigen Aufstand der reichweitenstarken (und mit der Werbeindustrie gut vernetzten) Influencer machte der von Werbung abhängige Zuckerberg-Konzern einen Rückzieher.
Wer sich auf ein Drittsystem verlässt, statt auf die eigene Datenhoheit, der hängt immer an der Nadel von Dealern, die einen zwar abhängig machen, aber jederzeit auch fallen lassen können, wenn es ihnen in den Kram passt. Und das gilt genauso, wie für das im chinesischen Unrechtssystem verortete Tiktok, wie für Microsofts Tochter LinkedIn. Wer in den Walled Gardens von Konzernen pflanzt, kann seine gesamte Ernte verlieren.
Man sollte darum immer Owned Media strategisch vor Earned Media und Paid Media stellen und letztere erstere füttern lassen.
