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Die Hipster-Echokammer analysiert: Der Hype um Clubhouse
03.02.2021 Der Hype rund um die Audio-App Clubhouse neigt sich offenbar schon wieder seinem Ende entgegen. Das zumindest lässt sich aus den von uns ausgewerteten Trendzahlen schließen. Die Branche wiederum ist gespalten, was die Einschätzung der neuen Social-Media-App angeht.
- Verknappungsmarketing: Clubhouse ist nur für Apples IOS verfügbar und man benötigt eine Einladung existierender Clubhouse-Mitglieder, von denen diese jeweils nur zwei bekommen.
- Elitär:Die Netzwerke, in denen die App kreist, sind elitär: Medienmacher, Politiker, Digitalexperten, Kommunikationsprofis
- Testimonials:Neben diesem erfolgreichen Verknappungsmarketing setzt die App auf Influencer und Stars, die ihre Anmeldung öffentlichkeitswirksam teilen und so die Nachfrage weiter erhöhen. Zu den Early Adoptern zählen vor allem Medien-, Politik- und Kommunikationsschaffende - von den TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Thomas Gottschalk bis zu Politikern wie Bodo Ramelow, Gesundheitsminister Jens Spahn oder SPD-Vorsitzende Saskia Esken .
Clubhouse in der Trend-Analyse
Der erste Erfolg gibt den Betreibern recht: Am 19. Januar 2021 war die App die meist heruntergeladene IOS-Anwendung in Deutschland. Unsere Auswertung von Google Trends zeigt allerdings gleich zwei interessante Aspekte:- Erstens: Das Suchinteresse nach der App war rund um den 18. Januar am höchsten und flacht gerade wieder ab. Das erste Hype-Strohfeuer scheint also bereits wieder vorbei zu sein
- Anders als bei den allermeisten anderen Google-Trend-Auswertungen ist hier deutlich zu sehen, dass der Peek der Suchen aus den beiden Stadtstaaten Hamburg und Berlin stammt. Das deckt sich mit der Kernzielgruppe der App: Medien- und Politikleute.
Clubhouse kombiniert das Podcast-Format mit dem Modell einer Echtzeit-Veranstaltung - also ideal für Mediale und Politiker: Jeder kann auf Clubhouse einen (Audio-)Gesprächskreis eröffnet und beliebige Menschen einladen, mit ihm zu sprechen - vor allem können diesen dann viele zuhören. Diese Anwendung befriedigt wohl ein tiefsitzendes Bedürfnis: Tanja Muhme , Agenturleitung der Borgmeier Media Gruppe beispielsweise gefällt vor allem der Live-Charakter. Sie erzählt uns: "Da sitzt dann halt nicht jeder Satz und Formulierungen knarzen. Das macht es richtig schön lebendig. Echter Dialog eben, den haben wir doch lange vermisst.
Auch für Digital PR Consultant Silke Berg kam Clubhouse "genau zur richtigen Zeit, um die Lücke zwischen Homeoffice und Videokonferenzen zu schließen". Ein echtes Networking sei dort erstmals digital möglich - und sie fragt sich"ob sich der Hype auch nach Corona in diesem Umfang fortsetzt, denn dann können sich die Menschen auch im echten Leben wieder treffen."
Torsten Schwarz , Marketing-Experte von Absolit lobt: Viele Räume sind wirklich interessant, und ich habe bisher fast überall ein paar interessante Anregungen bekommen. Man merkt schnell, wo wirklich gute Moderatoren sitzen, die interessante Gäste auf die Bühne holen. Und Für Johannes Dultz , den Co-founder bei Salonkolumnisten ersetzt Clubhouse "die ein oder andere Podiumsdiskussion".
Viele der Experten, die wir befragt haben, sind begeistert. Media-Urgestein Thomas Koch von The DOOH Consultancy jubelt schlicht: "Macht richtig Spaß. Sowohl passiv wie aktiv." Auch Michael Ehlers , Managing Director Institut Michael Ehlers spart nicht mit Superlativen: "Weltklasse. Echte Nähe. Keine Fakes. Stimme!" Das Nur-Audio-Format bei Clubhouse macht für die einen einen Großteil des Charmes der neuen Plattform aus. Thorsten Hahn , Founder/CEO Bankingclub nennt das "die Macht der Stimme."
An diesem Audioformat spalten sich zum ersten Mal die Geister: Für Alexander Markert , Inhaber bei MMC Markert Management Consulting ist "Radio sowas von 1935", während Prof. Dr. Jens Junge Director Institute for Ludology , SRH Berlin University of Applied Sciences "interaktives Radio" im Gegensatz dazu schätzt: "spannend, live mit Promis auf der Bühne diskutieren zu können", argumentiert er. Blogger Uwe Hauck fragt sich rhetorisch: "Warum soll ich plötzlich festgelegte Zeiten für Events gut finden? Twitter, Podcasts etc. Alles geht, wann ich es will. Clubhouse ist für mich ein Rückschritt ins lineare."
Harald Eichsteller , Studiendekan HdM Medienmaster , sieht den Vorteil als Dialogmedium: "Durch den initialen Connect mit Twitter wird man auf interessante Talks aufmerksam gemacht und ebenso kommt ein Top-Auditorium zu den eigenen 'Gigs' - und man integriert dieses gezielt in den Talk auf der Bühne." Dem pflichtet auch Christof Fischoeder bei. Der Kommunikationsberater sieht Clubhaus als "spannende Möglichkeit, Diskussionen niederschwellig und mit dem Potenzial hoher Aufmerksamkeit zu organisieren. Die Panels, an denen ich teilgenommen habe, waren für mich manchmal sehr impulsgebend und eine gute Ablenkung."
Probleme mit Datenschutz und Rechtsextremismus
Ricarda Christina Hollweg , Lead Global Customer Success Operations imc AG , sieht Clubhouse als Dialogmedium durchaus geeignet. Sie schränkt allerdings ein: "Wenn man aber Informationen sucht, finde ich es zu langatmig." Doch das ist nur eins von mehreren Clubhouse-Problemen. Gravierende Mängel beim Datenschutz, AGB nur auf Englisch, kein Impressum beanstandet der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV ) in seiner Abmahnung an den Betreiber von Clubhouse und fordert die Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung, so VZBV-Chef Klaus Müller . Hintergrund: Anbieter Alpha Exploration Co., Inc. lässt sich in seiner Datenschutzerklärung das Recht einräumen, auf das Adressbuch der Nutzer zuzugreifen. Teil der Datennutzung ist offenbar auch das Anlegen von sogenannten Schattenprofilen, also die Speicherung von Informationen über Betroffene, die überhaupt nicht bei Clubhouse angemeldet sind.
Das bemängelt auch Marco Junk Geschäftsführer des Bundesverband Digitale Wirtschaft BVDW . Ihn ärgert die Doppelmoral von Clubhouse-nutzenden Politikern, die die eigenen Gesetze missachten: "Politik demonstriert parteiübergreifend, das DSGVO so wichtig nicht sein kann."
Während Fotomarketer Timo Bierbaum Inhaber von Timo Bierbaum Photography sich freut, dass ihm mangels iPhone "sehr viele Stunden Proll-Bullshitbingo-Kneipengespräche der Besserwissen-Marketier und Promi-Eliten erspart geblieben sind", sieht Veranstaltungs-Experte Joachim Vranken von DMEXCO und Digital Leadership Summit und Upmarket GmbH Clubhouse als "ein gutes Beispiel für die Naivität der deutschen Politik- und Medienelite."
Achim von Michel , Politikbeauftragter beim Mittelstandsverband BVMW , kritisiert: "DSGVO ist total egal, weil hype?", während Nils Hey , Vorsitzender des Aufsichtsrats bei BAW nur den Kopf schüttelt: "Ich lebe gerade das #gondszm ... das Glück of nicht dabei sein zu müssen."
Sebastian Jankord , der Chef von Pure-Host IT-Solutions : "Kein Apple - kein Clubhouse. Nicht traurig drum."Und PR-Profi Michael Kausch , Aufsichtsrat des EMail-DienstleistersAgnitas AG , sieht es positiv: "Ein bisschen hab ich schon die Hoffnung, dass es für ein paar Wochen die ärgsten Schwätzer so ablenkt, dass man mal zum Arbeiten kommt. Danach wird man sehen was über bleibt..."
Übrig bleiben mindestens Fragezeichen, was die Möglichkeit von Moderation und Aussperren von Nazis, Trollen und Verschwörungsgläubigen angeht: "Berichte aus den USA zeigen, dass auf Clubhouse in Diskussionsräumen neben antisemitischen auch anti-Schwarze oder islamfeindliche Stereotype verbreitet werden", klagt beispielsweise die Rechtsextremismus-Expertin Karolin Schwarz , Autorin des Buches Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus . "Auch im deutschen Raum haben sich die Probleme der App bereits angedeutet. Rechte AkteurInnen mischen sich auf Clubhouse in Diskussionen ein, ohne dass die ModeratorInnen immer wissen, mit wem sie es gerade zu tun haben. So können sie teils unwidersprochen Narrative der rechten Szene in Talks verbreiten."
Sich mit den technischen und konzeptionellen Mängeln der App auseinanderzusetzen, das scheint die Aufgabe von Dialogprofis zu sein, die sich mit Clubhouse auch beruflich auseinandersetzen wollen. Denn Christian Faltin , Geschäftsführer cocodibu GmbH prognostiziert: "Clubhouse (oder ein ähnliches Angebot) wird bleiben und es ist ein sehr interessantes Dialogmedium - einsetzbar für ganz unterschiedliche Zwecke. Von B2B bis B2C. Von der spontanen Presssekonferenz über die B2B-Expertenrunde bis hin zum Promitalk und zur Politikerrunde."
Auch Kommunikationsberater Marcus Schwarze ist sich sicher: "Clubhouse ist gekommen, um zu bleiben. Es ist eigentlich ein wenig lustig, dass niemand von uns großen und kleinen, erfahrenen und neuen Kommunikationsmenschen auf dieses naheliegende einfache Gesprächsformat gekommen ist."
Aktuell ist Clubhouse also ein Iphone-Twitter für Deutschlands Politik- und Medienblase. Wer diese Zielgruppe sucht oder endlich mal wieder (zumindest virtuell) aus dem Haus will und mit anderen smalltalken will, kann das machen. Ansonsten ist Clubhouse vor allem etwas für die, die dabei sein wollen: Das zeigt der Run auf den "Ruheraum". Diese Nicht-Gesprächsrunde, in der sich alle gegenseitig anschweigen, hat in der Audio-App zeitweise mehrere hundert Teilnehmer. Gleichzeitig.

