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Achtbarer Ansatz: Acht Erkenntnisse zu Windows 8
27.09.2011 Microsoft hat auf der Entwicklerkonferenz Build im kalifornischen Anaheim eine Vorabversion von Windows 8 gezeigt. Die Vorabversion machte einen reifen Eindruck und erntete von Marktkennern und Fachleuten viel Lob.
Auf der Entwicklerkonferenz Build hat Microsoft nun das kommende Betriebssystem Windows 8 präsentiert:
Acht Erkenntnisse lassen sich aus der 'Windows reimagined'-Veranstaltung gewinnen. Vor allem für Entwickler .
Erkenntnis 1: Meldungen vom Tod des PC sind übereilt
Der Erfolg des iPad und der aktuellen Smartphones verleitete einige Branchenkenner dazu, das Ende des PC-Zeitalters auszurufen. Aber Gemach: Das Kürzel 'PC' steht ja eigentlich für 'Personal Computer', also persönlicher Computer. Und auch ein Tablet-Computer wie das iPad ist, so verstanden, nichts anderes als ein persönlicher Computer.
Abseits aller Wortklaubereien versucht Microsoft mit Windows 8 etwas Bemerkenswertes zu erreichen - nämlich ein vollwertiges PC-Betriebssystem und Geräte mit dem Tablet-Formfaktor unter einen Hut zu bringen.
Und diesmal scheint das zu gelingen: Microsoft verteilte unter den Teilnehmern der Entwicklerkonferenz Build einen Tablet-PC der Series 7, der eine Vorabversion von Windows 8 enthielt.
Laut Christopher Trout vom amerikanischen Technikblog Engadget fühlte sich das System auf dem Testgerät sehr gut an: "Es war eine bemerkenswert geschmeidige Erfahrung, bis auf ein paar Sekunden Verzögerung, wenn man komplexere Applikationen startete", schreibt Trout: "Wir sind regelrecht fasziniert, wie gut ein vollwertiges Desktop-OS auf dieser Hardware läuft."
Ein Einwand darf nicht übergangen werden: das Testgerät ist mit einem i5-Prozessor von Intel mit 1,6 Gigahertz Taktfrequenz ausgesprochen großzügig bestückt. Andererseits werden das iPad2 und zahlreiche Android-Smartphones inzwischen mit Zweikernprozessoren ausgeliefert, und Vierkernsysteme sind auch bereits absehbar.
Insofern könnte Windows 8 eine Verjüngungskur für den so oft totgesagten PC bedeuten.
Erkenntnis 2: Das Ende der Wintel-Ära naht
Bereits im Frühjahr hat Microsoft angekündigt, dass Windows 8 auch auf Systemen mit ARM-Architektur laufen wird. Viele Hersteller von Tablet-PCs setzen bereits auf ARM-Architekturen, nicht zuletzt wegen des im Vergleich zu den herkömmlichen Chips auf x86-Basis geringeren Strombedarfs. Das könnte das Ende der Wintel-Ära bedeuten, denn Halbleiterspezialisten von Systems-on-a-Chip wie Nvidia , Qualcomm , Texas Instruments und möglicherweise Freescale stehen mit ARM-basierten Designs bereit.
Für Computerhersteller wie Samsung , Acer , HP , HTC und Lenovo kann das heißen, dass sie ihre Hardware stärker voneinander abgrenzen können, als das bisher der Fall war.
Denn bisher zählten beim PC-Kauf vor allem die inneren Werte des jeweils verbauten Intel- oder AMD-Prozessors. Für den Kunden könnte es aber schwieriger werden, die Leistungsklasse der jeweiligen auf ARM basierenden Geräte richtig einzuschätzen. Und vielleicht können ARM-basierte Rechner mit Windows 8 endlich auf lärmende Lüfter verzichten.
Erkenntnis 3: Im Kachel-Konzept steckt noch viel Potenzial
Windows 8 übernimmt vom Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 7 die Benutzeroberfläche 'Metro' mit den charakteristischen quadratischen Kacheln (Tiles).
Die Kacheln sind mehr als reine Stellvertreter der bekannten Icons, da die Benutzer selbst in der Lage sind, Kacheln zu definieren und die Tiles auch Informationen anzeigen können - zum Beispiel die jeweils aktuellen Termine aus dem Kalender, Fotos oder auch Nachrichten. Oder Wetter-Tiles zeigen die aktuelle Temperatur an einem bestimmten Ort an.
Bereits in Windows Phone ist es zudem möglich, eine bestimmte Webseite als Kachel auf der Benutzeroberfläche zu hinterlegen. Bei Berührung des Tiles öffnet sich dann der Browser auf der entsprechenden Website.
Das Konzept ist also gut. Es geht aber noch besser, wie Mat Honan vom Technologie-Blog Gizmodo erläutert: "Neue Informationen schlagen nicht so auf dem Startbildschirm auf, wie man es erwarten könnte - man sieht immer wieder dieselben alten Tweets und Fotos."
Das Potenzial ist also da - es liegt an Microsoft, es bis zum Start von Windows 8 weiter zu verfeinern.
Erkenntnis 4: Abwärtskompatibilität ist immer noch wichtig
Microsoft hat es versprochen: Alle Anwendungen, die schon auf Windows 7 liefen, werden auch nativ auf Windows 8 funktionieren. Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht: Die gute ist, dass auch unter Windows 8 die gewaltige Software-Bibliothek zur Verfügung steht, die für Windows entwickelt wurde. Andererseits fordert eine nicht geringe Zahl von Marktkennern, Microsoft müsse endlich einen klaren Schnitt machen und Ballast abwerfen, um für neue Technologien besser gerüstet zu sein.
Für viele Nutzer hat es aber etwas Beruhigendes zu wissen, dass Word und Excel auch unter Windows 8 laufen werden und dass man für liebgewonnene Spiele keinen Extra-Rechner mit reichlich angejahrtem Betriebssystem benötigt.
Und auch hier lohnt ein Blick zum Konkurrenten Apple: Als Apple Anfang des Jahrtausends das neue Betriebssystem Mac OS X einführte, musste sichergestellt werden, dass die wichtigsten Applikationen auch unter dem neuen System liefen. Deswegen wurde bis zur Tiger-Version von Mac OS X eine Emulation der klassischen Betriebssystemumgebung mitgeliefert.
Zudem zeigt sich, dass kühne neue Betriebssystemkonzepte wie das schlanke ChromeOS von den Nutzern bisher weitgehend ignoriert wird. Hier gilt der alte Entwickler-Spruch: "Als Gott die Welt schuf, musste sie auf keine installierte Basis Rücksicht nehmen." Daher wird Microsoft auf absehbare Zeit nicht auf die Kompatibilität zu früheren Windows-Versionen verzichten können.
Erkenntnis 5: Niemand braucht einen AppStore für Windows. Oder vielleicht doch.
Der Erfolg des iPhone ist nicht zuletzt eng mit den Apps und dem AppStore verknüpft. Dass auch Windows 8 einen AppStore enthalten soll, der dem Vernehmen nach Windows Store heißen soll, ist seit einiger Zeit bekannt.
Aber braucht Windows einen AppStore? Das Betriebssystem ist ja nicht erst seit gestern auf dem Markt, und es gab trotzdem genügend Bezugsquellen für Software. In gewisser Weise widersprechen sich ja auch die Konzepte eines Desktop-Betriebssystems und eines AppStores - wenn man der reinen Lehre folgt. Die meisten Smartphone-Apps erledigen demnach genau eine Aufgabe, und die erledigen sie sehr gut, während viele Desktop-Applikationen relativ komplexe Vielzweck-Anwendungen sind.
Diese klaren Unterschiede beginnen aber zu verschwimmen. Inzwischen werden auch die Apps in den einschlägigen Stores immer komplexer. Unter anderem gibt es bereits eine abgespeckte Version von Photoshop für Smartphones. Und die Desktop-Version von Photoshop ist ja als Komplexitätsmonster berüchtigt.
Voraussichtlich wird der AppStore für Windows nie dieselbe Bedeutung haben wie das Gegenstück für Apples iOS. Eine Existenzberechtigung hätte der Windows-Store aber dann, wenn die Benutzer dem Shop vertrauen können und Microsoft garantieren könnte, dass die Applikationen aus diesem Kanal in jedem Fall Malware-frei sind.
Erkenntnis 6: Der Browser ist die wichtigste App
Auch Microsoft kann sich dem Trend nicht entziehen, dass immer mehr Applikationen im Browser laufen werden. HTML5 und JavaScript gewinnen neben den traditionellen nativen Entwicklungsplattformen stetig an Bedeutung.
Im Internet Explorer 9 hat Microsoft damit begonnen, dies anzuerkennen und HTML5 in das Browser-Konzept integriert. Dieser Trend wird sich mit dem Internet Explorer 10 fortsetzen, der als Standardbrowser mit Windows 8 ausgeliefert werden soll.
Vielleicht erübrigen sich dann auch die üblichen Kompatibilitätsprobleme mit Plugins wie Adobe Flash. Immerhin hat Microsoft die Entwickler dazu aufgerufen, plugin-freie Websites zu entwickeln.
Erkenntnis 7: Gelebter Stilbruch
Wie gesagt, übernimmt Windows 8 vom Mobil-Betriebssystem Windows Phone die Metro-Oberfläche. Intern bleibt aber an vielen Stellen das alte Windows-Design erhalten.
Das ist ein Stilbruch, der natürlich der Abwärtskompatibilität zu früheren Windows-Versionen geschuldet ist. Aber die Metro-Oberfläche ist auch nicht für alle Applikationen sinnvoll. Auch in einem Betriebssystem, das für die aktuellen Endgeräte geeignet ist, werden Dateien und Verzeichnisse kopiert, gelöscht, neue Dateinamen werden vergeben und dergleichen.
Dass der Nutzer hier auf eine vertraute Umgebung zurückgreifen kann, ist kein Nachteil. Fraglich ist jedoch, ob Microsoft hier mit dem Ribbon-Konzept für den Datei-Explorer auf das richtige Pferd gesetzt hat. Denn für viele Stamm-Nutzer von Windows Office ist das mit Office 2007 eingeführte Ribbon-Konzeot nach wie vor ein Ärgernis.
Erkenntnis 8: Windows 8 kommt möglicherweise zu spät
Windows 8 wird erst im Jahr 2012 erscheinen, genauere Angaben gibt es aus Redmond noch nicht. Dass bis zum Release noch etwas Zeit vergeht, ist einerseits gut, denn auf diese Weise kann man noch an Details feilen und einige Probleme ausbügeln.
Andererseits verpufft dadurch die größtenteils positive Resonanz, die Microsoft diese Woche durch die Präsentation auf der Build-Konferenz geerntet hat. Gerade im Bereich der Tablets ist ein Jahr fast eine Ewigkeit.
Und da bisher noch kein iPad-Konkurrent vollends überzeugen konnte (und einige interessante Kandidaten aufgrund juristischer Widrigkeiten ihr Potenzial noch nicht ausspielen können), wäre jetzt die geeignete gelegenheit, mit Windows-8-Tablets in den Markt zu stoßen.
Angesichts der vielversprechenden Konzepte in Windows 8 wäre es schade, wenn Microsoft hier den richtigen Zeitpunkt verpassen würde.
iBusiness-Autor Franz Graser ist Redakteur bei der Zeitschrift Elektronikpraxis , wo dieser Beitrag auch zuerst erschien.
