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Windows 8: Microsofts letzte Chance
16.11.2012 Der Kampf um die Zukunft des Mobil-Betriebssystems geht in die letzte Runde. Zumindest für Microsoft. Wenn Windows 8 kein Erfolg wird, dann wird der Softwareriese zumindest auf lange Zeit nicht mehr zu den globalen Markttreibern gehören. Aber einen Trumpf hat Microsoft doch noch.
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Ausgerechnet in dieser Aufbruchstimmung verliert Microsoft einen seiner wichtigsten Manager: Windows-Architekt Steven Sinofsky , der als Wegbereiter der Verschmelzung des mobilen mit den Desktop-Betriebssystem gilt, verlässt den Software-Konzern. Angeblich soll das Verhältnis zu Vorstandschef Steve Ballmer stark belastet gewesen sein.
Dennoch, die Zahlen scheinen fürs erste zu stimmen: Die Computerverkäufe mit Windows 8 legen einen guten Start hin - für die beiden Wochen vor sowie die Woche des Marktstarts von Windows 8 wurde ein Plus der PC-Verkäufe um 7,8 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres verzeichnet, wie beispielsweise Heise meldet.
Aber vor allem auch die zunehmende Bedeutung des mobilen Kanals war für Microsoft ein wichtiger Anlass, Windows 8 so zu konzipieren, dass es für mobile und Desktop-Betriebssysteme gleichermaßen einsetzbar ist. Zwar erfolgen laut der von Webtrekk generierten deutschen Webstatistik im dritten Quartal 2012 knapp 88 Prozent der analysierten Website-Zugriffe über Desktop-Systeme.
Doch der Anteil von Webseiten, die mit mobilen Betriebssystemen aufgerufen werden, liegt bereits bei 11,4 Prozent. "Der mobile Kanal nimmt an Fahrt auf und gewinnt zusehends Marktanteile. In diesem Quartal ist bereits mehr als jeder zehnte Webzugriff mit einem mobilen Gerät erfolgt, Tendenz steigend", sagt Christian Sauer , Webtrekk-Geschäftsführer. Er empfiehlt Unternehmen daher, diesen Trend für die Optimierung der eigenen Webpräsenz zu nutzen. Also kommt Microsofts neues Betriebssystem gerade richtig, so scheint es.
Der Erfolg des Softwarekonzerns mit Windows 8 wird demnach auch stark von den Verkaufszahlen der Tablets mit dem neuen System abhängen. Bislang konnte Microsofts eigenes Tablet Surface RT jedoch nur 60 Prozent der Absatzziele für 2012 erreichen, wie die in Taiwan erscheinende IT-Zeitung Digitimes unter Berufung auf Microsoft-Zulieferer berichtet. Auch das Weihnachtsgeschäft mit Surface kann so unter den Erwartungen bleiben.
Manche Beobachter halten das Tablet schon jetzt für einen "Rohrkrepierer", weil es kein Mensch braucht, da die Leute mit dem iPad glücklich sind, so ist von Kritikern zu hören. Vielleicht gehören auch die wenig berauschenden Surface-Zahlen zu den Trennungsgründen von Top-Manager Sinofsky, so mutmaßt Windows-Buchautor und Tech-Blogger Michael Hülskötter .
Windows 8 bietet gemeinsame Code-Basis vom Smartphone bis zum Server
Das Betriebssytem Windows 8 ist praktisch nach einem "ganzheitlichen Ansatz" aufgebaut - ein Betriebssystem, das auf allen Endgeräten basiert. Von Anfang an war der Blick der Windows-Architekten neben der Desktop-Verwendung auf die Smart-Devices gerichtet. "Statt wie Apple auf zwei Betriebssysteme für Desktop und Mobile zu setzen oder sich wie Google mit Android ganz auf den Mobilbereich zu konzentrieren, hat sich Microsoft auf eine 'One Sizes fits it all'-Lösung eingelassen", sagt Peter Koller von Elektronikpraxis . Diese umfasse gar teilweise eine gemeinsame Code-Basis vom Smartphone bis zum Server. In der Hoffnung, dass diese Strategie ein Erfolgsrezept für die Zukunft ist.
IT-Autor Hülskötter geht trotz dem Surface-Flop davon aus, dass Windows 8 das Potenzial hat, den Markt aufzubrechen. Microsoft habe von Anfang an das Konzept One-Size-Fits-All verfolgt. Bereits vor dem Erscheinen des stationären Konzepts stand die mobile Lösung fest: in Form von Windows Phone 8.
Manche IT-Experten argumentieren, dass ein Scheitern von Surface zwangsläufig ein Scheitern von Windows 8 nach sich zieht. Schließlich passe Windows 8 auf keinen Desktop-PC ohne Touchscreen. Hülskötter sieht das anders. Für ihn ist es "nicht dramatisch", wenn es ohne Touch-Device bedient wird. Eine strenge Teilung zwischen Touch und Nicht-Touch hält Hülskötter für nicht sinnvoll, obwohl er bestätigt, dass Windows 8 auf dem Tablet-PC durchaus sehr "smart und überzeugend" ist.
Wenn der Microsoft-Großangriff naht
Dass unter anderem auch deshalb der Großangriff von Microsoft möglich ist, davon ist der Autor des inoffiziellen Handbuchs 'Tablets mit Windows 8' überzeugt. Vorausgesetzt, es wird in der öffentlichen Diskussion nicht so stark getrennt zwischen Mobile und Desktop, Smart Device und Dumb Device, Touch Device und Nicht-Touch-Device: "Wenn Windows 8 und Windows Phone 8 in einem Atemzug genannt werden, dann hat Microsoft die Chance auf einen Markterfolg. Denn Windows 8 kann noch konsequenter werden, als es Apple vorgemacht hat", glaubt Hülskötter. Seine These sieht er in der Historie von Apple begründet. Erst sei IOX und nichts anderes da gewesen, erst danach kam IOS - daraufhin fand die Verschmelzung von beiden statt, um irgendwann das mobile Erlebnis auf dem Notebook möglich zu machen."Konsequenter" hingegen sei Microsoft, die von Anfang an keine Unterscheidung gemacht haben. "Wenn sich Windows 8 und Windows Phone 8 etabliert haben, wird es keinen Unterschied für den Anwender mehr geben - ob er auf Smartphone, Desktop-PC oder Notebook arbeitet", glaubt Hülskötter. Selbst die Xbox werde da noch eine Rolle spielen.
Die Konsequenz rührt wohl eher avonuf der aktuellen Marktposition von Microsoft her. Schließlich rennt Microsoft - zum ersten Mal in seiner Geschichte - Marktführern hinterher. Jetzt ist es Microsoft, das nachziehen muss, nachdem der Markt der mobilen Betriebssysteme fest in den Händen von Apple und Android ist. Somit wäre es mehr als überraschend gewesen, wenn sich Microsoft nicht für eine Verschmelzung seines Betriebssystems entschieden hätte. Die Alternative wäre gewesen, nicht den einzigen wirklichen Trumpf auszuspielen, den Microsoft in seinem Blatt in Händen hält: Seine dominierende Position im Markt der Unternehmens-IT.
Windows 8 ist Windows 7 mit schnellerer Oberfläche
Ein starker Trumpf, denn Microsoft ist hier klar im Vorteil. Zwar gibt es Managementsysteme für IOS und Android, aber viele IT-Abteilungen sagen: "Wir kennen uns damit nicht aus und schwören auf Microsoft". Der Vorteil von Windows 8 liege darin, dass es "Windows 7 mit schnellerer Oberfläche ist", wie Windows-Experte Hülskötter es formuliert. Im Enterprise-Markt ist Apple schwach und Google so gut wie gar nicht präsent. Erst vor wenigen Wochen hat Google eine Social-Enterprise-Strategie vorgestellt. Die IT-Abteilungen erobert man allerdings über Social-Klimbim nicht, zumindest nicht schnell.Da erscheint der Rausschmiss von Sinofsky in einem besonderen Licht. Denn der geschasste Windows-Architekt stand vor allem für Windows 8 aus der Consumerecke. Ein Markt, mit dem Microsoft abseits der Xbox so seine Schwierigkeiten hat. So ist es wahrscheinlich, dass Microsoft sich von Sinofsky getrennt hat, weil die Konzernspitze eher die Enterprise-Schiene favorisiert, denn den Rest decken Android und Apple ohnehin untereinander ab.
USP im Business-Umfeld schwindet
Ganz so einfach wird es aber nicht werden, wie es sich die Microsoft-Konzernspitze denkt. Denn selbst der einstige Vorteil von Microsofts Betriebssystem - die IT-Abteilung von Unternehmen - ist nicht mehr eindeutig gegeben. Auch hier habe Apples IOS Boden gutgemacht, widerspricht Christian Lupp von Codedifferent . Der einstige USP durch die IT sei dahin, viele Applikationen laufen mit IOS. Dadurch sei der Vorteil weg und für Microsoft und Partner Nokia sei es noch schwerer geworden, in dem mobilen Segment Fuß zu fassen. "Die Applikationsvielfalt haben Apple und Android, somit fehlt der USP", argumentiert Lupp. Zwar gibt es ein anderes User-Interface-Konzept, aber hinter der Oberfläche sei dies nicht besonders tief und klar durchzogen, kritisiert Lupp. Bei der Frage nach den Applikationen werde daher wohl jedes Unternehmen davor zurückschrecken, Windows als Zielplattform zu nehmen, ist Lupp wenig optimistisch. Allerdings ist die Enterprise-Welt nach wie vor eine Office-Welt. Und für die meisten IT-Abteilungen sind 700.000 oder mehr Apps kein Vorteil, sondern ein sicherheitspolitischer und systemintegratorischer Albtraum.
Nicht nur wenig optimistisch, sondern geradezu vernichtend ist das Urteil von Klaus Düll von Mobile Zeitgeist . Das neue Betriebssystem von Microsoft sei eine "Totgeburt wie Vista", das zudem im Enterprise-Bereich keine Chance habe: "Windows ist anachronistisch und genau in die Welt baut man ein mobiles Betriebssystem", erklärt der Mann von Mobile Zeitgeist. Hier habe Microsoft zwar versucht "nicht abzukupfern" und etwas eigenes zu generieren, aber der "ganze Ballast von mobilen Betriebssystemen" werde nicht aufgegeben.
So fehlten Microsoft bei Windows 8 noch zwei Jahre bis zur Marktreife, meint Düll, der das mobile Betriebssystem auf den Stand von IOS 3 sieht. Auch die Partnerschaft mit Nokia sieht er kritisch. So sei etwa das Nokia-Produkt Lumia keineswegs überzeugend für Enterprise-Anwendungen, teils bedingt durch die Hardware, die nach 24 Stunden versagt, so Düll. Hinzu kommt: Alle kochen ihre eigene Suppe - ob Nokia oder HTC - einer der Gründe, warum sich Windows Phone 8 nicht durchsetzen werde, prognostiziert Düll. Sein Urteil: Es gibt nicht ansatzweise das Potenzial für Enterprise-Computing.
Erschwerend für eine Microsoft-Punktlandung im Enterprise Computing kommt hinzu, dass noch weitere etablierte Anbieter im Mobile-Enterprise-Umfeld wildern wollen. So hat Blackberry-Hersteller RIM für Ende Januar 2013 ein neues Betriebssystem angekündigt - Blackberry 10. Somit werden Unternehmen zunächst einmal prüfen, was RIM im Köcher hat. Und weil dies erst irgendwann im Sommer auf den Markt kommt, paralysiert dies die Erfolgschance von Windows 8. Dülls Eindruck aus der Beratung von Unternehmen: "Niemand fragt nach Windows 8."
Auch beim Windows Phone 8 sieht Düll keine Zukunft für Microsoft, denn dies erfülle den Anspruch der Nutzer nicht, der da lautet: "Einschalten, Spaß haben, fertig": Während das iPhone jeder technische Idiot bedienen könne, sei das Windows Phone viel zu umständlich.
Nokia steigert Attraktivität von Windows Phone 8
Positiver sieht Benedikt Hanswille , Creative Technology Director von 12snap die Zukunft von Windows 8, vor allem im Rahmen der Kooperation mit Nokia. "Microsoft hat mit Nokia einen erfahrenen Handset-Hersteller gefunden, der sich auf Windows Phone 8 konzentriert und nicht wie Samsung oder HTC auf mehreren Plattformen aktiv ist". Nokia steigere ferner noch die Attraktivität der Plattform durch "interessante exklusive Applikationen und innovative Technologie wie optische Bildstabilisierung", so Hanswille, dem allerdings auch bewusst ist, dass Windows Phone 8 im Moment noch eine "geringe Akzeptanz bei Kunden und Verkäufern" hat, obwohl das Telefon hervorragende Referenzen aus Tests bei Blogs und Zeitschriften bekomme.
Die Aussicht für Windows 8 liegt im Technologiebereich
Hülskötter hingegen lobt das ganzheitliche System des neuen Betriebssystems in hohen Tönen - inklusive des Zugriffs auf sämtliche Daten und dem Cloud-Service, der das Enterprise-Potenzial noch verstärken werde. Tatsächlich wird sich wohl die Enterprise-Zukunft von Windows 8 - und damit letztlich die Zukunft von Microsoft - in den IT-Abteilungen der Global-1000-Unternehmen entscheiden. Welches Betriebssystem dort von einer BYOD-Fähigkeit über Sicherheits- und Cloud-Konzepten den IT-Abteilungen am vielversprechensten erscheint, wird siegen. Und dann seinen Weg in die kleineren Unternehmen antreten.Für einen solchen ganzheitlichen Ansatz ist es auch wichtig, im Embedded-Markt vertreten zu sein: Ein Betriebssystem von Smartphone über die Desktops bis hin zu den Robotersteuerungen in den Fabriken senkt Service- und Entwicklungsaufwand. Nicht zuletzt deswegen hat Microsoft eine Produkt- und Technologie-Roadmap für seine Windows Embedded 8 und Windows Embedded Compact 2013 Produkte vorgestellt. Hier wird ein weiterer Schritt des Unternehmens zur Verwirklichung seiner Vision von intelligenten Systemen deutlich, deren Grundlage die Embedded-Technologie bildet.
Vier Szenarien: Wie sich Windows 8 im Markt entwickeln wird
One-Size-Fits-All-Lösung
Microsoft hat es geschafft, mit Windows 8 eine ganzheitliche Lösung für Desktop und Mobile zu schaffen, die im Markt nach anfänglichem Zögern mehr und mehr Zustimmung findet. Die positive Resonanz beflügelt auch die Partnerschaft mit Nokia, die es verstehen, das Betriebssystem in ihre Smartphones erfolgreich zu installieren.
Erfolglos
Trotz weltweiter Werbekampagnen bleibt der Absatz im Consumerbereich eher hinter den Erwartungen, im Enterprise-Bereich findet die Anknüpfung an die einstige Vormachtstellung in der IT-Abteilung nicht statt.
Desktop-Bastion
Die alte Desktop-Bastion kann Microsoft mit seinem Betriebssystem verteidigen, aber der Durchbruch im mobilen Bereich wird nicht erreicht, weil der Markt durch Android und IOS gesättigt ist.
Enterprise-Kick
Die Verschmelzung von Mobile und Desktop in einem Betriebssystem wird zum Erfolg vor allem im Enterprisebereich. Über ihre Vertriebsmannschaft für die Bereiche Windows, Office und Server hat Microsoft gute Verbindungen in die Entscheidungsgremien der Unternehmen - hier liegt der entscheidende Schlüssel für den Durchbruch von Windows 8.
