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Interaktiv-Trend 2023/ 2024: Wie das Fediverse Social Media umkrempeln will

04.01.2023 Viel zu viel Macht ballt sich in den Händen weniger Big Techs. Wie gefährlich das sein kann, hat der Irrsinn um die Twitter-Übernahme gezeigt. Die Social-Media-Welt braucht dringend eine bessere Organisation. Kann das Fediverse das schaffen?

 (Bild: Nomanssky.com)
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TL;DR
Checks-and-Balance statt Einfluss, Macht und Testosteron - das Fediverse will die Big Techs ihrer Machtinstrumente berauben.
Seit der Tech-Errateur Elon Musk Twitter übernommen und ins Chaos gestürzt hat, stehen Soziale Netzwerke wieder einmal im Fokus des Interesses. Primär natürlich, weil Millionen Twitter-NutzerInnen zunächst einmal eine neue Heimat suchen, mit der sie sich besser identifizieren können. Daneben stehen aber auch weit größere Fragen im Raum: Wieviel Meinungs- und Wissensmacht sollte sich gesunderweise auf ein einzelnes Tech-Unternehmen konzentrieren dürfen? Sollte es sich (und seine NutzerInnen) übergeordneten Regeln unterwerfen müssen? Und wer darf diese gestalten?

Die Antwort auf diese Fragen soll in den Augen vieler NutzerInnen die Opensource-Plattform Mastodon   liefern. Nicht nur, weil sie zur neuen Heimat vieler Twitter-Refugees werden könnte, sondern vor allem, weil sie in ein Konzept eingebettet ist, das bisherige Fehlentwicklungen wirksam verhindern soll. Konkret: Keine Daten-Agglomerationen, keine willkürlichen Regeländerungen und - vor allem! - keine machtlosen NutzerInnen, die jede Regeländerungs-Kröte widerstandslos schlucken müssen, weil sie immer vor die Wahl gestellt werden: Ganz oder gar nicht!

Das wirklich Bemerkenswerte an Mastodon ist also weniger die Plattform selbst, als vielmehr die Tatsache, dass sie Zugang zu einem neuen Organisationskonzept bietet. Dabei handelt es sich um das Fedivers, einem Universum föderierter Netzwerke. Aus diesen Begriffen ("Federation" und "Univers") leitet sich schließlich auch der Name "Fediverse" ab.

Die Fediverse-Idee ist bestechend ...

Im Kern besteht das Fediverse aus verschiedenen Social Media-Plattformen, die über eine gemeinsame Schnittstelle miteinander verbunden sind. Wer sich einmal anmeldet, kann Posts über alle im Fediverse verbundenen Systeme verschicken und in seinem Feed bündeln.

Die Plattformen ähneln dabei nicht zwangsläufig dem Microbloggingdienst Twitter (diese Rolle übernehmen im Fediverse etwa Mastodon oder GNU Social). Andere sind wie Instagram oder Youtube auf Bilder- oder Videos ausgerichtet (Pixelfed, PeerTube), textlastig (Wordpress), musik- oder podcastorientiert (Funkwhale, Castopod) oder als Facebook-Alternative positioniert (Friendica, Diaspora).

Entscheidend ist jedoch, dass alle Inhalte von allen Plattformen aus abrufbar sind. Auf diese Weise ist ein Wettbewerb der Systeme sichergestellt. NutzerInnen können im Zweifel problemlos von einer Plattform zu einer anderen umziehen, sollte sie ihm nicht mehr gefallen. Ihre Inhalte nehmen sie einfach mit - weil sie einem Standard folgen, lassen sie sich unkompliziert ex- und importieren.

Alleine dieser Umstand bringt den NutzerInnen einen erheblichen Gewinn an Unabhängigkeit. Aber das Fediverse geht noch weiter. Innerhalb jeder Plattform gibt es verschiedene Instanzen (Server), bei denen sich die AnwenderInnen anmelden können. Diese können zwar mit allen anderen Instanzen Nachrichten austauschen, haben aber zugleich einen gewissen individuellen Gestaltungsspielraum. Sie können beispielsweise festlegen, welche Inhalte sie für mehr oder weniger relevant erachten oder wie die Content-Moderation genau abläuft.

Auf diese Weise haben die NutzerInnen nicht nur eine breite Auswahl an verschiedenen Social Media-Diensten, sondern auch die Möglichkeit, innerhalb einer Plattform auf verschiedene Instanzen auszuweichen. Diese Wettbewerbssituation soll sicherstellen, dass Nutzerinteressen nicht einfach übergangen werden. Die "Friß oder stirb"-Methode jetziger Anbieter funktioniert jedenfalls sehr viel schlechter.

... aber die Umsetzung mega-kompliziert.

So überzeugend der Ansatz klingt, so kompliziert ist die Umsetzung. Während für das Fediverse erst 2018 vom W3C-Konsortium ein einheitliches Kommunikationsprotokoll namens ActivityPub definiert wurde, sind die beteiligten Plattformen teils erheblich älter und verwenden daher auch alternative oder mehrere Protokolle:

  • ActivityPub: implementiert u.a. von Mastodon, Friendica, Pleroma, PeerTube, Hubzilla, Nextcloud Social
  • DFRN: implementiert von Friendica
  • Diaspora: implementiert u.a. von Diaspora, Friendica, Hubzilla
  • OStatus: implementiert u. a. von GNU Social, Friendica, Mastodon (bis Version 3.0), Hubzilla
  • ZOT: implementiert von Hubzilla, Zap, Misty, Osada, Redmatrix, Roadhouse

Im Ergebnis kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Plattformen im Fediverse auch tatsächlich in allen Funktionen kompatibel sind und Inhalte von jeder Plattform in alle anderen übertragen werden können.

Allen einzelnen Plattformen ist nur gemein, dass sie dezentrale verteilte soziale Netzwerke und freie Software sind. Vermutlich sind es auch diese Schwächen, die bislang zu einer eher verhaltenen Verbreitung geführt haben: Der derzeit wohl prominenteste Fediverse-Dienst Mastodon kam im Dezember 2022 nach eigenen Angaben auf rund 1,9 Millionen aktive NutzerInnen. Zum Vergleich: Twitter konnte noch im Juli 2022 auf 238 Millionen aktive AnwenderInnen verweisen.

Aber immerhin erfährt die Idee derzeit einigen Auftrieb: Der bildorientierte Microblogging-Dienst Tumblr    hat unlängst angekündigt, ebenfalls auf ActivityPub zu setzen und damit Teil des Fediverse zu werden. Damit entsteht ein neues Schwergewicht: Tumblr bringt satte 135 Millionen NutzerInnen ein - von denen man allerdings fairerweise sagen muss, dass die meisten den Eintritt ins Fediverse weder gesucht, noch bestellt haben.

Noch radikalere Vision: Web3

Bei aller Kritik muss man festhalten, dass mit dem Fediverse immerhin eine funktionierende Alternative zu den bestehenden, zentral organisierten Netzwerken existiert, die die Spitzen des (möglichen) Machtmissbrauchs kappt: Ohne absolutistische Zugangskontrolle ist dem Plattformbetreiber ein entscheidendes Machtinstrument genommen.

Trotzdem geht einigen der Fediverse-Entwurf noch nicht weit genug. Denn: Egal welche Plattform und welche Instanz zuständig ist, am Ende verwaltet immer eine Organisation einen Benutzer oder eine Benutzerin und deren Daten.

Um auch diese Fesseln zu sprengen, gibt es das Konzept eines vollständig dezentralen Web3 (siehe iBusiness: Wie das Web3 das Internet erschüttern will - und woran es scheitern wird). Bei dieser Idee können alle Texte, Bilder, Posts und Daten an einem beliebigen Ort im Internet gespeichert werden. Der Social-Media-Browser klaubt sich seinen Feed einfach mit den Links auf diese Inhalte zusammen. Die Vertrauenswürdigkeit der Inhalte (und der gesamten Anwendung) wird über eine Blockchain-basierte Datenbank hergestellt, die ihrerseits dezentral im Internet verteilt ist.

Auf diese Weise gibt es nur noch vertrauenswürdige, verifizierte Inhalte, die ausschließlich vom Inhaber der Daten selbst verwaltet werden. Lediglich die Anzeigesoftware (quasi der Browser für diese Daten) wird von einer oder mehreren Organisationen bereitgestellt. Sogar das User-Profil liegt alleine in der Hand der BenutzerInnen: Letztlich handelt es sich dabei einfach um die ID ihrer Blockchain-Wallet.

Im Gegensatz zum Fediverse handelt es sich hier aber im wesentlichen um eine Idee mit einigen konzeptionellen Umsetzungen, aber keineswegs um eine praktisch verfügbare Anwendung.

Viel Aufwand für wenig Lösung

Letztlich bieten beide Ansätze aber ohnehin nur für den Teil der Probleme eine Lösung, der durch Musks Twitter-Übernahme gerade besonders sichtbar geworden ist: Die (Über-)Macht, die einzelne Personen oder Organisationen erlangen können.

Für andere Probleme bieten sie dagegen nur wenige Lösungsansätze: Schon die herkömmlichen, zentral organisierten Web 2.0-Social Media-Plattformen sind voller toxischem Content, der nach Moderation und Regulierung ruft. Wie soll das aber erst funktionieren, wenn es in einer vollständig dezentralen Organisation gar keine zentrale Kontrollinstanz mehr gibt?
BefürworterInnen argumentieren, durch die neue Struktur würde eine öffentliche Regulierung vereinfacht. Die Community behielte ja Einfluss darauf, wie Content Moderation oder andere Standards angewendet werden. Und die Legitimation durch die Community sei letztlich stärker als die Legitimation eines Plattformbesitzers. Kritiker hingegen befürchten, dass eine Regulierung letztlich durch lange Diskussionen und vielfältige Einzelentscheidungen noch erschwert würde. Am Ende werde eine Zersplitterung des Netzes in eine Vielzahl weitgehend abgeschlossener Einzelsysteme und Nischen-Netzwerke noch beschleunigt.

Zunächst aber wird die Frage bleiben, ob es überhaupt eine kritische Masse an UserInnen geben wird, für die die gebotenen Lösungen relevant sind. Denn zentrale Strukturen bieten ja auch Vorteile: Zum Beispiel Einfachheit, Komfort, Sicherheit und Übersichtlichkeit.
Thema: Interaktiv-Trend 2023/ 2024: Wie das Fediverse Social Media umkrempeln will

Kommentar von Dominik Grollmann

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Die Struktur des Fediverse verhindert Social-Media-Absolutisten, löst aber nicht die Nischenprobleme.

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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