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Lycos Europe: Untergangschronik
27.11.2008 Bei Lycos hat es sich ausgeträumt: Von der einstigen Bertelsmann-Tochter wird nicht viel übrig bleiben. Besonders Großaktionär Telefónica hatte genug von der Geldvernichtung und drängte auf Schließung und Verkauf von Unternehmensteilen. Zwei kapitale Fehler sorgten für das traurige Ende von Lycos Europe.
Besonders Hauptanteilseigner Telefónica hatte darauf gedrängt, das seit Bestehen defizitäre Unternehmen abzuwickeln. Der spanische Telco äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zu einer iBusiness-Anfrage, ob er auf der iberischen Halbinsel bestehende Lycos-Services übernehmen wird. Fest steht aber, dass die deutsche Telefónica keine Unternehmensteile oder Mitarbeiter von Lycos übernehmen wird. Dazu passten die Portfolios hierzulande nicht zueinander sagte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage.
Ohne Gütersloh kam der Entschluss zur Aufgabe aber nicht zustande. "Schon allein aus der Höhe der Bertelsmann-Beteiligung ist das ersichtlich", so ein Branchenkenner gegenüber iBusiness. Seiner Ansicht nach waren die Probleme bei Lycos hausgemacht. "Es gab zwei Kardinalfehler: Erstens gab es einfach keine einheitliche Strategie unter Vorstand Christoph Mohn", so der Experte. "Andererseits hat man bei Lycos mindestens ein halbes Jahr zu spät versucht, Käufer für die zur Disposition stehenden Unternehmensteile wie Pangora zu finden", ätzt der Branchenkenner weiter. Wäre der schmerzhafte Ausstieg beziehungsweise Verkauf früher entschieden worden, hätten wahrscheinlich auch weitere Unternehmensteile eine Chance auf einen Neuanfang gehabt, so seine Einschätzung.
Bei Pangora sind die Mitarbeiter ebenfalls verunsichert. Denn die Lycos-Tochter steht nun ebenfalls zum Verkauf. Bis zum 12. Dezember, also der außerordentlichen Hauptversammlung von Lycos Europe, will sich das Unternehmen nicht äußern - dementiert allerdings auch keinen Verkauf. Während Lycos noch in diesem Frühjahr die Suche nach neuen strategischen Partnern und möglichen Verkäufe verkündete, wurde ein Stellenabbau ausgeschlossen. Im Gegenteil: Man wolle noch vakante Stellen besetzen, hieß es damals auf iBusiness-Nachfrage. Im Mai ging Sales-Vorstand Michael Rohowski , dessen Aufgaben von CEO Christoph Mohn gleich mit übernommen wurden. Anfang Mai kam dann der schwerste Schuss vor den Bug: Telefónica ließ bei Lycos die Bücher prüfen und teilte dies öffentlich mit - demütigender konnte es für Mohn kaum noch kommen. Anfang September versuchte Lycos dann mit weiterem Personalumbau sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Pünktlich zum Beginn der Karnevalssession am 11.11. verkündete man noch selbstbewusst die Einbindung von Moneybookers als Zahlungsoption - geholfen hat dies alles nichts. Weniger witzig für die Belegschaft: Der Zahltag für die Anteilseigner bringt mehr als die Umsätze der ersten neun Monate des laufenden Jahres, wie Leser Diethelm Schneider in einem Kommentar zur gestrigen iBusiness-Meldung schreibt: "Lycos Europe will mehr an die Aktionäre auszahlen, als es Umsatz gemacht hat? Geht hier noch alles mit rechten Dingen zu?" Allerdings haben auch die Aktionäre Geld verbrannt - Christoph Mohn hält 12,1 Prozent der Aktien, Bertelsmann 20 Prozent - und wollen nun den letzten Rest zu Geld machen.
