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Relaunches: Alle folgen Spiegel Online
01.09.2009 Was haben die Relaunches der Nachrichtenseiten von Spiegel Online, Stern.de und Financial Times Deutschland gebracht? Experten äußern viel Lob, aber es gibt auch kritische Anmerkungen bei der Nachlese.
Was dem Berater und Experten für Usability und Social Media, Florian Bailey , auf Anfrage von iBusiness zuerst auffällt: "Was sich beobachten lässt in Deutschland: Die meisten Nachrichtenportale folgen dem Grundlayout von SPIEGEL-Online. Das heißt, links stehen die Artikel, rechts dazu die Kontext relevanten Informationen und oben befindet sich die generelle Navigationsleiste." Auch Martin Gude , Berater bei nexum AG sieht im Auftritt des SPIEGEL "nach wie vor einen guten Benchmark für Nachrichtenseiten". Er bewertet die Einbindung von Features wie rss-Feeds dort besonders positiv. Was ihn allerdings beim Marktführer wiederum stört: Der Wechsel der Navigation- und Kontextleiste von einer Seite zur anderen, wenn der Nutzer von der Hauptseite zum Artikel geht.
Bei den Relaunches der Drei gibt es Gemeinsamkeiten: "Generell sind die Auftritte aller drei Seiten insgesamt klarer durch die Relaunches, der Content wird stärker in den Vordergrund gerückt bei gleichzeitigem Verzicht auf Verzierungen. Klarheit, Nutzung und Usability stehen eindeutig im Fokus der Designs" ergänzt Bailey.
Beginn des Bauhaus-Zeitalters im deutschen Internet
Wobei dieser Trend durchaus als deutscher Sonderweg bezeichnet werden könnte: "Interessanterweise ist das ein Bruch mit internationalen Webstandards. Die Startseite der New York Times beispielsweise ist fast übervoll mit zahlreichen kleinen Teasern. Demgegenüber ist das Design der deutschen Nachrichtenseiten nun luftiger, klarer. Eine Rückbesinnung auf deutsche Designtugenden. Zugespitzt formuliert könnte man vom Beginn des Bauhaus-Zeitalters im deutschsprachigen Internet reden", so Bailey weiter.
Dagegen ist die stärkere Betonung von Bildern, gerne auch größeren, als Markierung für redaktionelle Top-Themen kein länderspezifisches Phänomen. Hier wird auch der technischen Entwicklung Rechnung getragen, oder wie Florian Bailey formuliert: "Der Trend zu mehr und größeren Bildern zieht sich durch das ganze Netz. Bei den Nachrichtenseiten hat der Auftritt des Boston Globe mit ihrem täglichen 'Big Picture' in hoher Auflösung sicherlich eine Vorreiterrolle gespielt. Zusätzlich tragen die veränderten Designs in Struktur und Navigation auch dem veränderten Nutzungsverhalten Rechnung: Die Geschwindigkeit der Seitenbetrachtung hat zugenommen, die Bildschirme sind größer geworden. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn heute Topthemen mit großen Bildern ihre besondere Bedeutung durch die Redaktion erhalten, dem Nutzer dies damit signalisieren. Hier könnte auch Apple mit seiner Fokussierung auf das gerade aktuell wichtigste Produkt auf seiner Startseite als Vorbild genannt werden."
Keine Probleme für SEO durch mehr Bilder
Dass die Zunahme von Bildern auf den Startseiten bei gleichzeitiger Reduktion beim Textumfang in Teasern zu Schwierigkeiten etwa bei der SEO-Optimierung führt, glaubt Bailey nicht: "Die Zunahme von auch größeren Bildern auf den Startseiten spielt für die Indexierung und Optimierung von Suchmaschinen keine große Rolle. Da ist die Startseite nicht so relevant einerseits und andererseits hat die Optimierung der einzelnen Artikel für Suchmaschinen in jüngster Zeit rasant zugenommen - bis hin zur Überoptimierung."
Dass sich die Navigationsleiste von der früher gewohnten linken Seite bei allen nach oben verschoben hat, sieht der Experte nicht als Problem. Für Nutzer gerade von Nachrichtenseiten stehen die Artikel im Vordergrund, die Navigationsleiste dagegen sei "generell nicht mehr so wichtig", so Bailey. Noch weiter geht Martin Gude: "Endlich ist die Navigation da, wo sie hingehört!" Gude ist insbesondere bei stern.de noch etwas aufgefallen: Die Typographie, Schriftgröße und Zeilenabstand inklusive, findet er dort hervorragend gelöst. Überdies gefallen ihm die klaren visuellen Einheiten der einzelnen Teaser-Blöcke.
So positiv die Nachbetrachtung des Usability-Beraters Bailey im allgemeinen zu den Relaunches der drei Nachrichtenseiten, so kritisch seine Anmerkungen bei einigen Details. Die Icons etwa, mit denen bei stern.de dem Nutzer signalisiert werden soll, um welche Art von Inhalt es sich handelt, bewertet Bailey als nicht gelungen: "Verständlich ist der Ansatz, die verschiedenen crossmedialen Inhalte stärker in den Vordergrund zu rücken. Allerdings ist die Umsetzung nicht gelungen. Zum Teil sind die Icons nichtssagend wie beim Textsymbol, zum Teil muss der Nutzer überlegen: Was bedeutet das Icon? Und schließlich wurden bereits eingeübte Sehgewohnheiten verlassen. Denn statt des allgemein verstandenen YouTube-Play-Buttons benutzt stern.de eigene Icons. Auch ist der Mehrwert für den Nutzer nicht ganz klar. Sinnfälliger wäre gewesen, sich auf die Art des Inhalts zu fokussieren und dann die Teaser entsprechend zu gestalten. So gelöst wirken die teilweise nervigen, teilsweise mysteriösen Icons eher künstlich aufgesetzt." Auch Martin Gude weiß noch nicht, ob die Icons dem Nutzer etwas bringen. Dafür findet er die Werbung bei stern.de "angenehm und sicher wirksamer, da nicht so aufdringlich gestaltet."
Eine einfache Auswahl ohne Mehrwert ist erfolglos
Der jüngste Relaunch von ftd.de liefert ebenfalls Anlass zu Kritik. Hier handelt es sich überraschender Weise um die Wahlmöglichkeit für Nutzer, wie die Startseite für ihn gehalten werden soll: Ob er den Klassiker bevorzugt, sich als Schnellleser beziehungsweise Meinungshungriger sieht oder lieber eine Aufmachung für Hingucker als Einstieg mag. Allein, Bailey hält den Ansatz für wenig erfolgversprechend: "Der Ansatz von ftd.de, den Nutzer bei der Auswahl der Startseite wählen, sprich: arbeiten zu lassen und sich einer Selbstbewertung zu unterziehen ist zwar interessant. Allerdings sagen bislang alle Untersuchungen und Erfahrungen zu derartigen Personalisierungen von Nachrichtenseiten, dass sie eigentlich nicht funktionieren. Solange er keinen eindeutigen Mehrwert für solche Wahlmöglichkeiten erkennt, akzeptiert sie der Nutzer kaum."
Martin Gude formuliert es noch schärfer: "Das ist alter Wein in neuen Schläuchen!" Denn hinter den Wahlmöglichkeiten stecke so viel besonderes dann doch nicht. Die optische Unruhe der mal zwei- mal dreispaltigen Blöcke stört ihn ebenfalls: "Zu wenig Orientierung durch graphische Aufarbeitung", bemängelt der Berater am lachsrosa Auftritt. Bei allen Seiten mangelhaft findet Gude die Kennzeichnung von Links und Hyperlinks. Doch als besonders schlecht ist ihm die Kennzeichnung bei der ftd.de aufgefallen: Zwischen schwarz und blau sei kaum ein Unterschied erkennbar, unterstrichen seien sie leider gar nicht.
Generell steht am Ende dieser Relaunch-Runde eine andere Frage: Wenn die meisten Nachrichtenseiten in Deutschland dem Grundlayout von Spiegel Online folgen, welche Auswirkungen wird das dann auf deren Erfolg, Traffic und Umsatz haben? Da muss auch Experte Bailey passen: "Wenn sich die Austauschbarkeit der Strukturen einerseits erhöht und damit aber auch die etablierten Nutzungsgewohnheiten andererseits durchsetzen, ob das als Angriff auf SPIEGEL Online funktioniert oder eher das Vorbild des Vorreiters stärkt bei den Nutzern. Das bleibt abzuwarten."
Am: 01.09.2009
Zu: Relaunches: Alle folgen Spiegel Online
Es würde mich sehr interessieren, welche Auswirkungen die Umstellungen auf die Anzahl der betrachteten Seiten bei Spiegel Online haben. Meine Prognose: Es werden deutlich weniger Seiten pro Besucher aufgerufen. So fallen z.B. jetzt die Bildergalerien in der linken Spalte kaum noch auf, und auch die weiterführenden Links zum Thema des Artikels gehen für mein Empfinden optisch vollkommen unter.
