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Microsoft offenbart Strategie für die Zeit nach dem Ende des Papiers
06.06.2008 Das Microsoft eine Strategie hat, die wesentlich weitgehender ist, als die der deutschen Zeitungsverleger, wurde diese Woche deutlich, als sich Steve Ballmer verplappert hat. In einem Interview prognostizierte er das Ende von Zeitungen und Magazinen. Liest man in seinem Interview zwischen den Zeilen und sieht man sich das eine oder andere neue Microsoft-Produkt an, dann wird klar, wie der Softwarekonzern die Medienlandschaft des Jahres 2019 sieht.
Polymer Visions Readius sollen auch den den Massenmarkt für Tageszeitungen durcheinanderwirbeln. Und wenn Microsofts Plan aufgeht, wird Redmond die Hersteller der graustufigen Geräte möglicherweise schnell überholen.
Der CEO von Microsoft , Steve Ballmer , verrät den Redakteuren der altehrwürdigen Washington Post , dass er das Ende des Zeitalters des toten Baumes für gekommen hält. Der 52-Jährige ist überzeugt: "In den kommenden zehn Jahren wird die ganze Medienwelt, Kommunikations- und Werbebranche umgekrempelt."
Ab diesem Zeitpunkt würden keine Zeitungen oder Magazine mehr auf Papier erscheinen. Stattdessen werde jeder Medienkonsum auf Produkte zurückgreifen, die über IP-Netzwerke geliefert werde, so Ballmer. Auch wenn er nicht genau vorhersagen wollte, ob es nicht acht oder vielleicht doch 14 Jahre dauern würde: Ballmer bleibt dabei - No Paper. Auch im TV-Bereich werde es entsprechende Umwälzungen geben, da eine Vernetzung nach dem Anschluss an IP-Netze erfolgen werde, ist Steve Ballmer überzeugt.
Während die Medienhäuser und der Verlegerverband noch abwiegeln, wird die Aussage von Microsoft-Boss Ballmer bereits von Mitarbeitern aus dem eigenen Haus bestätigt und zugleich übertroffen. "Das E-Paper ist fünf Jahre davon entfernt, Mainstream-Technologie zu werden," sagt Microsoft-Ingenieur Len Kawell gegenüber der Computerworld . Sollte diese Prognose auf das allgemeine Leseverhalten zutreffen, wären auch EPaper-Zeitungen relativ schnell am Markt durchsetzbar.
Der Optimismus von Microsoft hat reale Wurzeln. Denn in Redmond existieren nicht nur Ideen, sondern bereits konkrete Produkte, die in Richtung Zeitungs- und Magazin-Ersatz zielen. Die für digitales Papier nötige interaktive Touchscreen-Oberfläche hatte Microsoft schon vor einem Jahr mit seinem Touch-Tisch Surface erstmals vorgestellt. Vor wenigen Tagen gewährte das Unternehmen auf der 'D: All Things Digital' einen ersten Blick auf neue Funktionen des Vista-Nachfolgers: Die nächste Windows-Oberfläche wird touchscreenfähig und soll ganz ähnlich wie Apples iPhone per Finger steuerbar werden - nötige Voraussetzung, um beispielsweise bei digitalem Papier nutzerfreundlich umblättern zu können.
Wie iBusiness berichtete, sind EPaper-Projekte verschiedener Hersteller im Test bei großen Medienhäusern. Allerdings scheint das E-Paper nicht überall eine Zukunft zu haben - zumindest wenn es um iRex Technologies iLiad geht. So bestätigte die belgische Wirtschaftszeitung De Tijd gegenüber iBusiness, dass ihr im April 2006 gestartetes Projekt mit 200 Testabonnenten wieder eingestellt wurde. Über die Gründe konnte man sich kurzfristig nicht äußern; Chefredakteur Frederik Delaplace hatte aber bereits zu Beginn des Projekts die Erwartungen nicht zu hoch gestellt.
Auch hierzulande versuchen Verlage, ihre Zeitungen von Papier auf E-Paper umzustellen. So lassen die WAZ-Mediengruppe und ihr Mitbewerber, die Mediengruppe RP für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" beziehungsweise die "Rheinische Post" entsprechende EPaper-Ausgaben testen. Weitergehende Aussagen gibt man derzeit anscheinend nicht so gerne heraus. Die WAZ etwa wollte sich "an Ihrer Umfrage nicht beteiligen." Grund dafür könnten die Kinderkrankheiten des iLiad e-Readers sein. "Auch wenn es einen niedrigen Stromverbrauch hat und tageslichttauglich ist, stürzt das Gerät noch zu oft ab und ist nicht internet-fähig", so ein mit den E-Paper-Projekten betrauter Experte.
Druckerschwärze hat immer noch ihre Fans in den großen Medienhäusern. Beim Axel Springer Verlag ist man fest überzeugt, dass neben Digitalisierung und Internationalisierung das Kerngeschäft bestehen bleibt. "Wir glauben an Print. Der viel beschworene Niedergang der gedruckten Titel findet nicht statt", ist Christian Garrels , Leiter Digitale Medien und Internationales bei Springer, überzeugt. "Eine Bild-Zeitung wird natürlich auch in zehn Jahren noch gedruckt auf Papier erscheinen", so Garrels.
Was in Deutschland für Publikumstitel und Tageszeitungen gilt, scheint derzeit auch noch der Trend bei Fachmedien zu sein. Das Publishing-Business-Blog zitiert eine neue TNS-Emnid -Studie von Klaus Wöhler , in der vorerst keine großen Umwälzungen bei Werbeausgaben und Werbeerlösen zwischen Print und Web zu beobachten sind.
Allerdings könnten neue, verbesserte E-Paper eine Print-Ergänzung darstellen. "E-Paper, die wir als Folienzeitung bezeichnen, werden auf jeden Fall in einigen Jahren die klassische Tageszeitung auf Papier ergänzen - zunächst etwa für Zielgruppen, die viel reisen", sagt Holger Kansky , Multimedia-Referent beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) . Auch wenn die Druckauflagen dann etwas sinken würden, werde es keinesfalls ein Sterben der Zeitung auf Papier bedeuten, ist Kansky sicher. Der BDZV begrüße die Versuche mit E-Paper, die neben der jeweiligen Ausgabe auch Koppelungen mit interaktiven Elementen mit sich brächten.
