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Freelancer und Corona: Überleben in der Krise

12.06.2020 Wenn es die Wirtschaft beutelt, leiden Freelancer und Solo-Selbständige immer zuerst. Das gilt auch für die Coronakrise. iBusiness hat analysiert, welche Spuren die Krise in der Dienstleister-Landschaft hinterlassen wird.

 (Bild: geralt / pixabay.com)
Bild: geralt / Pixabay

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Ausgerechnet in der Corona-Krise zeigt sich, dass Digital-Freelancer als Konzept Zukunft haben - zugleich aber Reformen nötig sind.
Corona-Krise, Shutdown, Reise- und Kontaktbeschränkungen haben in den vergangenen Wochen das gesamte Leben auf den Kopf gestellt - privat und wirtschaftlich. Besonders arg gebeutelt sind naturgemäß all diejenigen, für die kaum soziale Sicherungsseile gespannt sind. Dazu zählen auch die rund 2,3 Millionen Solo-Selbständigen und Freelancer in Deutschland, die sich mehr oder weniger auf eigene Faust durchs Wirtschaftsleben schlagen. Besonders schlimm wurde erwischt, wer dazu noch in einer Branche arbeitet, die direkt vom Shutdown betroffen war: Veranstaltungs-, Kultur-, Messe- und Kongressdienstleistern, Caterern und Künstlern brachen von einem Tag auf den anderen die kompletten Einnahmen weg.

Aber auch in der Medien-, Digital- und Beraterlandschaft sind Freelancer weit verbreitet. Und auch hier wurde die Erwerbssituation schnell prekär: Etwa ein Drittel der Befragten schätzte einer Umfrage des Karrierenetwerks Freelancermap zufolge noch Mitte April die eigene Situation als sehr schlecht ein. Ein weiteres Viertel als schlecht. Insgesamt befürchtet fast die Hälfte der Befragten, dass die Krise das Ende ihrer Karriere markieren könnte. Mehr als vier von zehn der Umfrageteilnehmer gab an, aufgrund der aktuellen Situation um die Existenz zu bangen.

Dabei handelte es sich bei den Befragten überwiegend um gut etablierte Wissensarbeiter. In ihrem aktuellen beziehungweise letzten Projekt nahm jeweils ungefähr ein Viertel die Position eines Beraters oder Projektleiters ein. Weitere 21 Prozent gaben an, eine Rolle in der Entwicklung erfüllt zu haben. Aktuelle Projekte werden momentan häufig für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt (40 Prozent) oder gar komplett gecancelt (35 Prozent). Immerhin jedes fünfte Projekt wird remote weitergeführt.

(Grafik: Freelancermap)
Die Gründe für den Stillstand sind vielfältig. Teils sind sie direkt auf den Shutdown zurückzuführen, teils eine indirekte Folge. "Bei manchen Projekten ist einfach die Grundlage entfallen", hat Veronika Mirschel beobachtet, die für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi   die Interessen der Solo-Selbständigen vertritt. "Wenn Veranstaltungen, Kultur und Sportereignisse gestrichen werden, entfallen natürlich auch die Berichte darüber."

Mehr noch: Die Organisatoren solcher Veranstaltungen beschäftigen selbst viele freie, projektbezogene Honorarkräfte, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen den Kreis der festen Mitarbeiter klein halten müssen. Entsprechend hoch ist die Zahl der Solo-Selbständigen, die im Sog der Event- und Veranstaltungsbranche betroffen ist.

Aber auch wer das Glück hat, nicht direkt in einer oder für eine vom Shutdown betroffenen Branche zu arbeiten, kann sich der generellen Konjunkturflaute nicht entziehen. Ein Freelancer, der nicht genannt werden will, bringt es in einem von iBusiness initiierten Stimmungsbarometer auf den Punkt: "Geht es der Branche gut, geht es den Freelancern gut." Bedeutet derzeit: Es geht oft nicht sehr gut. Denn aus Unternehmersicht gilt der ebenso simple Grundsatz: "Jeden Auftrag, den ich erteile, muss ich mir auch leisten können", wie Tanja Preusse sagt, die als Gründerin des Existenzgründer-Portals CouchCat.de   selbst viel Erfahrung in der Freelancer-Szene hat.

Digitalarbeiter haben vergleichsweise gute Position

Und trotz aller Sorgen haben die meisten Digital-Freelancer eine vergleichsweise komfortable Ausgangsposition. Zumindest im Vergleich zu vielen anderen Branchen. Gründe:

  • Fachkräftemangel: Die Auftraggeber haben jeden Grund, ihre treuen Zuarbeiter auch in der Krise gut zu behandeln. Denn sie wissen ganz genau, wie schwierig es ist, gute Mitarbeiter zu finden. Wenn es wieder aufwärts geht, wollen sie gleich wieder starten - müssten sie sich neue Freelancer suchen, wäre das eine gefährliche Wachstumsbremse.
  • Kompatibilität: Viele Projekte müssen in der Corona-Krise remote durchgeführt werden. Diese Art der Zusammenarbeit stellt für die meisten Freelancer keinerlei Hürde da.
  • Digitalisierungstrend: Unternehmen haben in der Coronakrise schmerzhaft eigene Digital-Defizite erlebt und sehen sich genötigt, diese schnellstmöglichst zu beseitigen. Das sorgt für Aufträge, sogar in der Krise. Und: Immer wenn es irgendwo brennt, klingelt meist bei einer Agentur oder einem Freelancer das Telefon.
  • New-Work-Konzepte: Zugleich haben viele Unternehmen gelernt, dass sich auch die eigenen Prozesse viel flexibler organisieren lassen. Stichwort: Homeoffice. Marktbeobachter sind sich einig, dass diese Erfahrung Spuren hinterlassen wird. Unternehmensorganisationen werden flexibler gestaltet - und kommen damit einem Freelancer-Einsatz stark entgegen.

Hoffnung und Verzweiflung

(Grafik: Freelancermap)
Die vergleichsweise gute Ausgangslage macht sich auch im iBusiness-Stimmungsbarometer bemerkbar. Maren Merken , Autorin und Kommunikationsexpertin aus Berlin, findet ein besonders prägnantes Beispiel dafür, wie manche Unternehmen ihre Digital-Freelancer pflegen: "Eine befreundete Agentur in Düsseldorf hat ihre Freelancer bei Eintritt der Coronakrise drei Monate im Voraus bezahlt", erzählt sie. Auch sie selbst hat ihre freien Mitarbeiter zwar stundentechnisch heruntergestuft, aber dennoch weiter beauftragt und bezahlt. "Ich finde einen Autragsstopp schwierig. Wer momentan sagt 'Nö, jetzt arbeite ich nicht mehr mit euch, aber wenn ich euch brauche pfeife ich wieder!', nutzt die Situation der Bedürftigkeit aus", begründet sie ihren Schritt. Wer viel mit Freelancern zusammenarbeitet, weiß sie zu schätzen.

Freelancer und Auftraggeber sind aufeinander angewiesen. Je mehr Freelancer ein Unternehmen hat, desto enger ist die Beziehung. "Weil wir nur mit Freelancern arbeiten, gibt es bei uns auch keinen Auftragsstopp", sagt etwa Gidon Wagner , Geschäftsführer der Wortliga  . Zumal nicht überall die Aufträge wegbrechen. "Im März und April haben meine überwiegend B2B-Kunden die Chance genutzt, Liegengebliebenes umzusetzen - gut für mich", berichtet Marketing-Berater Marco Rick . Und Timo von Focht, Country Manager DACH des Marketing-Tool-Anbieters Commanders Act  , ergänzt: "Bei uns arbeiten die Freelancer weiter wie gewohnt. Die Aufträge im Bereich CDP und Consent Management kommen nach einer kurzen Atempause im März wieder genauso rein wie vor dem Lock Down. Unsere Freelancer waren auch schon zuvor gewohnt, remote für uns zu arbeiten."

Der Berater und Trainer Martin Meyer-Gossner (TheStrategyWeb  ) konnte gar beobachten, dass manche Unternehmen in der Krise investierten: "Interessanterweise ist der Mittelstand unserer Kunden progressiv vorgegangen und hat die Chance und Ruhe des Home-Office zur Fortbildungszeit der Vertriebs- und Marketingmannschaften genutzt. Einige 'Hidden Champions' haben ihre Wissenslücken auffrischen lassen", berichtet er. "Ganz im Unterschied zu Großunternehmen oder Konzernen, sie wirken wie gelähmt: Programmpause, Projektstopp, Budget eingefroren."

Kein Platz für Optimismus, aber die Stimmung bessert sich

Zumindest bei den Digital-Freelancern haben sich daher die Existenzängste auch in den vergangenen Wochen nicht verfestigt. Das zeigt sich auch in den Freelancermap-Umfragen. Über die Monate betrachtet zeichnet sich der Trend ab, dass bei vielen zumindest die ärgsten Sorgen nachlassen. Waren im März noch 57 Prozent in konkreter existentieller Angst, sank dieser Wert bis Mai kontinuierlich auf 37 Prozent. Einen wirklich optimistischen Blick in die Zukunft wollten dennoch die wenigsten wagen: Fast die Hälfte der Befragten sorgte sich immer noch, in den kommenden drei Monaten in schwere finanzielle Schieflage geraten zu können.

(Grafik: Freelancermap)
Auch das zeigt sich in dem iBusiness-Stimmungsbarometer: "Meine Kunden haben aufgrund der Corona-Panik ihr Budget erstmal eingefroren. Projekte werden einfach gestoppt und gehen voraussichtlich erst Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres weiter", schreibt Marketing-Experte Frank Müller . Eine anderer Teilnehmer: "Am Anfang war ich noch überrascht, wie gut es lief (bis etwa Mitte April), dann ließ es langsam nach (Budget-Stops, weil sich die Unternehmen unsicher wurden). Mittlerweile fehlt ein ordentlicher fünfstelliger Betrag - was bei einem kleinen-Jahresumsatz schon ein ernstes Problem ist."

Freelancer und Solo-Selbständige stehen eben oft am Ende der Nahrungskette. "Sie bekommen konjunkturelle Schwankungen besonders deutlich zu spüren und werden oft als erstes eingespart", weiß Gewerkschafterin Mirschel. Allerdings: Das war schon immer für ihre Lage symptomatisch, jeder, der den Schritt in die Selbständigkeit wagt, weiß das. Zum Ausgleich winken üppige Honorare. Und im Vergleich mit anderen Berufsgruppen sind die Digitaldienstleister sogar noch relativ glimpflich davongekommen. Es sind nicht automatisch alle Umsätze komplett weggebrochen. Viele konnten reduziert, manche beinahe unbehelligt weiter arbeiten. Das gab es nicht allen Branchen.

Unterm Strich lassen sich zwei Wirkungsebenen unterscheiden: Konjunkturelle und strukturelle Auswirkungen:

  • Konjunkturelle Effekte: Je nach individueller Ausrichtung und Branche kommt es zu teils drastischen Einbußen. Allerdings nur mittelbarer Art. Digital-Freelancer sind nicht selbst von Einschränkungen betroffen, sie können aber die Auftraggeber betreffen. Mittelfristig wird es aber sogar positive Effekte geben: In Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Bildungsinstituten ist ein regelrechter Digitalisierungsschub spürbar. Dies wird in kurzer Zeit zu einer erheblichen Verbesserung der Auftragssituation führen. Zumal die Branche schon zuvor unter einem Fachkräftemangel ächzte.

  • Strukturelle Effekte: Corona hat in vielen Unternehmen die Weichen in Richtung New Work gestellt. Arbeit wird flexibler - auch und insbesondere durch digitale Werkzeuge. Hier profitieren Freelancer generell, weil von Mitarbeitern selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Arbeiten gefordert wird. Qualitäten, die Selbständige von Haus aus mitbringen. Die Organisation vieler Unternehmen wird in eine Richtung laufen, die Freelancern sehr stark entgegenkommt.

In der Krise zeigen sich Defizite

Wenn aber in Zukunft sogar eher mehr Freelancer in der Digitalbranche arbeiten werden als heute, welche Lehren lassen sich dann aus der Corona-Krise ziehen? "Freelancer werden den sozialen Sicherungssystemen entzogen", kritisiert Verdi-Frau Mirschel. Sie verfügen über keinerlei Arbeitslosenversicherung und stürzen schnell in die Grundsicherung. "Wie schnell das gehen kann, haben die vergangenen Wochen gezeigt."
Zwar konnte die Regierung mit Soforthilfemaßnahmen viele Härten abfedern - doch gerade Solo-Selbständige erreicht diese Hilfe kaum. "Mit den Soforthilfen dürfen nur Betriebsausgaben gedeckt werden, nicht die Lebenshaltungskosten," warnt Mirschel.

Damit waren sie für viele Freelancer praktisch wertlos. Klassische Freelancer haben kaum Betriebsausgaben. "Im Zweifel konnten sie für 100 Jahre ihre Telefonrechnung bezahlen - aber hatten nichts zu essen im Kühlschrank", erklärt Oliver Hellriegel, der als Agenturberater seit Jahren mit der Situation von Digitalarbeitern vertraut ist. Der Konstruktionsfehler: "Während bei einer Kapitalgesellschaft das Geschäftführergehalt als Betriebsausgabe gezahlt werden darf, darf der Selbständige nichts für sich entnehmen."

Die Coronakrise ist zu einem Katalysator geworden, was die Entwicklung von modernen Arbeitsformen betrifft. Politik und Sozialsysteme müssen sich nun im selben Tempo entwickeln.
Thema: Freelancer und Corona: Überleben in der Krise

Kommentar von Dominik Grollmann

Es wird nicht ohne Kopf-Pauschalen gehen

Corona bringt Digitalisierung und New Work voran - zeigt aber auch die Defizite.

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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