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Arbeit am Limit: Warum die Burnout-Gefahr bei Interaktiven besonders hoch ist

02.05.2013 Wir verschicken E-Mail, wir posten, wir tweeten, wir liken. Und das fast rund um die Uhr, am Wochenende, im Urlaub: Warum Experten die Interaktivbranche als "Hochrisikobranche" bezeichnen und wie Burnout-gefährdet jeder Einzelne wirklich ist.

 (Bild: aboutpixel.de / post it © Sebastian Thanner)
Bild: aboutpixel.de / post it © Sebastian Thanner
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Wir alle lieben unseren Job. Denn die Arbeit im Internet, in der Interaktivbranche, im E-Commerce, mit Social Media macht riesigen Spaß. Also hängen wir uns voll rein. Und merken gar nicht, dass wir uns manchmal ein bisschen zu viel zumuten - und manchmal eben auch mehr als nur ein bisschen zu viel.

Übermäßiges Engagement gepaart mit viel Stress ist eine explosive Mischung und kann im schlimmsten Fall zum Burnout führen. Kein Wunder, dass gerade die Interaktivbranche unter Experten als Burnout-Hochrisikogruppe gilt.

Anke von Platen ist keine Interaktive - aber sie war mal eine. Bis zu ihrem Burnout 2004 war sie bei einer Internetagentur als Projektmanagerin tätig. "Ich habe sehr viel gearbeitet, gutes Geld verdient und war in der Fremdwahrnehmung sicherlich erfolgreich und sehr belastbar", erzählt sie. Dann kamen plötzlich Grippe, Fieber, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie depressive Phasen. Die Diagnose des Arztes lautete "Burnout" - und die erste Maßnahme dagegen sollte eine mehrere Wochen dauernde Krankschreibung sein.

Doch Anke von Platen wollte es zuerst nicht wahrhaben. Sie nahm die Diagnose auf die leichte Schulter und arbeitete von zuhause aus weiter. Bis sie nicht mehr konnte: "Diese innere Leere, Kraftlosigkeit und dieses Gefühl, in Watte gepackt zu sein und alles nur noch verzerrt wahrzunehmen, waren die schlimmsten Symptome", erzählt sie über den Zeitpunkt, als endgültig nichts mehr ging.

Anke von Platen (Bild: Anke von Platen)
Bild: Anke von Platen
Anke von Platen

Schließlich hat sie die Notbremse gezogen und ist beruflich kürzer getreten. Erst hat sie weiter im Onlinebereich gearbeitet. Ihre Erkenntnis: Lediglich den alten Job zu kündigen und woanders anzufangen, ist keine Lösung für das Problem. Sich selbst müsse man ändern: "Schließlich nimmt man sonst seine alten Persönlichkeitsstrukturen einfach mit in den neuen Job." Inzwischen aber hat sie sich von der Interaktivbranche verabschiedet; "Ich hätte mir nicht vorstellen können, diesen Job noch zehn Jahre zu machen." Seit 2008 ist sie nun hauptberuflicher Gesundheits-Coach   für Unternehmen und Privatpersonen und hat sogar ein Buch geschrieben. Über das Strandkorb-Prinzip  : Wie man den Burnout vermeidet.

Wie es Anke von Platen 2004 erging, geht es immer mehr Menschen. Laut dem Gesundheitsreport 2012   des BKK Bundesverbands sind die Burnout-Krankschreibungstage pro 1.000 Mitglieder von 4,6 im Jahr 2004 kontinuierlich auf 86,8 in 2011 angestiegen. Mit einer durchschnittlichen Krankheitsdauer von 34,5 Tagen pro Fall ist die durchschnittliche Falldauer bei Burnout-Syndrom mehr als doppelt so lang wie zum Beispiel bei Rückenschmerzen.

Anzahl der Krankheitstage durch Burnout pro 1000 Arbeitnehmer
Anzahl der Krankheitstage durch Burnout pro 1000 Arbeitnehmer (Grafik: BKK Bundesverband) Quelle: http://www.bkk.de/arbeitgeber/bkk-gesundheitsreport/

Burnout-Risikofaktoren sind oftmals Einstellungskriterien

Trotzdem ist das Burnout-Syndrom weder eindeutig definiert noch als Krankheit anerkannt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO   zählt es zu Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen - aber nicht als eigene Krankheit. Deshalb ist es für Mediziner besonders schwer, die Diagnose zu stellen. Einig sind sie sich dahingehend, dass es sich um einen Erschöpfungszustand handelt, der vornehmlich etwas mit der Arbeit zu tun hat und viele Parallelen zu Depressionen aufweist.

Hochrisikobranche Internet

Markus Frey, Stressfrey Institut (Bild: Markus Frey)
Bild: Markus Frey
Markus Frey, Stressfrey Institut

Häufig sind sehr großes Engagement, Ehrgeiz und Perfektionsstreben einige der Auslöser für das Burnout-Syndrom. Also Faktoren, die vor allem auch in der Internetbranche häufig anzutreffen sind - man kann sie fast schon als Einstellungsvoraussetzungen bezeichnen. Nicht nur deshalb ist es für den Burnout-Coach und Autor Markus Frey vom Stressfrey Institut   kein Wunder, dass immer mehr Interaktive an ihre Belastungsgrenzen stoßen: "Mangelnde Wertschätzung, geringe Akzeptanz der erbrachten Leistung und sehr hohe quantitative und qualitative Arbeitsbelastung machen die Internetbranche zu einer Hochrisikobranche." Hinzu komme eine Kultur, die den Einzelnen zwar für Misserfolge verantwortlich macht, aber seinen Anteil am Erfolg häufig unerwähnt lässt.

Zahlreiche weitere klassische Auslöser für das Burnout-Syndrom sind typisch für den Alltag in der Interaktivbranche:

Burnout-Risikofaktor Bezug zur Interaktivbranche
Übertriebener Ehrgeiz Gerade Interaktive stecken oft besonders viel Engagement und Ehrgeiz in ihren Job, weil sie sich persönlich damit identifizieren.
Langanhaltende Überforderung/hoher Druck Zum Beispiel durch Projektarbeit entsteht hoher Leistungs- und Zeitdruck. Erschwerend kommt hinzu, dass oftmals mehrere Projekte parallel bearbeitet werden müssen.
Selbstbewusstsein wird über den Job definiert: "Arbeit ist mein Leben" Viele Interaktive leben für Ihren Job und haben sich darüber ein soziales Umfeld aufgebaut, vor allem Freiberufler und Selbstständige.
Perfektionismus/hoher Selbstanspruch Wer viel Engagement in seine Arbeit steckt, wird fast automatisch zum Perfektionisten. Dadurch kann es immer schwerer werden, den eigenen Ansprüchen zu genügen.
Eigenbrötlerische Arbeit Vor allem Freelancer und 1-Mann-Unternehmer sowie IT-ler arbeiten oft allein bzw. eigenbrötlerisch.
Großes Risiko und hohe Verantwortung Vor allem die vielen Freiberufler und Selbstständigen in der Branche tragen viel Verantwortung gepaart mit einem hohen existenziellen Risiko.
Regelmäßige starke Veränderungen am Arbeitsplatz Die Internet- und IT-Branche unterliegt einem außergewöhnlich schnellen Fortschritt und damit starken Änderungen, die sich auf den Arbeitsalltag übertragen.
Angst, den Anschluss zu verlieren Durch die hohe Taktung an technischen Neuerungen und Marktveränderungen entsteht ständig der Druck, auf dem Laufenden zu bleiben und sich fortzubilden.
Ständige Erreichbarkeit Gerade Interaktive sind durch soziale Netzwerke aber auch durch Smartphones ständig auf allen Kanälen erreichbar und aus diesem Grund mit der Arbeit konfrontiert. Gerade bei ihnen vermischt sich Privates mit Geschäftlichem, wodurch sich die Entspannungsphasen verkürzen.
Schnelle Arbeitstaktung Durch die digitalen Medien und den rasanten Fortschritt in der Internetbranche wird auch die Arbeitstaktung beschleunigt.
Hohes Beliebtheitsstreben Durch die gute Vernetzung der Interaktivbranche und die ständige Präsenz in Social Media wird das Streben nach Anerkennung und Beliebtheit verstärkt. Wie in jeder anderen durch Kommunikation geprägten Branche ist Beliebtheit von Natur aus besonders wichtig.
Besonders lange Arbeitszeiten Bei vielen Interaktiven verschwimmen Privat- und Geschäftsleben durch Social Media und regelmäßige Veranstaltungen, deshalb verkürzen sich die Erholungsphasen vom Job. Außerdem sind die Arbeitszeiten von Selbstständigen oft besonders lang.

Weitere Burnout-Risikofaktoren
  • Mangelnde Führungsqualität des Vorgesetzten
  • Fehlende Anerkennung durch das Team und Vorgesetzte sowie unzureichende Belohnung
  • Schlechtes Betriebsklima, fehlender Rückhalt im Team
  • Monotonie oder Unterforderung im Job
  • Außergewöhnliche familiäre Belastungen
  • Fehlender Halt oder fehlende Anerkennung in der Familie
  • Schicksalsschläge, ernsthafte Krankheiten

Frank Berndt, Burnout Fachberatung (Bild: Frank Berndt)
Bild: Frank Berndt
Frank Berndt, Burnout Fachberatung

Frank Berndt ist Experte für Burnout-Prävention. Er weiß aus eigener Erfahrung um die Größe des Risikos in der Interaktivbranche: "Ein nicht unerheblicher Teil meiner Klienten kommt aus diesem Bereich." Mit seiner Burnout Fachberatung   begleitet er zudem einige Unternehmen aus der IT- und Internetbranche in puncto Burnout-Prävention. Das sei eine echte Herausforderung, "zumal viele der Mitarbeiter wirklich das lieben, was sie tun. Sie arbeiten von unterwegs aus, am Wochenende, rund um die Uhr, sind ständig erreichbar. Und wenn dann noch der Hang zum Perfektionismus dazu kommt oder der Wunsch, es allen recht zu machen, ergibt das eine gefährliche Mischung", hat er erfahren.

Über die Hälfte der Beschäftigten ist konkret Burnout-gefährdet

Tim Sturm   hat in seiner Masterthesis des Studiums "Coaching und Supervision" an der Donau Universität Krems    bei Wien zum Thema "Burnout in der IT-Branche"   geforscht. Der Informatiker, der rund zwanzig Jahre in der IT-Branche gearbeitet hat, hatte selbst einen Burnout und bietet nun Coaching, Mediation, Seminare sowie Unterstützung von Unternehmen zum österreichischen Mitarbeiterschutzgesetz an. Laut seiner Studie sind ganze 53 Prozent der IT-Kräfte in der DACH-Region Burnout-gefährdet. In Deutschland ist der Wert mit 57 Prozent leicht höher als in Österreich und der Schweiz (je 47 Prozent).

Tim Sturm (Bild: Tim Sturm)
Bild: Tim Sturm
Tim Sturm

Am höchsten in die Gefährdung in der Gruppe der 39 bis 47 Jahre alten Personen (57 Prozent). Im Vergleich der jeweiligen Positionen zeigte sich in den Untersuchungen, dass die Burnout-Gefährdung mit zunehmendem Einfluss der Position abnimmt. Nur im Top-Management ist die Gefahr vergleichbar mit der zweiten Stufe, der der Teamleiter.

Weil viele Arbeitsbedingungen ähnlich sind, kann man die Burnout-Gefährdung von IT-lern auf die Interaktiv- und Internetbranche übertragen. Dies zeigt sich unter anderem an einigen der Stressoren für die Zunahme gesundheitlicher Probleme in der IT-Branche, die Tim Sturm in seiner Masterarbeit identifiziert hat:

Burnout (BO)-Gefährdung in der IT nach Ländern und Geschlechtern
Burnout (BO)-Gefährdung in der IT nach Ländern und Geschlechtern (Grafik: Tim Sturm) Quelle: http://www.b-more.at/Burnout-Umfrage/ergebnisse-der-studie-zum-thema-burnout-in-der-IT-branche.htm
  1. Projektarbeit
    "Ein Problem für die Gesundheit ist offensichtlich die Projektarbeit", schreibt er in der wissenschaftlichen Arbeit. "IT-Fachkräfte arbeiten oft parallel an mehreren Projekten. Dabei kommt es zu unterschiedlichen betrieblichen Arbeitsanforderungen und Sozialanordnungen, die als belastend erlebt werden." Gleiches gilt für viele Interaktive: Sie arbeiten sich von einem Projekt zum nächsten, meist laufen mehrere parallel. Erschwerend hinzu kommt der meist hohe Zeitdruck im Projektgeschäft.

  2. Leistungsverdichtung
    "Kaum ein Arbeitsfeld ist so kurzlebig wie die von den permanenten technischen Fortschritten geprägte IT-Branche. Somit unterliegen IT-Fachkräfte einem besonders hohen und permanenten Fortbildungsdruck."
    Burnout (BO)-Gefährdung in der IT nach Position
    Burnout (BO)-Gefährdung in der IT nach Position (Grafik: Tim Sturm) Quelle: http://www.b-more.at/Burnout-Umfrage/ergebnisse-der-studie-zum-thema-burnout-in-der-IT-branche.htm
    Oft müssten sich die Mitarbeiter in der Freizeit weiterbilden. In der Internetbranche kommen zu den IT-Neuerungen noch die branchenspezifischen Informationen. Hierbei ständig auf dem Laufenden zu bleiben, ist bereits fast ein Fulltime-Job. Deshalb sind viele versucht, auch am Wochenende und im Urlaub die Branchennachrichten zu lesen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

  3. Physiologische Arbeitsbedingungen
    "Sitzen ist angesagt. Den ganzen Tag lang. Sitzen vorm Computer, sitzen im Auto, sitzen beim Kunden. Sorgt der Mitarbeiter nicht selbst aktiv für Bewegung, in der IT-Branche wird er sie kaum finden." Auch das ist ein typisches Problem, das ebenfalls jeder in der Onlinebranche hat.

Stephan Boos, Klarna (Bild: Stephan Boos)
Bild: Stephan Boos
Stephan Boos, Klarna

Hinzu kommt, dass sich die IT- und Internetbranche mit einer hohen Geschwindigkeit entwickelt. "Der Personalschlüssel hingegen wächst in den meisten Fällen nicht in der gleichen Geschwindigkeit mit", klagt Stephan Boos, Vertriebschef vom Zahlungsanbieter Klarna   . "Daher haben viele Unternehmen unserer Branche eher ein zu kleines Team, das oberhalb der tatsächlichen Kapazität arbeitet." Durch diese Unterbesetzung, die durch den Fachkräftemangel noch begünstigt wird, steigt die Arbeitsbelastung und der Druck für den einzelnen Mitarbeiter.

Doch die Schuld allein auf die Branche zu schieben, ist zu einfach gedacht. Zum einen müssen für einen Burnout normalerweise schwerwiegende Belastungsfaktoren aus zwei oder mehr Lebensbereichen zusammenkommen. Zum anderen führt ein Job, der einen begeistert, ausfüllt und in dem man einen Sinn sieht, nur in wenigen Fällen zum Burnout-Syndrom. Stattdessen müssen aus arbeitstechnischer Sicht viele Probleme aufeinander treffen: Die Arbeitsbedingungen in der jeweiligen Firma, die Führungsqualitäten des Chefs, das Team, die eigene Beschaffenheit, die Ruhephasen. "Es gibt nur wenige allgemein gültige Risikofaktoren für Burnout", erläutert Anke von Platen. "Zu diesen pauschalen Faktoren gehören das Gefühl, keinen Handlungs- und Gestaltungsspielraum zu haben, das Gefühl, zu wenig Unterstützung und Anerkennung zu bekommen, sowie zu wenig Erholung."

Arbeiten und Entspannung müssen sich die Waage halten

Bernd Hellermann, xx-well.com (Bild: Bernd Hellermann)
Bild: Bernd Hellermann
Bernd Hellermann, xx-well.com

Das Arbeiten in einer schnelllebigen Branche wie dem Internet ist also alles andere als eine Burnout-Garantie: Wer dafür geschaffen ist, wem es Spaß macht und wer sich ab und zu eine Auszeit gönnt, hat kein Problem mit dem vermeintlichen Stress. Für denjenigen ist es auch kein Problem, am Wochenende oder im Urlaub Interessantes zu twittern und sich auf dem Laufenden zu halten. Oder regelmäßig zum Branchenstammtisch zu gehen und sich mit arbeitsnahen Bekannten außerhalb des Büros auf einen Kaffee zu treffen. Bernd Hellermann, der mit seinem Unternehmen xx-well.com   für die Techniker Krankenkasse einen interaktiven Burnout-Coach   entwickelt hat, zeigt aber die Grenzen des geschäftlichen Engagements auf: "Wenn der positive Stress zur dauerhaften Überforderung wird, dann hört der Spaß auf."

"Kritisch wird es tatsächlich, wenn ich emotional nicht mehr ohne kann und wenn ich mir gar keine Pause mehr gönne", gibt Anke von Platen zu bedenken. Deshalb empfiehlt sie, sich Regeln für Branchentreffen aufzuerlegen: Zum Beispiel maximal eines pro Woche. Auch für die Benutzung des Geschäftshandys sollte man sich Grenzen setzen, sagt sie. Dass der Geschäfts-Smartphone-Boom negative Folgen mit sich ziehen könnte, befürchtet ebenfalls Stephan Boos. Zwar habe er bisher nicht die Erfahrung gemacht, dass es dadurch schon jetzt zu mehr Ausfällen komme, "aber wir werden die Auswirkungen der neuen Dienst-Smartphone-Welle meiner Meinung nach erst in ein paar Jahren sehen." Ein verantwortungsbewusster Umgang seitens der Unternehmen sowie der Mitarbeiter ist gefragt. Zum Beispiel durch festgelegte Nutzungszeiten. Auch fürs Twittern und Posten sollte man sich selbst feste Zeiträume vorschreiben.

An diesen Anzeichen erkennen Sie, dass Sie oder Ihr Kollege Burnout-gefährdet sind:
  • Die Leistungsfähigkeit sinkt und man versucht, dies mit noch mehr Arbeit zu kompensieren
  • Man ist leichter abgelenkt
  • Langsamere Erholung von der Arbeit
  • Übermäßige Müdigkeit und Erschöpfung
  • Die Motivation, zur Arbeit zu gehen, sinkt
  • Aggressives oder zynisches Verhalten
  • Das vermehrte Bedürfnis, sich zu isolieren
  • Rückzug aus dem sozialen Leben, Rückzug von der Familie
  • Man verliert mehr und mehr die eigenen Ideale
  • Hyperaktivität
  • Frustration, Angst zu Versagen
  • Häufige Stimmungsschwankungen
  • Depressive Gefühle
  • Übermäßiger Tabakgenuss, Kaffeekonsum, Alkoholkonsum oder Drogengebrauch
  • Schlafstörungen
  • Häufige Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen
  • Erhöhter Herzschlag, hoher Blutdruck
  • Tinnitus, Verspannungen

"Prinzipiell ist es sehr positiv, sich ein joborientiertes soziales Netzwerk aufzubauen und sich dort regelmäßig auszutauschen, sei es über Social Media oder in der Kneipe. Das kann ein guter Stresspuffer sein", sagt Anke von Platen. Auf der anderen Seite ermahnt sie dazu, abends auch mal gar nichts mit niemandem zu machen - das sei für viele ungewohnt. Aber man müsse sich gerade in dieser schnelllebigen Zeit dazu disziplinieren abzuschalten und zu entspannen. Und Handy und PC gar nicht zu beachten. "Unser aller zukünftige Aufgabe wird es sein, einen gesunden Umgang mit den unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zu lernen", sagt Bernd Hellermann angesichts der zahlreichen Möglichkeiten, sich mit der Arbeit zu vernetzen.

Auch der Vorgesetzte trägt Verantwortung

Der globale Kreativchef der Agentur DDB Worldwide   Amir Kassaei ist ein Parade-Negativbeispiel für einen Vorgesetzten - zumindest wenn es um die gesundheitliche Verantwortung für seine Mitarbeiter geht. Mit Sätzen   wie "Wenn ich das Gefühl habe, dass einer nicht auch noch seine letzten fünf Prozent gibt, werde ich jähzornig und schreie Sätze wie: Echte Kämpfer essen keinen Honig - sie kauen Bienen." oder "Ich gebe wie ein Fußballtrainer ein System und eine Philosophie vor. Wenn Not am Mann ist, fliege ich ein und mache die Kampagne selbst" provoziert er die Branche und will gleichzeitig seine Mitarbeiter antreiben. Doch die soziale Verantwortung bleibt dabei auf der Strecke. "Vorgesetzte haben eine besondere Vorbildfunktion und tragen eine große Verantwortung", sagt Bernd Hellermann. Denn wenn die Führungskraft übermäßig viel arbeitet oder regelmäßig abends um 22 Uhr noch E-Mail rumschickt, erzeugt das Druck auf das Team. "Der Chef muss sich bewusst darüber sein, dass der Job für den Mitarbeiter eine ganz andere Bedeutung haben kann, als für sich selbst", gibt Anke von Platen zu bedenken. Dementsprechend darf er an seine Angestellten nicht die gleichen Maßstäbe anlegen wie an sich selbst. "Und ein Kokettieren mit exorbitant hohen Arbeitsstunden ist da mit Sicherheit kontraproduktiv, man könnte auch sagen, unprofessionell", kritisiert Markus Frey.

Langfristig schadet sich der Chef damit nur selbst. Denn die Kosten für einen Mitarbeiter mit Burnout-Syndrom, die auf den Arbeitgeber zukommen, unterschätzen die meisten. Je nach Position kann ein einzelner Burnout-Fall ein Unternehmen 50.000 bis 100.000 Euro kosten, meldet die Wirtschaftswoche  . Ganz zu schweigen von dem Knowhow, das verloren geht. Betreut der Angestellte einen wichtigen Kunden, der auf dessen Krankheitsausfall hin abspringt, kann der Schaden sogar noch höher ausfallen.

Selbstständige trifft es doppelt hart

Ganz besonders teurer kann das Burnout-Syndrom für einen Unternehmer oder Freiberufler werden. Die durchschnittlichen 34,5 Krankheitstage, die ein Burnout mit sich zieht, kann so manchen Selbstständigen in eine finanzielle Krise stürzen. Dabei ist gerade diese Gruppe gefährdet. "Jeder Mensch, der sehr nah an seinem Beruf dran ist, sich stark mit ihm identifiziert und dabei unter Leistungsdruck steht, hat prinzipiell ein erhöhtes Burnout-Risiko", ist sich der xx-well.com-Geschäftsführer Bernd Hellermann sicher. Bei einer Umfrage   der TU Dortmund   unter IT-lern gaben nur 30 Prozent der Freelancer an, dass sie davon ausgehen, die Belastungen bis zum Rentenalter von 65 Jahren aushalten zu können. Diese Erfahrung hat auch Frank Berndt von der Burnout Fachberatung gemacht: "Zu uns kommen tatsächlich überdurchschnittlich viele Selbstständige, Freiberufler und Führungskräfte." Allerdings gibt er zu bedenken, dass dies dadurch begünstigt sein könnte, dass er nicht über die Krankenkasse abrechne.

Aber nicht jeder gestresste Unternehmer ist per se Burnout-gefährdet. Denn die meisten Selbstständigen leben für ihre Arbeit, sie haben die Entscheidungsgewalt sowie Gestaltungsspielräume und verstehen die Zusammenhänge hinter dem Job: lauter positive Faktoren, die das Burnout-Risiko mindern. "Außerdem sehen Selbstständige normalerweise einen höheren Sinn in ihrer Arbeit, deshalb können sie mehr arbeiten und halten mehr Stress aus, ohne es als übermäßig belastend zu empfinden", beschreibt Anke von Platen. Es sei aber wichtig, ein Mittelmaß zu finden, zwischen dem Sich-Verrückt-Machen, wenn nur wenige Aufträge anstehen, und zu viel Arbeit.

Sie selbst hat inzwischen die Balance gefunden und hört auf ihren Körper, wann dieser eine Pause braucht. Außerdem hat sie entspannende Rituale in ihren Alltag eingebaut wie 5-Minuten-Pausen, Lesen oder Joggen. "Ich habe meine eigenen Grenzen kennengelernt und kenne die Frühwarnsysteme." Da ist sie vielen voraus. Denn die meisten Burnout-Patienten ignorieren die ersten Symptome und arbeiten auf noch höherem Level weiter, bis gar nichts mehr geht. Doch je weiter fortgeschritten das Burnout-Syndrom ist, desto länger dauert die Regeneration. Ab einem gewissen Stadium ist sie ohne professionelle Hilfe nicht mehr zu schaffen.

Wie hoch das eigene Burnout-Risiko ist, kann man in einem Selbsttest   von Tim Sturm ermitteln. Wer zu Risikogruppe gehört, kann sich zum Beispiel von Coach der Techniker Krankenkasse   helfen lassen, einen Weg aus der Überlastungsspirale zu finden. Oder einfach mal das iPhone beiseitelegen und Twitter einfach mal Twitter sein lassen.
Thema: Arbeit am Limit: Warum die Burnout-Gefahr bei Interaktiven besonders hoch ist

Kommentar von Verena Gründel

Zwischen Depression und Mode

Burnout hier, Burnout da. Burnout ist in aller Munde. Auf der einen Seite gut, weil sich die Betroffenen eher trauen, sich die Depression einzugestehen. Auf der anderen Seite schlecht, weil die Diagnose durch den inflationären Gebrauch ihre Ernsthaftigkeit verlieren kann.

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Verena Gründel, iBusiness (privat)
Bild: privat
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