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Wie das Web3 das Internet erschüttern will - und woran es scheitern wird

20.10.2022 Ist das Web3 ein Eldorado für Krypto-Glücksritter oder Zukunft des Internets? An dieser Frage scheiden sich die Geister in der Netzgemeinde. iBusiness klärt auf, was das Web3 wirklich ist, was es leisten kann - und woran es scheitern wird.

 (Bild: Ippicture / pixabay.com)
Bild: Ippicture / Pixabay

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TL;DR
Derzeit wird viel über das Potential von Web3 gestritten. Technik und Ideen sind vorhanden - aber reicht das für eine Disruption?
Vor einigen Jahrzehnten wäre es noch schier unvorstellbar gewesen, wie rasant sich das Internet zu einem essentiellen Teil unseres Lebens entwickeln würde - so rasant, dass viele Kritiker heute sagen, der Einfluss sei zu groß geworden. Sehr viel Macht und Einfluss konzentriert sich auf wenige großen Tech-Unternehmen. Das ursprüngliche Versprechen des Internets, Wissen und Kommunikation zu demokratisieren, hat sich so ins Gegenteil verkehrt: Eine Handvoll Companys und deren Algorithmen bestimmen weltweit, was wir sehen, fühlen und denken.

Das gefällt nicht jedem. Und so ist es kein Wunder, dass es insbesondere in der Krypto-Szene einige Unternehmen gibt, die das Internet unbedingt umbauen wollen. Ihre Idee: Mit einem Web3, das aus einer Vielzahl dezentral strukturierter Dienste besteht, ließe sich eine Konglomeration von Daten und damit deren Kontrolle zuverlässig und ein für alle Mal ausschließen. Das Internet wäre in seinen Grundfesten erschüttert und Daten würden wieder den Userinnen und Usern gehören, glauben die Befürworter. Andere wiederum halten die Idee des Web3 für ein unausgereiftes Hirngespinst, das mehr Probleme schaffen als beseitigen wird.

Was also ist dran, am Streit um das Web3?

Web3 ist eine dezentralisierte Version des Web, die im Wesentlichen auf Blockchain-Technologien basiert. Jede Transaktion und Identität ist damit einerseits anonym, aber andererseits eindeutig nachvollziehbar. Zugleich werden Blockchains dezentral auf Millionen von Rechnern zugleich verwaltet. Anstatt die Daten also einem der herkömmlichen Big Techs anzuvertrauen, können sie in der Blockchain verwaltet werden, die niemandem gehört und nicht von Einzelnen kontrolliert werden kann. Etherum ist die am meisten verbreitetste Blockchain für Web3-Services aber bei weitem nicht die einzige. Algorand oder Polkadot sind andere bekannte Beispiele.

In einer so organisierten Welt können Items wie Fotos, Texte, Musik oder Videos getauscht werden, ohne sie in einer zentralen Datenbasis zu speichern, Nutzerdaten sind an die Wallet-ID gebunden und von jedermann überprüf- und einsehbar, ohne mehr über die Identität der Nutzerin oder des Nutzers preiszugeben, als diese/r wünscht. Ein Social-Media-Dienst existiert auf diese Weise wie ein Browser quasi als leere Betrachtungssoftware. Ihre Daten bringen die NutzerInnen selbst mit. "Das Web3 ist eine wirklich alternative Version des Web, in der die Dienste, die wir benutzen, nicht von einem Anbietern bereitgestellt werden", beschrieb Gavin Wood , Etherum-Mitgründer und überzeugter Web3-Verfechter seine Vision.

Konsequente Weiterentwicklung der WWW-Vision

Im Grunde versteht sich Web3 aber weniger als Alternative, sondern als Fortsetzung der bisherigen Entwicklung. In seiner ersten Evolutionsstufe wurde das Internet mit statischen HTML-Seiten bekannt, die mittels Hyperlinks zum weltweiten Web, WWW, verwoben wurden. Im Wesentlichen mit der klassischen Sender-Empfänger-Struktur: Der Publisher veröffentlicht seine Site, die NutzerInnen surfen vorbei und rufen sie ab.

Schon bald wurden innerhalb dieses Systems interaktivere Kommunikationsformen wie Mailbox-Systeme, Chats und Foren populär, die mehr Interaktion ermöglichten. Dies mündete schließlich im Web 2.0, das usergenerated Content in Social Media als zentralen Anker hat. Im Web 2.0 ist die strikte Trennung zwischen Publisher und NutzerIn aufgelöst: Jeder ist Sender und Empfänger zugleich und kann Inhalte erstellen, publizieren, konsumieren und interagieren.

Inzwischen sind aber auch die Nachteile dieses Konzepts offenbar geworden. Denn nicht nur Social-Media-Dienste (zumindest die erfolgreichen) sind kostenlos - völlig kostenlos stellen auch die NutzerInnen ihre Inhalte und Daten den Tech-Companies zur Verfügung, die diese zu Geld machen. Mehr noch: Eine reine Konsumentenrolle ist gar nicht vorgesehen. Selbst wer gar nichts publizieren will, überlässt den Konzernen wenigstens seine Profil- und Nutzungsdaten, mit denen diese ihre Algorithmen füttern, um die Inhalte besser zu vermarkten. "Wenn die Plattform kostenlos ist, ist der Nutzer das Produkt", lautet ein vielzitierter Merksatz für diesen Mechanismus.

Und ein Produkt wird selbstverständlich verkauft. Oder auch vom Markt genommen, wenn es der Plattform gefällt.

Entmachtet die Tech-Konzerne!

Mit diesem Ungleichgewicht soll das Web3 nun aufräumen. Die Entwicklung des Web2.0 wird fortgesetzt - aber mit dezentraler Organisation, um den wertvollen Usercontent der Kontrolle der Big Techs zu entreißen. Das funktioniert im Kleinen (etwa mit dem Post eines Urlaubsfotos) genauso wie im Großen: Während Musik, Videos oder Social-Media-Clips in der Web-2.0-Welt von Unternehmen wie Spotify, Youtube oder TikTok verwaltet und vermarktet werden, können in der Web3-Welt die Daten als Non-Fungible Token (NFTs) direkt gehandelt werden. Wer ein Musikstück streamen möchte, nutzt dann nicht Spotify, sondern einen Player, der den Stream mittels Smart Contract (ein sich selbst ausführender Vertrag) direkt mit dem NFT-Besitzer abrechnet. Statt einer zentralen Plattform gibt es also lediglich eine Abrechnungsvereinbarung, einen beliebigen Player und verteilte Daten.

Auf dieselbe Art kann eine Social-Media-Plattform funktionieren: Der Content liegt in der Blockchain, die Social-Media-Browser der UserInnen greifen darauf zu und fungieren als Betrachtungssoftware. Will ein Content-Creator seine Clips monetarisieren, kann der Werbepartner erfolgreiche Einblendungen mittels Smart Contract selbst abrechnen. Welche Daten die Nutzerin oder der Nutzer von sich preisgibt, bestimmt wiederum sie oder er selbst mit ihrer oder seiner Wallet-ID. Intermediäre und Plattformen werden weitmöglichst ausgeschaltet.

Gehirngespinst oder realisierbare Vision?

Soweit die Theorie. In der Praxis ist davon bislang wenig zu sehen - was dem Konzept einigen Hohn von durchaus prominenter Seite einbrachte: Tech-Milliardär Elon Musk spottete etwa, das Web3 würde wohl frühestens in 30 Jahren Realität werden. Und Twitter  -Chef Jack Dorsey legte seinen Finger in eine kaum zu übersehende Wunde und schrieb allen Web3-Enthusiasten in die Twitter-Timeline. "Nicht ihr besitzt das Web3 - die VCs und ihre LPs besitzen es. Es wird sich diesem Einfluss niemals entziehen können. Es bleibt letztlich ein zentrales Gebilde unter anderen Label."

Zugleich impliziert dieser Tweet natürlich, dass andere prominente Tech-Investoren (wie Marc Andreessen ) ganz anders geurteilt und teils enorme Investments getätigt haben. Trotzdem - so ihr Argument - beherrschen sie die Web3-Anwendungen nicht. Sie haben sich lediglich mit einer Vielzahl von Assets in das Projekt eingekauft, um vom Wachstum zu profitieren. Letztlich handeln sie wie ein Immobilienkäufer bzw. Immobilienkäuferin, der bzw. die sich vielversprechende Grundstücke sichert. Trotzdem beherrscht er oder sie ja nicht die gesamte Stadt.

Nicht nur wegen des Bildes mit dem Immobilienkauf wird das Web3 übrigens häufig mit dem Metaverse gleichgesetzt. Genau genommen liegt aber die einzige Gemeinsamkeit darin, dass manche Metaversen (wie Decentraland  ) in Blockchain-basierten Umgebungen realisiert werden. Hier treffen sich Web3 und Metaverse tatsächlich - weshalb mancher Protagonist bzw. manche Protagonistin bereits den Kunstbegriff Web3-D einführen will.

Genau genommen sind aber zahlreiche Web3-Anwendungen denkbar, die mit dem Metaverse gar nichts zu tun haben, sondern lediglich mit dezentraler Organisation. Umgekehrt sind viele Metaversen als komplett zentralisierte Web 2.0-Anwendungen realisiert. Metaverse und Web3 können sich treffen - müssen aber nicht.

Ein Metaversum mit Blockchain zu mischen, führt auch nicht automatisch zum Erfolg. Das mussten beispielsweise Konzerne wie Ubisoft   erfahren, die ihre entsprechenden Vorstöße nach negativem Community-Feedback schnell wieder zurückgezogen haben. Zu offensichtlich blieb, dass es sich im Kern um ein zentral organisiertes Metaverse handelte, das lediglich mit einem Blockchain-basierten Ökosystem aufgewertet werden sollte. Mit einer dezentralen Web3-Infrastruktur hat ein solches Konzept aber wenig zu tun.

Einfach nur etwas Blockchain auf einen alten Content klatschen funktioniert nicht. Das gesamte Konzept muss schon einen tieferen Sinn ergeben und einen starken Community-Anreiz bieten.

Viel Aufwand und wenig Lösungen


Für andere Probleme bietet die Web3-Welt ebenfalls nur wenige Lösungsansätze: Schon die Web 2.0 Social Media-Plattformen sind voll von toxischem Content, der nach Moderation und Regulierung ruft. Wie soll das aber erst funktionieren, wenn es in einer dezentralen Plattform gar keine zentrale Kontrollinstanz mehr gibt?

Web3-Befürworter argumentieren, eine öffentliche Regulierung würde ohnehin besser funktionieren als eine zentralistische. Die Community behielte ja Einfluss darauf, wie Content Moderation oder andere Standards angewendet werden sollen. Und die Legitimation durch die Community sei viel stärker als die Legitimation eines Plattformbesitzers.

Auch das eingangs erwähnte Argument, virtuelles Eigentum lasse sich durch die Blockchain-Technologie besser handeln, scheint nicht ganz zu Ende gedacht. Denn Eigentum gibt es ja auch im Web-2.0. Nur, dass es dort eben "geistiges Eigentum" heißt und in der Form von Nutzungsrechten und Lizenzen gehandelt wird. Es mag zwar sein, dass NFTs den Handel einfacher und transparenter machen. Aber am Grundproblem ändert sich dadurch nichts: Marktplätze und Plattformen haben ebenfalls das Potenzial, monopolartigen Einfluss zu agglomerieren und dann erneut die Bedingungen zu diktieren.

Viel Potential - aber wenig Disruption


Insgesamt darf man sich von der Euphoriewelle nicht täuschen lassen: Der Begriff des Web3 beschreibt derzeit vor allem ein Konzept. Konkrete Anwendung gibt es wenig, eine Killer-Applikation gar nicht. Am Ende bleibt die Frage, ob es überhaupt eine kritische Masse an UserInnen geben wird, für die die gebotenen Lösungen relevant sind. Denn zentrale Strukturen bieten ja auch Vorteile: Zum Beispiel Einfachheit, Komfort, Sicherheit und Übersichtlichkeit. Auch das ist viel wert.

Trotzdem sollte man Web3 nicht als reines Dorado für Glücksritter aus der Krypto-Szene abtun. Denn die Idee fußt auf einem sehr realen und kaum wegzudiskutierenden Paradigmenwechsel im Web: Mittels Blockchain ist digitales Eigentum in die Online-Welt eingezogen, das sich ganz einfach tauschen lässt. Im Kern hat diese Technologie das Zeug dazu, Intermediäre und Makler außer Kraft zu setzen - und dazu gehören eben auch die Big Techs, die Bilder, Texte, Musik oder Videos verbreiten. Deswegen wäre es schon ein Wunder, wenn diese Technologie langfristig ohne Einfluss bliebe.
Thema: Wie das Web3 das Internet erschüttern will - und woran es scheitern wird

Kommentar von Dominik Grollmann

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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