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Trend 'Unified Communication': Warum Facebook unser Adressbuch kontrollieren will
25.11.2010 Der kürzlich vorgestellte Dienst Facebook Message bestätigt einen Trend: Unified Communication und Unified Messaging wandert aus den Unternehmen und wird Privatanwendung für alle. Neben Facebook sind noch andere im Rennen. Auch sie können den Markt für sich gewinnen. Aus einem nachvollziehbaren Grund.
Nun hat Facebook mit dem Dienst 'Facebook Message' und der darin enthaltenen "Social Inbox" für seine Mitglieder ebenfalls ein Tool vorgestellt, das Unified Communication kostenlos bieten soll (siehe "Facebook will der große Online-Kommunikator werden"). Neben E-Mail führt die Neuerung SMS, Instant Messaging-Dienste und Facebook-interne Nachrichten zu einem Strom zusammen. Damit ist das soziale Netzwerk allerdings nicht der erste Anbieter in dieser Richtung - und wird sicher nicht der letzte sein.
Andere Anbieter setzen ebenfalls auf Unified Communication
So hat Yahoo gerade seinen Yahoo Messenger Beta angekündigt. Wesentliche Neuerung ist dabei die Integration von Facebook und Twitter . Daneben wird das Chatten geräteunabhängig: Ob vom heimischen PC oder unterwegs vom Smartphone aus soll unter diesem Client das Chatten überall und jederzeit machbar sein.
Der deutsche Anbieter Web.de , der zum Unternehmen United Internet AG gehört, hat sein Freemail-Angebot 2010 Zug um Zug erweitert. Unter dem Begriff Webtop können Anwender individuell Zugänge zu favorisierten Diensten oder direkte Logins zu beliebten Netzwerken einrichten und anschließend aus dem Web.de-Dienst nutzen. Unter dem "Notification Collector" werden sämtliche Nachrichten aller so abonnierten Dienste und Netzwerke gesammelt und angezeigt. Wer zusätzlich via mobile auf die Dienste zugreifen will, findet bei dem Anbieter ebenfalls ein entsprechendes Angebot.
Bei Google Mail lassen sich immerhin Kontakte aus anderen Netzwerken integrieren. Der Zugriff auf den Dienst via Mobilfunk-Device ist ebenfalls gestattet. Inzwischen hat Google sein EMail-Angebot um Google Voice erweitert, also um seinen VoIP-Dienst. Facebook lässt im Gegenzug die Integration von Skype-Accounts zu. Die Integration von Telefonie in ihre Mail- und Social-Media-Aktivitäten ist zur Betrübnis der Provider gerade ein großer Trend bei den Dickschiffen des Internets.
Ein anderer integrierter Dienst von Google in Richtung Collaboration, Wave, wurde nach Erfolglosigkeit zügig wieder beerdigt. Ergo: Google hat in diesem Bereich noch Nachholbedarf. Doch Facebook ist nicht notwendigerweise ein Game Changer.
Argumente, die gegen Facebook als Game Changer sprechen
Ob nämlich Facebook Message mitsamt seiner "Social Inbox" tatsächlich der Game Changer wird, ist längst nicht ausgemacht. Folgende Argumente sprechen dagegen:
- Die Kernkompetenz von Facebook liegt im Bereich Social Media, d.h. einer möglichst offenen Kommunikationsstruktur. Eine Lösung für die gesamte private Kommunikation müsste seinen Schwerpunkt am entgegengesetzten Ende der Skala ansiedeln: Bei der Sicherheit privater Daten und Schutz der Privatsphäre. Dort hat Facebook eindeutig Schwächen.
- Die Unternehmenskultur von Facebook lebt vom Verschwinden der Privatheit. Persönliche Kommunikation wird aber privat bleiben. Damit stellt sich die Frage, ob das soziale Netzwerk überhaupt in der Lage ist, die Anforderungen der Nutzer an ein solches Tool erfüllen zu können.
- Der laxe Umgang mit dem Datenschutz prägt mittlerweile auch das Image des Unternehmens. Für den Erfolg eines privaten Kommunikationstools ist dieser Umstand hinderlich.
- Einzelne Nachrichten können nicht gelöscht werden, nur ganze Unterhaltungen, "Threads". Das ist nicht nutzerfreundlich.
- Das Ausfüllen von Betreffzeilen bei E-Mails und anderen Nachrichten soll entfallen, da dies nach Ansicht von Mark Zuckerberg "zu formell" und "zu langsam" ist. Das dürfte das Wiederauffinden von bestimmten Nachrichten zur Sisyphos-Arbeit machen: In den riesigen Heuhaufen empfangener Nachrichten ist keine Nadel mehr zu finden.
Was für Facebook spricht
Das Pfund, mit dem Facebook wuchern kann, ist die Zahl seiner Mitglieder: 500 Millionen sollen es weltweit sein. Das ist eine Ehrfurcht gebietende Marktmacht. Mittlerweile wird auch richtig Geld verdient. Allein in diesem Jahr sollen nach Schätzungen von Emarketer weltweit Werbeeinnahmen in Höhe von 1,28 Milliarden US-Dollar in die Kassen des sozialen Netzwerks gespült werden. Damit lässt sich allerhand in Gang setzen - und relativ schadlos auch in den Sand. Kritiker unken bereits, das Internet verschwinde womöglich, am Ende werde alles Facebook.Der Strategieberater Aleksandar Stojanovic , Managing Director von Digital District GmbH sieht jedenfalls Facebook auf einem guten Weg. Denn letztlich gehe es darum, "das Adressbuch zu kontrollieren", wenn man den Kunden besitzen wolle. Mit der jetzigen Strategie würden die Nutzer in das Ökosystem von Facebook regelrecht "verwickelt".
Andererseits zeigt das Beispiel des Konkurrenten Google, dass Finanzkraft und Marktmacht allein keine Garantien für den Erfolg sind: Das Microblogging-Tool Buzz konnte dem Platzhirsch Twitter nie ernsthaft gefährlich werden. Wave wurde, wie bereits erwähnt, schnell beerdigt. Das soziale Netzwerk Orkut ist in Lateinamerika ein Erfolg - im Rest der Welt aber nahezu unbekannt.
Schnelle Konkurrenz aus der Nische statt '1984'
Wie schnell sich ein Start-up mit guten Ideen im Netz eine Fangemeinde schaffen kann, hat in diesem Bereich eine kleine App für Apples iPad gezeigt: Flipboard ist im Grunde auch nur ein Tool, um mehrere Dienste und Netzwerke unter einem Dach zu vereinen. Der Clou an dem Tool: Es bereitet die jüngsten Meldungen und Postings in Art eines Magazins auf dem Tablet-Computer auf. In der jüngsten Version wurde auch ein Stück Medienbruch beseitigt: Nun lassen sich aus der Anwendung heraus Kommentare und Nachrichten verschicken.
Das Beispiel zeigt, wie schnell ein smartes Tool im Netz Karriere machen kann - aller großen Feindbilder (derzeit: Facebook, Google und Apple) zum Trotz. Seit etwa 30 Jahren wird immer wieder das abschreckende Bild vom 'Großen Bruder' und George Orwells '1984' bemüht. Doch ein echter Wiedergänger wollte sich bis heute nicht einstellen. Bevor es soweit kommen konnte, hat der Markt im Netz die Bedrohung allein ausgemendelt: Durch den Konkurrenzkampf, der hier schneller und schärfer abläuft als in den regulierteren analogen Wirtschaftssystemen.
