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Fachkräftemangel: Einsamkeit in der Interaktiv-Branche

von sb

23.08.2010 220.000 Arbeitskräfte fehlen deutschen Unternehmen jährlich, so eine Analyse    von IMC AG   und Bitkom  . Jede zehnte davon fehlt bei IT- und Internet-Unternehmen. Und es wird durch den demographischen Wandel von Jahr zu Jahr schlimmer. Kann die Interaktiv-Branche das Problem überhaupt lösen?

 (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)
Bild: Rainer Sturm/PIXELIO
 (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)
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Die Interaktiv-Branche wächst seit Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts jährlich mit zweistelligen Raten. Kein Wunder: Allein der Siegeszug des Internets sorgt für eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen - sowohl in den Fachabteilungen der Unternehmen als auch bei den Dienstleistern und Agenturen. Parallel zu dem Personalwachstum steigert sich auch das Crescendo des Jammerns: Es gäbe einfach keine qualifizierten Mitarbeiter. Das Problem Fachkräftemangel bekommt die Branche trotz gefühlter fünf Dutzend Ausbildungsinitiativen einfach nicht in den Griff. Denn es ist schließlich teilweise hausgemacht.

Bereits 2008 verwies Dwight Cribb , Geschäftsführer der Hamburger Personalberatung Cribb   , iBusiness gegenüber auf die Langzeitwirkung der Jahre 2001 bis 2005, in denen die Interaktiv-Unternehmen reihenweise Mitarbeiter entlassen haben. "In dieser Zeit wurde kein Nachwuchs eingestellt. Diese damals nicht eingestellten Leute fehlen nun. Sie wären mit ihren drei bis sechs Jahren Berufserfahrung die Young Professionals, die als Leistungskern so wichtig für die Branchenbetriebe sind."
Geändert hat sich an der Situation bis heute wenig. So zeigt die aktuelle ZAW-Studie  , dass vom Texter bis zum Marketing-Experten jede Berufssparte in der Interaktiv-Branche händeringend gesucht wird. Die spannende Frage ist nun: Wenn jetzt schon Teile der Politik den am Horizont dräuenden Fachkräftemangel für die Gesamtwirtschaft als Problem erkennen - um wie viel schlimmer wird dieser Mangel dann erst in Zukunft für eine globale Wachstumsindustrie wie die Internetwirtschaft? Und was kann man dagegen tun?

Wenn der Gesamtwirtschaft schon der Nachwuchs ausgeht - wie schlimm wird es dann erst im Internet-Business?


Auch die Sonderauswertung des Internetagentur-Rankings 2010   zeigt einmal mehr, dass die Branche stark mit dem Personalmangel zu kämpfen hat. Ein beachtlicher Großteil der Befragten (76 Prozent) geht davon aus, dass der Jahresumsatz in ihrer Agentur bis Ende 2010 gegenüber dem Vorjahr zunehmen wird oder zumindest das Niveau des Vorjahres erreichen wird. Daher wollen und müssen die Interaktiven Personal einstellen. Den anhaltenden Mangel an Fachkräften bekommt die Internetwirtschaft auch in 2010 nicht in den Griff: Auf einer Skala von eins ("stimme ich nicht zu") bis fünf ("stimme ich voll zu") bewerten die Befragten die These, dass geeignetes Personal nur schwer zu finden ist mit einem Indexwert von 3,8 - ein riesiges Problem, mit dem die Interaktiv-Dienstleister nicht erst seit fünf Jahren kämpfen.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass nicht in allen Feldern der Internetwirtschaft das Heulen und Zähneklappern gleich laut ist. Ina Wagner beispielsweise, Personalleiterin der Internetagentur Deepblue Network    erzählt, dass sie in Sachen Kreative gut versorgt seien. Bedarf bestehe hauptsächlich an IT-Spezialisten, vor allem an Programmierern.

Nach wie vor führen die Verantwortlichen den Fachkräftemangel auf ein ungenügendes Bildungsangebot der deutschen Hochschulen zurück. Um den Bedarf an fehlendem Personal zu decken, sind die Agenturen zumindest nach eigenen Angaben verstärkt bereit, Mitarbeiter sogar über 45 Jahre einzustellen. Hier ist 2010 der Indexwert mit 3,8 um einen ganzen Punkt im Vergleich zum Jahr 2009 gestiegen.

Bildungssystem: Ein Schuldiger ist schnell ausgemacht


Stefanie Hornung , Sprecherin der Messe Zukunft Personal   stellt direkt das Bildungssystem an den Pranger: "Da viele Bachelor-Aspiranten anscheinend vor einem Bildungssystem kapitulieren, das sie nicht anspornt und fördert, sondern durch hohen Prüfungs- und Selektionsdruck eher frustriert, sollten die Hochschulen das Studienpensum und die Lernmethoden überdenken", fordert Hornung. Zudem hätten zahlreiche Studien belegt, dass mit der Bologna-Reform gerade in den MINT-Fächern, in denen der Nachwuchs-Engpass besonders groß ist, die Abbrecherquoten zugenommen haben.

In das gleiche Horn bläst Vanessa Boysen , Leiterin Human Resources bei der Fullservice-Agentur SinnerSchrader   . Ihrer Einschätzung nach
sei das neue Bachelor- und Master-System auf eine Weise umgesetzt worden, die zu einer "zunehmenden Verschulung der universitären Ausbildung führt. Und genau dies helfe überhaupt nichts, denn Internetagenturen benötigten Absolventen, die in der Lage sind, sich selbstständig, schnell und tief in ein neues Thema einzuarbeiten: "Es kann nicht sein, dass Absolventen mit hervorragenden Noten die Universität verlassen, wenn sie dort lediglich gelernt haben, Wissensbestände abzurufen, aber nicht in der Lage sind, eine eigenständige Meinung zu fachlichen Themen zu vertreten", beklagt Boysen die momentane Bildungssituation

Auch der Managing Director der HMMH Multimediahaus AG   , Stefan Messerknecht , lässt kein gutes Haar an den deutschen Universitäten. Seiner Meinung nach "kümmern sie sich zu viel um Studienzweige ohne große Perspektive". Auch eine "deutliche Verbesserung der Qualität der Lehrkräfte an Schulen (vor allem im Bereich Naturwissenschaften)" wäre seiner Meinung nach angebracht. Dem widerspricht jedoch Dwight Cribb, denn "Universitäten sehen sich Forschung und Lehre verpflichtet, nicht dem Arbeitsmarkt." Auch Wagner schimpft: "Die Universitäten sind ganz schön weit weg von den Unternehmen."

Fachkräftesuche im Ausland: "Eine abgedroschene Diskussion"


Inzwischen schaue sich immerhin Dwight Cribb durchaus für seine Kunden verstärkt auch in Österreich und der Schweiz nach neuen Mitarbeitern um. Der Großteil der Agenturen sieht darin allerdings keinen Weg. Zu aufwändig ist die Suche, zu kompliziert das bürokratische Prozedere, zu dünn gesät die Experten in den Personalagenturen der meist eher kleinen Agenturen. Bei Deepblue Network beispielsweise ist nicht geplant, den Personalmangel mit der Suche nach Mitarbeitern im Ausland zu beheben. Hier verlässt man sich auf das eigene Engagement im Bereich Ausbildung: "Wir setzen vermehrt auf Ausbildung und darauf, dass wir unsere Auszubildenden später übernehmen können", argumentiert Ina Wagner. Zwar entscheiden sich Leute aus rationalen Gründen für ein bestimmtes Unternehmen, zum Bleiben entscheiden sie sich jedoch aus emotionalen Gründen. "Also müssen wir unseren Job als Arbeitgeber einfach gut machen." Deshalb und weil das Praktikum beiden Seiten die ideale Möglichkeit biete, schon vor Ende des Studiums zu sehen, ob die Chemie stimme, erhöht Deepblue Network die Zahl der Praktikumsplätze.

Einen geringeren administrativen Aufwand bei der Suche würde Ina Wagner befürworten. Den Lösungsvorschlag von Agentur-für-Arbeit-Chef Weise, statt auf ausländische Experten zu setzen lieber Langzeitarbeitslose umzuschulen, hält sie jedoch schlichtweg für unrealistisch: "Das Niveau der im IT-Bereich gesuchten Fachkräfte ist einfach so hoch, dass man es meist mit der relativ kurzen Zeit einer Umschulung nicht erreichen kann und somit keine Grundlage dafür ist, um später in diesem Job zu arbeiten." Auch Deepblue Network biete zwar selbst Umschulungen an, aber: "Allzu gute Erfahrungen haben wir damit allerdings leider nicht gemacht."

Auch bei SinnerSchrader sind politische Pläne gegen den deutschen Fachkräftemangel wie ein Begrüßungsgeld für ausländische Experten keine relevanten Anreize für das Unternehmen. Ihre möglichen Kandidaten seien mehr an der inhaltlichen Herausforderung interessiert und erst in zweiter Linie an einem lukrativen Gesamtpaket. Jedoch äußert Vanessa Boysen ebenfalls einen deutlichen Bedarf an einem "signifikanten Abbau bürokratischer Hürden, um für ausländische Arbeitnehmer den Standort Deutschland attraktiver zu gestalten."

Eigeninitiative und Eigenverantwortung

Vanessa Boysen setzt zumindest zum Teil auf Eigeninitiative der Interaktiv-Branche: "Zu einem Teil müssen wir dieses Problem sicherlich selbst lösen. In unserer Branche gibt es keine klassischen Berufsbilder, und die konkreten Anforderungen wandeln sich in einem Prozess der ständigen Innovation. Daher ist es für uns ganz normal, dass wir einen relativ großen Teil der Aus- und Weiterbildung als Unternehmen leisten müssen", gibt sich Boysen verantwortungsbewusst.

Dieser Aussage kann Stefanie Hornung nur beipflichten: "Wer etwa in der Krise sein Talentmanagement vernachlässigt hat, muss sich nicht wundern, dass er nun mehr tun muss als andere." Sie mahnt zur Eigenverantwortlichkeit der Internet-Unternehmen und -Agenturen.

Dwight Cribb sind vor allem die unzureichende Transparenz der Branchenstrukturen und die Berufsbilder ein Dorn im Auge. Diese würden dazu führen, dass zu wenige Hochschulabsolventen den Onlinebereich als Karrierepfad einschlügen. Geändert werden müssen seiner Meinung nach vor allem die Berufsbilder. "Sie müssen teilweise neu definiert werden, sodass sie von einem größeren Personenkreis erfolgreich ausgeführt werden können. Das heißt weniger komplexe Teilberufe schaffen, die von guten Sachbearbeitern ausgeführt werden. Heute zählt weniger Wissen als die Fähigkeit, komplexe Aufgaben strukturiert anzugehen und zu lösen."

Den Mangel an Webprogrammierern in Agenturen erklärt sich Ina Wagner durch die rasant gestiegenen Anforderungen bei der Internetentwicklung. Außerdem beobachtet sie eine Verschiebung der Chancen zuungunsten der kleinen Spezialisten: "Auch ziehen wohl viele Programmierer das höhere Gehalt und die Sicherheit großer Arbeitgeber wie SAP   oder Microsoft   der Kreativität von Agentur-Arbeit vor", räumt sie ein.

Da sie hochqualifizierte Mitarbeiter benötige, die über die nötige geistige Flexibilität und Leistungsfähigkeit bereits verfügen, fordert Vanessa Boysen eine insgesamt progressivere Bildungspolitik, die eine qualitativ hochwertige Ausbildung für alle im Fokus hat: "Immer mehr Menschen sind insgesamt zu schlecht ausgebildet, um überhaupt noch am Arbeitsmarkt zu bestehen, während der Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern beständig steigt", ärgert sie sich.

Alternative Wege bei der Personalsuche

Die Messe "Zukunft Personal" hat zusammen mit dem F.A.Z.-Institut der Problematik eine eigene Podiumsdiskussion mit dem Titel 'Fachkräftemangel nachhaltig bewältigen - Mitarbeiter erfolgreich finden und binden' gewidmet. Hier sollen Recruiting-Alternativen wie die Entdeckung von älteren Menschen und Frauen als neuem Talentpool diskutiert werden.

Manchmal hilft es ja auch, sich als Interaktive auf die eigenen Stärken zu besinnen. Die Performance-Marketing-Agentur Quisma   beispielsweise versucht via Onlinevideo interessierte Bewerber zu ködern. Diese können sich über den firmeneigenen Youtube-Channel bewerben. Intention dieser neuartigen Personalsuche ist dabei, den potenziellen Bewerbern Quisma persönlicher zu vermitteln, als es über die üblichen Online- und Print-Anzeigen möglich wäre. CEO Ronald Paul : "Mit dem Film haben wir die Möglichkeit, uns gegenüber Interessenten authentisch zu präsentieren. Die Bewerber sehen, wer und was sie während des Trainee-Programms erwartet, und YouTube ist das ideale Medium, um eine junge, internetaffine und damit für uns relevante Zielgruppe anzusprechen."
Einen interessanten Ansatz, dem Problem Fachkräftemangel weit früher zu begegnen, liefert die information multimedia communication AG    in ihrem Thesenpapier "10 Thesen zum Lösungsbeitrag der Informationstechnologie für das Fachkräfteproblem in Deutschland"   . Darin fordern die Autoren, Informatik- bzw. PC-Unterricht als Pflichtfach einzuführen, und die Kinder schon an den Schulen in der richtigen Nutzung sozialer Netzwerke auszubilden.

Hier schließt sich allerdings der Kreis: An fähigen Spezialisten, die in der Lage und bereit wären, den Nachwuchs zu einem Lehrergehalt in diesem Metier zu unterrichten, mangelt es gewaltig. Immerhin gibt es den einen oder anderen Praktiker, der freiwillig Vorlesungen an Universitäten und Fachhochschulen hält. Aber lange nicht genug. Denn Bildung ist in Deutschland vor allem eines: schlecht bezahlt.
Thema: Fachkräftemangel: Einsamkeit in der Interaktiv-Branche

Kommentar von sb

Fachkräftemangel: Eigeninitiative ist gefragt

Die deutschen Agenturen jammern zwar über den Fachkräftemangel, die Handlung dagegen sehen sie aber nicht als ihre Aufgabe an. Das liegt vor allem an einem strukturellen Problem.

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Stefanie Bradish (Robert Bradish)
Bild: Robert Bradish
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Zu: Fachkräftemangel: Einsamkeit in der Interaktiv-Branche

Ich denke, eine wichtige Ursache für den Fachkräftemangel wurde zumindest in einem Nebensatz angesprochen: die vergleichsweise geringe Bezahlung in der Kreativbranche. Letztlich ist der Arbeitsmarkt nun einmal ein, tja, ein Markt. Ein Mangel an Arbeitskräften gibt es da sicherlich nicht, aber ein Mangel an Arbeitskräften, die bereit sind zu den Konditionen der Kreativbranche (unterdurchschnittliches Gehalt, überdurchschnittlich viele Überstunden, geringe Aufstiegschancen, wenig Sicherheit) zu arbeiten. Wenn sich Überstunden nicht vermeiden lassen und kleine Betriebe nun einmal wenig Aufstiegschancen und Sicherheit bieten können, dann muss beim Gehalt ein entsprechender Aufschlag "drin sein".
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