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Drei Dinge, die nie wieder sein werden, wie sie sowieso noch nie waren

27.02.2026 Im iBusiness-Briefing bekräftigen Branchenkenner ihre Forderung nach einem Social-Media-Boykott durch die Marken - und fordern Agenturen auf, gegen KI anzustinken, statt zu resignieren.

 (Bild: Sebastian Halm/KI generiert mit ChatGPT)
Bild: Sebastian Halm/KI generiert mit ChatGPT
Nehmen wir mal an, jemand würde ein Unternehmen besitzen, das Schutz vor Cyberbedrohungen verkauft. Zugleich ist dieser jemand aber auch der eifrigste und umtriebigste Förderer einer Technologie, die diese Cyberbedrohungen hervorbringt. Nehmen wir weiter an, dieser Jemand besitzt auch noch Anteile an einem Unternehmen, das Energie produziert. Zugleich stellt dieser jemand aber auch ein Produkt her, das unfassbar viel Energie verbraucht.

Kritische Nachfragen tut dieser jemand ab, indem er besorgniserregende Zahlen und Erkenntnisse als Fake bezeichnet, Zweifeln an der Zuverlässigkeit seiner Prognosen begegnet er stets mit Variationen des Satzes 'Vertraut mir einfach, Bros!' Rechnet man ihm vor, dass seine Technologie 225.000 mal mehr Energie verbraucht, als ein Mensch für dieselbe Aufgabe benötigt, verweist er auf die vielen Kalorien , die so ein Mensch im Laufe seines Lebens verbrennt  , so dass man sich fragt, ob er in einem Rechenzentrum eine fortschrittlichere Variante der Welthungerhilfe sieht.

Treiben wir es doch noch weiter und nehmen an, dass eben dieser jemand seit einiger Zeit von einem neuen Sozialen Netzwerk fabuliert, das sicher vor Bots und KI-Fakes sein soll. Alles, was die Menschheit dafür tun muss, ist sich komplett biometrisch vermessen lassen, denn diese Daten braucht er zur Verifikation der Mitglieder. Zugleich hat dieser jemand aber auch dafür gesorgt, dass sein KI-Slop die bestehenden Sozialen Netze unkonsumierbar macht und profitiert massiv davon, wenn die Weltbevölkerung ihm noch mehr Daten in den Schlund wirft.

Zum Text in keinerlei Beziehung stehendes Bild von Sam Altman. (Bild: Village Global)
Bild: Village Global
Bild: Village Global unter Creative Commons Lizenz by
Zum Text in keinerlei Beziehung stehendes Bild von Sam Altman.

Jetzt könnte man spaßeshalber noch annehmen, dass dieser jemand jedem, der sich vermessen lässt, als Gegenleistung einen Gutschein für ein paar Einheiten einer neuartigen Kryptowährung   bietet. Ach ja - diese Währung, die sich staatlicher Kontrolle entziehen soll, hat der Jemand übrigens auch gegründet.

So einem Menschen würde ich persönlich ja weder meine Tochter, meine Wohnungsschlüssel oder mein Fahrrad anvertrauen - aber im realen Leben haben Betriebe und Ökonomien in aller Welt diesem Mann ihre Infrastruktur anvertraut, indem sie seinem Produkt Zugriff darauf gewähren. Und die NutzerInnen, die noch freier sind, weil sie keinerlei wirtschaftliche Bedenken oder Aktionärseinwände fürchten müssen, haben sich auf GenAI gestürzt mit der Maßlosigkeit eines Kleinkindes, das man mit einem Löffel und dem Nutella-Glas alleine gelassen hat.

1. Social Media... ist verloren

KI ruiniert existierende Medien - und im Tausch haben wir ein paar leere Versprechen bekommen: SuperAI, Weltuntergang etc.

Nirgendwo wird dieser Schwindel deutlicher als in Social Media. Die schon vor dem Boom generativer KI rechts-versiffte Fake-Schleuder quillt nun über vor täuschend echten Fake-Videos und Bildern, die bestenfalls albern, oft aber auch bösartig sind. So befindet SEO- und GEO-Experte Severin Lucks von der Agentur Delucks   , dass "in Sozialen Medien KI-generierte Inhalte nicht mehr wegzudenken sind und der Bot-Traffic außerdem rasant zu nimmt." Da Meta, LinkedIn & Co. aber nur offensichtlich KI-generierte Inhalte markieren, würde das zum Dilemma: "Denn so werden Menschen nicht mehr unterscheiden können, was echt und was fake ist. Das kann zu weiterer Polarisierung führen, aber auch zu mehr digitalem Detox. Sprich: Menschen können und werden sich von den Sozialen Medien abwenden." Von jemandem, dem man Internetaffinität und eine genuine Liebe zum Web wahrlich nicht absprechen kann wie Lucks, sind das schon deutliche Worte.

Apropos 'deutliche Worte' - keine Ahnung, wie man daraus eine Überleitung zu Media-Urgestein Thomas Koch hinbekommen könnte, aber gegenüber iBusiness macht der Marketing-Guru keinen Hehl daraus, dass auch er die sozialen Netze de facto aufgibt - und Marken dazu rät, schleunigst dasselbe zu tun. Denn "Social Media-Plattformen sind zu unerträglichen Fake News- und Hass-Schleudern geworden. Ihren Algorithmen haben wir einen Großteil des Aufstiegs rechter Strömungen und Parteien zu verdanken, die unsere Demokratie in Frage stellen."

Wenn sie derart unkontrollierbar bleiben, so Thomas Koch, "werden sie über kurz oder lang weltweit ohnehin verboten. Wenn wir so lange nicht warten mögen, bin ich kein großer Freund von halben Sachen wie Altersverboten. Dann müssen wir eben aufhören diese Plattformen zu finanzieren." Bedeutet: Marken und Advertiser müssten ihnen die Werbung entziehen, "mindestens im gleichen Maße wie sie Bot-Traffic führen." Man rede hier über 50 bis 90 Prozent weniger Werbung von Großkonzernen, "die nicht weiter mitverantwortlich sein wollen für die Gesundheitsgefährung unserer Kinder, die oft genug ihre Kunden sind. Wenn wir Meta's Quartalsgewinn von zuletzt 25 Milliarden Dollar empfindlich halbieren, stürtzt die Aktie ab und sie verlieren die Lust an Werbung. Das ist der sicherste und schnellste Weg, um zu einem positiven Ergebnis für uns alle zu kommen."

2. USA-KI: Bestellen wir bald Chinesisch?

Ein Schelm wer denkt, dass ein neues Netzwerk für biometrisch-Identifizierte-Menschen-only da etwas ändern würde - außer den Besitzer der Tasche, in den die Marketing-Gelder fließen. Denn Versuche, alternative KIs auf den Weg zu bringen, verschwinden ebenso schnell wieder, wie sie heftig bejubelt werden. Beispiel OpenClaw. Für Severin Lucks ist es "ein richtig interessantes Browser- und Anwendungsübergreifendes KI-gestütztes Automationstool für jeden Bedarf." Aber nicht nur, dass es für eine Mainstream-Adaption "um Welten zu kompliziert zum Einrichten sei, ferner "wird es von immer mehr Systemen blockiert. Da der Gründer von OpenAI abgeworben wurde, wird diese gute Idee wohl eher versumpfen." Und zudem entwickele gerade in dem Bereich Meta   mit Manus.ai   einen kommerziellen Konkurrenten, der kein kompliziertes Setup erfordere.

3. Die Branche - sollte nicht kampflos aufgeben

Was bleibt dem geneigten KI-Nutzer also übrig, der nicht die Macht der dominierenden US-Konzerne stärken will? Vielleicht statt reflexartig immer nur Pest zu probieren, zumindest probeweise auch mal Cholera zu testen: Die Änderung der globalen Weltordnung, vorangetrieben von der Unzuverlässigkeit der USA, bildet sich auch in der KI ab: "Aktuell gibt es ein wahres Feuerwerk an neuen open-weight Modellen aus China - wohl weil die Chinesen alles noch vor dem chinesischen Neujahr rausbringen wollten", sagt Datenspezialist und KI-Analyst Christian Bennefeld. Darunter etwa das erst vor Tagen erschienene Qwen 3.5 LLM von Alibaba Cloud   in vier verschiedenen Größen: "Spannend hier: Selbst das kleine Qwen 3.5. 35B, das quantisiert sogar auf Consumer-GPUs (mit 24 GB VRAM) läuft, schlägt angeblich GPT-5 mini und Claude Sonnet 4.5." Bennefelds Fazit: "Insbesondere aktuelle Open-Weight-Modelle aus China schließen mit hoher Geschwindigkeit zu den kommerziellen US-Modellen auf und deren Vorsprung wird immer kleiner. Vor dem Hintergrund der laufenden Souveränitätsdiskussion sollten wir uns daher auch für chinesische Modelle öffnen und diese selbst in der EU betreiben."

Was bleibt Agenturen vor diesem Hintergrund noch an Handlungsspielraum? Können sie nur noch zusehen, wie ihre Kundinnen und Kunden sie wahlweise durch ein amerikanisches oder chinesisches KI-Modell ersetzen? Severin Lucks sieht deutlich mehr Potenzial: "Agenturen und Berater müssen sich heute die Frage stellen und sollten diese konkret beantworten können, was ihre Leistungen von KI-Systemen differenziert?" Ansonsten sei für potenzielle KundInnen klar, dass sie sich mit geringen Investitionen in KI-Tools billige Alternativen selbst bauen können: "Ob diese selbstgemachten Alternativen besser und ganzheitlicher sind, als individuelle Lösungen und Ansätze, die von Menschen mit Erfahrung und Weitblick entwickelt werden, vage ich aktuell noch sehr zu bezweifeln." Doch auch trotz eines Qualitätsdefizits können die Ersparnisse mit KI-Systemen überwiegen: "Wir sind aktuell also mitten in einer Kompletttransformation der Branche."
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