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Datenhoheit

Wie Digitale Souveränität zum Agentur-Geschäft wird

18.02.2026 Cloud-Abhängigkeiten, KI-Modelle und Plattformökosysteme verschieben die Kontrolle über Daten und Geschäftsprozesse. Unternehmen reagieren mit Multi-Cloud-Strategien, Exit-Optionen und Governance-Modellen. Für Digitalagenturen entsteht daraus ein neues, strategisches Geschäftsfeld.

 (Bild: Grollmann / ChatGPT)
Bild: Grollmann / ChatGPT
Digitale Souveränität war lange ein Begriff für Sonntagsreden, Strategiepapiere und industriepolitische Grundsatzdebatten. Heute ist sie operativer Bestandteil von IT-Architekturen, Beschaffungsentscheidungen und Vorstandsvorlagen. Innerhalb kurzer Zeit hat sich der Diskurs spürbar verschoben: von der normativen Forderung nach "mehr Unabhängigkeit" hin zu einer nüchternen Frage des Risikomanagements.

Noch vor einem Jahr dominierte ein politisch geprägtes Leitbild. Die Abhängigkeit von US-Hyperscalern wie Amazon Web Services, Microsoft oder Google wurde zwar regelmäßig thematisiert - konkrete Konsequenzen blieben jedoch häufig aus. Zu groß schien der technologische Vorsprung, zu attraktiv die Skaleneffekte, zu aufwendig die Migration. Digitale Souveränität blieb ein strategisches Fernziel.

Europa muss in seine eigene digitale Souveränität investieren

"In Schweden ist unklar, ob die Nutzung von US-Cloud-Diensten überhaupt rechtmäßig ist." Monir Gueblaoui, CPO bei Scrive

"Die jüngsten Ausfälle bei Amazon Web Services und Microsoft Azure zeigen erneut, wie abhängig wir von außereuropäischen Infrastrukturen sind", meint Monir Gueblaoui , CPO bei Scrive. In ganz Europa stehen Organisationen vor derselben Frage: Können wir Datensicherheit und Compliance dauerhaft gewährleisten, wenn unsere kritischsten Daten in ausländischen Gerichtsbarkeiten gespeichert werden?

Diese Diskussion dürfte weiter an Dynamik gewinnen. "In Schweden sind beispielsweise zwei der wichtigsten Behörden des Landes - die Agentur für Sozialversicherung und das Zentralamt für Finanzwesen - zu gegensätzlichen Einschätzungen gekommen, ob die Nutzung von Cloud-Diensten aus den USA überhaupt rechtmäßig ist", so Gueblaoui. "Das ist ein klares Signal dafür, dass Europa ein eigenes, belastbares digitales Ökosystem braucht."

Wie ein Damakolos-Schwert hängt außerdem die Frage im Raum, ob der Europäische Gerichtshof dem Datenaustausch mit den USA zustimmen wird. Zweimal schon wurden die entsprechenden Regelungen für ungültig erklärt (Safe Harbor 2015, Privacy Shield 2020) - in Zeiten, in denen die Beziehungen zu den USA noch weitgehend unbelastet waren. Ob die aktuelle Regelung - das Data Privacy Framework von 2023 - einer Überprüfung standhalten wird, ist keineswegs gewiss. Einiges spricht dagegen - siehe iBusiness: US-Cloud bald illegal? Wie Donald Trump die Axt an die Digitalwirtschaft legt.

"Cloud-Giganten müssen ihre Angebote überdenken." Daniel Fried, SVP EMEA bei Object First

Scrive-Produktmanager Gueblaoui ist daher überzeugt, "dass die Sicherheit und Innovationsfähigkeit Europas von digitaler Souveränität abhängt - von der Entwicklung einer eigenen digitalen Infrastruktur, Standards und SaaS-Lösungen, mit denen unsere Daten keinen Außeneinflüssen unterliegen."

Souveränität ist keine Compliance-, sondern eine Machtfrage

Doch ist vollständige Autarkie - unabhängig vom politischen Willen - überhaupt realistisch? Die Debatte hat sich inzwischen pragmatisiert. Unternehmen betrachten digitale Abhängigkeiten zunehmend als Governance- und Resilienzthema. Es geht weniger um ideologische Abgrenzung als um die Frage, wie handlungsfähig Organisationen bleiben, wenn geopolitische Spannungen zunehmen, Lieferketten ins Wanken geraten oder Plattformanbieter ihre Geschäftsbedingungen ändern.

"Unternehmen verstehen, dass die Kontrolle über ihre Daten ein entscheidender strategischer Hebel ist", meint Daniel Fried , SVP EMEA bei Object First. "Cloud-Giganten müssen ihre Angebote überdenken: Die Labels 'Trusted Cloud' und 'Sovereign Data' werden zu wichtigen Auswahlkriterien". Vor dem Hintergrund anhaltender geopolitischer Spannungen wird das Wissen darüber, wo Daten gehostet werden, zunehmend zu einer wirtschaftlichen Waffe.

"Wir müssen in der Lage sein, unsere Gesellschaft auch technisch zu schützen." Andreas Süß, CEO DACH bei aDvens GmbH

Unternehmen investieren massiv in Datenkartierung und Rückverfolgbarkeit, immutable Backups und transparente Datenflüsse. Das Ziel: "Angriffe und Vorfälle sollen für eine lückenlose Kontrolle über die eigenen Systeme nicht mehr hingenommen, sondern vorweggenommen werden. Europa etabliert sich als Kontinent der vernünftigen digitalen Sicherheit," so Fried.

KI verschärft die Souveränitätsdebatte

Beschleunigt wird diese Entwicklung durch den rasanten Aufstieg generativer KI. Die Souveränitätsfrage verschärft sich nicht nur durch neue Anbieterabhängigkeiten, sondern auch durch eine veränderte Bedrohungslage.

"Künstliche Intelligenz wird nicht nur verstärkt in der Abwehr von Cyberattacken eingesetzt, sondern auch zur professionellen Erstellung neuer Angriffsmethoden", warnt Andreas Süß , CEO DACH bei aDvens. Hochpersonalisierte Phishing-Kampagnen und KI-basierte Desinformationsangriffe würden 2026 deutlich zunehmen.

"Ebenfalls werden wir im kommenden Jahr noch häufiger Desinformationskampagnen sehen, die auf KI-generierten Deepfakes basieren. Diese werden gezielt darauf abzielen, das Vertrauen in Medien, Institutionen und digitale Kommunikation zu untergraben", warnt Süß. "Da solche Kampagnen häufig von staatlich gesteuerten Akteuren ausgehen, wird uns auch das Thema der digitalen Souveränität weiter beschäftigen. Wir müssen in der Lage sein, unsere Gesellschaft auch technisch unabhängig zu schützen."

"Trainingsprozesse von KI-Systemen geraten ins Visier von Kriminellen." Pieter Arntz, Malware Intelligence Researcher bei Malwarebytes

Vor einer noch subtileren und gefährlicheren Manipulationsmöglichkeit warnt Pieter Arntz , Malware Intelligence Researcher bei Malwarebytes: "Die rasante Verbreitung von Künstlicher Intelligenz eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten, sondern schafft auch Angriffsflächen, die bisher kaum beachtet wurden. Cyberkriminelle werden im kommenden Jahr verstärkt die Trainingsprozesse von KI-Systemen ins Visier nehmen. Dabei manipulieren sie heimlich Trainingsdaten oder fügen subtile, aber persistente Hintertüren ein, die erst unter bestimmten Bedingungen aktiv werden."

Diese neue Art von "Supply-Chain-Angriff" instrumentalisiert den KI-Entwicklungsprozess selbst und stellt eine bisher unbekannte Dimension der Cyberbedrohung dar.

Was digitale Souveränität heute konkret bedeutet

Man muss wohl zugestehen, dass vollständig autarke europäische Digitalökonomie ebenso wenig realistisch ist wie die Idee, bestehende Hyperscaler-Infrastrukturen komplett zu ersetzen. Zu komplex sind die Beziehungen inzwischen, die mindestens drei Ebenen umfassen:

  • Sicherheit: Der Verlust von Kontrolle über Daten, Hardware oder kritische Infrastruktur ist kein theoretisches Szenario mehr. Spätestens seit dem NSA-Skandal ist klar, wie angreifbar globale Infrastrukturen sind. Geopolitische Konflikte haben diese Sensibilität weiter geschärft.

  • Technologie: Ob Cloud-Infrastruktur, Halbleiter, Hardware oder KI-Modelle - Europa verfügt in einzelnen Bereichen über starke Kompetenzen, ist jedoch in vielen Schlüsseltechnologien auf internationale Lieferketten angewiesen. Diese Abhängigkeit betrifft nicht nur IT-Unternehmen, sondern die gesamte industrielle Wertschöpfung.

  • Plattformökonomie: Digitale Plattformen kontrollieren Marktzugänge, Datenströme und Kundenschnittstellen. Unternehmen, die ausschließlich innerhalb fremder Ökosysteme agieren, riskieren strategische Abhängigkeiten - technisch, wirtschaftlich und organisatorisch.

Realistischer als Abschottung ist daher Diversifikation - also der bewusste Umgang mit Abhängigkeiten, statt deren vollständige Eliminierung. Entsprechend wird Digitale Souveränität heute auch nicht mehr als Autarkieprojekt verstanden. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, Abhängigkeiten bewusst einzugehen - und sie kontrollierbar zu halten. Es geht um Wahlfreiheit zwischen Anbietern, um Datenhoheit, um Interoperabilität und um vertraglich abgesicherte Exit-Optionen.

Konzeptionell spiegelt sich das in Multi-Cloud-Strategien, modularen Architekturen und Open-Source-Ansätzen wider. Initiativen wie Gaia-X versuchen, föderierte Cloud-Strukturen mit gemeinsamen Standards zu etablieren. Gleichzeitig zeigt sich: Regulierung allein schafft noch keine tragfähige Infrastruktur.

Chancen für Digitalagenturen

Für Digitalagenturen wandelt sich der Begriff "Digitale Souveränität" so vom abstraktes Leitbild zu einem konkreten Geschäftsfeld. Je stärker Unternehmen Abhängigkeiten systematisch analysieren und reduzieren wollen, desto größer wird der Bedarf an externer Expertise.

Gefragt sind weniger einzelne Tools und Lösungen, sondern eine übergreifende Architekturkompetenz. Besonders wichtig werden Integrationskompetenz und Vendor-Neutralität. Die Wertschöpfung verschiebt sich vom Tool-Vertrieb hin zur Orchestrierung unterschiedlicher Plattformen, zur Entwicklung interoperabler Schnittstellen und zur Absicherung von Exit-Strategien. Open-Source-Implementierung und -Betrieb eröffnen zusätzliche Geschäftsfelder - insbesondere im öffentlichen Sektor. Agenturen können mit Souveränitäts-Audits, Architekturberatung und Multi-Cloud-Konzepten ansetzen. Sie analysieren Abhängigkeitsstrukturen, entwickeln Diversifikations-Roadmaps und etablieren belastbare Governance-Modelle.

Auch im KI-Kontext entstehen neue Geschäftsfelder. Unternehmen suchen nach datenschutzkonformen Einsatzszenarien, tragfähigen Governance-Strukturen und Wegen, Modellabhängigkeiten zu reduzieren. Agenturen, die technologische Tiefe mit regulatorischem Verständnis verbinden, positionieren sich als strategische Partner - nicht nur als Umsetzer einzelner Use Cases.

Sieben Strategien zur Positionierung

In den kommenden Monaten dürfte sich entscheiden, welche Agenturen diese Rolle einnehmen können. Erfolgsentscheidend sind technologische Kompetenz, architektonisches Know-how und eine glaubwürdige Vendor-Neutralität.

  1. Souveränitäts-Audits als Einstiegspunkt
  2. Viele Organisationen wissen gar nicht genau, wo die Abhängigkeiten in ihrem Unternehmen liegen und wie groß das geschäftliche Risiko genau ist, dem sie sich aussetzen. Hier können Agenturen mit strukturierten Souveränitäts-Audits ansetzen.

    Ein solches Audit umfasst:

    • Analyse von Cloud- und Plattformabhängigkeiten
    • Bewertung von Lock-in-Risiken (technisch, vertraglich, organisatorisch)
    • Datenfluss- und Schnittstellenanalysen
    • Risikoabschätzung bei Anbieterwechseln
    • Bewertung von KI-Modellabhängigkeiten

    Das Ergebnis ist keine moralische Bewertung, sondern eine faktenbasierte Entscheidungsgrundlage. Agenturen positionieren sich damit früh im Entscheidungsprozess - auf C-Level-Ebene.

  3. Architektur- und Multi-Cloud-Beratung
  4. Sobald Handlungsbedarf erkannt ist, folgt die Umsetzungsphase. Multi-Cloud-Strategien, modulare Architekturen und interoperable Systeme sind komplex. Sie erfordern technisches Tiefenwissen und strategisches Design.

    Agenturen können hier:

    • Referenzarchitekturen entwickeln
    • Datenportabilität technisch absichern
    • API-Strategien entwerfen
    • Exit-Szenarien planen
    • Orchestrierungs- und Monitoring-Konzepte implementieren

    Der Mehrwert liegt in der Orchestrierung. Unternehmen brauchen Partner, die unterschiedliche Plattformen integrieren, ohne selbst in Abhängigkeiten zu geraten. Vendor-Neutralität wird damit zum strategischen Differenzierungsmerkmal.

  5. Open-Source-Strategien und Betrieb
  6. Open Source gilt als wichtiger Hebel zur Reduktion proprietärer Bindungen. Doch Migration und Betrieb offener Systeme sind anspruchsvoll.

    Agenturen können:

    • proprietäre Systeme in Open-Source-Stacks überführen
    • Support- und Wartungsmodelle etablieren
    • Community-Strategien aufsetzen
    • Sicherheits- und Compliance-Anforderungen integrieren

    Gerade im öffentlichen Sektor entsteht hier Nachfrage - nicht zuletzt durch regulatorische Impulse wie den Digital Markets Act, der Interoperabilität stärkt und Gatekeeper-Strukturen begrenzt.

  7. KI-Governance und hybride Architekturen
  8. Die nächste Welle digitaler Abhängigkeit entsteht im KI-Bereich. Unternehmen integrieren Sprachmodelle, Bildgeneratoren oder Automatisierungssysteme - oft über proprietäre APIs großer Anbieter.

    Agenturen können hier strategisch ansetzen:

    • Bewertung von Modellabhängigkeiten
    • Aufbau hybrider KI-Architekturen (Cloud + On-Premise)
    • Entwicklung datenschutzkonformer Trainingspipelines
    • Aufbau interner KI-Governance-Strukturen
    • Risikoanalysen zu Modell- und API-Exposition

    Die entscheidende Kompetenz liegt darin, Innovationsgeschwindigkeit und Kontrollfähigkeit auszubalancieren.

  9. GovTech und öffentliche Beschaffung
  10. Im öffentlichen Sektor ist digitale Souveränität politisch gesetzt. Initiativen wie Gaia-X oder nationale Förderprogramme erhöhen den Druck, interoperable und transparente Lösungen einzusetzen.

    Agenturen, die:

    • regulatorische Anforderungen verstehen,
    • Interoperabilitätsstandards umsetzen können,
    • Erfahrung mit föderierten Architekturen besitzen,

    positionieren sich erfolgreich im GovTech-Markt. Öffentliche Ausschreibungen verlangen zunehmend nachvollziehbare Souveränitätskonzepte - hier entsteht ein klarer Wettbewerbsvorteil.

  11. Neue Geschäftsmodelle: Produktisierung von Souveränität
  12. Langfristig können Agenturen über reine Projektarbeit hinausgehen.

    Denkbar sind:

    • standardisierte Audit-Frameworks
    • eigene Orchestrierungs-Tools
    • modulare Souveränitäts-Blueprints
    • Managed Services für Multi-Cloud-Umgebungen

    Damit wird digitale Souveränität nicht nur Beratungsfeld, sondern skalierbares Produkt.

  13. Strategische Positionierung
  14. Die kommenden zwei Jahre sind entscheidend. Unternehmen stehen vor Investitionsentscheidungen in Cloud, KI und Plattformarchitekturen. Wer jetzt die Weichen stellt, prägt Strukturen für Jahre.

    Für Agenturen bedeutet das:

    • technologische Tiefe aufbauen
    • Vendor-Neutralität glaubwürdig leben
    • regulatorische Kompetenz integrieren
    • interdisziplinäre Teams aus Architektur, Recht und Strategie entwickeln
    • eigene Abhängigkeiten kritisch prüfen

    Digitale Souveränität ist kein Marketing-Claim. Sie ist ein Infrastrukturthema.

Digitale Souveränität ist vom politischen Schlagwort zur Managementaufgabe geworden. Die Debatte ist sachlicher, der Handlungsdruck größer, die Perspektive realistischer. Und für Agenturen bedeutet dies: Digitale Souveränität wird zu einem Geschäftfeld.
Thema: Wie Digitale Souveränität zum Agentur-Geschäft wird

Kommentar von Dominik Grollmann

Souveränität verkauft sich: neues Kerngeschäft für Digitalagenturen

Digitale Souveränität entwickelt sich vom politischen Schlagwort zum handfesten Geschäftsmodell. Nicht nur öffentliche Auftraggeber, sondern zunehmend auch private Unternehmen suchen nach Strategien, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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