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"Big Tech aus den USA kennt keine moralischen und ethischen Grenzen"
26.03.2025 Sind die USA, technologisch gesehen, inzwischen tatsächlich Feindesland? Muss Europa sich emanzipieren? Und welche Chancen hätte der Versuch? Ex-Tech-Whizkid und Jetzt-Blogger Sascha Pallenberg spricht im iBusiness-Interview über verpasste und derzeitige Möglichkeiten, der Abhängigkeit zu entkommen.
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Dass Tech-Wirtschaft und US-Politik so eng verbunden sind, war eine äußerst unangenehme Offenbarung bei der diesjährigen Inauguration von Donald Trump für mich. Du prangerst den neuen Opportunismus von Tim Cook an, willst nichts mehr von Apple wissen. Von was/wem denn dann? Macht Apple nicht immer noch die besten Produkte für die Bürowelt?
Sascha Pallenberg: Ich glaube "das beste" ist auch hier ein sehr subjektives Statement. Apple hat hervorragende Hardware, softwareseitig... vor allen Dingen wenn es um die aktuellen AI-Entwicklungen geht, haben sie de facto den Anschluss verloren. In meiner Wahlheimat Taiwan gibt es zum Glück ordentlich Auswahl und über kurz oder lang muss ich mir auch Gedanken machen, wie die von mir eingesetzten Betriebssysteme mehr in Richtung digitale Souveränität geschubst werden. Aber um noch einmal auf Apple zu kommen: kein anderes Unternehmen hat sich in den letzten über 40 Jahren so stark und solide positioniert, wenn es um Diversität, Demokratie und Freiheit geht. Das ist die DNA dieser Firma. Umso mehr hat mich der Sinneswandel des Tim Cook enttäuscht.
Eine Hardware-Wechseldiskussion ist noch relativ simpel zu handhaben, man kann das ja mit seinem Gewissen aushandeln und dann trotzdem bei Microsoft/Dell/HP bleiben. Oder nicht? Gibt es eine moralische Grenze, ab der Unternehmen es einem schwer machen?
Auf meiner Liste stehen Asus , Acer und Co. dann doch eine Ecke weiter oben. Mit einer entsprechenden Linux-Distribution ist der finale Auszug aus dem Silicon Valley bzw. Texas und Washington (Dell/Microsoft) schon eine Ecke vorangekommen. Ich glaube, die Trump-Administration zeigt uns auf erschreckende Art und Weise auf, wie gutgläubig wir in den letzten Jahrzehnten agiert haben. Big Tech aus den USA kennt keine moralischen und ethischen Grenzen. Das dürfte inzwischen allen in Europa klar sein. So schade es auch ist, denn man entkoppelt sich damit von einer der wohl innovativsten Industrien weltweit.
Deutschen Konkurrenzprodukten mangelt es an Profil
Europa soll eigenständiger werden, hört man jetzt überall, und gemeint ist vor allem der Tech-Sektor. Sprich: Die Menschen in Europa sollen europäische Tech-Produkte kaufen. Bleiben wir einmal bei der Hardware und den dazugehörigen Betriebssystemen. Warum werden nicht mehr Gigaset-Handys , Terra-PC's und MX Linux-Systeme verkauft?Weil niemand weiß, dass es diese gibt. Hört sich platt an... ist aber leider so. Es sind Marken, die von den "Shiny News Things" aus den USA und Asien, regelmäßig wegkommuniziert werden. Sie erreichen ja selbst mich nicht und ich behaupte mal, dass ich dann durchaus ein wenig technikaffin bin und die entsprechenden Newsfeeds zu den jeweiligen Produktkategorien tagtäglich konsumiere. Sie haben ein Image-Problem und zwar ein recht fundamentales: das Image ist nicht vorhanden!
Schwieriger noch wird es aus meiner Sicht bei sozialen Netzwerken. Zum einen: Was mach ich bei Bluesky und Mastodon , wenn alle anderen bei X und Facebook bleiben?
Ein neues Netzwerk aufbauen. Ich hab es getestet. Funktioniert und tut nach wenigen Tagen auch nicht mehr weh :)
Würde das DSA konsequent angewendet, wäre Facebook bald pleite
Zum anderen: Facebook hat genauso freundlich/gutmütig angefangen wie Bluesky jetzt aussieht. Was, wenn die Facebook/X-Trolle und alle bösen Menschen auch zu Bluesky/Mastodon wechseln? Nach dem Motto: Wo viele Nutzer sind, kommen auch noch mehr hin. Wird die Entwicklung sich nicht einfach wiederholen?Das ist ein berechtigtes Argument.... mit einem Unterschied: die Dezentralität des Fediverse, von dem Mastodon ein Teil ist, erlaubt es, solche "bad actors" viel schneller zu isolieren. Content-Moderation, Community Management ist teuer und aufwendig... also für die zentralisierten Plattformen á la Facebook. Und die selbstgeschaffenen Algorithmenblasen, die vor allen Dingen Empörungstrigger in die Feeds der UserInnen schieben, machen es diesen Trollen und Fake News-Spreadern nur noch leichter, ihre digitalen Verstopfungen ins Netz zu bringen bzw. die entsprechenden Reichweiten zu generieren. Langfristig sind, und damit lehne ich mich ganz weit aus dem Fenster, diese Plattformen in der EU nicht überlebensfähig. Zumindest wirtschaftlich. Würde man den Digital Services Act konsequent anwenden, dann wäre Facebook in kürzester Zeit in Europa ein Fall für einen Insolvenzverwalter!
Alternativen zu den US-Techriesen hatten durchaus ihre Zeit: Linux war schon mal viel populärer, Mozilla galt als super-cool. Was ist passiert?
Das meistgenutzte Betriebssystem auf diesem Planeten basiert auf einem Linux-Kernel: Android! Und ich gehe davon aus, dass dieses Interview von einem Debian Server ausgespielt wird... also einer Linux-Variante. Das Netz, unsere digitale Welt wäre ohne Open Source und Linux nicht möglich. Zumindest nicht in der jetzigen Form.
Ohne staatliche Anschubfinanzierung geht es nicht
Was lässt sich von den chinesischen Weltmarktangreifern wie TikTok, Deepseek, Xiaomi, Oppo & Co. lernen? Hinsichtlich Design, Marketing, Preisgestaltung? Warum gelten europäische Tech-Produkte dagegen als schwerfällig, unattraktiv und teuer? Kann Europa niedrigschwellige Produkte nicht?Wenn die EU endlich mal ähnliche Subventionen bzw. Anschubfinanzierungen wie in China in den Topf schmeißen würde... ich hätte da durchaus Hoffnung. Der AI Action Summit in Paris hat ja gezeigt, dass unsere Wertegemeinschaft bereit ist, in digitale Unabhängigkeit zu investieren. Warum es dafür erst eine alles andere als subtile Tech-Oligarchie in den USA benötigte, das bleibt mir ein Rätsel. Wir hätten damit bereits vor 40 Jahren anfangen müssen bzw. die damaligen Player intensiver unterstützen können.
Du unterstützt die Save Social-Kampagne, die sich vor allem für die Nutzung anderer sozialer Netzwerke als der weltweit marktbeherrschenden einsetzt. Wie läuft's, gibt es Tendenzen, Bewegung?
Hätte man mich vor 2 Jahren gefragt, ob so ein breites Bündnis aus Politik, Gesellschaft, Medien, Kultur und Wissenschaft möglich wäre... ich glaube, ich hätte lachend abgewunken. Inzwischen hat die begleitende Petition über 250.000 Unterschriften gesammelt. Das ist ein dickes Pfund und dieses... ja, sagen wir mal Mandat, das kann auch innerhalb der kommenden Koalition seine Spuren hinterlassen. Halt... ich will das optimistischer, bestimmter ausdrücken: dieses überwältigende Statement und dieser Ruf nach mehr digitaler Unabhängigkeit wird eine Rolle spielen. Da bin ich mir sicher. Ich gehe sogar soweit, dass dies eine europaweite Bewegung werden könnte. Frankreich hat ja auch mit seiner AI-Initiative beeindruckend vorgelegt... warum also nicht freie, transparent soziale Netzwerk-Ideen aus Deutschland, die ganz Europa unabhängiger machen. Wir müssen ja nicht gleich gruscheln, wie damals bei StudiVZ!
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