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Wie WWW-Erfinder Berners-Lee das Web retten will - oder auch nicht
25.10.2018 WWW-Erfinder Tim Berners-Lee hat sich vorgenommen das Internet "neu zu erfinden". In den Medien wurde er dafür gefeiert, als habe er den Schlüssel gegen alles digitale Übel gefunden. Doch wird seine Idee das Internet tatsächlich verändern?
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Es ist nicht nur der prominente Name des WWW-Erfinders, der für die hohe Aufmerksamkeit sorgt. Tim Bernes-Lee gibt sich auch selbst alles andere als bescheiden. "One Small Step for the Web ..." betitelte er selbst seinen Beitrag , in dem er sein neues Konzept der Öffentlichkeit vorstellte. Und weiter: "Das Netz ist zu einem Motor von Ungleichheit und Spaltung geworden; beeinflusst von Mächtigen, die es für ihre eigenen Ziele nutzen", schreibt er. Nicht weniger als diese zu ändern sei nun sein Anspruch.
Immerhin: Nach der Beeinflussung der US-Wahl 2017 durch russische Social-Media-Aktivitäten, dem Cambridge-Analytica-Skandal und den alltäglichen großen und kleinen Angriffen auf die Daten-Souveränität trifft er den Zeitgeist. Der Grundgedanke seines Projektes mit dem Namen Solid besteht darin, dass kein Nutzer seine Daten mehr auf einer Plattform eines der zahlreichen Internet-Giganten speichern muss. Solid ermöglicht es dagegen, alle Daten an einer selbstbestimmten, zentralen Stelle zu speichern und von dort auf die verschiedenen Plattformen zu verteilen.
Das kann Solid
Bereits seit gut zwei Jahren leitet Berners-Lee die Entwicklung von Solid. Das Akronym steht für "Social Linked Data". Kern des Projektes ist der Gedanke, dass jeder Nutzer seine Daten in einem Container im eigenen Hoheitsbereich - in sogenannten Pods ("Personal Online Data Stores") - speichert. Diese können auf einem eigenen Server liegen oder von einem Dienstleister (etwa einem Hoster) bereitgestellt werden. Jedenfalls verfügen sie über eine einheitliche Datenstruktur, die sich - vergleichbar einem HTML-Link - am Datenpfad orientiert. Dadurch ist es möglich eine Datei zu veröffentlichen, ohne sie in fremde Hände zu geben. Ebenso gut kann ein Anwender mit seinem gesamten Pod zu einem anderen Hoster umziehen, ohne dass seine Social-Media-Veröffentlichungen darunter leiden - genau wie bei einem Webserver.
Vom persönlichen Pods aus werden die Inhalte an die verschiedenen Dienste verteilt. Sie verarbeiten die Daten nur noch, statt sie zu speichern. So würde das Szenario aussehen, wenn beispielsweise ein Urlaubsbild über Solid in einem Social-Media-Netzwerk gepostet wird:
- Autorisieren statt einloggen. Statt sich bei einem Social-Media-Dienst anzumelden, wird dieser autorisiert auf bestimmte Inhalte des Pods zuzugreifen. Beispielsweise auf einen bestimmten Foto-Ordner.
- Hosten statt posten. Um ein Foto zu posten, wird es nicht mehr auf den Server eines Drittanbieters geladen. Stattdessen wird es im eigenen Pod in den entsprechenden Ordner verschoben. Alle autorisierten Dienste können nun über eine API darauf zugreifen.
- Linken statt teilen. Die Social-Media-Anwendung erhält im Wesentlichen einen Link auf die zu veröffentlichen Dateien. Das Foto kann so in der Social-Media-App (wie in einem Browser) angezeigt werden.
- Lokalisieren statt zentralisieren. Kommentiert ein Freund das Foto, bleibt auch dieser Kommentar als Textdatei auf dem Rechner des Kommentierenden. Über die Solid-API wird lediglich ein Link dieser Datei an das Social-Media-Netzwerk übermittelt.
- Verknüpfen statt abgeben. Eine Verknüpfungsfunktion sorgt dafür, dass der Kontext gewahrt bleibt. Der neue Link enthält einen Verweis zum ursprünglichen Bild. Die Antwort auf den Kommentar einen Link zum Ursprungskommentar. Auf diese Weise enthält jeder Teil einer Konversation den kompletten Verlauf, ohne die Inhalte selbst zu hosten.
Ein Benutzer kann persönliche Informationen auch unter mehreren Pods verteilen. Diese können verschiedenen Zwecken dienen, um etwa Profildaten, Kontaktinformationen, Finanzinformationen, Gesundheitsdaten voneinander zu trennen. Genauso gut können auch verschieden Lebensbereiche, etwa berufliches und privates, getrennt werden. Mehrere Dienste können zugleich auf eine Ressource zugreifen. Während der eine User das Bild und die Kommentare im Social-Media-Browser XY ansieht, kann es ein anderer User in einem anderen Programm betrachten. Daten und Anwendung sind voneinander getrennt.
In jedem Fall behält der Benutzer die vollständige Eigentümerschaft und Kontrolle über seine Daten. Er ist der Hoster seiner eigenen Cloud. Ein Anbieter wie Dropbox würde in dem Beispiel die Anzeige- und Bearbeitungsfunktionen für Dokumente bereitstellen - die Dateien zu speichern wäre nicht mehr seine Aufgabe.
Das Projekt ist offen und jeder kann mitarbeiten, wenn er möchte. Fertig ist Solid noch nicht. Nutzer können sich zwar bereits anmelden, aber der Funktionsumfang ist noch beschränkt.
Derzeit besteht Solid aus folgenden Komponenten:
- Eine organisierte Sammlung von Standards und Datenformaten, die eine ganze Reihe von Social-Media-Funktionen bieten. Zum Beispiel zur Identifizierung, Authentifizierung, Messaging, für Feed-Abonnements, Kommentare und Diskussionen, Berechtigungslisten oder Kontaktverwaltung.
- Server, die die Solid-Spezifikation implementieren.
- Eine Testumgebung zur Validierung von Solid-Implementierungen.
- Einem System aus sozialen Anwendungen, Identitätsanbietern und Hilfsbibliotheken, die auf der Solid-Plattform ausgeführt werden.
- Einer Community mit Dokumentation, Diskussionen, Tutorials und Präsentationen.
Was Solid verändern kann - und was nicht
Mit seiner Idee der Re-Dezentralisierung des Internets ist Berners-Lee nicht allein. Weltweit lässt sich eine digitale Desillusionierung beobachten, auf der ganzen Welt entstehen Projekte, die einen ähnlichen Weg verfolgen, etwa Mastodon in Deutschland oder Peertube in Frankreich.Auf den ersten Blick wirkt das Projekt wie die Lösung aller drängenden Internet-Fragen. Wenn die Daten wieder in die Hände der User gelangen, ist Missbrauch schließlich ausgeschlossen. Die Daten-Souveränität wäre wieder hergestellt. In genau diesem Tenor wurde das Berners-Lee-Projekt auch gefeiert. Bei genauer Betrachtung kann es diesem Anspruch jedoch nicht genügen. Kern des Datenskandals von Cambridge Analytica war ja schließlich nicht, dass millionenfach Userdaten gegen den Willen der Betroffenen gestohlen wurden. Sondern, dass eine schlecht entworfene API missbraucht wurde, um millionenfach freiwillig abgegebene Daten zu Zwecken zu analysieren, von denen der Nutzer nichts ahnte.
Anzunehmen, dass sich Cambridge Analytica nicht wiederholen könnte, weil die Nutzer mit Solid den Zugriff auf ihre Daten kontrollieren könnten, wäre zu kurz gesprungen. Sobald ein Nutzer Daten veröffentlicht, sobald ein anderer darauf reagiert, sobald Daten über eine gemeinsame Plattform transportiert werden, werden Signale an die Plattform abgegeben, die diese analysieren kann. In den meisten Fällen wäre es für Facebook völlig unerheblich, ob das Bild in einem Posting bei Facebook oder einem Dritten gehostet wird. Viel wichtiger ist es:
- den Zugriff auf den Inhalt zu erhalten,
- den Social Impact eines Postings zu messen,
- die Verbreitung und Kontakte zu kennen.
In der Solid-Welt sind diese Daten zwar vordergründig in den Pods der Nutzer gespeichert und deswegen sicher. Sobald er jedoch die Dienste einer Social-Media-App in Anspruch nimmt, gewährt er Zugriff. Cambridge Analytica nutzte Daten, die durch die Anwendung "thisisyourdigitallife" generiert wurde. Vordergründig nahmen die Probanden an einem spaßig gemachten Persönlichkeitstest teil. Selbiges Szenario wäre auch unter Solid möglich.
Genauso ist es für jeden Social-Media-Browser möglich, anhand der persönlichen Informationen, den Likes, Kommentaren und Visits auf die persönliche Interessen und Vorlieben zu schließen. Auch die Verbreitung von Fake News, der übermächtige Einfluss von Algorithmen auf unser Leben und die Einseitigkeit von Filterblasen wären durch Solid nicht abgeschafft. Rein technisch betrachtet fällt die Revolution wohl eher aus.
Was Solid wirklich kann: Empowering the People
Allerdings darf ein wichtiger Effekt nicht unterschätzt werden: Da in der Solid-Welt alle relevanten Daten beim Nutzer gespeichert sind, kann er mit seinen Daten sofort und jederzeit umziehen. Gäbe es schon heute die Möglichkeit, mit wenigen Klicks alle seine Inhalte auf ein zumindest ähnlich funktionales Netzwerk umzuziehen - vermutlich würde es bei Facebook schon deutlich leerer aussehen. Die Hürde sein Netzwerk zu wechseln würde erheblich sinken. Die Außengrenzen der sorgsam gepflegten Walled Gardens wären durchlässig.Mehr noch: Es wäre generell viel schwieriger für Unternehmen eine ähnlich bedeutsame Stellung zu erreichen. Nutzer könnten viel leichter ein persönliches soziales Netzwerk aus einer ganzen Reihe von Apps knüpfen: Freunde-Finder, ein News-Feed, Veranstaltungskalender, Messenger, Karrierenetzwerk ... jeder Baustein könnte von einem anderem Anbieter stammen. Mehrere Anwendungen könnten je nach konkretem Einsatzzweck parallel genutzt werden. Alleine die verschärfte Wettbewerbssituation würde die meisten Unternehmen zu mehr Disziplin und Nutzerfreundlichkeit zwingen und den Anwendern das Gefühl nehmen, einigen wenigen Internetgiganten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.
Doch ob es je soweit kommt, bleibt ungewiss. Denn auch wenn Solid auf einer abstrakten Ebene durchaus überzeugen kann, muss es zunächst mit einem konkreten Nutzen gefüllt werden. Um dies zu tun, hat sich Berners-Lee zunächst eine Auszeit am MIT genommen und eine Firma namens Inrupt gegründet. Sie stellt den Entwicklern weltweit Ressourcen zur Verfügung, damit diese nun attraktive Apps rund um das Framework bauen können. Erst dann wird sich Solid in der Praxis beweisen können.
Eigentlich kennt Bernes-Lee die Entwicklung bereits vom World Wide Web. Das trat Anfang der 1990er Jahre schließlich auch als Außenseiter gegen geschlossene Systeme wie AOL, CompuServer oder Btx an - und hat die Nutzer in Windeseile überzeugt.

