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Hackerangriff auf die Telekom: Hintergründe, Einordnung, Schlussfolgerungen für die Digitalbranche
29.11.2016 Ganze 900.000 Router der Telekom waren von einem landesweiten Hackerangriff betriffen - dank der Unfähigkeit der Hacker hält sich der Schaden in Grenzen. Das wird nicht so bleiben.
Das ist nur ein schwacher Trost. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geht inzwischen von einem globalen Hackerangriff aus. Der Angriff zielte wohl nicht spezifisch auf die Telekom, diese war aber mit Abstand das größte Opfer, wie das Infosec zu den technischen Hintergründen der Attacke analysiert hat.
Wo ist das einzuordnen: Welche verheerenden Folgen Hackerangriffe auf die digitale Infrastruktur haben, zeigte neben dem Telekom-Hack ein Angriff erst vor vier Wochen, als Hacker den Cache-Anbieter Dyn lahmgelegt hatten: Ebay , Netflix , Paypal , Spotify , Twitter : Die Liste der lahmgelegten Internetgrößen war lang. Auch CNN und Airbnb waren für einige Stunden an der US-Ostküste entweder gar nicht oder nur eingeschränkt erreichbar.
Die beiden jüngsten Großangriffe wurden mit eher herkömmlichen Mitteln durchgeführt - also ist nicht ganz klar, ob es sich um Scriptkiddies gehandelt hat - oder um Angriffe aus der organisierten Kriminalität - staatlich oder privat.
Aber die Gefahr wächst, wenn wirkliche Profis eher unbekannte Schwachstellen ausnutzen. Das US-Heimatschutzministerium warnt seit Längerem, dass Hacker versuchen, Router, Drucker, Smart-TVs und andere IoT-Geräte zu infizieren, um sie in ihre Bot-Netzwerke einzureihen. Und der neue Präsident des Bundesnachrichtendienstes , Bruno Kahl , hat jetzt vor dem Wahljahr 2017 vor Daten-Hacks und Desinformations-Kampagnen gewarnt , die aus Russland gesteuert würden. Auch der Angriff auf die IT-Infrastuktur des deutschen Bundestages 2015 stammt wohl aus Russland.
Was für Folgen das für die Digitalwirtschaft hat: Wie abhängig Unternehmen von ihren Netz-Dienstleistern ist, hat unser Gedankenexperiment Digitales Kidnapping erst vor einigen Tagen bewiesen. Rund jeder fünfte deutsche Shopbetreiber (18,8 Prozent) ist schon einmal Opfer einer solchen Erpressung durch Cyberkriminelle geworden, hatte bereits 2014 die Studie 'Informationssicherheit im E-Commerce 2014' von Ibi Research herausgefunden. Das Gros der Vorfälle wird nie bekannt, selbst die Betreiber der Onlineshops wissen häufig nicht, dass ihnen Daten entwendet wurden. Auch Angriffe auf Wearables, Connected Cars und Smart Homes werden immer häufiger.
Je mehr vernetzte Devices, um so mehr Schwachstellen. Je mehr Schwachstellen, um so mehr erfolgreiche Angriffe
Für Agenturen und Dienstleister bedeutet das:- Nicht nur einzelne Teile der digitalen Infrastruktur werden angreifbar, sondern alle:
In der Vergangenheit ging es gegen die PCs. Da haben die Mac-User gesagt: "Uns doch egal, ist ein Windows-Problem". Als es gegen die Android-Apps ging oder gegen iranische Zentrifugen, gegen Raubkopierer-Computer oder staatliche Websites: Immer waren nur die anderen betroffen - und man selber hat sich auf den Virenscanner verlassen. Weil in Zukunft alles mit allem vernetzt sein wird, sind diese Zeiten der relativen Ruhe vorbei. Künftig wird Unsicherheit überall sein. Und wer immer Digitales verkaufen will, braucht auf diese Herausforderung Antworten.
- Simplizierung versagt als Disruptions-Motor:
Es ist eine schöne Idee: Ich stecke den Tankstutzen in mein Auto und das Connected Car zahlt einfach per Überweisung die Tankrechnung. Als Geschäftsmodell wenig vielversprechend - in dem Moment, wenn die ersten Zeitungsberichte über gehackte Car-Connections auftauchen. Pure Simplifizierung, die gleichzeitig potenzielle Gefahren für Leib, Leben - oder, schlimmer: den Geldbeutel - des Nutzers bedeuten, werden außerhalb von Innovator- und Early-Adopter-Kreisen nur verzögert Annahme finden. Und das wird umso schlimmer, je unkontrollierter zum Beispiel digitaler Geldtransfer erfolgen soll. Deswegen ist die Lastschrift oder die EC-Karte für die meisten Nutzer akzeptabel (die Bank haftet im Zweifel, haben wir gelernt). Die Geldkarte oder ein virtuelles Wallet allerdings nicht. Todsicherheitsvorbehalte werden in Zukunft bei der Entwicklung von Systemen und Anwendungen einen deutlich höheren Stellenwert bekommen als gegenwärtig, um eine Chance auf Erfolg zu haben. Dies wird umso wichtiger, je schneller sich die Risiko-Berichterstattung in der Bevölkerung streut und dadurch Vorbehalte unterstützt.
- Sicherheit muss zur Kernkompetenz für Agenturen werden:
Bislang war es in der Welt so vortrefflich eingerichtet, dass die coole Agentur für die coolen Anwendungen zuständig war und die noch cooleren Apps - und die langweilige IT-Abteilung dann quengelnd mit der Zementkelle hinterherfeudeln durfte, um die Sicherheitslöcher zuzuschmieren. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern, weil Sicherheit zur Frage von Tun oder Nicht-Tun bei der Entwicklung von digitalen Geschäftsprozessen und sozial verankerten Anwendungen wird.
