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Programmatic Advertising: Wenn Marken ihre eigenen Agenturen werden
23.04.2019 Vodafone macht sein Programmatic Advertising selbst, eine Viertelmilliarde Mediaetat löst sich auf. Was würde es für Agenturen bedeuten, wenn mehr Marken das machen? Eine Szenarien-Analyse.
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Denn es wird mehr als nur viel Geld aus dem Markt verschwinden, folgen andere dem Vorbild Vodafones. Die haben nach dem Programmatic-Inhousing erstmal ihren ausgeschriebenen Media-Etat um 260 Millionen gestutzt (runter auf 460 von 720 Millionen Euro). Entscheidender könnte aber ein anderer Rohstoff sein, der dem Markt entzogen wird: Die Daten, glaubt der deutsche Media-Guru und Mitbegründer der Media-Agentur The DOOH Company , Thomas Koch. "Wer die Demand-Side-Plattform hat, besitzt die Datenhoheit: Große Agenturen bekommen da First-Party-Daten aus zwanzig verschiedenen Märkten, und Branchen und können die wunderbar zu eigenen Zwecken nutzen." Zwar werde vertraglich geregelt, dass Agenturen genau das nicht tun dürfen. "Aber es ist für die Agenturen schon ausreichend, wenn sie die erlaubten Erkenntnisse gewinnen und für sich nutzen."
Im Inhouse-Schachzug sieht Koch eine gewisse Laweinengefahr für die Branche: Ein großer Player wie Vodafone wird beobachtet werden und möglicherweise Nachahmer finden. Allerdings sei das ein eher exklusives Unterfangen: "Man braucht eine eigene IT dafür, die hat nicht jeder - Mittelständler kämpfen ja schon mit der DSGVO. Wer das im Haus hat, kann das aber selbst in Angriff nehmen."
Denkbar wäre auch die Gefahr, dass große Unternehmen wie Vodafone, bei erfolgreicher Abwicklung des eigenen Programmaticgeschäftes, als Agenturen agieren und eigene Kunden akquierieren. Für Thomas Koch ist das zwar unwahrscheinlich, doch es gibt ein großes 'Aber' dabei: "Dass sich Kunden zusammensetzen und eine Lösung finden, hat schon vorher nicht geklappt. Aber denken wir an die Automobilbranche, mit einer angehängten Zuliefererindustrie: VW könnte dann zur Agentur werden. Nicht für Ferrero oder Henkel , aber seine Zulieferer."
Vier Zukunfts-Szenarien für den Programmatic-Markt
Mehr Inhouse-Experten
Es gibt einen generellen Trend zu mehr Inhouse-Expertise bei allen Marken mit den personellen Ressourcen, doch nur wenige nehmen Programmatic selbst in die Hand Einige, die versucht haben, selbst DSPs zu werden kehren zu (anderen, transparenteren) Agenturen zurück.
Gleich viel Umsatz
Nur Agenturen bieten die Expertise, die Kunden benötigen. Der Markt wird sich nicht spürbar verändern. Agenturen geht es auch künftig gut, ohne Geschäftsgebahren und Portfolio auszubauen, Programmatic bleibt eine stete Einkommensquelle und Wachstumsmarkt.
Weniger Marktvolumen
Der Programmatic-Markt schrumpft und fällt als stetige Wachstumsquelle für Agenturen und Plattformen weg. Grund: Einige große Marken (wie Automobil-Hersteller etwa) werden zu Agenturen für sich und die angehängten Zulieferer. Damit schrumpfen die verfügbaren Budgets, der Wachstumsmotor Programmatic stottert. Besonders für börsennotierte Dienstleister schlecht.
Ganz wenig Kunden
Programmatic geht zu den großen Konzernen: IT-Firmen, Telkos, technologieaffirme Marken und Großkonzrne machen ihr Programmatic selbst und nehmen auch angehängte Industrien und Firmen mit zu sich als Kunden. Damit gibt es noch ein paar, aber bei weitem nicht mehr genug Kunden für das Programmatic-Ökosystem, ein harter Konsolidierungsprozess setzt ein.
"Viele Konzerne wissen wie wichtig es ist, Inhouse-Ansprechpartner zu haben", sagt Lukas Fassbender, General Manager D-A-CH bei der Demand-Side-Plattform The Trade Desk . Beobachtet hat Fassbender das vor allem in endkundenzentrierten, mobile-orientierten sowie analytics-/BI-getriebenen Firmen beobachtet, aber auch große Konzerne, die bisher nur über Dritte verkauften, gesellen sich dazu. Der Teil der Marken, die darüber nachdenken selbst DSPs zu betreiben sei eher sehr klein: "AT&T macht das, aber weniger für sich selbst oder dritte Kunden als für ihre Akquisitionen aus dem Filmbereich."
Und der Digitalverband BVDW stellt eher eine Gegenbewegung fest: "Es gab und gibt Werbungtreibende, die gerade im programmatischen Bereich Technik und Operations inhousen", sagt Julian Simons, Vorsitzender der Fokusgruppe Programmatic Advertising: "Aber wer Programmatic komplett in Eigenregie betreibt, verzichtet oft auf das Know-how, das die Agenturen und Spezialdienstleister über die Arbeit auch für andere Kunden gewinnen." Daher kommen manche Kunden nach dem "von oben verordneten Befreiungsschlag Inhousing" zurück zu den Agenturen - stellt auch Media-Berater Ralf Scharnhorst von Scharnhorst Media fest: "Nach inhouse kommt oft (wieder) die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit einer transparenten Agentur." Der Idealzustand bestehe in Produkt- und Markt-Experten vom Kunden, die mit Technik- und Werbe-Experten der Dienstleister kooperieren."Leider haben sich viele von diesem Idealzustand in den letzten Jahren weiter entfernt statt sich ihm anzunähern, sagt Scharnhorst. "Der Preisdruck auf die Netzwerk-Agenturen hat dazu geführt, dass die Kunden oft selbst für mittelgroße Budgets nur noch mittelmäßige Planung bekommen."
Der Ausweg, so sind sich die befragten Experten einig - besteht in Transaprenz - gegenüber den Kunden und gegenüber den Shareholdern. Wenn Kunden, unzufrieden mit den Inhouse-Bemühungen, zurückkehren, auf der Suche nach einer beratenden Agentur werden die transparent agierenden Dienstleister die besten Karten auf einem Markt haben, vor dessen intransparenten (Kosten-)Strukturen die Kunden zuvor geflohen sind.
